Christbaumkauf Reloaded

Am letzten Schultag fragte mich ein Mädchen, ob ich weiß, was ein Depp ist. Durch viele Jahre Lehrerdasein misstrauisch geworden, antworte ich nicht gleich, sondern schaute sie zuerst forschend an. „Wissen Sie nicht, was ich meine?“, fragte sie kichernd. Sie war umringt von einer Freundinnenschaar, die rotwangig und kichernd an ihr hing. „Depp“, antwortete ich ernst, „ist ein Schimpfwort, für jemanden, von dem man glaubt, dass seine intellektuellen Fähigkeiten nicht zur Bewältigung seines Lebens ausreichen.“ Sie guckte mich verwirrt an. Dann fiel der Groschen. Sie lachte. „Nicht ein Depp“, die Freundinnen kicherten auch, „ein Dab!“ Ich guckte verwirrt. Sie buchstabierte: „D – Ä – B!“ Als ich mit der Schulter zuckte, machten sie und ihre Freundinnen folgendes (siehe Bild). „Das ist ein Dab, kennen sie das nicht?“ Ich schüttelte den Kopf. Das mache man, sagte sie, wenn einem etwas peinlich sei.
Am Nachmittag war ich mit meinem Kind unterwegs, um einen Christbaum zu kaufen. Ich bin ja erst im März hergezogen. Darum habe ich keine Ahnung, wo man hier Christbäume kauft. Die Frau hatte gemeint, gleich am Ortseingang des Nachbarortes. Und als ich mit dem Auto das gelbe Ortschild passierte, sah ich auch gleich den Baumverkaufsplatz. „Da ist gar kein Schild“, sagte das Kind. „Wir sind hier auf dem Dorf, da weiß man das auch ohne Schild“, antwortete ich überlegen. Neben einem total verbauten Einfamilienhaus war ein Grundstück, auf dem lauter christbaumgroße Nordmanntannen wuchsen. „Guck“, sagte ich zum Kind, „die kann man sogar selber absägen.“ Wir suchten wir uns drei Bäume aus, die wir eventuell gerne hätten. Den besten markierten wir mit einem gelben Wollfaden. „Da ist gar keiner, dem man Bescheid sagen kann“, stellte das Kind fest. Wir umkreisten das Haus. Wir fanden niemanden. Saftladen, dachte ich. Dann fuhren wir heim.
Die Frau hatte keine Hemmungen, ihre Enttäuschung darüber zu zeigen, dass wir keinen Baum dabei hatten. Das nervte mich. Denn ich war der Ansicht, ich hätte alles Nötige getan. Es stellte sich heraus, dass der Verkauf auf der anderen Straßenseite sein musste. Das Kind und ich setzten uns nochmal ins Auto. Und tatsächlich. Auf der anderen Straßenseite wies ein großes Schild auf den Christbaumverkauf hin. „Hast du das vorher nicht gesehen“, sagte ich vorwurfsvoll zum Kind. „Ich“, empörte sich das Kind, „ich bin acht Jahre alt, du bist der Erwachsene.“ Dazu sagte ich nichts.
Im Hinterhof gab es tolle Bäume. Beiläufig fragte ich den Verkäufer, wie es denn mit dem Nachbarn auf der anderen Straßenseite sei, ob der auch Bäume verkaufe. Erst guckte er ungläubig. Dann lachte er: „Des krüppelige Gebüsch auf’m Grundstück vom Maler?“ Ich nickte. „Sowas stellt sich doch koiner ins Wohnzimmer!“
Dann kaufte ich einen großen, buschigen Baum. Schöner als alle anderen. Die Frau lachte, als wir zu Hause ankamen. „Und wo wart ihr vorher“, fragte sie. Ich antwortete nicht. „Bei fremden Leuten im Garten“, antwortete das Kind grantig. Die Frau schaute mich an. Und ich? Ich machte einen Dab.

Adventspezial: Diese Geschichte habe ich schoneinmal veröffentlicht. Aber in einer längeren Version. Hier nun also die Adventshektikversion. Hier das Original.

