50 Shades of Bedschieungsarbeit

Neulich saßen vier junge Kolleginnen im Lehrerzimmer zusammen. Sie redeten über „50 Shades of Grey“. Ich bin sehr unauffällig, darum dachten sie wahrscheinlich, sie seien alleine. „So schlimm ist das gar nicht“, sagte die Langhaarige. Die anderen nickten eifrig. „Meine Oma hat das auch gelesen“, sagte die Blonde, „aber sie meinte, sie hätte es nicht so richtig verstanden.“ Da lachten sie. „Aber wisst ihr, was das Schlimmste an der Story ist?“, fragte die Langhaarige in die Runde. Die anderen wussten es nicht. „Das Schlimmste ist, dass diese Bücher ein völlig unrealistisches Bild von einer Beziehung zeigen“, sagte sie ernst. „Stimmt“, nickte die Blonde, „der Sex ist total unrealistisch beschrieben, das ist so ein Quatsch!“ Die Langhaarige kicherte etwas irritiert. „Ja“, sagte sie, „das vielleicht auch.“ Aber der eigentliche Punkt sei ein anderer.

flogger

Die Strafarbeit ist ja praktisch der Flogger der pädagogischen Beziehungsarbeit.

„Diese Bücher reden ihren Leserinnen ein, sie könnten IHN ändern, und das ist totaler Quatsch, wenn man eine Beziehung so angeht, dann kann das nur schief gehen!“ Sie nickten alle Und auf ihren Gesichtern waren leidvolle Erfahrungen abzulesen. „Einen Mann kannst du nicht ändern, den musst du nehmen wie er ist“, stimmte die Blonde zu. Jetzt mischte sich die mit der Brille ein. „Eine Beziehung ist immer Arbeit“, raunte sie. Da war sie wieder, die „Beziehungsarbeit“.
Das erste Mal habe ich das Wort „Beziehungsarbeit“ 1999 gehört. Damals ließ sich die soeben aus dem Amt geschiedene Familienministerin Claudia Nolte scheiden. Und zwar mit der Begründung: „Die aktive Beziehungsarbeit ist viel zu kurz gekommen.“ Damals fand ich diese Aussage ziemlich obszön. Was sollte man sich um Himmels Willen unter „Beziehungsarbeit“ vorstellen?
Das nächste Mal begegnete mir die Beziehungsarbeit zwölf Jahre später im Fortbildungskatalog des Staatlichen Schulamtes. „Beziehungsarbeit kann man lernen“ hieß die Veranstaltung. Ich dachte sofort an Claudia Nolte. Aber nein, es ging um etwas, das man bisher „Klassenführung“ genannt hatte. Seither war die „Beziehungsarbeit“ ein treuer Begleiter. Die Schulsozialarbeiterin sprach davon, die Rektorin sprach davon und irgendwann fingen auch die Kollegen damit an.
Die Kolleginnen hier im Lehrerzimmer allerdings waren mit ihrem Gebrauch von „Beziehungsarbeit“ ziemlich nah an Claudia Nolte. Das fand ich wohltuend.
Es klopfte an der Lehrerzimmertüre. Die mit der Brille öffnete. Ein Schüler stand da und sagte: „Ich soll hier meine Strafarbeit abgeben.“ Da stand die Blonde auf, nahm die Blätter entgegen und sprach ein paar strenge Worte. Dann kehrte sie zu ihrer Peergroup zurück. „He“, sage sie, „wenn der nicht ganz schnell kapiert, dass es so nicht weitergeht, dann gute Nacht um Sechse!“ Ein zustimmendes Gesummse bestätigte das. „Jetzt haben wir es ihm echt tausend Mal erklärt und gesagt und getan, aber er kapiert es nicht.“ Sie nickten wieder alle. „Der muss mal ganz schnell sein Verhalten ändern, sonst ist es aus“, setzte sie noch eins drauf. Die Strafarbeit, dachte ich, ist ja quasi der Flogger der pädagogischen Beziehungsarbeit. Man sollte, dachte ich, beim Beltz-Verlag einen Ratgeber für Lehrer schreiben. Titel: „50 Shades of Beziehungsarbeit“.
Da klopfte es wieder. Die mit der Brille öffnete. Zwei Schülerinnen standen da. „Hier ist ihr Kaffee“, sagte die eine Schülerin freundlich. „Und hier ihr Mohnstriezel und das Rausgeld!“, sagte die andere Schülerin. Die Kollegin nahm beides freudig lächelnd entgegen und dankte den Kindern.
„Wieso“, sagte die Blonde, „krieg ich nur Strafarbeiten und du Vesper?“ Da biss die mit der Brille in ihren Striezel und sagte mit vollem Mund: „Bedschieungsarbeit!“

