Lernen von Han Solo

Ich habe Kollegen, die sind unter dreißig Jahre alt. Die sind ganz anders popkulturell sozialisiert als ich. Sie sagen „Star Wars“ statt „Krieg der Sterne“. Und sie finden das ernsthaft gut. Rätselhaft.
Neulich habe ich in der großen Pause erzählt, dass ich einen Artikel über einen Lehrer-Roboter gelesen habe. Er heißt Nao und ist angeblich in über 7000 Schulen bereits im Einsatz. Er sieht sehr niedlich aus, beherrscht 19 Sprachen und verändert die Farbe seiner Augen, um damit Empfindungen auszudrücken. Aber das ist noch nicht alles! Er kann auch die Empfindungen der Kinder in ihren Gesichtern ablesen. Und je nach Gesichtsausdruck, motiviert er die Kinder mit einer passenden Ermuterung zum Weiterlernen. Die Wissenschaftler, die den Roboter gebaut haben, glauben sogar herausgefunden zu haben, dass die Kinder auf Kritik von dem Roboter besser reagieren, als auf die von einem menschlichen Lehrer.
„Was sind das für Leute, diese Wissenschaftler“, beschwerte sich ein junger Kollege, „was haben die denn für ein Bild vom Lehrerberuf?“ Das fragte ich mich auch und nickte. „Die stellen sich vor, dass Lehrer so eine Art C3PO sind“, erklärte er. C3PO, erinnerte ich mich, ist der goldene, dauerjammernde Roboter aus den Star-Wars-Filmen. Vom Typ her zwischen Butler und verwirrtem Wissenschafter. C3PO geht immer davon aus, dass alles schief gehen wird. Also eher der Typ Gymnasiallehrkraft.
„Was würde dieser C3PO-Verschnitt denn machen, wenn ihm ein Schüler blöd kommt?“, ereiferte sich der junge Mensch mit hochgezogenen Augenbrauen. Er imitierte die unbeholfenen Bewegungen des Roboters uns stotterte: „Herr Rektor, Herr Rektor, der Schüler hat gesagt, dass ich ihn mal kann, ohjeh, ohjeh, was nun?“
Aber Lehrer, trumpfte der Kollge jetzt auf, seien nicht wie C3PO! Er macht eine kleine, spannungssteigernde Pause. „Lehrer sind eher wie Han Solo!“
„Genau!“, rief ich begeistert. Das war doch mal ein Vergleich. Han Solo ist Schmuggler. Da er sämtlich Ganoven der gesamten Galaxis schon mal übers Ohr gehauen hat, ist er ständig. Umzingelt von Inkasso-Killern sagt Han Solo oft Sätze wie: „Ich verspreche dir, dass du dein Geld auf jeden Fall kriegst.“ Dabei sucht er mit flinken Augen schon den nächsten Fluchtweg. Han Solo hat tausend Ausreden auf Lager. Aber er weiß dabei immer, dass er nur so lange reden muss, bis ihm irgend ein anderer Ausweg einfällt.  Kein Held. Ein Überlebenskünstler.
Genau wie die Lehrer. Notenabgabetermine („Du kriegst die Noten morgen, spätestens übermorgen…“), verschleppte Korrekturen („Ach Kinder, jetzt hab ich die Arbeiten auf dem Schreibtisch liegen lassen…“), verpasste Konferenzen („Gestern? Eine Konferenz? Das tut mir leid, das hab ich wohl vergessen…“), Elterngespräche („Nein, wirklich, sie hat große Fortschritte gemacht, seit wir das letzte mal zusammen gesessen haben, allerdings …“).
„Stimmt“, sage ich zu dem Kollegen, „aber diesen C3PO-Nao könnte ich trotzdem auch gut brauchen.“ Der Kollege macht ein Hä?-Gesicht. „Ich unterrichte“, sage ich, „und der korrigiert für mich, füllt die Reisekosten aus, führt schwierige Elterngespräche und zeigt den Eltern durch seine Augenfarbe Empfindungen an oder steht bei den Bundesjugendspielen an der Sprunggrube – wär doch super!“
Da lacht der junge Kollege. „Möge die Macht und so!“, kichert er.

