Lehrer_Innen-Hass


Ich wurde „Arschloch“ genannt. Auf Twitter. Weil ich behauptet habe, es gäbe in der Fernsehserie „Fringe“ keine direkten Anspielungen auf die Verfilmung von Michael Endes „Momo“. Da denkt man sich erst mal: Wegen was? Typisch soziale Medien! Da beschimpfen sich zwei anonym im Netz rumposaunende Typen in enthemmter Anonymität. Wegen Nullinger. Aber so war es gar nicht. Es war wesentlich vielschichtiger. Ich hatte folgendes geschrieben: „Habe gerade nachgelesen. Ganz schon komplex! Aber kein direkter intertextueller Verweis auf Momo.“ Das Wort intertextuell war mir wichtig. Ich wollte ein bisschen mit meiner Belesenheit angeben. Und dann mischte sich ein weiterer Twitterer in das Gespräch ein. Und zwar einer, der einen hochintellektuellen Podcast betreibt. Mit Literaturangaben und klugen Wörtern noch und nöcher. Ein interessanter Typ. Und der trug jetzt also das Folgende zu unserem Gespräch bei: „Der Lehrer hat gesprochen.“ Er meinte mich. Und dann: „Heb Dir die Einteilung in richtig und falsch für die Schule auf Du Arschloch.“ Welche Einteilung von richtig und falsch, fragte ich mich? Darum hakte ich bei dem zornigen Twitterer nach. Wie es sich für einen Intellektuellen gehört, antwortete er auch prompt: „Implizit, indem Du unterstellt hast, es handele sich nicht um einen intertextuellen Verweis auf Momo. Diese Aussage ist nicht logisch, wenn sich die Frage, ob es einen intertextuellen Verweis auf Momo gibt oder nicht, nicht ohne Festlegung beantworten lässt. Diese Festlegung ist eine Setzung die richtig von falsch unterscheidbar macht.Weniger enerviert wäre ich von der Formulierung gewesen, dass aus Deiner Sichtweise kein intertextueller Verweis auf Momo vorliegt.“ Eine Stilfrage, dachte ich. Irgendwie fand ich es gut, dass sich jemand so stark für einen sauberen Diskussionsstil einsetzt. Auch wenn er sich dabei, sagen wir, im Ton vergreift. Ein anderer Twitterer sprang mir bei. Er verlangte von dem zornigen Intellektuellen eine Entschuldigung. Man sollte die sozialen Medien da nicht unterschätzen, dachte ich. Und prompt kam eine Entschuldigung: „Dennoch möchte ich mich entschuldigen.“ Aber je länger ich darüber nachdachte, desto unangemesser kam mir die Art der Zurechtweisung vor. Bei einer angenehm trivial dahin plätschernden nichtig-popkulturellen Diskussion über „Momo“ und eine amerikanische Fernsehserie (!) wird einer ohne Vorwarnung ausfällig. Die Ursache schob er der Twitterer schließlich noch nach: „So verhalte ich mich ausschließlich Lehrer_Innen gegenüber.“ Einer der auf Twitter gendert (Lehrer_Innen) und semantische Satz-Analysen vornimmt, gesteht, dass er gegenüber Lehrer_Innen immer ausfällig wird. Geschlechtergerechtigkeit ja, Lehrergerechtigkeit nein? Das fand ich schockierend. Ich war Opfer einer Form von gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit geworden. Es ging nicht um mich. Es ging um ein Vorurteil. Ich wurde nicht als Ens Oeser gesehen, der gern den billigst-naheliegenden Witz macht und am liebsten über popkulturelle Nichtigkeiten schwadroniert. Sondern als Lehrer im Allgemeinen. So wie man über DIE Flüchtlinge, DIE Frauen oder DIE Politiker spricht. Der zorinige Intellektuelle unterstelle mir lehrerhafte Rechthaberei. Er drückte mir so eine Art geistigen Rotstift in die Hand. Meine Güte, dachte ich, das ist krass. Lehrerhass und Lehrerspott sind allgemein anerkannt. Damit bin ich  oft konfrontiert. Lehrer sind faul, Lehrer haben dauernd Ferien und der ganze Blabla-Quatsch. Es ist ein Stereotyp, gegen den nichts auszurichten ist. Auf Jetzt.de ist ein kluger Artikel zu diesem Thema erschienen. Die Autorin Nadja Schlüter führt darin 5 Gründe für den Lehrerhass auf:

