Gefallene Helden – Jonas Engelmann liest Martin Büsser

„Für immer in Pop“ heißt das von Jonas Engelmann kompilierte Buch mit Texten des 2010 gestorbenen Popjournalisten Martin Büsser. Ich war bei einer Lesung von Engelmann. Zusammen mit Francoise Cactus zeigte er, dass journalistische Texte, wenn sie gut sind, auch zwanzig oder dreißig Jahre später noch mit Gewinn gelesen werden können. Und gehört.
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„Gefallene Helden“ ist der Titel des Textes von Martin Büsser, den Jonas Engelmann ganz zum Schluss vorlas. Und das war irgendwie passend. Denn, gefallene Helden, das waren wir alle, die wir an diesem Abend im „Komma“ in Esslingen saßen. Gefallen aus dem Himmel unserer poplinken Jugend direkt in den Fernsehsessel unseres Einfamilienhauses. Das letzte Aufgebot der Poplinken, dachte ich. Und nahm einen kleinen Schluck aus meinem alkoholfreien Beck‘s. Nur nicht hektisch werden, dachte ich.
Und am Rand der Bühne sitzt Brezel Göring und liest in Büssers Buch „Wie klingt die neue Mitte?“. Herrlich.
Die neue Mitte? 1998. Da waren wir noch Helden. Unser Wunschtraum war soeben in Erfüllung gegangen: Rot-Grün in Bonn. Die 68er an der Macht. Tja. Und heute? Heute sind wir die alte Mitte. Haus, Auto, Kinder. Alles. So haben wir uns damals die Unsterblichkeit zwar nicht vorgestellt. Aber heute wollen wir nicht mal mehr unsterblich sein.
Vor mir sitzt ein Typ, der tatsächlich ein Smiths-T-Shirt trägt. Ich würde sagen, er geht straff auf die Sechzig zu. Mann, wir sind jetzt so alt wie unsere Eltern damals. Und unsere Kinder sind jetzt so alt wie wir damals. Der Hammer. Keiner im Raum ist unter dreißig. Der satte Schnitt dürfte bei 40 liegen. Der Raum atmet die Atmosphäre der Independent-Szene der späten Achtziger und frühen Neunziger. Damals. Als Independent kein Musikstil war, sondern ein Projekt von Bands, die sich den kommerziellen Kriterien der Plattenfirmen nicht beugen wollten, sondern unabhängig und frei (=independent) ihre Musik vertreiben wollten.
Zwanzig oder fünfundzwanzig linksalternative Leute sitzen da in der linksalternativen Kneipe. Und dem Poplinken Jonas Engelmann ist es tatsächlich gelungen, Stereo Total einzuladen. Fast ein Familientreffen irgendwie.
Man muss zugeben: Brezel Göring sieht immer noch so aus wie 1994. Nur dass er jetzt den ganzen Abend so eine alberne Baseballkappe trägt. Aber Francoise Cactus ist alt geworden. Und irgendwie ist das ja auch stark. Denn: Wir sind ja alle alt geworden. Was soll man auch dagegen machen. Sterben? Wir sind ja nicht Amy Winehouse. Francoise ist also alt geworden. Die Brille dicker. Auch die Frau. Fast ein bisschen tattrig. Und erkältet ist sie auch noch. Ich glaube, wir alle könnten uns jetzt über unsere Krankheiten und Gebrechen unterhalten.
Martin Büsser ist gestorben. Ob seine Texte unsterblich sind? Das wird sich noch zeigen. Aber für diesen Abend schenken sie uns eine Erinnerung. Die Erinnerung, wie es war in den Neunzigern und in den Nullerjahren. Wie es war, als die Poplinke noch jung und hegemonial war. Als wir dachten, wir wären links, aber eigentlich waren wir nur Kids. Konsumkids. Links war unser Lifestyle.
Die Lesung strukturiert sich entlang der großen Lebensthemen Büssers. „Ein bisschen Autobiografie, ein Block, der Martin als Punktheoretiker zeigt, aber auch Texte, die sehr polemisch sind“, umreißt Engelmann das Konzept des Buches „Für immer in Pop“. Büsser war sein Freund und ein bisschen sein Vorbild. Büsser Jahrgang 68, Engelmann Jahrgang 78. Beide sind Musikjournalisten. Beide Poptheoretiker. Büsser holte Engelmann zum Ventilverlag. „Ich habe dieses Buch gemacht, weil ich gemerkt habe, dass Martin in meiner Erinnerung verblasst“, erklärt Engelmann. Und so habe er den Fünfzigsten Geburtstag des Freundes als Anlass genommen „Für immer in Pop“ zu kompilieren. „Das ist kein Buch, das in den ersten Wochen reißenden Absatz findet“, meint Engelmann. „Aber wenn wir Glück haben, dann wird es ein Longseller.“
Überrascht war Jonas Engelmann darüber, dass es so viele Veranstaltungsanfragen zu dem Buch gegeben habe. Und jede Lesung war ein Ereignis für sich. „Ich habe gemerkt“, berichtet Engelmann, „dass es sehr anstrengend ist, die Lesungen alleine zu bestreiten.“ Die Gäste hätten der ganzen Angelegenheit jedes Mal eine neue Seite abgewonnen.“ Schorsch Kamerun war bei einer Lesung dabei. Linus Volkmann. Und eine Menge anderer Underground Größen.
Die Texte von Martin Büsser sind führen die Diskurslinien direkt aus den Neunzigern in die Gegenwart. Eine ihrer großen Stärken.
Francoise Cactus liest ein Interview mit Mo Tucker vor. Der legendären Schlagzeugerin von Velvet Underground. In dem in den Neunzigern geführten Gespräch schimpft Tucker über Reagan und die Republikaner. „Und jetzt ist sie Fan von Donald Trump“, schimpft Cactus am Ende ihrer Lesung.
Sehr erhellend auch ein Text, in dem Büsser anhand einer Plattenkritik das rechte Verschwörungsweltbild von Xavier Naidoo seziert. Nicht nur unglaublich hellsichtig, sondern auch in brillant polemischem Stil verfasst. Da lacht die alte Mitte keckernd.
Dann noch ein Text über die Quote für deutsche Musik im Radio. Großes Thema damals. Da haut der Poplinke Büsser dem Liedermacher Heinz Rudolf Kunze sein Kultur-der-Siegermächte-Zitat um die Ohren, Prügelt den Schlagerbeatpoeten Achim Reichel mit seinem Zitat über die Musik-der-Besatzungsmächte und schmäht schließlich die Band Mia dafür, dass sich Sängerin Mietze in Schwarz-Rot-Gold kleidet und vom „neuem deutschem Land“ singt. Das ist schön geschrieben. Aber diesen dreien Nationalismus zu unterstellen, das wirkt aus heutiger Sicht befremdlich. Wohlfühlnationalismus. Da kriegte der Punk Martin Büsser wahrscheinlich schon einen flauen Magen, wenn er nur dran dachte. Aber auch hier führt uns Büsser direkt in die Gegenwart: Sind wir an dieser Stelle damals falsch abgebogen? Und der Weg führt direkt zur AfD? Man weiß es nicht, aber man wurde schon nachdenklich.
Zwischendurch spielt Jonas Engelmann Songs von Pechsaftha. Die Band, in der Büsser als Sprechsänger und Texter mitmischte. Das ist gewöhnungsbedürftig, aber gut.
Und natürlich: Stereo Total spielen ein Lied. Francoise Cactus singt mit dem Liederbuch in der Hand. Irgendwie auch sympathisch.
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Der Text „Gefallene Helden“ handelt von den Enttäuschungen, die Martin Büsser mit seinen Popmusikhelden erlebt hat, wenn er zum Interview bei ihnen war. Henry Rollins war ein Arsch. Der Sänger der Butthole Surfers ein bekiffter Idiot, der absolut nichts zu sagen hatte.
Und am Ende des Abends merke ich: Wir sind alle gefallene Helden. Aber auf eine gute Art. Denn Helden sind Idioten. Heldentum ist jugendlicher Leichtsinn. Als Held hat man eine ziemlich kurze Lebenserwartung. Club der 27er und so weiter. Aber Gefallene Helden sind erwachsene Leute, die sich getraut haben alt zu werden. Gefallene Helden sind Leute, die so sind, wie sie sind. Ohne besonders toll oder klug zu sein. Ohne heldenhaft zu sein.
Am Ende des Abends traue ich mich nicht, mit Stereo Total zu sprechen. Aber: Was hätte ich ihnen auch sagen sollen? Dass sie meine Helden sind? Sie haben neben mir auf dem Sofa gesessen. Das ist ja auch schon mal was.