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Das Lehrer-Gen

Im ersten Semester meines Studiums an der PH saß ich in einer Veranstaltung mit dem Titel „Horrorjob Lehrer?“ Der Dozent war ein Psychologe. „Wenn ihre Eltern Lehrer sind“, sagte er freundlich, „dann heben sie doch bitte jetzt die Hand!“ Über die Hälfe der Teilnehmer meldeten sich. „Sehen sie“, meinte der Psychologe und schaute sich grinsend um, „Lehrer ist kein Beruf, Lehrer ist eine Erbkrankheit.“
Wir lachten höflich und auch ein bisschen verstört. Was wollte der Mann uns sagen?
Mein Vater war nämlich Schreiner. Und manchmal, wenn ich als Schüler gerade Ferien hatte, da meinte er, dass er vielleicht doch hätte Lehrer werden sollen. Aber sein Vater, also mein Großvater, war tatsächlich Lehrer. Der erste Lehrer der Familie. Vorher waren sie alle Bäcker gewesen.
„Manchmal“, fuhr der Dozent fort, „überspringt das Lehrergen auch eine Generation.“
Bis zu dieser Veranstaltung hatte ich gedacht, ich sei aus freiem Willen Lehrer geworden. Und jetzt sagte mir dieser intellektuelle Turnschuh- und Goldkettchen-Psychologe, dass ich ein Lehrer-Gen in mir trage. Irgendwie fand ich das demütigend.
Denn während meiner Schulzeit war ich mir ziemlich sicher gewesen, dass ich Rockstar werden würde. Einen Plan, den ich auch als junger Erwachsener und Student noch nicht so richtig aufgegeben hatte. Rockstar hatte viel mehr Glamour als Lehrer. Im Laufe meines Studiums kamen aber noch andere Berufsideen dazu. Hauptsächlich die, ein wichtiger Intellektueller zu werden. Als Philosoph beispielsweise. Oder als Schriftsteller. Oder als freier Mitarbeiter des Lokalteils meines Heimatortes. Und immerhin diesen Teil konnte ich umsetzen. Ich ging als Reporter zum AWO-Altennachmittag, zum Gurkenfest in der Kleingartenanlage, zur Jahreshauptversammlung der CB-Funker und zum jährlichen Theaterstück der Dorffeuerwehr. Es war toll. Aber so richtig Journalist werden wollte ich dann doch nicht. Stattdessen wurde ich wie von magischer Hand geleitet zum Lehrer. Aber an die Sache mit der Lehrer-Gen glaubte ich trotzdem nicht.
Jetzt war ich neulich beim Klassentreffen meiner Abiturklasse. Mein Abi ist 25 Jahre her. Viele meiner damaligen Mitschüler habe ich tatsächlich 25 Jahre lang nicht gesehen. Deswegen war ich richtig aufgeregt.
Ich kam als letzter an. Sie standen alle schon vor der Wirtschaft. Als sie mich sahen, gab es ein großes „Hallo“. Das war mir ein bisschen peinlich. Damals, nach dem Abiball, hatte sie mir alle eine große Zukunft als Schauspieler prophezeit. Ich hatte beim Abifest einen kleinen Auftritt, bei dem ich unsere Lehrer imitiert hatte.
Jetzt also standen sie mir gegenüber und musterten mich. „Nein“, rief Mike mit dem ich auch bei der Bundeswehr gewesen war, „sag nichts, ich weiß, was du jetzt machst…“ Jetzt würde er sagen, dass ich wie ein „Philosoph“ oder „Journalist“ aussah. Jedenfalls hoffte ich das. Gleichzeitig ärgerte ich mich darüber, dass ich die doofe Fleece-Jacke, das karierte Hemd, die Jeans und die Treckingschuhe angezogen hatte. „Zugelegt hast du auch“, raunte Mike, während die anderen gespannt auf seine Deduktion warteten. Dann lächelte er wissend.
„Du bist Lehrer“, rief er, „stimmts?“ Als ich augenrollend nickte, brach fröhlicher Jubel los. Irgendjemand rief „War ja klar!“
Nicht zu fassen! Jetzt sieht man mir das schon an. Das muss das bescheuerte Lehrer-Gen sein, dachte ich verzagt. Und für ein paar Stunden glaubte ich nicht mehr an den freien Willen.
Später am Abend erzählte mir Mike, dass er schon vorher gewusst habe, dass ich Lehrer geworden sei. Aber, versicherte er mir, er hätte es auch so erraten. „Hey“, rief er und schwenkte sein Weizenglas, „du siehst so derart nach Lehrer aus!“ Ich glaubte ihm kein Wort.