 

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Gewachsenes Deutsch

„Finde ich auch“, sagt der Kollege. Ich habe ihm gerade davon erzählt, dass es Leute gebe, die sich darüber aufregten, dass im Gewerkschaftsblatt „gegendert“ wird. „Lehrer/innen, Stuhlbein/innen, Auto/innen, was regulieren die da an unserem schönen, gewachsenen Deutsch herum.“ Der Kollege spricht ein wunderbares Hochdeutsch.
Das erinnerte mich daran, dass ich früher die Gymnasiasten nicht leiden konnte. Ich war Realschüler und es war demütigend, sich mit ihnen zu unterhalten. Das Schlimmste war, dass sie lupenreines Hochdeutsch sprachen. Ich und meine Realschulfreunde aber nicht. Jetzt muss man sagen, dass meine Herkunft rein sprachmäßig etwas prekär ist. Meine Eltern wurden durch die Wirren nach dem Zweiten Weltkrieges vom Württembergischen ins Badische verschlagen. Sie sprachen einen erdigen, schwäbischen Dialekt. In dem badischen Ort, in dem ich geboren wurde, sprach man dagegen in einem etwas wehleidigen alemannischen Singsang mit schweizer Einschlag. Meine Realschulfreunde und ich waren natürlich auch geprägt durch Fernsehen und Radio. Und so vermischten wir alles heiter durcheinander. Im Grunde sprachen wir ein Hochdeutsch mit schwäbischem Einschlag. „Isch“ statt „ist“ und so weiter.
Einmal fragten mich zwei Gymnasiasten, ob ich Gitarrist in ihrer Band werden wolle. Ich fragte nach: „Was isch des für ‘ne Band, was spielt ihr denn so?“ Da schaute mich der Coolste der drei an und fragte seine Freunde in wundervollem Hochdeutsch: „Von welchem Bauernhof ist der denn abgehauen?“ Und dann lachten sie. Ich hatte keine Lust mehr mit ihnen Musik zu machen. Wer weiß, was aus uns hätte werden können?
Andrerseits blickten wir Realschüler auf die Hauptschüler herunter. Die sprachen entweder sehr ausgeprägt den örtlichen Dialekt. Oder, wenn sie Migratioshintergrund hatten, eine Mischung aus Dialekt und Akzent. Meistens ohne Artikel und ohne Präpositionen. „Hasch mal Zigrettle?“, war für uns eine typische Hauptschülerfrage. Aber ich muss zugeben, ich fand das irgendwie sympathisch.
Nach der Realschule besuchte ich ein Gymnasium, das aber im Württembergischen lag. Da nannten sie den Besen, der bei uns „Bäsa“ hieß „Stangabiescht“. Und wenn die Männer aufs Klo gingen, dann gingen sie „den Kaschper melken“. Die Leute waren so unterschiedlich wie ihre Akzente und Dialekte. Ich fand das gut. Auch dann noch als 1990 plötzlich lauter näselnde Sachsen kamen.
Aber das Gymnasiastenhochdeutsch, das kam mir immer schon irgendwie künstlich vor. Als würden sie einen Text aufsagen, der eigentlich nichts mit ihnen zu tun hat. Trotzdem fühlte ich mich mangelhaft.
Kann sich jemand meine Erleichterung vorstellen, als ich im sprachwissenschaftlichen Seminar an der Pädagogischen Hochschule erfuhr, dass es sich beim Hochdeutschen um ein künstliches, von der Obrigkeit durchorganisiertes Schriftdeutsch handelte? „Standarddeutsch“ nannte der Professor das. Die Dialekte seien gewachsen. Und die Umgangssprache entstehe aus Wechselwirkungen zwischen Mediensprache und Dialekt. „Schon immer“, sagte der Professor, „wurde die Sprache reguliert, meist aus politischen Gründen.“ Es war als würde jemand Licht im Keller machen. Jeder Propagandist und Politiker wisse, dass die Sprache die Vorstellung von einer bestimmten Sache präge. Wer etwa einfach die männchliche Form benutze, Schüler, Lehrer, der unterschlage die zweite Hälfte der Menschheit. So wie Helmut Kohl einst, als er von den „Deutschen und ihren Frauen“ gesprochen habe.
Ich schaue den Kollegen an und mache den Tonfall Rudi Dutschkes nach: „Genosse, wir haben nicht mehr viel Zeit, überall wo die Rechte der Frauen zerschlagen werden, da werden auch wir Männer zerschlagen.“
„Aha“, sagt er verwirrt, „du bist voll die Emanze?“
„Ich weiß“, sagte ich.