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ARSCH

„He, Papa, die nerven dauernd rum“, beschwerte sich mein fünfjähriger Sohn. Er meinte seine beiden großen Brüder. Die sind neun und zwölf Jahre alt. „Die machen dauernd unser Zelt kaputt“, erklärte Max, der siebenjährige Cousin meiner Kinder. Max ist Amerikaner. Er spricht amerikanisch und deutsch. Sein Deutsch erinnert ein bisschen an den sanften Singsang des Schlagersängers Howard Carpendale. Die beiden hatten im Wohnzimmer mit Decken ein großes Zeltlager aufgebaut. Über alle Sessel und Stühle. Blöderweise finden große Brüder es eben manchmal witzig, die kleineren Kinder zu ärgern.
„Macht doch ein Verbotsschild“, schlug ich pädagogisch beseelt vor, „dann lassen sie euch bestimmt ihn Ruhe.“ „Ja, komm“, sagte mein Sohn beschwingt, „ich hab eine Idee, was wir schreiben!“ Da holten sie sich Papier und einen Stift. Ich war sehr gespannt. Denn mein Sohn kann nicht schreiben. Nur seinen Namen. Und Max ist Erstklässler. In einer amerikanischen Schule.
Die Kinder setzten sich  zusammen und grübelten. Ihre ernsthaften und nachdenklichen Gesichter sahen aus, als seien sie zwei Philosophieprofessoren, die über einem Buch mit dem Titel „Die allgemeine Ethik des gemeinsamen Spielens unter besonderer Berücksichtigung von Zeltlagern im Wohnzimmer“ brüteten. Das amerikanische Kind schien nicht so recht zu wissen, wie man bestimmte deutsche Wörter schreibt. Und das deutsche Kind konnte die Buchstaben und ihren Klang nur aus dem eigenen Namen ableiten. „Schreibt man das  mit A“, fragte Max, den Stift in der Hand drehend. „Ist das das der Buchstabe mit der Leiter, oder das Dreieck, bei dem der Boden in die Mitte geschoben ist?“, erkundigte sich mein Sohn, im Tonfall eines Gehirnchirurgen, der gerade mit einem anderen Experten über die Möglichkeiten der Gehirnamputation diskutiert. Lange drehte sich die Diskussion darum, ob sie für ihr Schild ein „R“ bräuchten. Mich fragten sie nicht. Sie waren wohl entschlossen, die Sache alleine hinzukriegen.
Ich tat so, als würde ich lesen. Tat ich aber nicht. Ich versuchte angestrengt herauszufinden, was sie wohl auf ihr Verbotsschild schreiben würden. Aber ich kriegte es nicht heraus.
Dann standen sie auf. Sie fragten mich nach Tesa. „Zeigt doch mal“, bat ich. Mein Sohn hob mit der rechten Hand das vor meine Augen.
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„Huch“, sagte ich. Da kicherten sie. „Wen meint ihr denn damit?“, fragte ich pikiert. Da kicherten sie noch mehr. „Also, nett ist das aber nicht“, schob ich nach. „Es ist aber auch nicht nett, dass die dauernd unser Zelt kaputt machen“, antwortete mein Sohn.
Da schwieg ich. „Stimmt“, gab ich zu und betrachtete ihre Nachricht genauer. Versuche und Fehlerstreichungen. Stark irgendwie.
Ich rang mich zu einer Entscheidung durch. „Das habt ihr gut gemacht“, lobte ich und hoffte, dass keine anderen Erwachsenen in der Nähe waren. Dann erklärte ich ihnen, dass sie auf einem Verbotsschild schon auch schreiben müssten, was denn verboten sei. Sie schrieben daraufhin das hier:
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Magpies und Pearl Jam – Montessori und Pathos (Ein Konzertbericht)

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Auf dem Weg zum Pearl Jam Konzert fahren wir mit dem Fahrrad durch das Universitätsviertel von Missoula/Montana. Große, grüne Bäume. Gepflegte Häuser. Ein Park mit Basketballfeldern, einem Spielplatz und Bänken. Unter einem Ahornbaum probt eine Dudelsackgruppe traditionelles schottisches Liedgut. In jedem Vorgarten: Wahlwerbung für Jon Tester, den demokratischen Senatskandidaten von Montana.

Der Campus der Uni ist wunderbar. Britischer Backsteinklassizismus. Im Hintergrund: Die durch die Hitzewelle etwas eingegilbten grünen Hügel Montanas.
Auf dem Campus tummeln sich die Menschen. Das Rock2Vote Festival strebt seinem Höhepunkt entgegen. Dem Pearl Jam Konzert. 24 000 Konzertbesucher werden erwartet.
Seit dem Nachmittag ist das Festival im Gange. Rock2Vote soll die Festivalteilnehmer motivieren, sich für die Novemberwahlen registrieren zu lassen und vor allem, ihre Stimme auch abzugeben. Aber es geht nicht einfach nur so allgemein darum, zum wählen zu ermutigen. Jon Tester nimmt am Festival teil und hält eine Rede. Auch Kathleen Williams, die demokratische Kandidaten für das Repräsentantenhaus, ist da und spricht. “The only way to get back into control is to actually get stronger and to make sure you use your voice. You’re in the top five states that the election can be decided by simply just the youth vote alone, so you’ve got to give it all you got”, wird Eddie Vedder nachher beim Konzert sagen. Darum geht es also. Es ist eine Wahlkampfveranstaltung für die Demokraten. Das Festival wird getragen von Organisationen, die Forward Montana, Montana Native Vote, Montana Conservation Voters, Planned Parenthood und  Advocates of Montana heißen. Sie bieten Workshops und Infos an, wie man sich bei der Wahl engagieren und registrieren kann. Es ist also mächtig was los rund um das auf dem Campusgelände liegende Grizzly Stadium, in dem das Konzert stattfinden wird. Auf dem Stadion steht: We are Montana. Montana hat bei Präsidentschaftswahl mehrheitlich für Donald Trump gestimmt.
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Wir sind früh dran. Darum setzen wir uns auf eine Wiese vor dem Stadion. Da spielt die Band Magpies auf einer kleinen Bühne, vor ein paar wenigen Zuhörern. Drei Männer, Gitarre, noch eine Gitarre, Schlagzeug und eine Frau am Bass. Wunderbare Musik ohne Pathos. Ohne Gehampel. Der Typ ganz rechts sagt den Titel des nächsten Songs.

Es hört sich an, als hätten Sonic Youth poppige Melodien für sich entdeckt. 90er Jahre Gitarrenrock. Schön. Der Typ rechts macht die Klangteppichgitarre. Der Typ links löst die Akkorde in ihre Bestandteile auf und lässt sie über den Reverb harmonisch vibrieren. Die Bassfrau spielt rhythmisch und melodiös. Der Schlagzeuger: polyrhythmisch und synkopisch wie zu besten Britpopzeiten. Wunderbar. Ich könnte stundenlang zuhören.
„The four-piece rock band looks back to the heyday of alternative guitar rock in the 1990s and early ’00s, and the magic formula that the Pixies and Nirvana formulated: punk attitude with pop melody“, schreibt der Missoulian in einer Plattenkritik.
Die Magpies sind aus Missoula. Lokalhelden. Eventuell Lokalhelden zweiter Ordnung. Sie spielen seit zehn Jahren. Sie treten in Missoula auf. Im Top Hat, einem kleinen Musikclub. Oder im Choppers Grub&Pub. Oder im Stadionpark als Teil von Rock2Vote. Der Gitarrist betreibt einen Gitarrenausstattungsladen. Die Bassistin arbeitet in einer Montessori-Schule. Sie sind keine Stars.
„Rock bands have a shorter shelf life in college towns the size of Missoula even than ones in bigger cities. The gigs are late, people move or move on. Sometimes, though, a band is able to hit a stride like the Magpies…“, glaubt der Missoulian.