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„Wir wählen die Pädagogische Freiheit!“

„Der Mensch ist zur Freiheit verurteilt“, rief einst der französische Philosoph Jean-Paul Sartre. Nicht aber der Lehrer. „Es ist gerichtlich bestätigt, dass es keine pädagogische Freiheit als subjektives Recht gibt.“ Das hat Kultusministerin Susanne Eisenmann gesagt. Wir Pädagogen in Baden-Württemberg sind zur Verantwortung verurteilt. Ein Schulleiter, dessen Name hier nicht genannt werden soll, sagt das gerne noch expliziter: „Es gibt keine pädagogische Freiheit, Punkt!“ Davon stehe nämlich nichts im Schulgesetz. Da sei nur die Rede von „unmittelbarer pädagogischer Verantwortung.“ Vielleicht liegt das an der „Furcht vor der Freiheit“, die der linke Sozialwissenschaftler Erich Fromm einst der autoritären Persönlichkeit attestierte? Und Minister und Rektoren sind ja wohl Autoritäten, oder?
Mit dem Schulleiter, dessen Name hier nicht genannt werden soll und der nicht der Schulleiter meiner Schule ist, habe ich mal darüber diskutiert. Und da war ich froh, dass ich beim Studium an der PH gut aufgepasst habe. Verantwortung, habe ich gesagt, setze immer Freiheit voraus.
„Pädagogische Freiheit“! Das klingt doch total kreativ, wild und frei. Als wäre der Lehrer ein Künstler. In Baden-Württemberg herrscht akuter Lehrermangel. Und das Kultusministerium druckt doch immer so schöne Prospekte mit Fotos von Lehrern, die auf Metaplankarten zeigen. Wenn da jetzt drunter stehen würde „Werde Lehrer! Genieße deine pädagogische Freiheit!“, die jungen Leute würden an den Pädagogischen Hochschulen die Türen einrennen. Liberte toujour!
Man kann aber auch einen verkniffenen Typen mit Peter-Hauk-Brille beim Korrigieren von Rechtschreibfehlern abbilden und drunter in goldenen Lettern folgendes Zitat von Susanne Eisenmann abdrucken: „Wir legen landeseinheitliche Zielsetzungen fest, sei es im Bildungsplan, durch Erlasse oder Verwaltungsvorschriften. Das ist rechtlich völlig unbestritten. Bei der Umsetzung im Einzelnen vertrauen wir den Lehrern.“ Bürokrat toujour! Man wünscht sich ja fast schon die FDP zurück. Die hatten immerhin noch Freiheit im Programm.
Der Schulleiter sagt immer, dass ihm die Lehrer am liebsten seien, die er gar nicht wahrnehme. Mit denen habe er nämlich keinen Stress. Die täten einfach das, was sie sollen. So ähnlich sieht Susanne Eisenmann das bestimmt auch.
Ich habe dem Schulleiter dazu folgendes gesagt: Ich finde, dass Lehrer ein kreativer Handwerksberuf ist. Wir sind Performance-Künstler. Jede Woche von Montag bis Freitag. Mit einem kritischen Publikum. Und den Eltern vom Publikum müssen wir es auch noch recht machen. Pädagogische Freiheit ist so etwas wie künstlerische Freiheit. Der Sozialistische Realismus war eine ziemlich langweilige, staatlich gelenkte Kunst. Picasso war wild und frei. Kunst braucht Freiheit! Ich glaube Frau Eisenmann stellt sich in ihren Schulen so eine Art Eisenmann’schen pädagogischen Realismus vor. Ich bin dagegen.