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Grau ist alle Theorie

Ich war bei einer Fortbildung. Das Thema war „Umgang mit Tod und Sterben – Besichtigung eines Krematoriums“. Das kann nichts schaden, dachte ich und meldete mich an.
Wir trafen uns auf dem Parkplatz vor dem Krematorium. Der evangelische Schuldekan begrüßte den katholischen Schuldekan: „Schön, dass sie auch dabei sind!“. Und der: „Ja wissen sie, wir Katholiken sterben halt auch.“ Das hätte ich nicht gedacht. Und da merkte ich, ich war der einzige Ethiklehrer unter lauter Religionspädagogen.
Da kam eine düstere Prinzessin auf uns zu. Ich musste an Morticia Adams, dachte ich. „Tod und Sterben?“, hauchte sie mit dunkler Stimme. Wir nickten. „Ich soll sie holen.“ Ich fröstelte und war mir nicht sicher, wie das gemeint war. Aber auf dem Kragen ihres schwarzen Poloshirts war das Logo der Stadtwerke eingestickt. Es ging wohl doch nur um die Besichtigung.
Der Leiter des Friedhofs begrüßte uns in einer Art Lagerraum, in dem viele unterschiedliche Särge gestapelt waren. „Feuerbestattungen werden immer beliebter“, meinte er. Das sei allerdings nicht ganz unproblematisch. Selbstverständlich belaste eine verwesende Leiche bei der Erdbestattung beispielsweise das Grundwasser. Aber auch Feuerbestattungen stellten eine große Umweltbelastung dar. Darum falle ein Krematorium, rein juristisch, unter die gleiche Gesetzgebung wie Müllverbrennungsanlagen. Da ging ein Raunen durch die Gruppe. Seine Anlage sei allerdings gemäß der Bundes-Immissionsschutzverordnung mit einer Abgasreinigungsanlage ausgestattet. Zudem halte man sich streng an die VDI-Richtlinie 3891 „Emissionsminderung – Anlagen zur Humankremation“. Denn, das dürfe man nicht verschweigen, bei der Verbrennung eines Körpers entstünden eben allerlei Schadstoffe. „Das geht schon los, bei geschmolzenen Plomben“, meinte er. Vor Schreck betastete ich mit der Zunge meine Plomben und fühlte mich schuldig.
Da betraten zwei Männer in blauen Arbeitsanzügen den Raum. „Ja, meine Damen und Herren“, sagte der Krematoriumsleiter und rieb seine Hände, „grau ist alle Theorie – wir begleiten jetzt gemeinsam die Kremierung dieser Leiche.“ Die Gruppe erstarrte, was der Chef nicht merkte. Plötzlich wurde uns klar, dass das kein Lagerraum für leere Särge war, sondern, dass wir die ganze Zeit zwischen Leichen gestanden hatten.
Die Männer luden den Sarg auf einen Rollwagen. Wir folgten ihnen benommen.
Durch eine Hintertür betraten wir die Anlage. Der Sarg wurde in einem Blumen geschmückten Raum abgestellt. „Die Angehörigen sind durch diese Scheibe hier vom Ofen getrennt“, erklärt der Chef. Man wisse nie, was Trauernden so einfalle. Suizid und alles sei da möglich.
Der Sarg glitt durch eine Öffnung in der Wand. Wir betraten jetzt einen Raum, der aussah wie der Maschinenraum eines Dampfers. Das Feuer im Ofen brüllte. Wer wolle, sagte der Chef, könne jetzt durch dieses Fenster die erste Stufe der Kremierung überwachen. Einige Kollegen beugten sich über das Fenster und sagten: „Ohhh!“ Das sei normal meinte der Chef. Ich wollte nicht wissen, was die Kollegen gesehen hatten. „Im Moment werden gerade noch zwei weitere Kremierungen vorgenommen“, erklärte der Chef. Denn aufgrund der großen Nachfrage habe man die Anlage so eingerichtet, dass man immer drei Leichen auf einmal verbrennen könne. Die Verbrennungsanlage habe drei Ebenen. Hier, er deutete auf den Ofen, verbrenne der Sarg und weitgehend das Fleisch. Was übrig sei, falle durch ein grobes Gitter eine Ebene tiefer. In diesem Moment hörten wir ein metallenes Rumsen. „Sind das die Metallgriffe des Sarges“, wagte ich zu fragen. Nein, sagte der Leiter, die würden vorher abgeschraubt. Dann gingen wir eine Wendeltreppe hinunter zur zweiten Ebene. Keiner mehr wollte durch das Fenster bei diesem Ofen gucken. Der Chef erzählte derweil eine lustige Geschichte über einen 200 Kilo Leichnam, dessen Körperfett so hohe Flammen geschlagen habe, dass der Edelstahldoppelrohrschornstein angefangen habe zu glühen. Wir lachten höflich. Dann rumpelte es wieder im Stahlrohr. Und wir gingen noch einen Stock tiefer.
Da ging der Chef wortlos zu einer seltsamen Apparatur und löste mit einem energischen Griff einen kleinen Container ab. „So“, sagte er, „das ist jetzt also der veraschte Leichnam.“ Er zeigte das gräuliche Pulver herum. Grau ist alle Theorie, dachte ich. Dann stellte er den Behälter ab und wühlte mit einer kleinen Zange in der Asche. „Ahhh“, sagte er und zog einen Weckergroßen, metallischen Gegenstand aus der Asche, „der Herzschrittmacher!“ Paralysiert beobachteten wir ihn, wie er zu einer Art Mülleimer in der Ecke des Raumes ging und den Herzschrittmacher hineinfallen ließ. „Das“, sagte er und grinste zu uns herüber, „ist unsere Buntmetallsammlung.“ Er hob einen schimmernden Gegenstand aus der Tonne. „Künstliche Hüftgelenke, Nägel und alles mögliche – wir könnten wahrscheinlich einen kompletten Roboter bauen mit dem ganzen Zeug.“ Wir lachten wieder höflich. Von oben polterte wieder etwas das Rohr herunter. „Ahhh“, sagte der Chef, „da kommt schon der Nächste.“ Was mit dem Metall geschehe, wollte einer der Teilnehmer wissen. „Das Verkaufen wir“, sagte der Chef, „wissen sie, der Tod ist auch nur ein Geschäft.“
Bei dieser Fortbildung habe ich wirklich etwas gelernt, muss ich sagen. Nicht mal der Tod ist umsonst. Und: Ich will keine Feuerbestattung.