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Das Stadion ist umstellt von Transporttrucks. Und von der „Pearl Jam Merch World“. Man kann da alles kaufen. Sogar Unterhosen, auf denen Pearl Jam steht. Und an jedem Merch World Stand sind lange Schlangen.
Man darf keine Getränke mit in das Stadion nehmen. Aus Sicherheitsgründen. Aber man kann für 8 Dollar Bier kaufen. Das Stadion ist voll. Alle haben Bier. Wir sitzen auf einem Tribünenplatz. Vor der Bühne ist voll.

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Die Bühne ist gewaltig. Zwei große Videoleinwände auf denen mit vier oder fünf Kameras das Bühnengeschehen übertragen wird. Von unserem Platz aus sind Pearls Jam in echt nur ganz winzig zu sehen. Ich konnte mit Pearl Jam in den Neunzigern nichts anfangen. Eddie Vedders lange, lockige Haare, kurze Hosen, merkwürdige Kopfbedeckungen, das war nichts für mich. Pearl Jam waren für mich Blues-Metall. Der Missing Link zwischen Nirvana und Guns’n Roses? Ich hatte mir die CDs immer wieder in der Stadtbücherei ausgeliehen. Aber das war mir alles zu virtuos, zu unpoppig. Zu viel Led Zeppelin, zu wenig Sex Pistols. Was Nirvana ausmachte, war ja die Kombi aus Popmelodie und Punk-Amateur-Attitüde. Pearl Jam konnten ihre Instrumente richtig gut spielen. Und sie waren ernst. Viel zu ernst. Zu schwer. Pearl Jam sind inzwischen ältere Herren, so mitte Fünfzig. Sie haben alle kurze Haare, auch Eddie. Eddie hat einen Bart. Der aus Missoula stammende Bass-Mann spielt einen E-Kontrabass beim ersten Lied und der Sologitarrist macht mit einem Geigenbogen an seiner E-Gitarre rum. Außerdem gibt es einen Keyboarder, der mindestens Siebzig ist und aussieht, als sei er gerade von Deep Purple rausgeworfen worden.Die Fans sind aufgedreht. Manche sind zwei oder drei Tage lang angereist. Es riecht nach Hasch. Und wie. Und es sieht auch so aus.Das Konzert beginnt schleppend, mit zwei arg getragenen Songs. Dann geht es plötzlich total ab. Blitz, Donner, Kameraeffekte. Wahnsinn. Eddie ist kein Bühnensmalltalker. Keiner der Bonmonts streut. Er holt auf merkwürdig gebremste Art weit aus. Und es ist schon klar, worum es geht. Man soll wählen. Und dann teilt er ein bisschen gegen Trump aus, der sich zu viele Gedanken über die Crowd Size mache. Ihm, Eddie, sei es egal, ob bei ihm mehr, oder weniger Leute, als bei Paul McCartney oder den Rolling Stones seien. Aber andere Leute – Anspielung auf Trumps Amtseinführung und die Einführung der Vokabel „alternative Fakten“ – fänden das ja irgendwie wichtig. Und so  geht es krachend auf das Ende des ersten Konzertteiles zu. Das Ganze ist ziemlich routiniert. Pearl Jam bedienen sich der abgenudelten Rock-Band-Gesten. Sich beim Gitarrespielen breitbeinig gegenüber stehen und angrinsen. Heldensolos. Pete-Townsend-Sprung. Alles da. Alles hundertfach vergrößert. Natürlich gibt es Publikums-Bonding. Klatsch-Animation. Gesangsübernahme und Mitsinganimation. Eltern werden gelobt, weil sie ihrem Kind Lärmschutzkopfhörer aufgesetzt haben. Weil Kinder sind die Zukunft. Ein Pärchen kriegt zwei Flaschen Bier von Eddie. Sie haben auf dem T-Shirt stehen: I love Sex & Beer. Sie sollen das Bier trinken, sagt Eddie. Mehr wolle er nicht sagen. Das Pärchen wird auf der Leinwand gezeigt. Im zweiten Teil der Show nimmt das Rock-Pathos steil zu. Auf der Pathos Skala von 0 bis 10 liegen Pearl Jam bei 9,5. Zuerst gibt es das Barhocker-Unplugged-Set. Der Basser aus Missoula und Eddie. Der Basser lobt seine Heimtstadt, dann kommen seine Eltern und sein Onkel und seine Tante auf die Bühne und werden bejubelt. Er dankt ihnen, als wäre er auf der Oscar-Verleihung. Dann dankt er den tausend beteiligten Organisationen und betont wie wichtig es ist wählen zu gehen. Dann kommte ein endlos langer Zugabenblock. Alle Musiker haben jetzt ein Jon-Tester-T-Shirt an. Eddie maßregelt einen Randalierer. „Fuck you, man!“ Das gibt extra Applaus.
Dann gibt es eine rosarote Version von „Imagine“. Statt „Above us only sky“ singt Eddie „above us the Big Sky“. Anspielung auf den Montana-Slogan „The Big Sky State“. Das gibt auch extra Applaus. Außerdem machen alle ihr Handylicht an und schwenken es hin und her. Logo. Die Hits „Jeremy“ und „Alive“ kommen. Und dann tatsächlich „Know Your Rights“ von The Clash. Und „Rockin‘ in the free World“. Pathosskala 11. Passt aber zu Vote2Rock. Der Leadgitarrist und Eddie rennen auf der riesigen Bühne hin und her, als ob sie Jagger/Richards wären. Vedder schmeißt Tambourine ins Publikum. Kostümwechsel. Dann spielt der Leadgitarrist doch allen ernstes ein Solo mit der Gitarre hinterm Kopf. Wie Jimmy Hendrix. Herrjeh. That’s Entertainment. Ganz, ganz dickes Entertainment. Mit Ohrensausen verlassen wir das Stadion.

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Der Rasensprenger hat unsere Fahrräder nass gespritzt. Und die Fahrradhelme auch. Triefend steht das Ensemble unter dem Dauerbeschuss eines Rasensprengers. Es bleibt nur ein kleines Zeitfenster das Schloss zu öffenen und das Fahrrad zu schnappen. Aber es ist immer noch heiß. Da ist es nicht so schlimm.
Das war also Stadionrock. Also, es war ja für einen guten Zweck. Da muss man auch was bieten. Und der Authentizitätsanspruch an Rockmusiker ist eh Quatsch. Rock ist Zirkus, Rock ist Show. Die Hits sind parktisch die Raubtier- und Elefantenshow. Und Pearl Jam sind in den USA wohl der Zirkus Krone der Rockmusik. Zumindest Roncalli. Aber die Hits sind eher Reiterdressur statt Raubtier. Die Coverversionen sind die Freakshow.
Das also macht Grunge heute. Dave Grohl hat ja eine ähnliche Entwicklung hinter sich. Der Rest ruht in Seattle im Rockmuseum und im Grab von Kurt Cobain.
Der Missoulian schreibt über eine Textänderung im Lied „Not for you“, in dem es 1994 hieß „All that’s sacred comes from youth,“ aber mit dem Vorbehalt, dass junge Menschen „had no power, nothing to do.“ Beim Auftritt in Seattle ändert Vedder die zweite Zeile in: „You’ve got the power, there’s so much to do.“ Eddie Vedder, der Stefan Hessel des Spätgrunge. Wenn es hilft, soll es recht sein.
In Seattle haben Pearl Jam ihre Konzerteinnahmen für Organisationen gespendet, die sich für Obdachlose engagieren. Das ist gut , das ist toll, das ist ganz einfach wundervoll. Und in Montana halt für die Demokraten. Auch schön. Aber mir war das zu aufgeblasen. Zu dick aufgetragen. Zehn Nummern zu groß. Musikalisch und von der Attidtüde her hätten mir die Magpies voll und ganz gereicht. Aber die hätten natürlich nie so viel Geld für Vote2Rock gesammelt. Pop soll politisch sein. Für mich ist das zu viel „Küsschen-Küsschen-Milieu“. Vedder lobt McCartney, war bei Elton John und covert Neil Young. Alle kennen sich, nennen sich „du“ und finden sich super. Aber irgendwas geht so verloren. Alles löst sich im Stars- und Sternchenmilieu auf.Wenn die Magpies im kleinen Club auftreten gehören sie nicht zum Küsschen-Küsschen-Milieu. Sie sind keine millionenschweren Rockrebellen. Sie sind Gitarrenhändler und Montessori-Lehrerin. Stark. Beides okay. Mir gefallen die Magpies halt besser. Wir radeln zurück durch stockdunkle Straßen. Die Amerikaner finden Straßenlaternen unnötig. Ja, übergriffig. Was hat sich der Staat in die Beleuchtung meiner Stadt einzumischen? Missoula ist flach. Da radelt es sich gut. Wir haben ja Stirnlampen. Ich drehe mich noch mal um. Der Himmel über dem Stadion strahlt immer noch, als wäre dort gerade ein Ufo gelandet. Vielleicht werden Pearl Jam wieder abgeholt. Close Encounters. Die Magpies bleiben hier.