Freiheit first! – Manifest für Pädagogische Freiheit
Liebe Frau Eisenmann! Um mal Ihren Chef, den Ministerpräsidenten Kretschmann zu zitieren: „Dieses ständige Gemotze muss aufhören!“ Ihr ehemaliger Chef-Chef, der Ex-Bundespräsident Gauck hat in Philosophie auch gut aufgepasst. Er hat nämlich gesagt: „Freiheit heißt Verantwortung.“
In Hessen beispielsweise, da orientieren sie sich am gauck’schen Freiheits-Axiom. Da steht im Schulgesetz: „Die Lehrkräfte erziehen, unterrichten, beraten und betreuen in eigener Verantwortung und pädagogischer Freiheit …“ In Baden-Württemberg dagegen: Wir können alles, außer Hessisch!
Frau Eisenmann, Sie verletzen meine Gefühle. Ich bin ein empfindsamer, einfühlsamer pädagogischer Kunsthandwerker. Sie sind doch jetzt Vorsitzende der Kultusministerkonfernz. Fragen Sie doch beim nächsten Treffen ihren hessischen Kollegen Alexander Lorz, wie man das macht mit der Pädagogischen Freiheit.
Anerkennung steigert die Arbeitskraft. Muss ich Ihnen ja nicht sagen. „Madam, gewähren sie pädagogische Freiheit!“ Das würde uns Lehrer glücklich machen.

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Körperertüchtigung


In den 80er Jahren war es en Vogue, sich über Bodybuilder lustig zu machen. Sport insgesamt war irgendwie blöd. Weil auch mein Sportlehrer irgendwie blöd war. Und dann die Fußballer! Schnauzbärte, Vokuhila-Frisuren und diese ganz knappen Adidas-Höschen. Es war alles ziemlich peinlich. Warum hätte ich Sport machen sollen? Es war uncool.
Cool war mein Vorbild Werner Enke. Enke war der Rudi Dutschke des Neuen Deutschen Films in den Sechzigern. Der berühmteste davon ist „Zur Sache Schätzchen“. Enke jedenfalls zeichnete sich durch eine verschlafene, nahezu lethargische Gleichgültigkeit aus, von der ich fand, dass sie auch mir gut stehen würde. Und so nahm ich seine Filmsprüche „Das ist mir zu viel Action“ und „Der alte Schwung is‘ hin, dazu bin ich viel zu abgeschlafft“ in meinen Umgangs-Phrasenapparat auf.

Dazu kam dann auch noch, dass meine Mutter immer zu mir sagte: „Du kannst essen, was du willst, du nimmst einfach nicht zu.“ Also aß ich, was ich wollte und nahm tatsächlich nicht zu.
Meine Freunde versteckten ihre Hanteln unter ihrem Bett, wenn ich sie besuchte, damit ich sie nicht verspottete. Ich lag hauptsächlich herum und ersparte mir jede körperliche Anstrengung. So jedenfalls will es meine Erinnerung.
Mit den Toten Hosen trat dann Ende der 80er Jahre das Bier in mein Leben. Bis dahin war das Bier etwas, das die alten Männer auf den Bierfesten tranken. Dann gingen sie aufs Klo, stützten sich mit einer Hand an der Wand ab, klemmten die Zigarette zwischen die Zähne und pinkelten per Einhandtechnik. Die Abstützhand war wegen des fünften Bieres nötig. Aber die Toten Hosen machten das Bier cool. „Ja sind wir im Wald hier“, gröhlten sie, „wo bleibt unser Altbier…“ und das Pseudo-Anti-Alkohol-Lied „Und die Jahre ziehen ins Land und wir trinken immer noch ohne Verstand, denn eins das wissen wir ganz genau, ohne Alk, da wäre der Alltag zu grau“. Wie so vieles im meinem Leben, nahm ich auch diesen Unfug für bare Münze. Das Bier und ich wurden sofort Freunde. Die heitere Unbefangenheit, die man mit einer Flasche Bier erlangte, schien mir etwas zu sein, was ich immer schon gesucht und nie gefunden hatte.