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Der Star und sein Benutzer, Teil 2: Pop-Biedermeier

„Du bist in Brigitte verliebt?“, ereiferte ich mich. Wir waren 13 und es war von existenzieller Wichtigkeit zu wissen, in welches Mädchen mein Freund denn nun verliebt war. Es war schon schwierig genug, dass Mädchen auf einmal so wichtig sein sollten, aber dass er jetzt auch noch ausgerechnet mit Brigitte daher kam. „Ja und“, schnauzte er zurück, „kann dir doch egal sein!“ Es war mir nicht egal. Brigitte war ein Verrat an unseren Idealen: „Aber die hört Modern Talking!“ Er sackte zusammen: „Ja, aber sonst ist sie echt ganz nett!“ Es lag außerhalb meiner Vorstellungskraft, dass jemand, der Modern Talking hörte, nett sein könnte.
Die richtige Musik war alles. Die Einigkeit darüber verband uns. Auch deshalb, weil wir alle verachteten, die nicht die richtige Musik hörten. Und oft verachteten wir auch Leute, die zwar die richtige Musik hörten, aber sie unserer Ansicht nach nicht richtig verstanden. Diese Typen waren fast noch schlimmer als die Unwissenden.
Wir waren radikale Musik-Extremisten. Und wir fühlten uns gut dabei. Aber es machte auch ein bisschen einsam. Denn, offen gesagt, die meisten Leute hörten Scheißmusik.

