Personalmangel auf der Führungsebene

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Das Staatliche Schulamt.

Neulich wurde ich in das Staatliche Schulamt eingeladen. Ich saß im Flur herum und wartete. Da kam der Hausmeister unserer Schule aus einem der Büros heraus und wurde freundlich verabschiedet. Als er an mir vorbei ging, zwinkerte er mir verschwörerisch zu. Dann baten mich zwei freundliche Schulräte in ein Büro. Sie stellten mir Kaffee hin. Und sie legten einen Keks auf die Untertasse. Ich hatte keine Ahnung, was sie von mir wollten.
„Herr Oeser“, begann die Frau mit den Kunsthandwerkskleidern, „sie wissen, wir suchen einen Rektor, der die Sven-Regener-Gemeinschaftsschule übernimmt?“ Ich nickte. „Nun“, sagte der Mann mit der randlosen Brille, „wir wollten Ihnen dieses Amt anbieten.“
„Mir?“, fragte ich fassungslos. „Wieso das denn?“
„Wir halten sie für qualifiziert“, sagte die Frau und lächelte verkrampft.
„Mich?“, lachte ich auf.
„Ja“, sagte der Mann, „wir haben festgestellt, dass sie eine Musik-AG geleitet haben, nicht wahr?“
„Und sie waren als Stellvertreter in der Schulkonferenz“, legte die Frau nach.
Ich nickte und sagte lieber nicht, dass der Kollege, den ich hätte vertreten sollen, nie krank war.
„Und sie haben in der Mittagsbetreuung Aufsicht geführt, nicht wahr“, sagte der Mann freundlich. Ich sah ihnen an, dass sie sich entspannten. Denn ich hatte noch nicht „nein“ gesagt. Ich war noch nicht aufgestanden und gegangen.
„Und das sind jetzt meine Qualifikationen?“, fragte ich. Sie nickten lächelnd.
„Weil ich die Musik-AG geleitet habe?“ Sie nickten wieder.
Jetzt beugte sich die Frau vor und blätterte in einem Ordner. „Kommen sie schon, Herr Oeser“, sagte sie, „sie waren sogar in einer Steuergruppe!“
Mist, dachte ich, sie haben es herausgefunden. Was hatte mich damals bloß geritten?
„Und sie sind befreundet mit einem Realschulrektor in Karlsruhe“, legte der Mann noch einen drauf.
Dann schwiegen wir uns eine Weile an.
Schließlich durchbrach ich die Stille. „Angenommen, ich würde „ja“ sagen, was nicht heißt, dass ich „ja“ sagen werde, ich frage nur interessehalber: Kriegt man da mehr Geld?“
„Tja sehen Sie, Herr Oeser, da haben sie gleich den wunden Punkt erwischt, sie wissen ja, dass in den ersten Monaten der Beförderungsstopp gilt und dass…“
„Dann mache ich es nicht“, unterbrach ich den Mann.
„Bitte!“, sagte er kriecherisch. Ich schüttelte den Kopf.
„Bitte!“, kreischte die Frau wütend. Ich schüttelte den Kopf.
„BITTE!“, schrien sie gemeinsam. Ich schüttelte den Kopf.
Sie sanken hinter dem Schreibtisch zusammen. „Wir haben einen eklateten Personalmangel in der Führungsebene, wolle sie uns nicht helfen?“, fragte der Mann und schaute resigniert über seine Brille hinweg. Ich schüttelte den Kopf: „Nur gegen vernünftige Bezahlung“, sträubte ich mich weiter.
„Dann nehmen wir eben doch den Hausmeister“, sagte die Frau.
„Aber der ist Nichterfüller“, meinte der Mann.
„Egal“, antwortete die Frau resigniert, „der arbeitet schon länger im pädagogisch-technischen Bereich als der Herr Oeser, der weiß schon wie das geht!“
Ich stand auf und ging. Die beiden beachtete mich nicht mehr. Auf dem Parkplatz traf ich einen Kollegen.
„Haben sie dich auch gefragt, ob du Rektor von der Sven-Regener-GMS werden willst“, fragte der Kollege. Ich nickte. Mehr sagte ich nicht.

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Berufsfachschule Töten – Kommentar zu den Gewaltexzessen bei der Bundeswehr