  1. Jeder kennt Lehrer und glaubt deshalb über sie Bescheid zu wissen. An was erinnert man sich aus der eigenen Schulzeit? Natürlich an die schlimmen Lehrer.
  2. Die Erwartungen an die Lehrer sind zu groß. Das kenne ich auch von Adorno. Das Kind setzt so große Erwartungen in die Allwissenheit und Allmacht des Lehrers, dass es nur enttäuscht werden kann. Ein pädaogogischer Ödipus-Komplex?
  3. Lehrer sind tatsächlich überfordert. Nicht mit zu viel Arbeit, sondern mit „Beziehungsproblemen“ bei aufmüpfigen Klassen, schwierigen Schülern, schwierigen Eltern und anstrengenden Kollegen.
  4. Das Beamtentum ansich hat einen schlechten Ruf.
  5. Und: Keiner weiß, was Lehrer tatsächlich machen. Manchmal, direkt nach einer Klassenarbeit fragen Schüler: „Und wie ist die Arbeit ausgefallen?“ Und wenn ich dann sage: „Bevor ich darauf antworte, sollte ich sie erst korrigieren“ gucken mich die Kinder irritiert an.

Gefoppt worden wegen meines Berufes bin ich schon oft. Das ist aber auch immer ein bisschen liebevoll-nachsichtig. Aber ernst gemeint auf einen miesen Lehrerwitz reduziert zu werden, das ist mir noch selten passiert. „Lehrer kriegen von vielen Seiten Prügel„, hat ja erst jüngst der Ex-Lehrer Winfried Kretschmann geäußert.
Auch der selige Intellektuellen-Säulenheilige Adorno hat sich klug und ausführlich über Lehrer ausgelassen. Der Lehrerberuf werde von der Gesellschaft nicht ernst genommen, fand er. Seltsamerweise gäbe es sogar bei Lehramt-Studenten einen unerklärlichen Widerwillen gegen den eigenen künftigen Beruf. Diese Verachtung, glaubte Adorno, habe ihre Wurzeln noch in der feudalen Gesellschaft. Sie entspringe dem Ressentiment des Kriegers gegenüber dem Hauslehrer. Der Lehrer galt als besserer Diener. Der Bourgeois aber bevorzugte Juristen und Ärzte, weil sie nicht der sorglos versorgten Beamtenhierarchie angehörten. Wie echte Männer setzen sie sich dem freien Konkurrenzmechanismus des Marktes aus.
Lehrern wird gerne manische Besserwisserei unterstellt. Der Lehrer ist einer, der einen ständig belehrt. Und es scheint für viele Menschen ein Zeichen des Erwachsenwerdens zu sein, sich von der angeblichen Besserwisserei der Lehrer zu emanzipieren. Der, der früher alles besser wusste, wird jetzt klein gemacht und bezwungen. Ist das so eine Art pädagogischer Ödipuskomplex (polýplokes ekpaideftikés Oidípous)?
Eventuell hat der Hass auch damit zu tun, dass angenommen wird, wir lebten in einer Wissensgesellschaft. Und die hat das Konzept „Autorität“ insgesamt ins Wanken gebracht. Der Soziologe Armin Nassehi sieht das so: „Autorität ist allgemein in einer Krise – und manche Respektlosigkeiten von Schülern werden an den Elternsprechtagen  verständlicher, weil dann die Vorbilder der lieben Kleinen kommen. Es gibt dafür viele Gründe – einer unter vielen anderen ist, dass Autorität durchaus ein kritikwürdiges Konzept geworden ist. Im Klartext: Wer als Lehrer womöglich beigebracht bekommt, dass kommunikative Verflüssigung, Überzeugung und Innenleitung besser ist als eine bestimmte Form von Autorität, wird diese kaum einsetzen können, wenn es drauf ankommt. Das ist kein Plädoyer für einen autoritären Stil – im Gegenteil. Es ist ein Plädoyer dafür, dass man Lehrerinnen und Lehrer mit der Autorität des Entscheidens, der Durchsetzung von Standards, auch des produktiven Einsatzes von Asymmetrie ausstattet. Dazu bedarf es aber politischer, pädagogischer und organisatorischer Rückendeckung.“
In der bitteren Komödie „Frau Müller muss weg“ wird noch ein weiterer Grund für Lehrerhass angedeutet. Für manche Eltern sind Kinder vor allem ein prestige-trächtiges Projekt. Und kein Lehrer sollte es wagen, sich bei diesem Projekt quer zu stellen.
Tja und zu guter Letzt. Eventuell wäre es tatsächlich möglich, dass manche Lehrer_Innen Arschlöcher sind. Aber , wer weiß das schon von sich selber? Und wer glaubt es, wenn es einem gesagt wird? Außer vielleicht Christian der Nominator. Aber den kennt doch kein Mensch mehr.