So ist man als Jugendlicher. Bei anderen war es nicht die Musik, sondern der Fußballverein. Aber Fußball war für uns nicht drin. Leute, die „We will Rock you“ und „We are the Champions“ gut fanden. Das ging nicht.
Bis heute gucke ich mir in fremden Wohnungen das CD-Regal an. Und bei erstaunlich vielen meiner Altersgenossen stehen CDs von Joe Cocker und Tina Turner im Regal.
Wer Joe Cocker kauft, kauft auch Rod Steward und Adele. Bei mir löst das immer noch instinktiv den Distinktionsgewinn-Alarm aus: Leute, die so beschissenen Mainstream hören, können nicht ganz bei Sinnen sein. Obwohl ich es vom Verstand her inzwischen besser wissen müsste. Brigitte war nämlich trotz Modern Talking eigentlich ganz nett.
Aber eine Tatsache bleibt trotzdem bestehen: Wer Tonträger und Musik kauft, macht damit auch eine Aussage seinen Lebensstil. Jeder soziologische Depp kapiert, dass jemand der Trashmetal hört andere Vorstellungen vom Leben hat, als jemand der Brahms oder Hayden hört. Was jetzt aber auch nicht heißt, dass alle die Trashmetal hören die gleichen Vorstellungen haben. Da sind die Unterschiede oft haarfein. Und darum wurde die Sache mit Brigitte dann auch tatsächlich nichts.
Joe Cocker
Die Formulierung „Tonträger besitzen“ ist bei Joe Cocker (ich weiß, dass er tot ist) und Tina Turner bewusst gewählt. Denn es geht um Musik für Leute, die Tonträger als den Feinschliff für die Wohnungsatmosphäre sehen. Die CDs sind Accessoires für das CD-Regal. Nicht umgekehrt. Keine Statussymbole. Sie sind mehr so etwas wie der Van-Gogh-Druck oder eine Blumenvase. Etwas, worauf sich alle einigen können, die sich für Musik eigentlich nicht interessieren. Die Frage ist, warum Leute, denen Musik eigentlich egal ist, ausgerechnet diese Interpreten gut finden.
Tina Turner und Joe Cocker haben, was die Authentizität angeht, durch ihre Lebenslauf eine großartige Phönix-Geschichte erzeugt. Beide waren sie komplett weg vom Fenster. Kein Erfolg mehr, Drogen, Alkohol, Scheidung – das ganze Programm. Das lässt sich mit der Phrase „Sie sind durch die Hölle gegangen und haben überlebt“ zusammenfassen. Dann haben sie sich wieder hochgearbeitet und ernten jetzt als geerdete Stars den verdienten Erfolg.
So sehen sie auch aus. Cocker sieht aus wie der normale Biertrinker jenseits der Sechzig. Turner erntet Bewunderung dafür, wie gut sie sich gehalten hat. Auch dafür, dass sie sich nichts hat sagen lassen.
Die Covers ihrer Alben reproduzieren das in Fotoform. Normcore für Stars.
Die Musik solcher Stars ist handwerklich astrein. Einfallsreich bis ins Detail arrangiert. Toll gespielt. Sie ist hervorragend aufgenommen. Es gibt keine Spinnereien. Die Lieder sind nicht zu lang und nicht zu kurz. Es gibt keine Experimente. Wie alle Musik, ist sie das re-arrangieren von bereits Vorhandenem. Aber betont phrasenhaft. Die Texte sind reines Pop-Herz-Schmerz-Reim-dich-oder-stirb-Smurfing. Vielleicht wäre die passende Bezeichnung dafür „postmoderner Pop-Biedermeier“.
Joe Cocker hat immer betont, dass er Musikmachen als seine Arbeit betrachtet. Tina Turner sieht das wahrscheinlich auch so. Und die anderen Stars aus dieser Schublade auch. Irgendwie ist das sympathisch, weil es sich scheinbar nicht um Authentizität bemüht. Aber genau das ist es eben Authentizität: Jemand, der identisch ist, mit dem, was er tut. Und die Authentizität besteht in der eingestandenen Trennung zwischen Star und Mensch. Sie sind Handwerker. Künstler wäre etwas zu hoch gegriffen. Aber was ist gegen einen zuverlässigen Handwerker zu sagen? Eben.
Keine Experimente, keine Tiefe, keine Kantigkeit.- Aber auch nicht Party, Party, Party. Sondern sang- und klanglose Stromlinienförmigkeit.
Das ist es, was den Pop-Biedermeier anspricht. Kein Rumgespinne. Genuss ohne Reue. Keine Ausschläge auf der Nulllinie. Geht runter wie Cola. Auf dieser Geräusch- und Designkulisse lebt der Neo-Biedermeier sein leben.
Mir ist das zu wenig. Obwohl es inzwischen gut zu meinem Lebensstil passen würde. Wahrscheinlich bin ich ein Hyper-Biedermeier. Brigitte hat in ihrem CD-Regal inzwischen sicher Joe Cocker und Tina Turner. Aber nett ist sie immer noch.
Kleiner Anhang:
Hüten wir uns davor, überheblich zu sein. Handwerk ist eine ehrenwerte Sache.
Der oh so tolle David Bowie hat mit Tina Turner ein Duett gesungen. Was mehr über David Bowie sagt, als über Tina Turner. Er begab sich da in die Gesellschaft so illustrer Duettpartner wie Eros Ramazotti. Naja. Aber auch Mick Jagger. Wer will da schon den ersten Stein werfen.