„Männer“, sagte der UvD und grinste wohlwollend, „jetzt ist Feierabend!“ Es war kurz vor Zapfenstreich und der Flieger Höllerich stand triefend nass in seinem blauen Bundeswehr-Schlafanzug in einer großen Pfütze im Flur des Kompaniegebäudes. Am Boden lag seine klatschnasse Bettwäsche. Und Nowotny ein Stückchen weiter oben im selben Zustand. Nur er trug seinen kanariengelben Privatschlafanzug. Vor Nowotny stand Blom im Grünzeug. Neben ihm stand die rote Wasserspritze, deren Schlauch sich jetzt wie eine ertrunkene Schlange in der Pfütze ringelte.  Blum, du Arschloch, dachte ich.
Es war der brütend heiße August 1992. Der zweite Monat unserer Grundausbildung in Holland hatte gerade begonnen. Dienstgrad aller Rekruten war Flieger. „Flieger, das ist euer Dienstgrad und euer Dienstgrad, das ist hier alles, was ihr habt Männer!“, hatte uns der furchterregende und bürstenhaarige Feldwebel Klein erklärt. Flieger ist der niedrigste Dienstgrad bei der Luftwaffe, bei der ich seit dem 1. Juli 1992 diente. Am ersten Morgen hatten uns die Ausbilder mit „Highway To The Dangerzone“ aufgeweckt. Einem bescheuerten Lied aus dem bescheuerten Luftwaffen-Verherrlichungs-Film „Top Gun“. Im Laufe der drei Monate der Grundausbildung lernte ich, dass die Ausbilder ein umfassendes Wissen über Kriegs- und Antikriegsfilme besaßen. Sie bewiesen ihre besondere Männlichkeit dadurch, dass sie gerade die besonders grausamen und schrecklichen Antikriegsfilme ironisch-brutal in ihren alltäglichen Sprachgebrauch einfließen ließen.
„Sie“, sagte der UvD ernst und zeigte auf die beiden nassen Rekruten Nowotny und Höllerich, „ziehen sich etwas Trockenes an.“ Dann wandte er sich an Blom, der immer noch neben der Feuerspritze stand: „Und sie, Flieger, räumen sofort das Eigentum der Bundeswehr zurück an den dafür vorgesehenen Ort, ist das klar!“
„Jawohl, Herr Stabsunteroffizier“, bellte Blom. Denn: Nur „Ja“ war etwas für Zivilisten. Und: Sie sagen immer zuerst meinen und dann ihren Dienstgrad, ist das klar, sonst können wir das auch am Wochenende üben – sie armer Mensch!
Ich lehnte im Türrahmen meines Gruppenraumes und schaute zu.
Schon im ersten Monat unserer Grundausbildung hatte Blom es satt gehabt. Die beiden Arschlöcher Nowotny und Höllerich sollten mal eine richtige Abfuhr kriegen. Denn Höllerich und Nowotny waren tatsächlich irgendwie anders. Höllerich war ein langer Schlacks mit dicker Brille, der nichts redete. Nowotny war ein kleiner, dicker Rothaariger. Er hatte zu Blom gesagt, er solle endlich sein Maul halten. Blom hatte da gerade eine Rede über die scheiß Türken gehalten. Auf das Thema war er gekommen, weil er mit dem Zug durch einen Ort Namens Türkenfeld gekommen war. „Türkenfeld, ein Ort in Deutschland heißt Türkenfeld!“, hatte er empört herumgebrüllt und alle hatten kzustimmend gelacht. Nur  Nowotny nicht. Er hatte gesagt, Blom solle das Maul halten. Das hatte Blom aus dem Gleichgewicht gebracht. Und dann stellte sich auch noch heraus, dass Nowotny sich nicht wusch. Es war Sommer. Wir schwitzten bei dem ganzen Quatsch wie die Schweine. Aber nur Nowotny stank auch wie eines. Es war furchtbar. Höllerich wusch sich, sah aber halt doof aus.
Am Anfang hatten sich die beiden nur blöde Sprüche anhören müssen. Ob sie schwul seien, oder blöd, oder beides. Später hatte Blom die grandiose Idee, ihnen Sand ins Bett zu streuen. Ende Juli versteckten sie ihnen vor dem Morgenapell das Grünzeug, sodass sie im Schlafanzug antreten mussten. Blom und seine Kumpels kicherten blöd, während Höllerich und Nowowtny von Feldwebel Klein runtergemacht wurden. Und bald gehörte es in der Kompanie zum guten Ton auf Nowotny und Höllerich herumzuhacken.
Anfang August hatten Blom und seine lustigen Kumpels die Spinde von Höllerich und Nowowtny vor der Stuben und Revierkontrolle auf den Kopf gedreht.
Der UvD nahm es lächelnd zur Kenntnis. „Flieger“, grunzte Feldwebel Klein, „war hier ein Erdbeben oder was?“ Blom und seine Kumpels bekamen eine wohlwollend vorgetragene Standpauke über Kameradschaft beim Abendapell. Nowotny dagegen bekam einen üblen Anschiss von Feldwebel Klein, weil in seinem Spind das Wertsachenfach nicht abgeschlossen gewesen war. „Das ist Anstiftung zum Kameradendiebstahl“, keifte der Feldwebel, „in meinen Augen genau so schlimm wie der Diebstahl selber.“