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11 Fragen an den Musikjournalismus

Die Musikpresse kommt mir manchmal vor wie GALA oder BUNTE mit Musikschwerpunkt. Und weil ich keine Lust mehr habe, mich selber zu fragen, woran das liegt, frage ich jetzt einfach die Musikpresse selber.

  1. Ist mystifizierende Heldenverehrung nötig? #Geniekult
  2. Warum müssen Anti-Helden so schlimm geprügelt werden? (z.B. Modern Talking…)
  3. Sind typische musikjournalistische Stil-Schrullen zwingend? („Die Herren Gallagher…“)
  4. Gehört die mystifizierend-bewundernde Verharmlosung von Drogenkonsum bei der Musikproduktion zwingend dazu?
  5. Ist das Ausschlachten trauriger und normaler Todesfälle wirklich nötig? (Chris Cornell kenne ich erst seit seinem traurigen Tod)
  6. Ist Ehegatten-Bashing überhaupt noch Musikjournalismus (Yoko Ono, Courtney Love, Linda McCartney…)
  7. Wozu brauche ich die 10 besten Songs von Prince und die 1000 besten David Bowie Videos?
  8. Kann man Musikkritik an Maßstäben ausrichten, die nicht subjektiv bewerten, sondern intersubjektiv beschreiben? Meinung ja. Verriss nein.
  9. Wie soll man mit den Meinungen von Musikern umgehen? (Xavier Naidoo…)
  10. Ist Musikpresse soetwas wie der Kicker für Musikfans? Also für Fans?
  11. Wenn Musikerinnen sich ausziehen, muss ich dann in der Musikpresse darüber informiert werden?

Welchen Anspruch hat der Musikjournalismus? Dass man als Musikjournalist eine Meinung hat ist klar. Aber mit welchem journalistischen Ethos mache ich mich an meine Texte?

Vor über einem Jahr wurde von Zündfunk ein Artikel mit dem Titel Musikjournalismus 2016 veröffentlich. Er enthalt 13 Fragen an den Musikjournalismus. Diese waren Auslöser dieses Textes.

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Lernen von Han Solo

Ich habe Kollegen, die sind unter dreißig Jahre alt. Die sind ganz anders popkulturell sozialisiert als ich. Sie sagen „Star Wars“ statt „Krieg der Sterne“. Und sie finden das ernsthaft gut. Rätselhaft.
Neulich habe ich in der großen Pause erzählt, dass ich einen Artikel über einen Lehrer-Roboter gelesen habe. Er heißt Nao und ist angeblich in über 7000 Schulen bereits im Einsatz. Er sieht sehr niedlich aus, beherrscht 19 Sprachen und verändert die Farbe seiner Augen, um damit Empfindungen auszudrücken. Aber das ist noch nicht alles! Er kann auch die Empfindungen der Kinder in ihren Gesichtern ablesen. Und je nach Gesichtsausdruck, motiviert er die Kinder mit einer passenden Ermuterung zum Weiterlernen. Die Wissenschaftler, die den Roboter gebaut haben, glauben sogar herausgefunden zu haben, dass die Kinder auf Kritik von dem Roboter besser reagieren, als auf die von einem menschlichen Lehrer.
„Was sind das für Leute, diese Wissenschaftler“, beschwerte sich ein junger Kollege, „was haben die denn für ein Bild vom Lehrerberuf?“ Das fragte ich mich auch und nickte. „Die stellen sich vor, dass Lehrer so eine Art C3PO sind“, erklärte er. C3PO, erinnerte ich mich, ist der goldene, dauerjammernde Roboter aus den Star-Wars-Filmen. Vom Typ her zwischen Butler und verwirrtem Wissenschafter. C3PO geht immer davon aus, dass alles schief gehen wird. Also eher der Typ Gymnasiallehrkraft.
„Was würde dieser C3PO-Verschnitt denn machen, wenn ihm ein Schüler blöd kommt?“, ereiferte sich der junge Mensch mit hochgezogenen Augenbrauen. Er imitierte die unbeholfenen Bewegungen des Roboters uns stotterte: „Herr Rektor, Herr Rektor, der Schüler hat gesagt, dass ich ihn mal kann, ohjeh, ohjeh, was nun?“
Aber Lehrer, trumpfte der Kollge jetzt auf, seien nicht wie C3PO! Er macht eine kleine, spannungssteigernde Pause. „Lehrer sind eher wie Han Solo!“
„Genau!“, rief ich begeistert. Das war doch mal ein Vergleich. Han Solo ist Schmuggler. Da er sämtlich Ganoven der gesamten Galaxis schon mal übers Ohr gehauen hat, ist er ständig. Umzingelt von Inkasso-Killern sagt Han Solo oft Sätze wie: „Ich verspreche dir, dass du dein Geld auf jeden Fall kriegst.“ Dabei sucht er mit flinken Augen schon den nächsten Fluchtweg. Han Solo hat tausend Ausreden auf Lager. Aber er weiß dabei immer, dass er nur so lange reden muss, bis ihm irgend ein anderer Ausweg einfällt.  Kein Held. Ein Überlebenskünstler.
Genau wie die Lehrer. Notenabgabetermine („Du kriegst die Noten morgen, spätestens übermorgen…“), verschleppte Korrekturen („Ach Kinder, jetzt hab ich die Arbeiten auf dem Schreibtisch liegen lassen…“), verpasste Konferenzen („Gestern? Eine Konferenz? Das tut mir leid, das hab ich wohl vergessen…“), Elterngespräche („Nein, wirklich, sie hat große Fortschritte gemacht, seit wir das letzte mal zusammen gesessen haben, allerdings …“).
„Stimmt“, sage ich zu dem Kollegen, „aber diesen C3PO-Nao könnte ich trotzdem auch gut brauchen.“ Der Kollege macht ein Hä?-Gesicht. „Ich unterrichte“, sage ich, „und der korrigiert für mich, füllt die Reisekosten aus, führt schwierige Elterngespräche und zeigt den Eltern durch seine Augenfarbe Empfindungen an oder steht bei den Bundesjugendspielen an der Sprunggrube – wär doch super!“
Da lacht der junge Kollege. „Möge die Macht und so!“, kichert er.