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Wave of Mutilation – die Pixies live in Montana

 

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Das erste Lied, das die Pixies spielen ist „Wave of Mutilation“. Das dritte Lied auf „Doolittle“. Je mehr Leute es erkennen, umso mehr schwillt der Jubel an. Ich bin sofort mitgerissen. Da stehe ich. Bin 46 Jahre alt und Wippe im Takt. Und um mich herum fast ausschließlich Leute in meinem Alter. Oder älter. Selten jünger. Viele haben Merchandising Klamotten von den Pixies an. Manche sind heftig tätowiert. Andere sehen ganz brav aus. Direkt vor mir tanzen zwei lustige zwanzigjährige Mädchen, die nebenher kiffen. Auch mir bieten sie ihren kleinen Joint an. Ich lehne ab. Und bleibe beim Bier.
Die Pixies dödeln nicht rum. Kein „Hallo Bonner! Am liebsten spielen wir bei jeder Tour in New York und in Bonner“ oder so. Keine Ansage. Nichts. Sie hauen einen drei Minutenkracher nach dem anderen raus. Und die Lehrer, Versicherungsvertreter und Kaufleute um mich herum flippen immer mehr. Auf der Bühne steht ein Vox-Verstärker. Ein  Fender und ein Bassverstärker. Das Schlagzeug auf einem Podest. Die Bühnenbeleuchtung besteht aus schachbrettartig aufgehängten drehbaren Lampen. Meistens leuchten sie gleißend weiß, manchmal violett, manchmal Lavarot. Oft sind sie so eingestellt, dass die Band nur noch als Schattenriss erkennbar ist. Schlicht, aber effektiv.
Das Konzert ist in Bonner/Montana. Es ist der heiße Sommer 2018. Wir wurden in Missoula von Schulbussen abgeholt. Bonner liegt ein paar Meilen hinter Missoula. Ein kleines, runtergekommenes Industriekaff in den Bergen. Das Amphietheater, in dem die Pixies auftreten, ist auf einem alten Fabrikgelände. Im Schulbus hocken lauter aufgekratzte Fans. Der Typ, mit dem den Sitz teile, ist so fett, dass ich nur ein Viertel der Sitzfläche abkriege. Aber er hat einen Backstagepass. „So, you‘re not from round here?“, fragt er, als er mein diffuses Englisch hört. „Germany“, antworte ich. Da guckt er schweigend zum Fenster raus. Ist ihm zu kompliziert.
Über unseren Köpfen sind auf handgeschriebenen Klebern die Namen der Schulkinder, die hier normalerweise sitzen. Die Fenster sind gekippt. Die meisten Fans trinken Sprudel mit Alkohol. Das ist das Neuste in den USA. Sprudel mit 5 Prozent Alkohol. Macht offenbar ganz schön gaga

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Jeder bringt sich selber mit.

Beim Amphitheater riecht es nach Dixieklo. Aber die Stimmung ist gut. Da ist das egal. Die Sonne scheint, steht aber schon tief. Ein gnädiger Wind kühlt die Tageshitze. Die Berge sind Gelb, wegen der Trockenheit. Sogar die Douglasien oder Pinien oder was auch immer lassen die Äste hängen. Die unsägliche Vorband macht Krach. Apres-Ski-Musik aus den 90ern. „Lords of the Boards“ und der ganze Scheiß. Schlimm. Aber ich freue mich trotzdem. Die Pixies!
Die Pixies sind mir 1989 zum ersten Mal begegnet. Mein Freund hörte die Platte „Doolittle“. Seine Schwester war Studentin. Da war man vorn dabei. Es war harte Rockmusik. Aber kein Hard Rock und kein Heavy Metal. Keine Vokuhila-Fraktion mit engen Jeans und Cowboystiefeln. Intellektueller Rock. Das fand ich gut. Und so wurden die Pixies und ich zu Freunden.
Bei der Abi-Abschlussfahrt hörten wir eine ganze Nacht lang „Bossanova“. Immer wieder. Bis die Sonne aufging. In den 90ern, als Studenten, hörten wir dann auch die Soloplatten von Frank Black und natürlich die Breeders. Für mich war besonders schön, dass die Pixies immer wieder auch an die Beatles anknüpften. Sie coverten „Wild Honey Pie“ vom Weißen Album. Die Breeders coverten „Happiness is a warm gun“. Und wie beginnt das Konzert? Mit „You know my name, look up the Number“ von den Bealtes. Die Rückseite der “Let it be” Single. Alles passt.
Und jetzt, hier bei diesem Konzert, drehe ich mich um und Schaue die Zuschauer an. Und denke, dass all diese Leute hier jetzt an genau solche Dinge denken. An die Ereignisse, mit denen die Pixies zu einem Teil ihres Lebensweges wurden.
Der Besuch eines Konzertes mehr als der Besuch eines Konzertes. Vor allem bei einer Band wie den Pixies. Es ist die Transzendierung des bisherigen gemeinsamen Lebensweges. Martin Büsser meint, dass die Stars das Leben führen, das ihre Hörer selbst nicht führen können und führen wollen. Zumindest inszeniert die Band das. Der Hörer leiht sich durch das Hören der Musik etwas von der Wildheit des Popstarlebens. Das Leben mit Groupies, Drogen und Exzessen. Krach in der Band. Künstlerische Differenzen. Das ganze Pop-Drama-Narrativ. Vielleicht aber auch nur, das sich vertiefen in die Musik? Wie bei Kraftwerk.
Der Fan leiht sich die Attitüde der Band. Und er bereichert sein Leben damit. Die Pixies bekommen an diesem Abend unsere ganz normalen Lebensgeschichten überreicht. Als Gegenleistung. Wie wir auf dem Weg zum Bodensee die Cassette mit „Doolittle“ repariert haben, damit wir sie am Ufer anhören konnten und dergleichen. Davon lebt eine Band wie die Pixies. Dass es Leute gibt wie mich. Bandmythos und Normalo-Leben verschränken sich.
Der echte Frank Black, die echte Kim Deal? Wahrscheinlich könnte ich sie nicht einmal leiden. Was sollte ich auch mit ihnen anfangen? Wir haben nichts miteinander zu schaffen. Ich will gar keinen Backstagepass wie der fette Pixies-Fanatiker. Soll der ruhig glauben Frank Black wäre sein Kumpel.
Das, was wir bei diesem Konzert feiern ist mehr als die Summe aus Publikum und Band. Es ist die Tatsache, dass unser Leben Bedeutung hat. Darum geht man zu einem solchen Konzert. Der Schriftsteller Detlef Kuhlbrodt hat in einem Nachruf auf David Cassidy geschrieben, dass David Cassidy sein Freund gewesen sei. Nicht persönlich. Sondern als Lebensbegleiter. Diedrich Diederichsen nennt das die Pose, das Ikonische. Bilder, Filme und Musik begleiten uns. Pop ist immer ein Antwortversuch auf die Frage: Was will ich vom Leben? Wie soll es sein? Studenten aus Bosten, die Rockmusik machen wollten. Leute mit karierten Hemden und zu großen Jeans, die Peter, Paul and Mary, aber auch die Sex Pistols gut fanden. Das hat mich angesprochen.
Manchmal entdecke ich jetzt noch Musik aus den Achtzigern oder Neunzigern, die mir gefällt. Sie wird mir nie das gleiche Bedeuten können. Sie könnte höchstens noch für meine Gegenwart an Bedeutung gewinnen.
Natürlich ist ein Konzert auch eine Verkaufsveranstaltung und Kundenbindung. Persönlicher Kontakt und so. Wir leben schließlich im Kapitalismus. Und dank Streaming ist der Tonträgerverkauf keine Angelegenheit mehr, mit der man seinen Lebensunterhalt verdient. Also: Tour. Ist okay. Konsum ist Bedeutungsproduktion. Aber auch Ausbeutung. Hat irgendjemand eine bessere Idee? Ich gerade nicht.
Eines noch: Die Pixies waren für mich immer irgendwie europäisch. Unvorstellbar wie diese Musik in die große Weite der USA passt. Die Wüste. Die Ostküste. Die Westküste. Texas! Alaska! Indianer! Was hat das mit den Pixies zu tun?
Hier in Montana kann man sich durchaus vorstellen wie einsame Teenager in ihrem Zimmer sitzen und Cassetten mit den Beatles und den Sex Pistols anhören. Und dann zu den Pixies werden. Und ihrer Sehnsucht nach Europa die europäische Musik amerikanisieren. In positivstem Sinne.
Und dann kommst sowas raus:
„Upon construction
There is the mohawk
His way of walking
Quite high above the ground
Fearless of looking down Skywalk
Some people say that
The navajo know
A way of walking
Quite high above the ground
Fearless of looking down“
Eine amerikanische Band, die Teenagern in Deutschland gefällt und von amerikanischer Landschaft und amerikanischen Ureinwohnern erzählt. Irgendwie stark.
Als das Eröffnungsriff von „Velouria“ ertönt muss ich vor Begeisterung aufschreien. Wer mich kennt, der weiß, dass das nicht mein Stil ist. Aber hier, in Bonner, muss ich das machen. Mein Lieblingslied von den Pixies. Neben „Here comes your man“, das sie auch schon gespielt haben. Beide hatte ich auf jeder Cassettenmischung drauf. Heute nennt man das ja Mixtape. Ich kann mitsingen. Wort für Wort. Früher auf der Fahrt durch den Ostracher Wald. Jetzt in Montana in den Bergen. Das letzte Lied, das sie spielen ist natürlich „Where is my mind?“. Ein tolles Lied. Auch schon vor „Fight Club“. Als Teenager versteht man die Frage intuitiv. Aber im Film kommt es einem vor, als wäre der Song extra für die Schlussszene geschrieben worden. Die einstürzenden Bankengebäude.
Auf der Rückfahrt sitze ich zwischen den angetüdelten Fans. Wir sind glücklich und müde und gucken in die stockfinstere Montana-Nacht, bis die Lichter von Missoula uns blenden.