Dann nahm Feldwebel Klein den Blom beiseite und sagte: „Flieger Blom, ich weiß ja, dass das Arschlöcher sind, richtige Arschlöcher, aber Männer, jetzt reichts!“ Blom und seine Jungs verspürten eine extreme Anerkennung. Die ganze Kompanie spürte das. Wenn Höllerich irgendwo auftauchte, dann schriehen alle hämisch: „Höllerich!“. Wenn Nowotny irgendwie auftauchte, verzogen alle das Gesicht und schnüffelten: „Ich glaube hier stinkts!“
Und dann hatten sie die Idee mit den Feuerwehrhandpumpen.
Flieger Heizinger und ich kamen aus dem Mannschaftsheim. Zwischen Dienstende und Zapfenstreich schafften wir inzwischen problemlos sechs Halbe. Auch in dieser Hinsicht hatte die Grundausbildung uns gestählt. Und eine andere Idee, wie wir uns bei diesem ganzen Scheiß entspannen sollten, hatten wir nicht. Also taten wir, was alle taten: Saufen. Und für sechs Halbe bekam man durchaus ein anerkennendes Schulterklopfen.
Schon als wir die Treppe im Kompaniegebäude hinaufstiegen hörten wir Geschrei. Es kam aus unserem Flur. Zweiter Zug. Die Sechs Halben verliehen allem eine unwirkliche David-Hamilton-mäßigen Aura. Es herrschte ein riesiges Durcheinander, das ich zunächst nicht entwirren konnte. Alle möglichen Leute in Schlafanzügen und im Grünzeug schleppten gröhlend zwei zappelnde Bettwäschebündel durch den Flur. Aus den Bündeln heraus hörte man gedämpftes Schreien. Der Heizinger und ich drückten uns verwirrt an die Wand. Dann kam Blom manisch grinsend mit der Feuerwehrspritze. Zwei, drei Typen im Grünzeug hielten die verschnürten zappelnden Bündel fest.
„Jetzt wirst du gewaschen du stinktige Drecksau“, schrie der Blom und richtete seinen Wasserstrahl auf die Bündel. Die Soldaten, die sie bis jetzt festgehalten hatten, sprangen erschrocken weg. Höllerich löste sich aus seiner Bettdecke und rannte davon, aber sie verstellten ihm den Weg. „Höllerich!“, johlten sie. Blom interessierte sich aber nur noch für Nowotny, der sich inzwischen ebenfalls befreit hatte. Er wollte auf Blom losgehen. Aber der spritzte ihm jetzt direkt ins Gesicht. Ungeschickt schlug Nowotny nach seinem Kontrahenten. Blom ließ den Schlauch los und stieß Nowotny auf den Boden. Dann nahm er Anlauf und trat ihn. „Jetzt bist du sauber, du schwule Drecksau“, schrie er. Ein paar andere, die bisher nur dabei gestanden hatten, kamen dazu und traten ebenfalls. Nowotny lag am Boden, hielt sich die Arme schützend über den Kopf und schrie: „Hört auf!“ Die meisten Zuschauer lachten.
Ich lehnte im Türrahmen unseres Gruppenraumes und schaute zu. „Jetzt“, dachte ich, „müsste man was sagen, man müssten eingreifen, man müsste…“ Der Heizinger lehnte neben mir, beobachtete Blom und sagte ganz leise: „Was für ein Arschloch!“
Wegen einem stinkenden Deppen wie dem Nowotny, dachte ich träge, werde ich nicht riskieren, dass sie mich als nächsten aus dem Bett zerren und nass spritzen. Oder den Spind umdrehen. Oder was denen sonst so einfiel.
Und so standen wir da und schauten zu, wie die johlende Meute den am Boden liegenden Nowotny anschrie und trat. Dann kam der UvD und sorgte für Ruhe.
Als Nowotny sich in seinem nassen gelben Schlafanzug hochrappelte, machte irgeneiner Heinz Sielmann nach: „Dieses posierliche Kerlchen nennt man auch den Original Bundeswehr Kanarienvogel.“ Nachdem der UvD seine Anweisungen gegeben hatte, bildeten sie eine Gasse und ließen ihn abziehen. Ich lachte nicht über den Sielmann-Witz. Und ich hoffte, dass es keiner gemerkt hatte.
Die Grundausbildung war nicht mehr so demütigend, wie sie es zu Zeiten der Weltkriege war. Sie war auch nicht so seelenvernichtend, wie in dem Film „Full Metall Jackett“ dargestellt. Aber das Prinzip war immer noch das Selbe. Man sperrt eine Horde einander fremder Menschen zusammen, entmündigt sie, setzt sie pausenlos unter Druck und erniedrigt sie systematisch, indem man sie ständig an ihre seelischen und körperlichen Grenzen führt. Dazu kommt dröge Dauerlangeweile und Alkohol. Und der Zweck der ganzen Veranstaltung ist das Erlernen des Tötens. Heizinger und ich nannten die Bundeswehr deshalb die „Berufsfachschule Töten“. Alkohol und Gewalt spielten bei der Bundeswehr eine große gemeinsame Rolle. Angefangen beim Maßbandsaufen, über das Spindsaufen und Schildkrötenrennen bis hin zum Saufmarathon als Ausscheider. Und alle diese „Rituale“ hatten immer mit der Demütigung von Soldaten zu tun, die neu oder noch nicht so lange dabei waren.
Das Konzept Armee ist grundsätzlich eine perverse Angelegenheit. Wer Menschen zum Töten ausbildet, braucht sich nicht zu wundern. Gewaltanwendung lernen, Töten lernen, Druck, Erniedrigung, Langeweile und Alkohol. Es ist nicht verwunderlich, wenn Menschen sich in diesem Kontext so verhalten. Es ist die Normalität.