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Die Geschichte zum Lied „Langweilig und blöd“ (2007) – Die Welt als Wille und Style

„Links und rechts lösen sich nicht
nur lebensweltlich auf.
Linke Politikprojekte geraten
heute immer wieder in die

Nähe der nationalen Einhegung,
weil man die Solidarität
der Umverteilung eben nur

den „Eigenen“ zumuten kann.“
Armin Nassehi

Ich bin mal „Faschist“ genannt worden. Da war ich zu Besuch bei einem Freund, der gerade seinen Zivildienst in Freiburg machte. Wir wollten bei irgendeinem Typen einen Autoschlüssel abholen. Ich weiß nicht mehr warum. Als der Typ die Türe seines Zimmers öffnete, standen wir Che Guevara gegenüber. Wirklich. Er sah aus wie der Commandante. Ich war verblüfft. Vence remos, dachte ich. An der Wand über seine Matratze hing die kubanische Flagge und daneben das unvermeidliche Che Guevara Portrait. Auf der Innenseite seiner Türe hatte er ein Poster angeklebt, auf dem der unsäglich sinnlose Che-Spruch „Seien wir realistisch, versuchen wir das Unmögliche“ abgedruckt war. Ich betrachtete die Wand mit dem Che-Portrait und fragte: „Wo sind denn Mussolini und Franco?“ Er guckte irritiert. Also erklärte ich: „Na, ich dachte du sammelst Bilder von Diktatoren und Massenmördern, der erst hängt ja schon.“ Er guckte irritiert. Dann drückte er uns den Autoschlüssel in die Hand und schob uns mit der Anmerkung, dass ich ein Faschist sei, zur Türe hinaus. Ich rief ihm nach: Ein Portrait an der Wand ist noch lang keine Meinung!“
Seit ich die RORORO-Monographie über Che gelesen hatte, regten mich solche Leute auf. Junge coole Leute, wie sie mir später auch beim Sturm-und-Klang-Festival begegnet sind. Menschen, die sich auf eine arrogante, aber oberflächliche Art auf linke Phrasen und Symbole bezogen. Eine leicht durchschaubare Distinktionshexis und adoleszente Illusio. Spätpubertär als spätkapitalistisch. Schlimm.
Sie setzen sich Fidel-Castro-Kappen auf und ziehen Che Guevara T-Shirts an. Sie finden Lenin cool und ignorieren Stalin. Sie freuen sich über „Prada Meinhof“. Das sagt eine ganze Menge über sie. Links sein ist für diese Menschen ein individualistisches Lifestyleprojekt, eine besondere Form des Konsums. Die Welt als Wille und Style. Linke Musik, linke Mode, linkes Vokabular, fairer Kaffee und so weiter und so fort.
Ich wundere mich schon lange darüber, dass linksradikale Symbolik als schick gilt, rechtsradikale aber verteufelt wird. Ich finde, dass beides verteufelt werden sollte. Denn linksradikal und rechtsradikal sind sich sehr nahe.
Sie verknoten sich beispielsweise in diesen unerträglichen Worten Ulrike Meinhoffs: „Wir sagen, natürlich, die Bullen sind Schweine, wir sagen, der Typ in der Uniform ist ein Schwein, das ist kein Mensch, und so haben wir uns mit ihm auseinanderzusetzen. Das heißt, wir haben nicht mit ihm zu reden, und es ist falsch überhaupt mit diesen Leuten zu reden, und natürlich kann geschossen werden.“ Eliminatorische Logik. Genau wie der NSU, hat die RAF  heimtückisch und hinterhältig Menschen ermordet. Aufgrund einer hypermoralischen nur-wir-haben-recht-Verblendung. Daran ist nichts cool und schon gar nichts schick. Es ist genauso mörderisch und falsch, wie aller Terrorismus. Eine mörderische Einheit zwischen Meinhoff und Mundlos, Baader und Böhnhardt. Stalin und Hitler.
Ich nenne diese Übereinstimmung den „Dutschke-Mahler-Knoten“. Kurt Schumacher sprach von „rot lackierten Faschisten“. Der Studentenführer, der leicht rassistisch angehaucht die „asiatische Produktionsweise“ für das Scheitern der Oktoberrevolution verantwortlich machte und der RAF-Anwalt, der mit seinen Ansichten nahtlos von linksaußen nach rechtsaußen wanderte.
Die sehr linke Politikwissenschaftlerin Chantal Mouffe setzt sich für mehr Antagonismus in der Politik ein. Die „Konsensdemokratie“ hält sie für undemokratisch. Ihr theoretischer Bezugspunkt ist der Kronjurist des 3. Reiches: Carl Schmidt.
Und dann gibt es noch die „Dutschke-Dahrendorf-Schleife“. Dutschke und Dahrendorf hatten beim Freiburger Parteitag der FDP im Jahr 1967 eine berühmte Begegnung auf dem Dach eines VW-Busses. Da saßen sie und dockten ihre Diskurse durch die Rede von der „Charaktermaske“ aneinander an. Als wären sie wie ein diskursives kommunistisches Sojusraumschiff und eine kapitalistische Apollokapsel in den endlosen Weiten des ideologischen Diskurses aufeinander getroffen. Das ist die Geburtsstunde der GRÜNEN. In dem wunderbaren Film „Im Juli“ gibt es einen Lastwagenfahrer, der eine große Che-Guevara-Tätowierung am Arm hat. „Wofür hat Che gekämpft“, fragt er die mitfahrende Filmheldin Juli. „Für Freiheit?“, antwortet die.