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Das Lehrer-Gen

Im ersten Semester meines Studiums an der PH saß ich in einer Veranstaltung mit dem Titel „Horrorjob Lehrer?“ Der Dozent war ein Psychologe. „Wenn ihre Eltern Lehrer sind“, sagte er freundlich, „dann heben sie doch bitte jetzt die Hand!“ Über die Hälfe der Teilnehmer meldeten sich. „Sehen sie“, meinte der Psychologe und schaute sich grinsend um, „Lehrer ist kein Beruf, Lehrer ist eine Erbkrankheit.“
Wir lachten höflich und auch ein bisschen verstört. Was wollte der Mann uns sagen?
Mein Vater war nämlich Schreiner. Und manchmal, wenn ich als Schüler gerade Ferien hatte, da meinte er, dass er vielleicht doch hätte Lehrer werden sollen. Aber sein Vater, also mein Großvater, war tatsächlich Lehrer. Der erste Lehrer der Familie. Vorher waren sie alle Bäcker gewesen.
„Manchmal“, fuhr der Dozent fort, „überspringt das Lehrergen auch eine Generation.“
Bis zu dieser Veranstaltung hatte ich gedacht, ich sei aus freiem Willen Lehrer geworden. Und jetzt sagte mir dieser intellektuelle Turnschuh- und Goldkettchen-Psychologe, dass ich ein Lehrer-Gen in mir trage. Irgendwie fand ich das demütigend.
Denn während meiner Schulzeit war ich mir ziemlich sicher gewesen, dass ich Rockstar werden würde. Einen Plan, den ich auch als junger Erwachsener und Student noch nicht so richtig aufgegeben hatte. Rockstar hatte viel mehr Glamour als Lehrer. Im Laufe meines Studiums kamen aber noch andere Berufsideen dazu. Hauptsächlich die, ein wichtiger Intellektueller zu werden. Als Philosoph beispielsweise. Oder als Schriftsteller. Oder als freier Mitarbeiter des Lokalteils meines Heimatortes. Und immerhin diesen Teil konnte ich umsetzen. Ich ging als Reporter zum AWO-Altennachmittag, zum Gurkenfest in der Kleingartenanlage, zur Jahreshauptversammlung der CB-Funker und zum jährlichen Theaterstück der Dorffeuerwehr. Es war toll. Aber so richtig Journalist werden wollte ich dann doch nicht. Stattdessen wurde ich wie von magischer Hand geleitet zum Lehrer. Aber an die Sache mit der Lehrer-Gen glaubte ich trotzdem nicht.
Jetzt war ich neulich beim Klassentreffen meiner Abiturklasse. Mein Abi ist 25 Jahre her. Viele meiner damaligen Mitschüler habe ich tatsächlich 25 Jahre lang nicht gesehen. Deswegen war ich richtig aufgeregt.
Ich kam als letzter an. Sie standen alle schon vor der Wirtschaft. Als sie mich sahen, gab es ein großes „Hallo“. Das war mir ein bisschen peinlich. Damals, nach dem Abiball, hatte sie mir alle eine große Zukunft als Schauspieler prophezeit. Ich hatte beim Abifest einen kleinen Auftritt, bei dem ich unsere Lehrer imitiert hatte.
Jetzt also standen sie mir gegenüber und musterten mich. „Nein“, rief Mike mit dem ich auch bei der Bundeswehr gewesen war, „sag nichts, ich weiß, was du jetzt machst…“ Jetzt würde er sagen, dass ich wie ein „Philosoph“ oder „Journalist“ aussah. Jedenfalls hoffte ich das. Gleichzeitig ärgerte ich mich darüber, dass ich die doofe Fleece-Jacke, das karierte Hemd, die Jeans und die Treckingschuhe angezogen hatte. „Zugelegt hast du auch“, raunte Mike, während die anderen gespannt auf seine Deduktion warteten. Dann lächelte er wissend.
„Du bist Lehrer“, rief er, „stimmts?“ Als ich augenrollend nickte, brach fröhlicher Jubel los. Irgendjemand rief „War ja klar!“
Nicht zu fassen! Jetzt sieht man mir das schon an. Das muss das bescheuerte Lehrer-Gen sein, dachte ich verzagt. Und für ein paar Stunden glaubte ich nicht mehr an den freien Willen.
Später am Abend erzählte mir Mike, dass er schon vorher gewusst habe, dass ich Lehrer geworden sei. Aber, versicherte er mir, er hätte es auch so erraten. „Hey“, rief er und schwenkte sein Weizenglas, „du siehst so derart nach Lehrer aus!“ Ich glaubte ihm kein Wort.