Dass das nicht ewig so weitergehen konnte, hätte mir erstmals bei der Musterung klar werden können. „Sie sind eher der gemütliche Typ, was?“, sagte die Militärärztin mäßig erheitert beim Anblick meines nackten Hinterns. Aber ich hatte keine Zeit darüber nachzudenken, weil ich ja noch in diesen Becher pinkeln musste.
Am Ende der Grundausbildung hatte ich das Läuferabzeichen erworben. Meine Mutter nähte es mir an meinem Bundeswehr-Jogginganzug fest. Man bekam es, wenn man fünf Kilometer ohne Zwischenstopp joggen konnte. Allerdings hatte ich bei der Bundeswehr auch das Säuferabzeichen erworben und gelernt mindestens fünf Bier am Abend ohne Zwischenstopp zu trinken. So glich sich das dann wieder aus.
Vor allem aber hatte ich beim Millitär gelernt, dass Körperertüchtigung mit großer Anstrengung verbunden war, auf die ich sofort nach dem Ende meiner Dienstzeit freiwillig verzichtete.
Während des Studiums aß ich praktisch nichts. Da fiel das mit dem Sport noch nicht so auf. Aber dann ging es los. Ich aß, was ich wollte und wurde immer dicker. Wer arbeitet, der muss auch essen. Jedenfalls wiege ich heute, in verschiedenen Anschwellformen bis zu zwanzig Kilo mehr als damals.
Ich muss jetzt oft an meinen Mathelehrer denken, der immer zuerst einen roten Kopf bekam, dann „Moment!“ sagte und dann seine Tabletten einwarf. Ich muss an meine Mutter denken, die stöhnte: „Also heit hab‘ I’s wieder so im Kreiz!“ Und an all die alten Leute mit ihren Beschwerden und Wehwechen.
Heute sehe ich nicht mehr aus wie Werner Enke. Eher wie Heinz Erhard. Der ist ja immerhin auch lustig.
Was habe ich daraus gelernt? Bescheidenheit. Ich fahre jetzt immer mit dem Fahrrad zur Arbeit. Rüstige Rentner rasen mit ihren E-Bikes an mir vorbei und grüßen freundlich. Einige Kollegen kleiden sich in diese hautengen neonfarben leuchtenden Taucheranzüge für Fahrradfahrer und rauschen in einem Affentempo an mir vorbei. Wenn ich soetwas anziehen würde, ich sähe aus wie Presswurst. Wahrscheinlich filmen sie mich mit ihren Helmcams, wie ich mit meinem Altherrenrad das Hügelchen hinaufkeuche.
Im Sommer ging ich ab und zu früh Morgen ins Freibad zum Schwimmen. Auch dort zog ich meine Bahnen im Kielwasser von Hochleistungs-Renten-Schwimmern.
Vor allem habe ich gelernt, dass genau das, was ich am ernstesten nehme, sich in nächster Zukunft als das absolut Falsche erweisen wird. Wie ich damit umgehen soll, weiß ich auch nicht so genau. Wir werden sehen.