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Jung, wild aber leider ziemlich bescheuert: Xandor Herzfeld

Zum Jahresabschluss: Ein Ausschnitt aus der Radiosendung „Jung, wild, aber leider ziemlich bescheuert“. Aufgenommen 1996. Unwiederbringlich: Eine Präsentation von Xandor Herzfelds „Der Riesenarsch“. Was das alles soll? Man weiß es nicht. Aber so war das in den 90ern.

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Mittwoch, 31.12.1986, 23.58 Uhr

Blogwatch hat mich genötigt eine Fassung für Sehbeinträchtigte anzufertigen. Hier ist sie. Miserabel aufgenommen und inklusive Verleser.

Mittwoch, 31.12.1986
„Ens“, rief meine Mutter, „kommst du, es ist gleich zwölf!“
Ich schaltete die Cassette mit „Wahnsinnig / Halt’s Maul“ ab. Eines der besten Lieder, das mein Freund und Bandkollege Arkus und ich je zusammen gemacht hatten. Ein Lied über die Angebetete. Meine Angebetete.

Seit Stunden saßen meine Eltern und mein Bruder unten vor der Glotze und schauten irgendwas Bescheuertes mit Harald Juhnke an. Dazu aßen sie Salzstängel und tranken Schwipp Schwapp.
„Ich komme“, rief ich und schloss mein Tagebuch ab. Ich hatte noch Bilanz ziehen müssen. Denn ich war 14. Und das Leben war irgendwie ernst geworden.
Als ich im Wohnzimmer ankam herrschte Aufruhr. Noch zwei Minuten bis Zwölf. Die Uhr des Heute-Journals flimmerte auf dem Fernsehschirm und im Hintergrund lief „The Final Countdown“.
Meine Mutter stellte drei Sektgläser und eine Sektflasche auf den Tisch.
„Da bist du je endlich“, begrüßte sie mich, „was machst du denn die ganze Zeit da oben?“
„Nachdenken“, sagte ich kalt. Aber es war nicht gelogen. Es gab viel zum Nachdenken. Die Angebetete, der ich seit November erfolglos nachlief. Mein Plan, Rockstar zu werden, der massiv stockte. Dass ich vor einer Woche, an meinem Geburtstag krank gewesen war. Dass ich an meinem Geburtstag einen allergischen Schock von der Aspirin bekommen hatte. Dass sie an meinem Geburtstag nicht das Lied meiner Band im Radio gespielt hatten, obwohl sie geschrieben hatten, sie würden es tun. Dass ich zu Weihnachten die falsche Falco-Platte gekriegt hatte. Dass alles insgesamt irgendwie den Bach runter ging. Vor noch nicht mal einem Monat hatte ich plötzlich eines Mittags das Gefühl gehabt, die Welt in der Tasche zu haben und alles zu wissen und alles zu können. Was für ein Quatsch, dachte ich jetzt.
„Soso, nachdenken“, sagte meine Mutter und lächelte seltsam.
Mein Vater fummelte auf der stockdunklen Terrasse am „Feuerrad“ herum. Es musste angenagelt werden.
„Jetzt“, rief meine Mutter.
Jetzt ist 1987, dachte ich. Im Fernsehen war ein Feuerwerk zu sehen, am unteren Bildrand war die Zahl 1987 eingeblendet. 1986 hatte zahlendesignmäßig aus lauter formschönen Bögen bestanden. Aber 1987 hatte diesen seltsamen, kantigen Siebener, der mir nicht so recht gefiel.
„Gutes neues Jahr, mein Ens“, sagte meine Mutter lächelnd als sie an mir vorüberging.
Ich nickte. Sie ging zu meinem Vater.
„Papa“, rief sie, „machst du mal den Sekt auf, es ist zwölf!“
Sie nennt ihn Papa, das muss man sich mal vorstellen, dachte ich. Er nannte sie Mama. Meine Güte. Mir fiel auf, dass beide eigentlich keine Vornamen hatten. Es war total abstrus, sie sich als Sofie und Günter zu denken. Sie hießen Mama und Papa. Würde ich meine Angebetete eines Tages auch „Mama“ nennen? Das war völlig absurd, undenkbar. Nie würde ich mich in einen Arbeit- und Fernseh-Zombie verwandeln. Niemals. Ich würde alles anders machen. Am besten keine Kinder, das musste doch die Hölle sein.
Mein Bruder saß unbeteiligt an seinem Platz mit einem Glas Sekt vor sich, in das er trübe hineinstarrte. Er war müde und interessierte sich nicht für Feuerwerke. Ich setzte mich neben ihn.
„Gutes neuen Jahr“, sagte ich zu ihm. Er nickte träge und ringelte seine Haare um seinen Zeigefinger. Er war neun Jahre älter als ich. Er durfte  Sekt trinken.
Ich schaute in das Esszimmer. Die trübe, lederbezogene Stehlampe funzelte in ihrer Ecke das plüschige Wohnzimmer aus. Der schwere Vorhang war zugezogen. Den Fernseher konnte ich nicht sehen, er stand genau in dem Eck, das ich nicht einsehen konnte, und zu hören war er auch nicht, weil meine Mutter den Ton abgedreht hatte. Aber sein zappeliger blauer Widerschein flackerte immer wieder auf.