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Popjournalismus mit Haltung – Interview mit Jonas Engelmann

Interview mit Jonas Engelmann über das Buch „Für immer in Pop“ mit Texten von Martin Büsser

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Martin Büsser: Für immer in Pop Texte, Artikel und Rezensionen aus zwei Jahrzehnten. Ventil Verlag 2018. 240 Seiten für 15 Euro.

Die Texte des Musikjournalisten Martin Büsser sind wie kleine Schatzkästchen. Hat man den glänzenden Tand (etwa „Oh, ein Interview mit Dave Grohl“, oder „Ah, ein Bericht über Tocotronic“) beiseite geräumt, dann stößt man jedesmal auf eine kleine oder große zeitlose Weisheit.
„Große Rockmusik ist infantil und pubertär, denn solange Erwachsensein bedeutet, sämtliche Natürlichkeit zu bekämpfen und zu erdrosseln, bleibt Pubertät der einzige Zustand von Menschlichkeit.“
Oder diese:
„Diese Gesellschaft, die sich verboten hat, frei herauszureden, fürchtet sich so vor dem, was sie Unsinn nennt, dass sie lieber im eisigen Schweigen erstarrt. Ein Schweigen, das wir täglich in den leeren Phrasen der Zeitungen, im Gewäsch von RTL-Serien und auf Partys mitverfolgen können: abgetötete Sprache, der Kadavergeruch von Verstorbenen.“
Wo sonst noch findet man solche Sätze in einer Plattenrezension?
Ein Hochgenuss sind auch seine glasklaren Analysen, bei denen man sich immer auch ein bisschen ertappt fühlt:
„Das Indie-Publikum will MusikerInnen, die süß aussehen, aber auch Pickel haben, will MusikerInnen, die das Leben meistern, aber auch darunter leiden, MusikerInnen, die Liebe brauchen und Liebe geben und immer kurz davor sind, an einem Mangel an Liebe einzugehen.“
Also ehrlich, besser könnte man meine Zuneigung zu den frühen Tocotronic kaum beschreiben. Die „Kinderzimmerband“, die „nicht müde wird, vom eigenen Scheitern zu berichten.“
Die Musikpresse der Gegenwart ergeht sich entweder in Nostalgie (Good Times), Schleichwerbung oder Boulevard (Musikexpress / Rolling Stone). Der Tod von Stars wird hemmungslos für Klicks ausgeschlachtet. Der 2010 verstorbene Büsser war anders. Er formulierte sein Programm als Musikjournalist so: Musikjournalismus könne gelingen als „… Miteinander von selbst Erlebtem (Biographie, History, ein bisschen Exhibitionismus) und Reflektion, als Einzelphänomen Band und deren kulturell-politischen Kontext – all das Zusammengedrängt anstatt die Dinge atomisieren zu lassen. Denn nur mittendrin, im Kern (Core), wo sich die Stränge zusammenfinden, wo sich Helmut Kohl, Irmgard Möller, Michael Jackson, Anselm Kiefer, Jello Biafra, mein Freundin und mein letztes Wochenende mit Franz Schütze die Hand geben – nur da findet das Leben statt. Das Leben fordert ein „Mehr als“.“
Ein Glück, dass Jonas Engelmann diese Text-Perlen in dem Buch „Für immer in Pop“ gesammelt hat. Engelmann ist ebenfalls profilierter Musikjournalist, aber auch Lektor und Verleger beim hervorragenden Ventil Verlag, der beispielsweise die Bücher von Simon Reynolds auf deutsch herausbringt.
Ich habe Martin Büsser 2006 bei einem Pop-Workshop kennengelernt. Ein schlanker, ruhiger Typ mit Intellektuellen-Brille und selbst gedrehter Zigarette, der ruhig und immer ein bisschen zynisch diskutieren konnte. Keiner der sich in den Vordergrund drängt. Ich war nicht mit allem einverstanden, was er damals vertreten hat. Das ging mir auch jetzt bei der Lektüre von „Für immer in Pop“ so. Aber er war ein Gesprächspartner, der meinen Horizont erweitert hat.
Ich hatte Gelegenheit Jan Engelmann Fragen zu stellen. Engelmanns Antworten haben meinen Horizont ebenfalls erweitert und mir klar gemacht, dass ich Büsser damals unterschätzt habe.

Ens Oeser: Für jemanden, der keine Ahnung hat: Wer war Martin Büsser gewesen?

Jonas Engelmann: Martin Büsser auf einen Nenner zu bringen ist schwierig, er war ein wichtiger Autor der deutschen Punk- und Hardcoreszene und gleichzeitig einer ihrer schärfsten Kritiker, er war Poptheoretiker, der sich aber der akademischen Lehre weitestgehend entzogen hat, er hat einen Comic gezeichnet, Musik mit seiner Band Pechsaftha gemacht, Compilations zusammengestellt, die testcard und den Ventil Verlag mitgegründet, als Musikjournalist gearbeitet, zahlreiche Bücher über verschiedene Aspekte der Popkultur geschrieben, aber auch über Kunst, Literatur und Film. Und trotz aller Schwierigkeiten sich als Freier Autor und Journalist durchzuschlagen hat er sich nie zu Kompromissen hinreißen lassen, sondern ist immer kritisch in seinem Denken geblieben – auch auf Kosten einer Professur oder ähnlichem

EOe: Was verbindet Sie mit Martin Büsser?

JE: Ich habe Martin sozusagen dreimal kennengelernt: Zum ersten Mal Anfang der Neunziger als Autor des ZAP-Magazins, in dem er mir meinen engen Punk-Horizont geöffnet hat, dann zum zweiten Mal Anfang der Nullerjahre als Praktikant im Ventil Verlag, wo ich ihn als Kollegen kennengelernt habe und viel von ihm darüber gelernt habe, wie man über Musik schreibt,  bzw. über Musik nachdenkt. Und dann noch einmal ein paar Jahre später, als ich bei Ventil ins Kollektiv eingestiegen bin und er mir spätestens ab dann zum engen Freund wurde. Aus allen Phasen dieser Bekanntschaft bzw. Freundschaft habe ich viel mitgenommen, das mich bis heute prägt und auch bis heute mit Martin verbindet.