Teil 3: Warum hört der Bankkaufmann Heavy Metal?

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Der Star und sein Benutzer, Teil 1: Was ist ein Star?

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„Anyone lucky enough to see him perform would never forget him!“

„Der junge Elvis war cool“, sagte ich einmal zu meinem Freund, der großer Elvis-Fan war, „aber der spätere Fettsack-Elvis mit seiner komischen Country-Schagermusik und den blöden Glitzerstrampelanzügen ist doch scheiße!“ Mein Freund verzog gekränkt sein Gesicht. Wir waren Zwölf und es verletzte ihn ernsthaft. Er versuchte daraufhin mir die Beatles madig zu machen. Er meinte, das seien doch alles Arschlöcher gewesen, mit den langen Haaren und den Drogen. Aber das machte mir nichts aus. Es war mir auch egal, wenn er ihre Lieder blöd fand und sie jaulend nachsang. Er konnte das nicht verstehen. „Aber du bist doch Fan“, sagte er. „Ja“, sagte ich, „von der Musik und den Fotos, aber doch nicht von den Typen selber.“ Das kam so aus mir heraus. Und ich habe lange darüber nachgedacht.
Jetzt habe ich es herausgefunden: Wir benutzen Stars und das, was sie machen. Wir nisten uns in ihrer Geschichte und ihrer Kunst ein wie ein Mieter in in einer Mietwohnung. Wir bewohnen den Star. Das ist okay, denn der Star ist ein Gebrauchsgegenstand. Und der will seine Zielgruppe erreichen. Egal, ob das Joe Cocker, Islolation Berlin, Robert Smith oder Helene Fischer ist. Und jetzt merkt man schon: Mir geht es um Pop-Stars. Ein Pop-Star ist jemand, der mit seinen öffentlichen Auftritten sein Produkt präsentiert. Sein Buch, sein Gemälde, seine neue Single.
Man darf da nicht arrogant sein. Auch Musik ist ein Gebrauchsgegenstand. Sowohl in ihrer Warenform als Download oder CD, als auch in ihrer hörbaren Form. So ist das halt im Kapitalismus. Wer Musik konsumiert, produziert durch ihren „Gebrauch“ ihren Sinn, also ihren Gebrauchswert. Beim Konsumgut „Musik“ liegt es nahe, diesen in der „Unterhaltung“ zu sehen. Oft ist Musik auch Träger von Erinnerungen und hat sich in irgendeiner Form in die Lebensgeschichte der Konsumenten eingeschrieben. Bei Paaren oder bei Freundeskreisen, wenn sie „unser Lied“ hören oder dergleichen. Und so ähnlich ist das ja auch bei der Gemeinschaft der Fans, die den Star und seine Musik als Grundlage ihrer Gemeinschaft sehen. Ob man will oder nicht: Der Musikgeschmack ist immer ein Ausdruck der eigenen Persönlichkeit. Entsprechend viele Möglichkeiten gibt es, den Star zu nutzen.
Zur besseren Vermarktung der Musik wird passend zu ihr ein Star konzipiert. Ein Star ist keine Person, sondern ein Werbekonzept. Wichtig bei diesem Konzept ist „Authentizität“. Das Werbekonzept „Star“ muss eine Geschichte über den Interpreten erzählen können. Und das, was da erzählt wird ist zumeist Zielgruppenorientiert auf einen bestimmten Konsumentenkreis zugeschnitten. Das Werbekonzept „Dirk von Lotzow“ erreicht einen anderen Kundenkreis als „Tina Turner“.
Inzwischen ist das Konzept „Star“ ja schon oft dekonstruiert worden. Zunächst als künstlerisches Konzept. Beispielsweise durch die artifiziellen Metamorphosen von David Bowie. Oder durch die Roboterpuppen von Kraftwerk. In den Neunziger Jahren dann durch marktkonform gecastete Girl- und Boybands. Die Archetypen davon sind die Spice Girls und Thake That! Und schließlich durch die Castingshows.
Es ist also längst klar, dass der „Star“ zwar eine authentisches Geschichte verkörpert, aber der Star ist nicht identisch ist, mit der Person, die ihn verkörpert. George Harrison hat in den Sechzigern einmal in einem Interview erzählt, er lese oft über einen „George Harrison“ von den Beatles in der Zeitung. Aber er habe gar nicht das Gefühl, dass es dabei um ihn gehe. Es sei alles so „unrealistisch“. Und so ist es. Die Konsumware Musik erzeugt ihre eigene Realität über den Star. Um den Star herum entsteht ein Mythos, der die Person überlagert, sie aber auch beeinflusst. Die Person wird auch teilweise zu dem, was der Mythos in ihr sieht.
Gerade „Deutschland sucht den Superstar“ verkauft eine Art Authentizität 2.0. Sie tut so, als wäre die Geschichte des Achtzigerjahre Musicals „A Chorus Line“ wahr geworden. Junge Künstler im Wettbewerb zueinander.