Der Fernseher, dachte ich tiefsinnig, steht im toten Winkel. So ist das. Eines Tages werden wir alle tot sein. Und dann wird dieses Zimmer immer noch da sein und das Fernsehprogramm wird immer weiter und weiter und weiter gehen und niemand wird merken, dass wir tot sind. Weil wir unbedeutetend waren. Ich sah uns als eingestaubte, mit Kleiderfetzen behangene Skelette in der vergammelten Wohnzimmergarnitur sitzen. Die hohlen Totenschädelaugen auf das ewige Geflacker des Fernsehers gerichtet.
Plötzlich war mir klar, dass ich unbedingt Rockstar werden musste. Sonst würden sie mich vergessen. All die Millionen Menschen, sie wurden geboren, sie gingen zur Schule, sie gingen zur Arbeit, sie gingen in Rente, sie starben und dann waren sie weg. Scheiße, war das alles sinnlos. Vielleicht wäre ja die Angebetete der Ausstieg aus der Sinnlosigkeit, wer weiß? Vielleicht würde sie mein Leben in Richtung Rockstar weiter beschleunigen?
Die ganzen Ferien über hatte ich wie besessen Bilder in DinA5-Größe gezeichnet, auf denen ich die erfundene Karriere meiner Band „Shadow“ darstellte. Wir hatten Punkfrisuren, wird trugen Beatles- und Falco-Uniformen. Wir drehten Filme mit den Titeln unserer Alben und wir bekamen den Oscar für die beste Filmmusik. Wir waren die unüberhörbar Größten und waren unglaublich arrogant. Aber wir sahen stets auch gequält aus, weil uns unser Erfolg nicht über den Schmerz hinweg half, den die Liebe unserem Leben hinzugefügt hatte. Darum nahmen wir auch Drogen und tranken Alkohol. Es waren über zwanzig Bilder geworden.
„Was ist denn mit euch los?“, fragte meine Mutter amüsiert, als sie mich und meinen Bruder so trüb im Wohnzimmer sitzen sah, „kommt, der Papa zündet das Feuerrad an!“
Und dann standen wir fröstelnd auf der Terrassentreppe und schauten, wie sich das Feuerrad stockend und Funken versprühend in Bewegung setzte. Im Hintergrund stieg ab und zu eine Rakete aus der Stadt heraus auf. Bei den Nachbarn Bert und Raeser knallte es ohne Unterlass.
„Guck dir das an“, sagte meine Mutter und deutete auf das bertsche Feuerwerk, „sonst kein Geld, aber dann so!“
Mein Vater zuckte mit den Schultern.
Eine düstere Gestalt winkte und rief „Gutes Neues“! „Ebenfalls!“, riefen meine Eltern zurück. Rubers kamen ans Gartentor und wünschten ein Gutes Neues. Und so ging es die ganze Zeit weiter, bis halb Eins. Es war unendlich öde.
Dann setzten wir uns an den Tisch zum Bleigießen. Meine Mutter hatte die kleinen Bleifigürchen bei Preisfux gekauft. Jetzt saß sie da und schmolz ein silbriges Schweinchen in einem dünnen, löffelgroßen Alupfännchen. Auf der beigen Plastiktischdecke stand der alte rote Kochtopf, der sonst zur Luftbefeuchtung im Kamin über dem Ölofen stand.
Als das Schweinchen zu einer zähen silbernen Flüssigkeit geschmolzen war, kippte meine Mutter es in das Wasser. Es zischte und auf dem Boden des Topfes blieb ein seltsam geformtes Metallklümpchen liegen.
„Aha“, freute sich meine Mutter, „und, was ist das?“
Sie drehte und wendete es entzückt.
„Eine Narzisse?“, fragte sie.
Wir zuckten die Schultern. Meine Mutter schaute in das Deutungszettelchen.
„Blumen“, sagte sie und las vor, „Glück naht!“
Na also, dachte ich.
Dann war ich dran. Nach dem Zisch im Wasser lag, ich konnte es kaum glauben, ein Bierglas auf dem Boden des Topfes. Ein richtiges Bierglas mit Henkel und Deckel und allem drum und dran. Ein bisschen schief vielleicht, aber ohne Zweifel ein Bierglas.
Meine Mutter las die Deutung vor: „Übertreiben sie es nicht!“
Alles klar, dachte ich, als ob ich bei uns derjenige war, der es übertrieb, oder was?
Neujahr war trüb. Es war wolkig. Es nieselte. Die Äste der Bäume waren schwarz und völlig durchgeweicht. Es war windig. Kein erfrischender Wind. Kalt und beißend. Vom Schnee war kaum noch etwas übrig. Nur Streukiesel und Salzkruste. Aber ich schaute aus dem Fenster und hörte Falco: „I wear my heart on my sleeve, you wear those feelings like fashion.” Unten schauten sie Neujahrsspringen. Wie immer.