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„Wir wählen die Pädagogische Freiheit!“

„Der Mensch ist zur Freiheit verurteilt“, rief einst der französische Philosoph Jean-Paul Sartre. Nicht aber der Lehrer. „Es ist gerichtlich bestätigt, dass es keine pädagogische Freiheit als subjektives Recht gibt.“ Das hat Kultusministerin Susanne Eisenmann gesagt. Wir Pädagogen in Baden-Württemberg sind zur Verantwortung verurteilt. Ein Schulleiter, dessen Name hier nicht genannt werden soll, sagt das gerne noch expliziter: „Es gibt keine pädagogische Freiheit, Punkt!“ Davon stehe nämlich nichts im Schulgesetz. Da sei nur die Rede von „unmittelbarer pädagogischer Verantwortung.“ Vielleicht liegt das an der „Furcht vor der Freiheit“, die der linke Sozialwissenschaftler Erich Fromm einst der autoritären Persönlichkeit attestierte? Und Minister und Rektoren sind ja wohl Autoritäten, oder?
Mit dem Schulleiter, dessen Name hier nicht genannt werden soll und der nicht der Schulleiter meiner Schule ist, habe ich mal darüber diskutiert. Und da war ich froh, dass ich beim Studium an der PH gut aufgepasst habe. Verantwortung, habe ich gesagt, setze immer Freiheit voraus.
„Pädagogische Freiheit“! Das klingt doch total kreativ, wild und frei. Als wäre der Lehrer ein Künstler. In Baden-Württemberg herrscht akuter Lehrermangel. Und das Kultusministerium druckt doch immer so schöne Prospekte mit Fotos von Lehrern, die auf Metaplankarten zeigen. Wenn da jetzt drunter stehen würde „Werde Lehrer! Genieße deine pädagogische Freiheit!“, die jungen Leute würden an den Pädagogischen Hochschulen die Türen einrennen. Liberte toujour!
Man kann aber auch einen verkniffenen Typen mit Peter-Hauk-Brille beim Korrigieren von Rechtschreibfehlern abbilden und drunter in goldenen Lettern folgendes Zitat von Susanne Eisenmann abdrucken: „Wir legen landeseinheitliche Zielsetzungen fest, sei es im Bildungsplan, durch Erlasse oder Verwaltungsvorschriften. Das ist rechtlich völlig unbestritten. Bei der Umsetzung im Einzelnen vertrauen wir den Lehrern.“ Bürokrat toujour! Man wünscht sich ja fast schon die FDP zurück. Die hatten immerhin noch Freiheit im Programm.
Der Schulleiter sagt immer, dass ihm die Lehrer am liebsten seien, die er gar nicht wahrnehme. Mit denen habe er nämlich keinen Stress. Die täten einfach das, was sie sollen. So ähnlich sieht Susanne Eisenmann das bestimmt auch.
Ich habe dem Schulleiter dazu folgendes gesagt: Ich finde, dass Lehrer ein kreativer Handwerksberuf ist. Wir sind Performance-Künstler. Jede Woche von Montag bis Freitag. Mit einem kritischen Publikum. Und den Eltern vom Publikum müssen wir es auch noch recht machen. Pädagogische Freiheit ist so etwas wie künstlerische Freiheit. Der Sozialistische Realismus war eine ziemlich langweilige, staatlich gelenkte Kunst. Picasso war wild und frei. Kunst braucht Freiheit! Ich glaube Frau Eisenmann stellt sich in ihren Schulen so eine Art Eisenmann’schen pädagogischen Realismus vor. Ich bin dagegen.