Authentizität ist und bleibt also grundlegend bei der Vermarktung von Musik. Und da trifft es sich natürlich gut, wenn der Musikindustrie Leute wie Elvis, John Lennon oder Kurt Cobain in die Finger geraten. Gut für die Musikindustrie. Nicht so gut für die vermarkteten Menschen, die glauben sie seien mit dem „Star“, den sie verkörpern identisch. An so etwas kann man leicht zugrunde gehen.
Konzerte sind eine wichtige Einnahmequelle und zugleich große Werbeveranstaltung. Wer heute zu einem Konzert geht, der sieht nicht mehr die Musiker und hört Musik. Heute sagt man, man habe den Musiker oder die Band „erlebt“. Man er-lebt den Star: authentisch. Und siehe: Er ist ein Mensch. Er ist eine Menschengeschichte. Man geht zum Konzert, um die Aura des lebenden Stars spüren. „Aura“ ist die gefühlte Authentizität des Stars, in der man seine Geschichte ohne Worte fühlen kann. In seiner Gegenwart, in seinen Liedern, die man beim Konzert gemeinsam mit ihm singt. Das hat schon etwas Rituelles. Der Star wird Teil unserer Lebensgeschichte. Er wird zum Kontext eines Erlebnisses. Aber er wird wahrscheinlich nie von unserer Existenz erfahren.
Umberto Eco berichtet davon, wie er in New York einmal einen Bekannten getroffen habe. Er konnte den Bekannten aber nicht richtig zuordnen, wie hieß er doch gleich? Woher kannte er ihn nochmal? Sollte er jetzt „Hallo“ sagen? Und Plötzlich wurde ihm klar: Das ist Anthony Quinn! Natürlich kannte er den Filmstar. Und sein Gesicht war ihm vertraut. Aber Anthony Quinn kannte den italienischen Semiotiker natürlich nicht. Woher denn auch? Eco kannte den Star Anthony Quinn. Nicht den Menschen. Das sind zwei verschiedene Dinge.

FORTSETZUNG FOLGT

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Der Stuttgart Soundtrack

Das ist die Musik, die wir in Stuttgart angehört haben. Im „Oblomov“, oder nachts im Alex 30. Musik für moderne Männer in ihren besten Jahren.

Lukas Graham – Seven Years Old

Isolation Berlin – Annabelle

Isolation Berlin – Aquarium

Kay One – Ich hab den Style und das Geld

Foo Fighters – Band on the Run

Fleetwood Mac – Go your own way

Orange Juice – Rip it up

Ens Oeser – Sandmännchen bitte komm zurück!

ACH – Keine Lust mehr

ACH – Bring den Sand

Die Sonne – Wir sind wir

Zucker aus Konvention – Verdammt

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Stuttgart, letzter Tag: Der Fernsehturm und Gott

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Die Aussicht vom Fernsehturm ist sehr anregend. Vor allem dann, wenn man anschließend theologische Diskussionen führt.