EOe: Martin Büsser war Journalist und Musiker. Sie haben zwei Bücher mit seinen Texten veröffentlich. Was ist denn das Alleinstellungsmerkmal an dem Journalisten Martin Büsser?

JE: Martin hat auch in seinen Rezensionen für z.B. Intro sein Schreiben nie als Dienstleistung verstanden und seinen Texten versucht einen Mehrwert zu geben, der über den alltäglichen Gebrauch im Wegwerfmagazin hinausgeht. Das ist ihm meistens gelungen; legendär z.B. seine Rezension einer Xavier-NAidoo-CD in der Intro Anfang der Nullerjahre, in der er Naidoo in einem Close Reading seiner Texte genau die reaktionäre Gesinnung nachweist, für die er ein Jahrzehnt später berüchtigt war. Martin hat einen Popjournalismus betrieben, der sich zunächst einmal ohne Blick auf eigene Vorteile, Interessen und Geschmack mit dem soziokulturellen Gehalt all dessen auseinandersetzt, was Pop produziert. Also ein Popjournalismus mit Haltung. Gleichzeitig hat Martin immer aber auch nach Musik gesucht, die ihn persönlich begeistert, also doch seinen eigenen Geschmack bedient, und diese Begeisterung dann mit anderen geteilt.

EOe: „Für immer in Pop“ heißt die neue Textsammlung. Wie hat Martin Büsser denn „Pop“ definiert?

JE: Es ist natürlich immer schwierig, die Sache mit den Definitionen, wichtig ist ja vor allem, was Martin an Pop interessiert hat, oder welche Form von Pop ihn interessiert hat, nicht umsonst trägt das von ihm mitgegründete Magazin testcard ja den Untertitel „Beiträge zur Popgeschichte“. In einem Artikel hat er mal beschrieben, dass ihn vor allem eine Popkultur interessiert, die sich einerseits nicht als Pop im Sinne ihrer ökonomischen Verwerter als Pop versteht, aber eben auch nicht im Sinne einer Hochkultur. Martin schreibt: „Dass zum Beispiel der Punkband Dead Kennedys zu Beginn der Acht- ziger als damals vielleicht radikalste Kritik am Reagan-System eine Bedeutung zukommen muss, die mit den künstlerischen Äußerungen von George Grosz und John Heartfield wahrend des Aufkommens des Nationalsozialismus in Deutschland verglichen werden kann, wird nur jenen transparent, die eine Band wie die Dead Kennedys unter Avantgarde-Gesichtspunkten, nicht unter akademisch-musikwissenschaftlichen Gesichtspunkten betrachten.“

EOe: Büsser hat zahlreiche Rezensionen geschrieben, er war Plattenkritiker. In dem wunderbaren Testcardheft „Kritik“ wird gefragt, von welchem Standort aus, man denn überhaupt kritisieren kann. Was war Büssers Standort für Popkritik?

JE: Martin ging es darum, die Auseinandersetzung mit Pop daran zu orientieren, was unter Pop als Avantgarde im Sinne einer irgendwie verstörenden Ästhetik zu einer bestimmten Zeit verstanden hat und wie sich dies in ein Verhältnis zur Gegenwart setzen lässt. Warum z.B die Sex Pistols Ende der Siebziger den gesellschaftlichen Status quo in Frage stellen konnten dun NOFX das heute, mit ähnlichen musikalischen Mitteln, nicht mehr können. An solchen fragen hat sich sein Schreiben über Pop orientiert.

EOe: Niels Penke sagt: Pop ist das, was die Beliebtheitslisten anführt, was an der Spitze der Charts steht. Und der Musikwissenschaftler Ralf von Appen sieht den Standpunkt Büssers ebenfalls kritisch. Er meint, zu Pop gehörten eben auch Modern Talking und Phil Collins. Ist kommerzieller Unterhaltungspop und Castingpop verwerflich? Michel de Certeau oder die britischen Cultural Studies haben ja den Standpunkt, dass es eher darauf ankommt, wozu der Rezipient die Musik gebraucht und nicht so sehr, was die Absicht der Kulturindustrie war. Kann man auch Castingmusik subversiv hören oder gebrauchen?

JE: Ich denke nicht, dass es lediglich darauf ankommt, was die Rezipienten mit Musik machen, um sie subversiv umzuwerten; eine Schlagerparty im linken JUZ bleibt eine Schlagerparty und ändert auch nichts an der Ästhetik der Musik, was nicht gegen Schlagerpartys im JUZ sprechen muss, aber es bleibt eben einfach eine Party und ist keine subversive Aktion. Einzelne Popphänomene können sicherlich nicht für sich beanspruchen, subversiv zu wirken, aber Popphänomene wie z.B. Glam in den Siebzigern haben sicherlich mehr zur Auflösung starrer Geschlechterrollen beigetragen als Judith Butler – und das eben über Chartspop. Aber da steckte eben auch genau jenes Moment drin, das etwa auch Martin interessant fand an Pop: die Momente in denen Pop als ästhetische, soziale und diskursive Störung aufgetreten ist.

EOe: Der Autor Georg Seeßlen ist ja sehr besorgt, wegen der Kolonisierung des Pop von Rechts. In den Testcardheften sprechen sie von der „Poplinken“. Martin Büsser hat in seinem Buch „Wie klingt die neue Mitte“ bereits auf rechte Tendenzen im Pop hingewiesen. War Büsser damals schon hellsichtig für einen Trend, der sich erst jetzt richtig abzeichnet? Wie sehen Sie das?

JE: Die testcard ist ja Mitte der Neunziger entstanden, als es so was wie die Poplinke noch nennenswert gab, als von Spex über Die Beute bis eben zur testcard viele Poptheoretiker und -Schreiber auf die Hoffnung gesetzt haben, in Pop stecke das Potential von Kritik. Davon ist nicht mehr viel geblieben, was verschiedene Gründe hat und hier auszuführen jetzt zu weit führen würde. Klar, heute gibt es eine breitere gesellschaftliche Akzeptanz von reaktionären bis rechten Inhalten im Pop, gerade auch von Chartskünstlern wie Frei.Wild oder Xavier Naidoo. Aber eben auch die Gesellschaft ist nach rechts gerückt. Das hat sich schon zu Martins Lebzeiten abgezeichnet, der neue Wohlfühlnationalismus von Mia oder Nena war ja schon in den Nullerjahren omnipräsent.

EOe: Kann die Poplinke diesem Trend entgegentreten?

JE: „Die Poplinke“ gibt es ja nicht mehr, und genau das ist Teil des Problems. Pop hat ja als Ort von Utopie, als Vorschein einer irgendwie besseren Welt, wenn auch oft nur so diffus umrissen, für die Poplinke als Identifikationsmoment funktioniert.  Wenn die Linke daran nicht mehr glaubt oder sich nicht mehr dafür interessiert, ist Pop nach rechts offen – allerdings noch nicht verloren würde ich hoffen. Aufgabe der Poplinken wäre es z.B. in der Gegenwart, um Frank Apunkt Schneider zu zitieren, daran zu erinnern, dass „Pop – eben gerade weil er der Ausfluss einer selbst wiederum multinational operierenden Kulturindustrie ist – eine ihrem Wesen nach migrantische und heimatlose Kunstform darstellt.“

EOe: Sie lesen demnächst in Esslingen mit Francoise Cactus Büssers Texte. Welche Verbindung gibt es zwischen meiner ganz persönlichen Heldin Francoise Cactus und Martin Büsser?

JE: Die Idee für die Lesungen in Gedenken an Martin Büsser hängt eng mit der oben gestellten Frage nach der Poplinken zusammen: Ich habe versucht, an verschiedenen Orten verschiedene Protagonisten dieser Poplinken zu Lesungen zu überreden – unter anderen Schorsch Kamerun, Knarf Rellöm, Conny Lösch und Kristof Schreuf, um zum einen daran zu erinnern, dass es das mal gab, einen poplinken Konsens, und zum anderen wieder in die Diskussion zu kommen über den Vorschein einer besseren Welt, den Pop liefern kan

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Die gesellschaftliche Produktion von Verachtung

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Tolles Buch. Kluger Autor.