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Kerle, du håsch doch koi Ahnung! (Teil 4: 2016)

„Du hast dir deinen Reim
und dein Bild gemacht.
Dann kommt die Wirklichkeit
und sagt >falsch gedacht<!“

Am letzten Schultag fragte mich ein Mädchen, ob ich weiß, was ein Depp ist. Durch viele Jahre Lehrerdasein misstrauisch geworden, antworte ich nicht gleich, sondern schaute sie zuerst forschend an. „Wissen sie nicht, was ich meine?“, fragte sie kichernd. Sie war umringt von einer Freundinnenschaar, die rotwangig und kichernd an ihr hing. „Depp“, antwortete ich ernst, „ist ein Schimpfwort, für jemanden, von dem man glaubt, dass seine intellektuellen Fähigkeiten nicht zur Bewältigung seines Lebens  ausreichen.“ Sie guckte mich verwirrt an. Dann fiel der Groschen. Sie lachte. „Nicht ein Depp“, die Freundinnen kicherten auch, „ein Dab!“ Ich guckte verwirrt. Sie buchstabierte: „D – Ä – B!“ Als ich mit dedo_the_dabr Schulter zuckte, machten sie und ihre Freundinnen folgendes (siehe das kleine Bild rechts).
„Das ist ein Dab, kennen sie das nicht?“ Ich schüttelte den Kopf. „Aber“, und sie war wirklich erstaunt, „das kennt doch jeder.“ Ich machte ein ratloses Gesicht. „Sie haben echt keine Ahnung“, sagte sie. Und sie hatte recht.
Am Nachmittag war ich mit dem Kind unterwegs, um einen Christbaum zu kaufen. Ich bin ja erst im März her gezogen. Darum habe ich keine Ahnung, wo man hier Christbäume kauft. Die Frau hatte gemeint, gleich am Ortseingang des Nachbarortes. Und als ich mit dem Auto das gelbe Ortschild passierte, sah ich auch gleich den Baumverkaufsplatz. „Da ist gar kein Schild“, sagte das Kind. „Wir sind hier auf dem Dorf, da weiß man das auch ohne Schild“, antwortete ich überlegen. „Aber da sind gar keine anderen Leute“, probierte es das Kind nochmal misstrauisch. „Klar“, sagte ich, „die haben halt schon alle einen Baum.“ Dann stellte ich das Auto ab. Neben einem total verbauten Einfamilienhaus war ein Grundstück, auf dem lauter christbaumgroße Nordmanntannen wuchsen. „Guck“, sagte ich zum Kind, „die kann man sogar selber absägen.“ Das Kind nickte und inspizierte bereits mit fachmännischem Blick die Bäume. Eine Weile gingen wir hin und her. Letztlich suchten wir uns drei Bäume aus, die wir eventuell gerne hätten. Den Besten markierten wir mit einem gelben Wollfaden.
„Da ist gar keiner, dem man Bescheid sagen kann“, stellte das Kind fest. Wir umkreisten das Haus. Ein großer Hund beobachtete uns dabei aus dem Inneren des Hauses heraus. Wir fanden niemanden. Saftladen, dachte ich. Ich klingelte, es machte keiner auf. „Merk dir, welche Bäume wir ausgesucht haben, wir probieren es später nochmal“, ermahnte ich das Kind. „Wollfaden“, sagte es. Dann fuhren wir heim.
Die Frau hatte keine Hemmungen, ihre Enttäuschung darüber zu zeigen, dass wir keinen Baum dabei hatten. Das nervte mich. Denn ich war der Ansicht, ich hätte alles Nötige getan. „Wart ihr beim Lamm“, fragte sie misstrauisch. „Lamm, Lamm, Lamm, welches Lamm?“, fragte ich verwirrt. Ich erklärte ihr, wo wir gewesen waren. Jetzt guckte sie verwirrt. Es stellte sich heraus, dass der Verkauf auf der anderen Straßenseite sein musste. Das Kind und ich setzten uns nochmal ins Auto. Und tatsächlich. Auf der anderen Straßenseite war eine Wirtschaft namens „Lamm“. Fröhlich palavernde Leute trugen Tannenbäume in allen möglichen Größen und Formen zu ihren Autos, ein großes Schild wies auf den Christbaumverkauf hin. Auf der anderen Straßenseite war das Grundstück mit den Nordmanntannen. „Hast du das vorher nicht gesehen“, sage ich vorwurfsvoll zum Kind. „Ich“, empörte sich das Kind, „ich bin acht Jahre alt, du bist der Erwachsene.“ Dazu sagte ich nichts.
Im Hinterhof der Wirtschaft gab es tolle Bäume. Beiläufig fragte ich den Lamm-Wirt, wie es den mit dem Nachbarn auf der anderen Straßenseite sei, ob der auch Bäume verkaufe. Da lachte der Wirt ein grobes Ländlerlachen. Wie ich denn darauf käme, wollte er wissen. „Wegen der Tannen auf seinem Grundstück“, antwortete ich leise. Erst guckte er ungläubig. Dann lachte er wieder: „Des krüppelige Gebüsch auf’m Grundstück vom Maler?“ Ich nickte. „Sowas stellt sich doch keiner ins Wohnzimmer!“ Ich nickte.
„Du hast überhaupt keine Ahnung von Christbäumen“, krähte das Kind und hatte dabei einen Klang in der Stimme, der mich irgendwie an meine Mutter erinnerte. Dann kaufte ich einen großen, buschigen Baum. Schöner als alle anderen, die im Angebot waren.
Als ich den Baum ins Auto lud, sah ich auf dem Nachbargrundstück bei den Krüppeltannen zwei Männer. Sie standen neben dem Baum mit dem gelben Wollfaden und unterhielten sich lebhaft. Der Wind wehte Gesprächsfetzen zu mir herüber. Irgendwas von „hier rumgelaufen, als ob es ihnen gehört“ und „Bäume angegeguckt“. Und dann lachten sie schallend. Ich setzte mich schnell ins Auto und fuhr weg.
Die Frau lachte auch, als wir zu Hause ankamen. „Und wo wart ihr vorher“, fragte sie. Ich antwortete nicht. „Bei fremden Leuten im Garten“, antwortete das Kind. Die Frau schaute mich an. Und ich machte einen Dab. Ich Depp.

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Kerle, du håsch doch koi Ahnung! (Teil 3: 2006)