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Unser letzter Tag sollte mit dem Höhepunkt jedes Stuttgartbesuches enden: Dem Fernsehturm. Wer auf den Fernsehturm hochfährt, der ist 217 Meter näher am Himmel. Das ist mehr als man denkt. Vor allem dann, wenn man von oben nach unten guckt. Also: Höherer Höhepunkt geht kaum. Der Aufzug rauscht in ein paar Sekunden hoch, zack, steht man auf der Plattform. Haben wir gemacht und schön, schön gedacht, als wir in die Landschaft geguckt haben. Ich war ein bisschen besorgt, wegen der ganzen Kinder, die ihre Handys durch das Gitter strecken. Wenn das jetzt runter fällt?
Anschließend verbringen wir eine vergnügte Viertelstunde im Fernsehturmshop. Laus kann den Holz-Fernsehturm für Kinder nicht zusammenbauen, Ichael schon. Aber der ganze Krempel ist eigentlich zu teuer.
Um uns von der Höhenluft zu erholen, fahren wir gleich in das Kunst-Café der Feinbäckerei Gant in der Gerokstraße. Das ist nicht weit von der Villa Reitzenstein, in der Winnie Kretschmann rägiert. „Rägieren“ ist schwäbisch für „regieren“.
Gant innenAls Band sind wir ja stets bemüht, uns in aktuelle Debatten einzumischen und sie in die richtige Bahn zu lenken. Die Nähe zum Himmel auf dem Fernsehturm hat uns über den Umweg Sozialstaat angeregt über die Existenz Gottes zu disputieren. Ichael vertritt den persönlichen Gott der katholischen Kirche und empfiehlt mir dies auch zu tun, falls ich einen Platz im Himmel haben wolle. Ich aber lasse mich nicht einschüchtern und lehne einen persönlichen Gott ab. Ich lese ihm ein Zitat des Theologen Rudolf Blutmann vor: „Man kann nicht elektrisches Licht und Radioapparat benutzen, in Krankheitsfällen moderne medizinische und klinische Mittel in Anspruch nehmen und gleichzeitig an die Geister- und Wunderwelt des Neuen Testaments glauben. Und wer meint, es für seine Person tun zu können, muß sich klar machen, daß er, wenn er das für die Haltung des christlichen Glaubens erklärt, damit die christliche Verkündigung in der Gegenwart unverständlich und unmöglich macht.“ Dann begebe ich mich auf Bultmanns Spuren und deute Jesu Auferstehung anhand der Emausgeschichte als die Weitergabe seiner Botschaft. Gott deute ich mit der Schöpfungsgeschichte als Chiffre dafür, dass wir Menschen nicht alles wissen, nie wissen können und vielleicht auch nicht sollten. Gotteserfahrungen, bringe ich noch in das Gespräch ein, wären dann Erlebnisse, bei denen dieses Geheimnis sichtbar wird. Etwa, wenn jemand einen schweren Unfall unverletzt überlebt. Man weiß es vorher nicht. Beten wäre dann demütige Selbsterinnerung an unsere Unwissenheit.
Und weil Laus und Ichael immer noch so erwartungsvoll gucken, mache ich noch ein bisschen weiter. Die katholische Kirche hat insofern recht, dass sie an bestimmten Dogmen festhält: Der Mensch ist nicht alles. Die Protestanten haben recht, insofern sie die Botschaft entmystifizieren.
Kann sein, dass durch die Nähe der Villa Reitzenstein katholische Vibes von Winnie Kretschmann auf uns eingestrahlt haben. Man weiß es nicht und will es auch nicht wissen. Jedenfalls sind wir sehr zufrieden mit unserem Diskussionsergebnis. Also ich jedenfalls. Ich weiß nicht so genau, wie ich die Gesichter von Laus und Ichael deuten soll.
Laus lenkt das Gespräch auf Profaneres. Ennis, sagt er, habe morgen Geburtstag, wir sollten ihm gratulieren: „HERZLICHEN GLÜCKWUNSCH, ENNIS!“
Außerdem habe er übermorgen die Disputation zur Verteidigung seiner Doktorarbeit, dafür sollten wir ihm viel Erfolg wünschen: „VIEL ERFOLG, ENNIS!“ Anschließend versuchen wir uns zu erinnern, was denn nun das Thema von Ennis Doktorarbeit war. In mühevoller Erinnerungsrekonstruktion kommen wir zu folgendem Ergebnis: Es war irgendwas mit elektronischen Medien und dem Internet. Ichael ergänzt noch: „Ich weiß es schon, kann es aber nicht mehr richtig erklären, ich frage ihn nochmal.“
Dann brechen wir ein letztes Mal in das Hostel am Alex 30 auf, um unser Gepäck zu holen. Und jetzt kapiere ich, dass das riesengroße Bild im Eingang Alexander den Großen darstellt. Und nach ein paar weiteren Minuten kapiere ich, dass er der Namensgeber der Straße und des Hostels ist. Ich fühle mich erleuchtet. Nicht jedes Geheimnis bleibt gewahrt. Wenn ich die Bemerkungen von Laus und Ichael richtig deute, haben sie das schon am Montag kapiert. Kann ja jeder sagen.
Ichael gibt ein bisschen mit seiner humanistischen Bildung an und erzählt uns auf dem Weg zum Bahnhof, dass Alexander der Große ja in Babylon gestorben sei. Daraufhin singen wir ein paar Rastafari-Lieder rund um das Thema Babylon.
Der Bahnhof in Stuttgart wirkt danach auf mich wie der Pausenhof der babyloner Gemeinschaftsschule mit Polizisten als Aufsicht. Wir verabschieden uns. Und ab die Post.

Schluss.

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