Freiheit first! – Manifest für Pädagogische Freiheit
Liebe Frau Eisenmann! Um mal Ihren Chef, den Ministerpräsidenten Kretschmann zu zitieren: „Dieses ständige Gemotze muss aufhören!“ Ihr ehemaliger Chef-Chef, der Ex-Bundespräsident Gauck hat in Philosophie auch gut aufgepasst. Er hat nämlich gesagt: „Freiheit heißt Verantwortung.“
In Hessen beispielsweise, da orientieren sie sich am gauck’schen Freiheits-Axiom. Da steht im Schulgesetz: „Die Lehrkräfte erziehen, unterrichten, beraten und betreuen in eigener Verantwortung und pädagogischer Freiheit …“ In Baden-Württemberg dagegen: Wir können alles, außer Hessisch!
Frau Eisenmann, Sie verletzen meine Gefühle. Ich bin ein empfindsamer, einfühlsamer pädagogischer Kunsthandwerker. Sie sind doch jetzt Vorsitzende der Kultusministerkonfernz. Fragen Sie doch beim nächsten Treffen ihren hessischen Kollegen Alexander Lorz, wie man das macht mit der Pädagogischen Freiheit.
Anerkennung steigert die Arbeitskraft. Muss ich Ihnen ja nicht sagen. „Madam, gewähren sie pädagogische Freiheit!“ Das würde uns Lehrer glücklich machen.

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Körperertüchtigung


In den 80er Jahren war es en Vogue, sich über Bodybuilder lustig zu machen. Sport insgesamt war irgendwie blöd. Weil auch mein Sportlehrer irgendwie blöd war. Und dann die Fußballer! Schnauzbärte, Vokuhila-Frisuren und diese ganz knappen Adidas-Höschen. Es war alles ziemlich peinlich. Warum hätte ich Sport machen sollen? Es war uncool.
Cool war mein Vorbild Werner Enke. Enke war der Rudi Dutschke des Neuen Deutschen Films in den Sechzigern. Der berühmteste davon ist „Zur Sache Schätzchen“. Enke jedenfalls zeichnete sich durch eine verschlafene, nahezu lethargische Gleichgültigkeit aus, von der ich fand, dass sie auch mir gut stehen würde. Und so nahm ich seine Filmsprüche „Das ist mir zu viel Action“ und „Der alte Schwung is‘ hin, dazu bin ich viel zu abgeschlafft“ in meinen Umgangs-Phrasenapparat auf.