„Genau“, sagt der Lastwagenfahrer,
„dieser Che steht für meine
individuelle Freiheit.“

Das beschreibt ziemlich treffend, wo sich die Rede von der sozialistischen Emanzipation an die der liberalen, individuellen und kapitalistischen Selbstverwirklichung andockt.
Der Habitus dieser jungen Linken speist sich aus diesem Dutschke-Mahler-Dahrendorf-Mythos. Es geht zwar um die Revolution. Aber nur um die Revolution im Kinderzimmer. Ein adoleszentes Emanzipationsprojekt. Links sein, heißt klar zwischen Gut und Böse unterscheiden zu können. Genau wie im Rechtsradikalismus. Oder bei Star Wars.
Aber so ist es nicht. Rechts und links suchen einen Feind, den sie bekämpfen können. Aber die Welt funktioniert weder wie Star Wars, noch wie James Bond. Das sind unzulässige Komplexitätsreduktionen. Da liegt die erste politische Leiche schon um die Ecke. „Komplexität ist letztlich der Schlüssel zum Verständnis unserer Welt“, meint völlig zu Recht der großartige Armin Nassehi. „Klassische rechte und linke Beschreibungen verniedlichen geradezu die Komplexität der Gesellschaft.“ Und: „Links und rechts lösen sich nicht nur lebensweltlich auf. Linke Politikprojekte geraten heute immer wieder in die Nähe der nationalen Einhegung, weil man die Solidarität der Umverteilung eben nur den „Eigenen“ zumuten kann. Da lösen sich die Grenzen auf. Und für das Lebensweltliche … wenn es die Grünen nicht schon gäbe, man müsste sie erfinden.“
Darum mag ich die konsensorientierte, deliberative Haltung von Jürgen Habermas, der schon damals,  am 9. Juli 1967, den Dutschke rund gemacht hat: „…ich glaube, Gründe zu haben, diese Terminologie vorzuschlagen – (dass man das)‚ linken Faschismus‘ nennen muss.“
Tja. Und darum geht es in dem Lied „Langweilig und blöd“. Nur ein „poetisch“ komprimiert. Oder im Dutschke-Sprech: Es geht um linke Charaktermasken. Das ist, laut Dutschke und Dahrendorf die Bezeichnung für den entfremdeten Menschen im Kapitalismus. Die Personifikation der ökonomischen Verhältnisse.
Das Songwriting bei ACH hat sich in den 2000ern verändert. Es sind keine Lieder mehr, die aus der gemeinsamen Erfahrung der Band stammen. Eigentlich sind es Sololieder, bei denen die anderen mitgemacht haben. Mit freundlichem Interesse.
Es gibt Leute, die behaupten, dass ich die armen jungen Menschen einfach nur beschimpfe. Kann auch sein. Und vielleicht bin ich auch deshalb so böse, weil ich genau weiß, dass ich im gleichen Alter gerne genau so cool gewesen wäre. War ich aber nicht.
Ich wollte, dass das Lied nach Liedermacher klingt. Darum die akustische Gitarre und die Mundharmonika. Ich wollte aber auch, dass dieses Liedermacher-Ding gebrochen wird. Darum das Casio VL-Tone, das ich extra für 80 Mark gekauft habe.