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Sicherheit an Grundschulen


Mein Sohn geht in die Grundschule. Bisher hatte ich damit keine Sorgen. Aber seit dem neusten Rundschreiben des Kultusministeriums mache ich mir Sorgen.
„Mit Rundschreiben reagieren wir meistens auf aktuelle Probleme, um sie schnell und unbürokratisch zu beheben.“ Das hat mir bei einer Fortbildung ein Kultus-Ministerialer-Mensch anvertraut. Wenn das wahr ist, dann muss an den baden-württembergischen Grundschulen gerade die Hölle los sein.
„Sicherheit an Grundschulen“ heißt das Rundschreiben 12/82, das im April die Schulleitungen erreicht hat. Und als besorgter Vater denkt man jetzt natürlich: Sicherheit? Dann stimmt irgendwas nicht. Aber was? In dem Rundschreiben geht es unter anderem um „Experimente mit Teelichtern und Kerzen“. Die Lehrpersonen bekommen nützliche Hinweise: „In die Flamme dürfen nur Materialien gehalten werden, welche durch die Lehrkraft ausgewählt wurden.“ Was bedeutet dieser Satz im Umkehrschluss, wenn es stimmt, was der Mensch vom Ministerium gesagt hat? Irre Laissez-Faire Kindertanten und –onkels rufen den ihnen anvertrauten Kindern zu: „So, jetzt haltet mal irgendwas, was ihr gerade so findet ins Feuer und guckt, was passiert!“?
Bei „Experimente zum elektrischen Strom“ werden die Lehrpersonen darauf hingewiesen, dass die Kinder höchstens mit 9 Volt-Batterien experimentieren dürfen. Doch Vorsicht! Auch hier droht Gefahr: „Dabei ist vor Aufnahme des Experiments sicher zu stellen, dass sich keine Batteriesäure an den Batterien befindet.“ Und auch der Umwelt droht Gefahr: „Verbrauchte Batterien werden über Sammelstellen dem Sondermüll zugeführt.“ Heißt das jetzt es gibt verrückte Grundschullehrkräfte, die ihre Schüler mit Stahlnägeln an Steckdosen experimentieren lassen? Oder noch schlimmer, Batterien nicht ordnungsgemäß entsorgen?
Aber das Rundschreiben „Sicherheit an Grundschulen“ ist damit noch lange nicht am Ende: Mit Geschirrspülmittel dürfen Schüler ausschließlich: Geschirrspülen! Welcher Vorfall, so frage ich mich, war die Ursache für diesen Hinweis?
Aber die wahre Hölle droht in der Natur. Oder, pädagogisch gesprochen, im Schulgarten. „Bei gärtnerischen Arbeiten ist naturgemäß ein ständiger nicht gezielter Umgang mit biologischen Arbeitsstoffen (z. B. Viren, Bakterien, Pilze und Würmer) gegeben.“ Viren! Bakterien! Pilze! Würmer! Hilfeeee! Die armen Kinder! Und das nennen die beim KuMi „biologische Arbeitsstoffe“? Ich glaube mein Wurm pfeift!
Jetzt habe ich mal recherchiert. In den vergangenen drei Jahren gab es keine Schulen, die infolge eines Feuerexperimentes niedergebrannt sind. Adventskränze, technische Defekte, brennende Autos in der Tiefgarage kommen immer wieder als Brandursache vor. Experimente: nie. Auch sind keine Grundschüler durch Experimente mit Strom zu Schaden gekommen. Oder, weil sie durch Batteriesäure verätzt worden wären. Es gab keinen nennenswerten Zwischenfall mit Geschirrspülmittel und auch nicht im Schulgarten.
Wenn also nichts passiert ist, dann freut mich das als Vater natürlich. Aber als Lehrer frage ich mich, was dann der Grund für dieses Rundschreiben ist? Hält das KuMi die Grundschullehrkräfte einfach so für doof?
Vielleicht ist das Rundschreiben „Sicherheit an Grundschulen“ so etwas wie die legendäre „Zentrale Dienstvorschrift 3/11“ der Bundeswehr. In dieser ZDv wird das Verhalten des Soldaten im Felde geregelt. Es gab dort so legendäre Hinweise wie: „Bei Einbruch der Dämmerung ist mit Dunkelheit zu rechnen.“ Oder „Bei Schnee und Frost ist mit auftretender Kälte zu rechnen.“ Angeblich gab es dort auch den wunderbaren Satz: „Bei Erreichen des Baumwipfels hat der Soldat die Kletterbewegungen selbständig einzustellen.“
Als ich in der Grundausbildung war, erklärte uns der furchterregende Feldwebel Klein die Notwendigkeit dieser Vorschriften folgendermaßen: „Als Soldat denken sie nicht, sie befolgen Befehle und Dienstvorschriften, haben sie das verstanden?“ Hatten wir.
Aber was soll ich denn jetzt denken, was das Kultusministerium mit dem Rundschreiben 3/11 „Sicherheit an Grundschulen“ will? Kann mir da mal jemand helfen?