Boxerschnitt, dunkle Hautfarbe, Goldkette, dicke Uhr, Smartphone, Jogginghose, spricht abgehacktes Deutsch ohne Artikel und Präpositionen. Kennen sie den? Genau, das ist ein Hauptschüler!
Und wenn man ganz ehrlich zu sich selber ist, was denkt man, wenn einem so einer auf dem Gehweg entgegenkommt? Lieber erst mal die Straßenseite wechseln!
Hauptschüler werden verachtet. Wie tief diese Verachtung geht und welche Ursachen sie hat, dem geht der Kulturwissenschaftler Stefan Wellgraf in seinem hervorragenden Buch „Hauptschüler – Zur gesellschaftlichen Produktion von Verachtung“ auf den Grund. Er illustriert das Grundproblem mit einer schönen Anekdote. Als in Berlin die Haupt- und Realschulen zu einer neuen Schulart verschmolzen wurden, wurde eine der neuen Sekundarschulen in einem alten und ziemlich heruntergekommenen Realschulgebäude eingerichtet, anstatt in einem ebenfalls frei gewordenen frisch renovierten Hauptschulgebäude. Grund: Man hatte Sorge, dass sich die Aura des Hauptschulgebäudes negativ auf die Anmeldezahlen auswirkt.
Wellgraf betreibt Feldforschung im Großstadtdschungel der Berliner Hauptschulen. Und mit dem Blick des Ethnographen gelingen ihm spannende Beobachtungen. Er sitzt im Unterricht, er beobachtet die Hauptschüler beim Bodybuilding, in ihren Liebesbeziehungen, in ihren Freundschaften, auf der Straße in ihrer Freizeit und bei der Abschlussfeier. Er schaut sich ihren Internetauftritt in den sozialen Netzwerken an, er sieht ihre Frisuren, ihren Schmuck, ja sogar ihre Art sich zu bewegen und zu sprechen. Und in der Reflexion darüber, fordert er Erhellendes und Wissenswertes zutage.
Hauptschüler erfahren Verachtung von allen Seiten: Arbeitsmarkt, Medien, Schüler anderer Schularten und sogar von den Lehrern und Schulsozialarbeitern. Wellgraf zeigt wie sie
vergeblich versuchen dieses Defizit an Anerkennung (das Wellgraf als Verachtung definiert) mit ihren Goldketten, Markenklamotten, Gewalttätigkeit und Körperformung  auszugleichen. Und Wellgraf zeigt: Diese Verachtung wird produziert.
Stefan Wellgraf ist Professor für Vergleichende Kultursoziologie an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt / Oder. Im Interview erklärt er seinen Ansatz genauer.

Ens Oeser (EOe): Sie sprechen in Ihrem Buch „Hauptschüler“ über neoliberale Tendenzen in der Pädagogik. Was meinen Sie mit neoliberal?

Stefan Wellgraf (SW): Neoliberalisierungsprozesse bezeichnen zunächst eine tiefgreifende Ökonomisierung der Gesellschaft im Sinne von Deregulierung, Wettbewerbsförderung und dem Rückbau sozialer Sicherungssysteme. Unter dem schillernden Schlagwort „neoliberal“ lässt sich darüber hinaus eine mit dieser Vermarktlichung einhergehende Herrschaftstechnik fassen, bei der den von der Gesellschaft missachteten und vom Arbeitsmarkt ausgegrenzten Hauptschülern selbst die Schuld für ihre Lage zugeschrieben wird. Erfahrungen des Scheiterns, etwa bei der Ausbildungsplatzsuche, werden dann eher als individuell zu verantwortende Fehlleistungen und weniger als gesellschaftlich bedingte Ausgrenzung verstanden. Wenn deprivilegierte Jugendliche in erster Linie selbst für ihre Lage verantwortlich gemacht werden, hat dies unterschiedliche pädagogische Konsequenzen: Das Spektrum neoliberaler Pädagogiken reicht von einem massiven empowerment im Sinne eines „jeder kann es schaffen“ bis zu strengen Disziplinarmaßnahmen gegenüber sich verweigernden Schülern, ein Beispiel dafür wäre die Androhung von Haftstrafen für Schulschwänzer.

EOe: Dazu würde die in Ihrem Buch erwähnte „Konfrontative Pädagogik“ passen. Meiner Ansicht nach handelt es sich hierbei eher um eine neokonservative Erziehungstechnik, die im Gefolge von Bernhard Buebs Besteller „Disziplin“ an Popularität gewonnen hat.

SW: Das lässt sich meiner Ansicht nach gut miteinander verbinden. Neoliberalisierung meint keineswegs ein laissez-faire, sondern kennzeichnet eine aktive Umgestaltung unserer Gesellschaft. Dabei werden repressive Maßnahmen gegenüber denjenigen durchgesetzt, die sich der gewünschten Form der aktiven Selbstregierung verweigern. Die notorisch aufmüpfigen Berliner Hauptschüler sind dafür ein gutes Beispiel. Die konfrontative Pädagogik mit ihrem Prinzip des harten Durchgreifens steht beispielhaft für eine neue Form von Disziplinarregime unter neoliberalen Vorzeichen, und sie wird gleichzeitig als konservative Antwort auf die alte 68er-Pädagogik inszeniert, die als verweichlicht und verweiblicht diskreditiert wird. In der Schulrealität werden in der Regel Instrumente verschiedener pädagogischer Strömungen miteinander verbunden. Was in Bezug auf die repressive Seite auffällt, ist die Willkür ihrer Anwendung. Ob man für wiederholte Beleidigungen von der Schule fliegt oder nicht, hängt zu einem großen Teil von der Stimmung und dem Wohlwollen einzelner Lehrer ab.

EOe: Zu Neoliberalisierungsprozessen gehört auch die Privatisierung von staatlichen Bildungseinrichtungen. Wie beurteilen Sie in diesem Zusammenhang die Erfolge von „Teach First“ und „Rock Your Life!“?

SW: „Teach First“ und „Rock your Life!” sind zwei jüngere Bildungs-Initiativen nach U.S.-amerikanischem Vorbild, ein „Fellow“- bzw. „Mentoring“-Programm von Akademikern für Hauptschüler und benachteiligte Jugendliche. Ihre Werbekampagnen sind enorm erfolgreich, weil sie mit ihren Übertreibungen, Anglizismen und penetrant guter Laune einem amerikanisch geprägten Zeitgeist entsprechen. „Rock your Life!“ ist ja bereits eine unmissverständliche Aufforderung, dass eine „normale“ Lebensführung scheinbar nicht mehr ausreicht. Demgegenüber sehnen sich Hauptschüler in erster Linie nach einem stabilen und gesicherten Leben, da sie selbst häufig in prekären familiären und ökonomischen Verhältnissen aufgewachsen sind. Bei „Teach First“ bekommt man schnell den Eindruck, es gehe in erster Linie um die Karrieren der „Fellows“. So wird mit Slogans wie „Das Kanzleramt kann warten“ sowie den Harvard- und McKinsey-Karrieren der Absolventen geworben. Beide Organisationen folgen einer neoliberalen Logik, indem sie das Problem tendenziell in den „Brennpunktschulen“ oder bei den „Problemjugendlichen“ verorten und nicht bei sich selbst oder auf einer gesamtgesellschaftlichen Ebene. So kommt es vielleicht, dass sie bei Politik und Wirtschaft so beliebt sind und mit Ehrungen für gemeinnütziges Engagement überschüttet werden.

EOe: Ist es Ihrer Ansicht nach falsch den Bildungssektor zu privatisieren?

SW: Prinzipiell schon, aber der schulische Bildungsbereich ist ja teilweise bereits ökonomisiert und privatisiert. Von staatlicher Seite wird gezielt eine stärkere Wettbewerbsorientierung im Schulbereich vorangetrieben, die Zahl von Privatschulen nimmt stark zu und die bildungspolitische Eliteorientierung produziert unweigerlich auch „Restschulen“. In Berlin wird diese Tendenz durch die Einführung der Ganztagesschulen bei gleichzeitigem Lehrermangel weiter verstärkt, da die zusätzlichen Nachmittagsangebote zum Teil von privaten Trägern organisiert werden. Selbst die schulischen Bewerbungshelfer sind teilweise nur von Zeitarbeitsfirmen engagiert und müssen dann in den Ferien selbst zum Arbeitsamt. „Teach First“ und „Rock your Life!“ sind Teil dieser Entwicklung und ihnen gelingt es, sich im harten im Wettbewerb der Bildungsträger ganz gut zu verkaufen – nicht nur aufgrund ihrer Werbekampagnen, sondern natürlich auch aufgrund des Engagements ihrer Fellows und Mentoren.