Dazu kam dann auch noch, dass meine Mutter immer zu mir sagte: „Du kannst essen, was du willst, du nimmst einfach nicht zu.“ Also aß ich, was ich wollte und nahm tatsächlich nicht zu.
Meine Freunde versteckten ihre Hanteln unter ihrem Bett, wenn ich sie besuchte, damit ich sie nicht verspottete. Ich lag hauptsächlich herum und ersparte mir jede körperliche Anstrengung. So jedenfalls will es meine Erinnerung.
Mit den Toten Hosen trat dann Ende der 80er Jahre das Bier in mein Leben. Bis dahin war das Bier etwas, das die alten Männer auf den Bierfesten tranken. Dann gingen sie aufs Klo, stützten sich mit einer Hand an der Wand ab, klemmten die Zigarette zwischen die Zähne und pinkelten per Einhandtechnik. Die Abstützhand war wegen des fünften Bieres nötig. Aber die Toten Hosen machten das Bier cool. „Ja sind wir im Wald hier“, gröhlten sie, „wo bleibt unser Altbier…“ und das Pseudo-Anti-Alkohol-Lied „Und die Jahre ziehen ins Land und wir trinken immer noch ohne Verstand, denn eins das wissen wir ganz genau, ohne Alk, da wäre der Alltag zu grau“. Wie so vieles im meinem Leben, nahm ich auch diesen Unfug für bare Münze. Das Bier und ich wurden sofort Freunde. Die heitere Unbefangenheit, die man mit einer Flasche Bier erlangte, schien mir etwas zu sein, was ich immer schon gesucht und nie gefunden hatte.

Dass das nicht ewig so weitergehen konnte, hätte mir erstmals bei der Musterung klar werden können. „Sie sind eher der gemütliche Typ, was?“, sagte die Militärärztin mäßig erheitert beim Anblick meines nackten Hinterns. Aber ich hatte keine Zeit darüber nachzudenken, weil ich ja noch in diesen Becher pinkeln musste.
Am Ende der Grundausbildung hatte ich das Läuferabzeichen erworben. Meine Mutter nähte es mir an meinem Bundeswehr-Jogginganzug fest. Man bekam es, wenn man fünf Kilometer ohne Zwischenstopp joggen konnte. Allerdings hatte ich bei der Bundeswehr auch das Säuferabzeichen erworben und gelernt mindestens fünf Bier am Abend ohne Zwischenstopp zu trinken. So glich sich das dann wieder aus.
Vor allem aber hatte ich beim Millitär gelernt, dass Körperertüchtigung mit großer Anstrengung verbunden war, auf die ich sofort nach dem Ende meiner Dienstzeit freiwillig verzichtete.
Während des Studiums aß ich praktisch nichts. Da fiel das mit dem Sport noch nicht so auf. Aber dann ging es los. Ich aß, was ich wollte und wurde immer dicker. Wer arbeitet, der muss auch essen. Jedenfalls wiege ich heute, in verschiedenen Anschwellformen bis zu zwanzig Kilo mehr als damals.
Ich muss jetzt oft an meinen Mathelehrer denken, der immer zuerst einen roten Kopf bekam, dann „Moment!“ sagte und dann seine Tabletten einwarf. Ich muss an meine Mutter denken, die stöhnte: „Also heit hab‘ I’s wieder so im Kreiz!“ Und an all die alten Leute mit ihren Beschwerden und Wehwechen.
Heute sehe ich nicht mehr aus wie Werner Enke. Eher wie Heinz Erhard. Der ist ja immerhin auch lustig.
Was habe ich daraus gelernt? Bescheidenheit. Ich fahre jetzt immer mit dem Fahrrad zur Arbeit. Rüstige Rentner rasen mit ihren E-Bikes an mir vorbei und grüßen freundlich. Einige Kollegen kleiden sich in diese hautengen neonfarben leuchtenden Taucheranzüge für Fahrradfahrer und rauschen in einem Affentempo an mir vorbei. Wenn ich soetwas anziehen würde, ich sähe aus wie Presswurst. Wahrscheinlich filmen sie mich mit ihren Helmcams, wie ich mit meinem Altherrenrad das Hügelchen hinaufkeuche.
Im Sommer ging ich ab und zu früh Morgen ins Freibad zum Schwimmen. Auch dort zog ich meine Bahnen im Kielwasser von Hochleistungs-Renten-Schwimmern.
Vor allem habe ich gelernt, dass genau das, was ich am ernstesten nehme, sich in nächster Zukunft als das absolut Falsche erweisen wird. Wie ich damit umgehen soll, weiß ich auch nicht so genau. Wir werden sehen.