maibock„Menschen sind das Letzte“, raunzte der Kollege. „Im Besonderen oder mehr so im Allgemeinen und unter besonderer Berücksichtigung der menschlichen Natur?“, fragte ich beflissen zurück. Er blinzelte mich ein wenig verwirrt durch seine Brille an. Es war Freitag Nachmittag, wir saßen im Lehrerzimmer und hatten Maibock am Start. Im Dezember. „Das Zweite natürlich“, sagte er, „was sonst.“
„Hähä“, meckerte der mächtig angeschickerte Sportlehrer. Er hatte eine Stunde früher ausgehabt als wir und sich einen Vorsprung herausgetrunken.
„Ich erzähle dir was über Menschen“, fuhr der Kollge fort.
„Ja, na dann“, ermunterte ich ihn.
„Seit dreißig Jahren fahre ich bei jedem Wetter mit dem Fahrrad zur Schule“, begann er. „Und einmal im Jahr haut es mich hin, das muss so sein, denn sonst vergisst man, dass einem so etwas passieren kann.“
Wir nickten.
„Jedenfalls, so vor zehn oder fünfzehn Jahren, wenn man so alt wie ich ist, dann spielt das keine so große Rolle mehr“, verfaserte sein Vortrag. Aber er besann sich wieder.
„Also ich muss ja immer so den Berg runter fahren“, er deutete die Steigung mit dem Unterarm an. „Und an dem Morgen lag Schnee, so richtig festgefahrener, eiskalter Schnee. Als ich gebremst habe, rutschte mir das Hinterrad weg. Ich hatte nicht mal Zeit mich abzufangen und knallte voll hin. Dann bin ich noch ein Stück bergab gerutscht, meinem Fahrrad hinterher und stöhnend liegengeblieben.“
Wir zischten vor Mitgefühl. Das tat ja schon beim Zuhören weh. Aber der Sportlehrer keckerte eierig und saugte dann an seinem Bier. Gruppendynamisch hoben wir anderen auch alle unser Bier zum Mund. Als wollten wir auf den Sturz einen heben.
„Da stand ein Mensch, der hatte zugeguckt, wie es mich vom Rad gebügelt hatte“, fuhr der Kollege fort. „Wie ich da so lag und nachfühlte, ob meine Knochen noch beieinander waren, da kam er langsam angewatschelt. Ich dachte natürlich, der kommt jetzt und fragt, ob alles okay ist und ob er mir helfen kann und so weiter.“
Wir waren gespannt.
„Ich lag da also so, die Brille krumm, voller Schnee und der beugt sich über mich und fragt: Entschuldigung, können Sie mir sagen, wo es zur Bismarckstraße geht?“
„Nein“, entfuhr es uns allen.
„Doch!“, rief der Kollege und haute auf den Tisch, dass die Maibockflaschen klapperten. „Das muss man sich mal vorstellen, der guckt zu, wie es mich hinhaut, kommt angewatschelt und fragt dann nach dem Weg“, schimpfte der Kollege und erinnerte mich dabei ein bisschen an den späten Herbert Wehner.
„Was hast du geantwortet“, fragte der betütelte Sportlehrer mit einem schwer im Gesicht hängenden Grinsen und noch schwergängigerer Zunge.
Der Kollege wandte ihm langsam das Gesicht zu: „Hau doch ab, du Arschloch!“
Wir nickten verständnisvoll zu dieser Auskunft. Ich, dachte ich, wäre nicht so schlagfertig gewesen.
Gerade hatte ich noch so junglehrermäßig die Menschen verteidigt. Eigentlich, so hatte ich drauflos theoretisiert, seien sie gut und würden nur durch ihre Lebensumstände verdorben und gerade in Notsituationen … aber, tja, naja, da hatte der Kollege ein gutes Gegenargument gefunden. Da konnte ich nur noch mit dem Einzelfallargument kommen. Aber das Maibock hatte in mir den Willen meine Position zu verteidigen irgendwie abgeschliffen. Ich fühlte mich weich und wattig.
„Ich hätte den in den Arsch getreten“, kommentierte der Sportlehrer schleppend.
Die anderen, die eben noch meiner Meinung gewesen waren, nickten anerkennend zu dieser Vorgehensweise.
„Und du Kerle“, wandte er sich mir zu, „du håsch doch koi Ahnung!“
Ich nickte schwer und stützte mein Kinn auf die Öffnung der Maibockflasche. So war es. Ich hatte keine Ahnung. Nicht von den Menschen, nicht davon, wie ich meinen neu geborenen Sohn in diesem seltsamen Römersitz im Auto festschnallen sollte, oder welche Größe seine Bodies hatten. Ich hatte einfach keine Ahnung.
Später überholte ich  mit meinem Roller den Sportlehrer, der an einer ausgeschalteten Ampel mit seinem Auto angehalten hatte und darauf wartete, dass Grün wurde.

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Kerle, du håsch doch koi Ahnung! (Teil 2: 1996)

„Man denkt, man dichtet,
gottweiß wie schön,
Und schließlich war man
bloß hebephren.“