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Die Rechts-Links-Lösung

„Oine links und rechts an d’Backă na, desch immer no’s Beschte!“ So sprach der Mann, der sich hinter mir und meinen Kindern in der Schlange am Würstchenstand eingereiht hatte. Es war Fasnet. Er trug einen Rock und hatte eine ordentliche Schnapsfahne. Der Rock gehörte zu seinem Hexenhäs. Was er sagte, sollte ein Vorschlag sein, wie ich mit meinen vor Hunger quengelnden Kindern umgehen solle. Die Kinder versteckten sich hinter mir. Der Vorschlag des alkohol-missbrauchenden Rockträgers stimmte mich nachdenklich. Denn als ich  zu studieren begann, war Rudi Dutschke mein Vorbild. Erstens, weil er auch Student war. Zweitens, wegen seines Strickpullies, seiner Lederjacke und der coolen Frisur. Und Drittens hat für antiautoritäre Erziehung gekämpft. Das schien mir damals attraktiv zu sein. Keine Gewalt. Aber ein paar Jahre später las ich in einer Dutschke-Biographie folgendes: Als Rudi Dutschke merkte, dass sein kleiner Sohn Hosea und seine Freunde irgendeinen Quatsch gemacht hatten, verlor er die Nerven. Er beschrieb den Vorfall in einem Brief an seine Frau: „Nach längerer und sehr erregter Erklärung gab ich ihnen allen einen Schlag auf den Arsch.“ Mein Vorbild, der Vorkämpfer der antiautoritären Erziehung, haut seinem Buben auf den „Arsch“! Das ist zwar nicht die vom alkoholtrinkenden Rockträger vorgeschlagene Links-Rechts-Lösung, sondern nur die Hinten-Lösung, aber Gewalt ist es allemal. Aber die Geschichte geht noch weiter. Dutschkes Sohn Hosea erzählte nämlich Jahre später in einem Interview: „Einmal hat mir mein Vater tatsächlich einen Klaps auf den Hintern gegeben. Ich regte mich fürchterlich auf. Da drehte Rudi sich um, zog seine Hose runter, und ich durfte ihm den Hintern versohlen. Ein großer Spaß.“ Das kam mir komisch vor. Kinder und Eltern verhauen sich gegenseitig und haben Spaß daran? Naja. In meinem ersten Jahr als Lehrer unterhielt ich mich oft mit einem Kollegen, der im letzten Jahr vor dem Ruhestand war. An den musste ich jetzt denken. Er meinte auch immer, dass die Links-Rechts-Lösung für Disziplinprobleme zielführend sei. Früher habe er den Schülern sogar Kopfnüsse geben dürfen, erzählte er gern. „Oder mit dem Sprungseil auf die Finger“, schwärmte er. Allerdings erzählte mir ein anderer Kollege später, dass der Ruhestandskollege eines Nachts von ehemaligen Schülern aufgelauert und verdroschen worden sei. „Da hat er gesehen, zu was er seine Schüler erzogen hat!“ Auch die Autoritären haben sich gegenseitig verhauen. Na toll. Mein Großonkel war auch Lehrer. Er starb Ende der Achtziger Jahre. „Die Kinder heute sind frech und faul“, sprach er schulmeisterlich zu mir. Und früher habe er dumme und freche Kinder halt geschlagen. So habe man das halt gemacht. „Aber“, meinte er und grinste, „intelligenter oder fleißiger ist dadurch kein einziger geworden.“ Also sei er zu folgender Überzeugung gelangt: „Die Kinder waren frech und faul als sie geschlagen wurden und sie waren es, als man sie nicht mehr geschlagen hat, ergo: Kann man das schlagen auch gleich lassen, das Ergebnis ist das gleiche.“ So richtig pädagogisch war das nicht. Trotzdem überlegte ich mir kurz, ob ich diese Weisheit dem alkoholisierten Mann im Rock erläutern sollte. Aber da waren wir auch schon dran und die Kinder hörten auf zu quengeln. Ganz ohne links-rechts.
Mein jüngster Sohn fragte mich später, was die Frau gewollt habe. „Sie wollte, dass ich euch haue, weil ihr rumgemosert habt“, antwortete ich. „Echt“, antwortete er und begann eines seiner Lieblingslieder zu singen. „Alle meine Freunde kriegen n‘ Klaps auf’n Po, Klaps auf’n Po, Klaps auf’n Po…“ und er lachte.

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Das Lied zur Jahreszeit: Im Frühling

Frühling. Jacke oder nein?

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