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Sicherheit an Grundschulen


Mein Sohn geht in die Grundschule. Bisher hatte ich damit keine Sorgen. Aber seit dem neusten Rundschreiben des Kultusministeriums mache ich mir Sorgen.
„Mit Rundschreiben reagieren wir meistens auf aktuelle Probleme, um sie schnell und unbürokratisch zu beheben.“ Das hat mir bei einer Fortbildung ein Kultus-Ministerialer-Mensch anvertraut. Wenn das wahr ist, dann muss an den baden-württembergischen Grundschulen gerade die Hölle los sein.
„Sicherheit an Grundschulen“ heißt das Rundschreiben 12/82, das im April die Schulleitungen erreicht hat. Und als besorgter Vater denkt man jetzt natürlich: Sicherheit? Dann stimmt irgendwas nicht. Aber was? In dem Rundschreiben geht es unter anderem um „Experimente mit Teelichtern und Kerzen“. Die Lehrpersonen bekommen nützliche Hinweise: „In die Flamme dürfen nur Materialien gehalten werden, welche durch die Lehrkraft ausgewählt wurden.“ Was bedeutet dieser Satz im Umkehrschluss, wenn es stimmt, was der Mensch vom Ministerium gesagt hat? Irre Laissez-Faire Kindertanten und –onkels rufen den ihnen anvertrauten Kindern zu: „So, jetzt haltet mal irgendwas, was ihr gerade so findet ins Feuer und guckt, was passiert!“?
Bei „Experimente zum elektrischen Strom“ werden die Lehrpersonen darauf hingewiesen, dass die Kinder höchstens mit 9 Volt-Batterien experimentieren dürfen. Doch Vorsicht! Auch hier droht Gefahr: „Dabei ist vor Aufnahme des Experiments sicher zu stellen, dass sich keine Batteriesäure an den Batterien befindet.“ Und auch der Umwelt droht Gefahr: „Verbrauchte Batterien werden über Sammelstellen dem Sondermüll zugeführt.“ Heißt das jetzt es gibt verrückte Grundschullehrkräfte, die ihre Schüler mit Stahlnägeln an Steckdosen experimentieren lassen? Oder noch schlimmer, Batterien nicht ordnungsgemäß entsorgen?
Aber das Rundschreiben „Sicherheit an Grundschulen“ ist damit noch lange nicht am Ende: Mit Geschirrspülmittel dürfen Schüler ausschließlich: Geschirrspülen! Welcher Vorfall, so frage ich mich, war die Ursache für diesen Hinweis?
Aber die wahre Hölle droht in der Natur. Oder, pädagogisch gesprochen, im Schulgarten. „Bei gärtnerischen Arbeiten ist naturgemäß ein ständiger nicht gezielter Umgang mit biologischen Arbeitsstoffen (z. B. Viren, Bakterien, Pilze und Würmer) gegeben.“ Viren! Bakterien! Pilze! Würmer! Hilfeeee! Die armen Kinder! Und das nennen die beim KuMi „biologische Arbeitsstoffe“? Ich glaube mein Wurm pfeift!
Jetzt habe ich mal recherchiert. In den vergangenen drei Jahren gab es keine Schulen, die infolge eines Feuerexperimentes niedergebrannt sind. Adventskränze, technische Defekte, brennende Autos in der Tiefgarage kommen immer wieder als Brandursache vor. Experimente: nie. Auch sind keine Grundschüler durch Experimente mit Strom zu Schaden gekommen. Oder, weil sie durch Batteriesäure verätzt worden wären. Es gab keinen nennenswerten Zwischenfall mit Geschirrspülmittel und auch nicht im Schulgarten.
Wenn also nichts passiert ist, dann freut mich das als Vater natürlich. Aber als Lehrer frage ich mich, was dann der Grund für dieses Rundschreiben ist? Hält das KuMi die Grundschullehrkräfte einfach so für doof?
Vielleicht ist das Rundschreiben „Sicherheit an Grundschulen“ so etwas wie die legendäre „Zentrale Dienstvorschrift 3/11“ der Bundeswehr. In dieser ZDv wird das Verhalten des Soldaten im Felde geregelt. Es gab dort so legendäre Hinweise wie: „Bei Einbruch der Dämmerung ist mit Dunkelheit zu rechnen.“ Oder „Bei Schnee und Frost ist mit auftretender Kälte zu rechnen.“ Angeblich gab es dort auch den wunderbaren Satz: „Bei Erreichen des Baumwipfels hat der Soldat die Kletterbewegungen selbständig einzustellen.“
Als ich in der Grundausbildung war, erklärte uns der furchterregende Feldwebel Klein die Notwendigkeit dieser Vorschriften folgendermaßen: „Als Soldat denken sie nicht, sie befolgen Befehle und Dienstvorschriften, haben sie das verstanden?“ Hatten wir.
Aber was soll ich denn jetzt denken, was das Kultusministerium mit dem Rundschreiben 3/11 „Sicherheit an Grundschulen“ will? Kann mir da mal jemand helfen?

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