1996
„Allein die Tatsache, dass wir über sowas wie Gott nachdenken ist Quatsch, das ist doch total veraltet“, sagte ich und nippte an meinem Plastikbecher voller Instantkaffee. „Nietzsche hat recht: Gott ist tot!“
„Und wenn du zum Weibe gehst“, sagte Ennis, „dann vergiss die Peitsche nicht!“
Da lachte die ganze Cafetenmafia. Außer einer.
„Ihr seid immer so, ich weiß auch nicht…“, jammerte Laus.
„Ah“, stupste uns Even an und nahm einen tiefen Zug aus seiner Selbstgedrehten, „da kommt die Studentin 94, wie heißt die doch gleich…“
„Rita“, sagte ich, „sie heißt Rita.“
Wir saßen in der Cafeteria der Pädagogischen Hochschule. Es dämmerte. Draußen war es kalt und in unseren Gehirnen herrschte Winterstille.
„Ich fand die ja mal total sexy“, gestand ich.
„Na ja“, raunte Even, „die ist schon schnucklig.“
„Aber halt langweilig“, entgegnete ich, „ich hab mit der nämlich mal geredet.“
Und ich glaubte zu spüren, wie sehr sie mich dafür bewunderten. Aber sie sagten nichts.
„Habt ihr das mit dem Eiermann mitgekriegt?“, fragte Anfred in die bewundernde Stille hinein.
Der Eiermann war ein Kommilitone. Letzten Freitag war er aufgetaucht und hatte uns mit großem Ohhh und Ahhh einen teuren Ring gezeigt. Mit diesem Ring, kündigte er vor Zuversicht berstend an, werde er seine Freundin nach ihrem Handballspiel überraschen und ihr einen Verlobungsantrag machen.
Diese Nachricht betäubte uns. Sie hatte so etwas von gar nichts mit unserer Welt zu tun. Wir wussten gar nicht, was wir sagen sollten. Aber das merkte der Eiermann nicht.
„Wegen seiner Verlobungssache, oder wie“, hakte ich nach.
„Genau“, strahlte der Anfred und kicherte, „der ist am Boden zerstört weil…“
Er musste seine Erzählung kurz unterbrechen, weil wir uns alle gleichzeitig vorbeugten.
„…er ist wohl zu dem Spiel gekommen, die haben dann auch gewonnen und dann, als er seiner Freundin den Ring geben wollte, hat er gesehen, wie sie mit dem Trainer geknutscht hat.“ Wir kicherten schadenfroh über das Scheitern dieser pseudo-erwachsenen Kitsch-Aktion. Es war ein beruhigendes Gefühl, dass der Eiermann auf Grund gelaufen war.
„Und das Beste ist: Sie hat ihm gesagt, sie habe ja nicht gewusst, dass er kommt!“
Wir lachten.
„Und dann hat er den Ring in einen Bach oder so geworfen.“
„Nein“, stöhnten wir.
Da kam Herr Hessling auf uns zugestochen. Herr Hessling war auch ein Kommilitone. Er mochte uns irgendwie. Obwohl er schon so richtig erwachsen war, mit gelerntem Beruf, Betriebsrat und verheiratet. Und jetzt wollte er auch noch Lehrer werden.
„Na, Männer?“, rief er schwungvoll und quetschte sich zwischen Anfred und Ennis, „guckt ihr wieder nach den Weibern.“
„Nanana“, tadelte ich ihn, weil ich wusste, dass er das gut fand, „hier gibt es nur emanzipierte Frauen, die uns entweder ignorieren oder uns doof finden.“
„Leute“, sagte er, „ihr wisst doch gar nicht, wie gut ihr es habt.“
„Und das sagst du?“, sagte Laus, „gerade du, mit Frau und Auto und allem.“
„Auto hast du auch“, warf ich ein.
„Aber nur einen Fiesta“, sagte Laus.
„Hab ich auch“, sagte Even, „der zieht nicht bei den Weibern.“
„Frauen!“, warf ich gut gelaunt ein.
„Golf hilft auch nicht“, meinte Anfred, der einen schönen Golf fuhr.
„Also“, begann Herr Hessling mit seiner Belehrungsstimme, „so toll ist das jetzt auch wieder nicht, wenn man eine Frau daheim hat, man ist da schon ein bisschen eingeschränkt.“
Er schaute sich gestresst um, als könne die Frauen-Stasi ihn belauschen.
„Man kann nicht mehr anziehen, was man will“, fuhr er raunend fort, „man kann nicht schlafen, wann man will und das Fernsehprogramm kann man auch nicht mehr selber bestimmen.“
Das, dachte ich, ist ja wie zu Hause mit Mama und Papa.
„Und Sex hat man auch nicht dauernd, liebe Freunde!“
„Nein?“, kicherte ich, „ich dachte schon, du bist immer so entspannt.“
„Lach du nur“, sagte Herr Hessling nachsichtig, „lach du nur, lacht ihr alle und freut euch des Lebens, tut was ihr wollt, wenn ihr da allein in euren Studentenbuden hockt, esst nachts um Elf, zieht Hosen mit Löchern an und …“ er stockte, „und so, echt, ihr könnt doch tun, was ihr wollt.“
Es klang, als würde er uns beneiden.
„Also so schlimm ist das mit dem Verheiratet sein doch sicher auch wieder nicht“, sagte Ennis tröstend. Herr Hessling atmete hörbar aus und machte ein ausdrucksloses Gesicht. Dann schaute er auf seine fette, goldene Armbanduhr und zog die buschigen Augenbrauen hoch.
„Oh“, rief er, „ich muss zum Klaus, tschau Männer!“
Mit wehendem Jackett entschwand er in der verqualmten Cafeteria. Herr Hessling war so erwachsen, dass er den Psychologiedozenten Klaus nennen durfte. Das war auch sowas.
„Ohh“, stöhnte Even, „da kommt Jodie Foster mit der Holzhammer-Frau!“
Wir versuchten so unauffällig wie möglich hin zu schauen. Jodie Foster wäre im Sommer fast Studentin 96 geworden. Aber letztlich konnten wir uns nicht einigen.
Jodie Foster war eine Studentin, die aussah wie Jodie Foster. Die Holzhammer-Frau dagegen war eine coole Frau, die angeblich gnadenlose Kommentare gab. Wir wussten es nicht. Wir redeten nie mit den Frauen, über die wir sprachen. Und sie mit uns auch nicht. Zusammen sahen die beiden aus, als hätten sie gerade eine schicke Sendung auf Viva moderiert.
„Seit ich Jodie Foster reden gehört hab, find ich sie gar nicht mehr so toll“, sagte ich, „die hat voll den Dialekt.“ Das Schöne und das Gute gehören nicht zwangsläufig zusammen, dachte ich und nahm mir vor diesen Satz bei nächster Gelegenheit anzubringen.
„Schon so bisschen“, stimmte mir Even zu.
„Das Beste ist, wenn man nichts über sie weiß und einfach nur guckt“, machte ich eine Grundsatzerklärung. Die anderen guckten aber nur zweifelnd.
„Wir wissen doch sowieso nichts“, sagte Anfred, „da fällt uns das nicht schwer.“
„Wir wissen nur“, streute Ennis ein, „dass wir nichts wissen!“
Wir nickten.
„Wie lautet das Zitat doch gleich nochmal im englischen Original“, neckte Ennis den Laus, der immer eine englische Taschenbuchausgabe irgendeines Platon-Werkes mit sich herumtrug.
„Dädädä“, wimmerte Laus, „ihr seid immer so gemein.“
„Ich zum Beispiel“, sagte Even geschäftig, „weiß jetzt gar nicht, ob ich noch eine rauchen soll, oder nicht.“
„Und ich weiß gar nicht, ob ich nochmal einen Kaffee trinken soll, oder nicht“, fügte ich hinzu.
„Ihr seid alle doof“, schloss Laus das Thema ab und schüttelte sich, weil er uns peinlich fand.
Kerle, dachte ich an die Worte meiner Mutter, du håsch doch koi Ahnung! Und ich auch nicht. Es war ein gutes Gefühl, nichts zu wissen. Und wenn ich wüsste, wer ich wär, dachte ich in Gedanken singend, bedeutete dann mein Leben mehr?

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