EOe: Teil der Neoliberalisierung des Bildungssystems ist Ihrer Ansicht nach die gesellschaftliche Produktion der Verachtung von Hauptschülern. Was meinen Sie damit?

SW: Mit Verachtung meine ich eine auf negativen moralischen Zuschreibungen und emotionalen Abwehrmechanismen basierende Form der gesellschaftlichen Diskreditierung bestimmter Personen oder Bevölkerungsgruppen. In meiner Studie zu Hauptschülern habe ich jenen Zuschreibungsmodus beschrieben, durch den niedriger sozioökonomischer Status mit Geringschätzung verbunden wird. Das führt im Alltag vor allem zu Demütigungen, zu ständigen Vorhaltungen man sei „dumm“ oder „faul“, was auf Dauer ein negatives Selbstwertgefühl zur Folge hat. Den Kontext und Nährboden solcher Exklusionsprozesse bildet ein neoliberales Herrschaftsmodell, das die Vorstellung propagiert, man sei für seine Situation selbst verantwortlich. Eine primär an ökonomischen Erfolgsprinzipien orientierte Kultur produziert demnach beständig sozialmoralische Anklagen gegenüber den sozial Deklassierten, die nicht nur ausgegrenzt werden, sondern denen auch selbst die Schuld an ihrer Misere zugeschrieben wird.

EOe: Wie reagieren die Schüler darauf und welche Rolle spielen die Lehrer bei der gesellschaftlichen Produktion von Verachtung?

SW: Schüler reagieren darauf eher in einem emotionalen Modus, der von Angst, Scham, Wut und Neid bis zu Coolness und Ironie reicht. Dabei werden die Zuschreibungen teilweise in ein negatives Selbstbild überführt, teilweise wird verzweifelt dagegen aufbegehrt oder es wird versucht, auf listige Weise mit Zuschreibungen zu spielen, beispielsweise wenn Jugendliche mit „wir sind doch nur Hauptschüler“ antworten, um eine besonders unangenehme Schulaufgabe nicht erfüllen zu müssen. In meinem neuen Buch – „Schule der Gefühle. Zur emotionalen Erfahrung von Minderwertigkeit in neoliberalen Zeiten“ – konzentriere ich mich auf diese emotionale Dimension von Exklusionsprozessen. Auf Lehrer habe ich mich in meiner Studie weniger fokussiert. Hauptschullehrer werden als Pädagogen teilweise ebenfalls verachtet oder als Lehrer dritter Klasse behandelt und geben das dann mitunter auch an ihre Schüler weiter. Viele versuchen den Schülern aber auch Wege aufzuzeigen, damit diese die Hoffnung nicht verlieren. Wenn von einem ganzen Abschlussjahrgang von 45 Schülern aber nur zwei Hauptschul-Absolventen einen Ausbildungsplatz finden, ist das für Lehrer und Schüler eine enorme Belastung.

HINWEIS: Im November erscheint das neue Buch von Stefan Wellgraf, das sich diesem Thema nochmals widmet: Schule der Gefühle: Zur emotionalen Erfahrung von Minderwertigkeit in neoliberalen Zeiten.

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Der Messi der Pädagogik

Ich rollte stöhnend über den Fußboden meines Arbeitszimmers. Dabei presste ich den alleatorisch verteilten Blättersalat platt. Gerade war mir ein dicker Aktenordner auf den Fuß gedonnert. Die breite Variante, verstärkt mit Metallleisten. So voll, dass er sich vorne auseinander bog. Beim Aufprall war er auseinandergeplatzt. Die abgehefteten Blätter waren im Fall herausgeflattert und hatten sich wie übergroßes Konfetti im Raum verteilt. Ich selber fiel hinterher. Vom jähen Schmerz gekrümmt.
Eigentlich hatte ich etwas ganz anderes aus dem Regal ziehen wollen. Weil aber die Ordner so eng ins Regal gequetscht waren, war er auch mit heraus gerutscht.
Mein Sohn kam atemlos ins Arbeitszimmer gestürzt. „Ist was passiert?“, hat er erschrocken dreinblickend gefragt. Ich stöhnte: „Nein, alles okay!“ Der Sohn blieb an der Türe stehen und schaute misstrauisch auf mich herunter. „Und warum“, fragte er seelenruhig, „liegst du dann zwischen diesen ganzen Ordnern und Blättern auf dem Boden, hältst deinen Fuß umklammert und sprichst mit so einer gequetschten Stimme?“ Tja, dachte ich, warum? Warum liege ich hier? Warum? „Weil ich ein Messi bin“, bekannte ich gequält. Aber auch stolz, dass ich ich trotz der meiner Ansicht nach schrecklichen Schmerzen noch ironisch sein konnte.
„Du?“, lachte der Sohn spöttisch, „du triffst ja das Tor nicht mal, wenn du 10 Zentimeter davor stehst.“ Gut, dachte ich, dass dieses Kind in seiner ganz eigenen Fußballwelt lebt.
„Nein“, rief die Frau aus dem Wohnzimmer, „der Papa meint nicht den Fußballer!“ Dann erklärte sie dem Kind, ein Messi sei jemand, der nichts wegwerfen könne und deshalb in einer völlig überfüllten Wohnung lebe, in die nichts mehr reinpasse. Das Kind nickte zustimmend. „Also so, wie Papas Arbeitszimmer?“, sagte es. Ich wälzte mich noch ein bisschen in den Blättern. Es waren meine Unterrichtsentwürfe aus dem Jahr 1997. Mein zweites Tagespraktikum, erinnerte ich mich versonnen. Das konnte man doch nicht wegwerfen! All die Erinnerungen. Andrerseits: Wann hatte ich diesen Ordner zum letzten Male aufgeklappt? Vor fünfzehn Jahren? Vor zehn Jahren? Und wenn ja, warum eigentlich? Lehrer, hatte der Pädagogikprofessor damals an der Pädagogischen Hochschule gesagt, sind Jäger und Sammler. Sind sie nicht, dachte ich jetzt. Sie sind Typen, die eines Tages von ihren sentimentalen Erinnerungen zu Invaliden geschlagen werden. Ich ließ meinen Blick über die Ordnerreihen schweifen. Alle Politikvorlesungen und Seminare von 1994 bis 1998. Ebenso alle anderen Fächer. Die Unterrichtsentwürfe aus dem Referendariat. Ach und da: Geschichte, Klasse 8 2005 – was hatte ich da für herrliche Ideen gehabt. Und da: Meine BWL-Hefte aus dem Wirtschaftsgymnasium… Und meine Pädagogikbücher … Die John-Lennon-Büste … meine Cassetten …
Meine Frau schob mit der Türe raschelnd ein paar verstreute Blätter zur Seite und schaute auf mich herunter. Ich zog ein extra leidendes Gesicht und ächzte ein bisschen, obwohl es schon gar nicht mehr so weh tat. Vielleicht hatte sie dann ein bisschen Mitleid mit mir und sprach mich nicht auf die Unordnung in meinem Arbeitszimmer an.
„Ich habe kein Mitleid“, stellte sie fest, „ich hab dir hundert Mal gesagt, dass du den alten Käse wegewerfen sollst, guck dir das doch mal an hier!“ Ich drehte mein Gesicht beschämt zur Seite. Dieses Gespräch führen wir jedes Schuljahresende. „Weißt du“, antwortete ich, „ich sehe das hier weniger als Arbeitszimmer, sondern mehr als eine Art Kunstwerk, das ganz persönliche Erinnerungsspuren bewahrt.“ Meine Frau machte ihr Nicht-Witzig-Gesicht und sprach: „Kann sein, aber vor allem bewahrt es ganz persönliche Chaosspuren, sehr deutliche Chaosspuren sogar! Und zwar von dir!“
Was soll man dazu sagen? Besonders dann, wenn es stimmt.
Mein Sohn hatte die Antwort. „Genau wie der Messi bei der Weltmeisterschaft“, rief er von seinem Zimmer aus, „hält den eigenen Strafraum nicht sauber!“ Ich war also doch in jedem Sinne: Ein Messi. Ein Messi der Pädagogik.

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