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Im Klo mit Dr. Specht – aus dem Leben eines Habermas-Fanboys

Ich mag das Nomen „Prominenter“ nicht. Und das Adjektiv „geil“ auch nicht sonderlich. Aber das zusammengesetzte Adjektiv „promigeil“ führt beeindruckend vor, dass das Ganze oft mehr ist, als die Summe seiner einzelnen Teile. Denn dieses Wort ist nicht nur doppelt so scheiße, wie „Promi“ oder „geil“, sondern mindestens hundert mal scheiße.
Manche Menschen behaupte ich sei promigeil. Als Adorno geschulter Denker lehne ich den ganzen Promiquatsch natürlich ab. Mit dem Verstand. Aber leider muss ich sagen, dass ich dieser Verstand sofort in Quarantäne geht, wenn ich unvorbereitet auf jemanden treffe, den ich aus dem Fernsehen oder so kenne.
Gut. Nicht immer. Als ich Berlin einmal das Bildungsministerium besichtigt habe, da habe ich aus reiner Faulheit den Aufzug benutzt. Eine alte Frau kam auch noch herein und lächelte mich freundlich an. Ich lächelte zurück. Ich überlegte, woher ich die Frau kenne. War das meine alte Musiklehrerin? Was tat sie hier? Was das die Verkäuferin aus der Buchhandlung in meiner Heimatstadt? Nein. Die war schon lange tot. Ich überlegte gerade, sie zu fragen, was sie denn hergeführt habe, da hielt der Aufzug und wir stiegen aus. Unten stand ein Anzugschnösel mit einer Mappe. Er hatte auf die Frau gewartet. Er nannte sie Frau Ministerin. Okay, sagte ich mir. Das war also Johanna Wanka, die Bundesbildungsministerin. Gut, dass ich nicht gefragt hatte.
Als Reporter habe ich mit den Schriftstellern Ulrich Ritzel und Klaus Kordon interessante Gespräche geführt. Und mein unaufgeregtes Interview mit Antje Vollmer konnte ich sogar an das katholische Conradsblatt verkaufen. Manfred Krug dagegen hat mich höchstpersönlich zusammengeschissen, als ich als Reporter bei einer Theateraufführung von „Der Zerbrochene Krug“ Fotos mit Blitz machte. „Sie stören“, schrie er, „hier stehen Menschen auf der Bühne, Menschen, verstehen sie, Menschen? Die müssen sich konzentrieren, auf ihre Arbeit, Mann!“ Ich fühlte mich geehrt. Er hatte mich angesprochen, das konnte mir keiner mehr nehmen.
Es gibt aber eben auch die anderen Fälle. Einmal ist mir Robert Atzorn in der sanitären Anlage der Autobahnraststätte Frankenwalde begegnet. „Oh Gott, Dr. Specht!“, entfuhr es mir hektisch, als ich leibhaftig neben Dr. Specht stand. „Oh Gott, Herr Pfarrer“, grunzte er und ging. Ich rannte auf den Parkplatz und rief meiner Frau schon weitem zu, dass ich eben mit Dr. Specht zusammen gepinkelt hatte. Sie rief zurück, ob ich auch die Hände gewaschen hätte.
Volker Rühe überquerte in Berlin am Kudamm mit seinen Weihnachtseinkäufen einen Zebrastreifen. Ich musste anhalten. „Da, da, da“, rief ich, „da, da, da, das ist der Verteidigungsminister, der Verteidigungsminister…“ Ich konnte es nicht fassen, dass der Verteidigungsminister persönlich die Straße überquerte. Mit Einkäufen. Meine Frau mahnte mich nicht so hysterisch rumzuschreien. Und auch Volker Rühe schaute misstrauisch. Aber das tat er ja immer irgendwie.
„Hör mal auf peinlich zu sein“, mahnten mich meine Freunde, als ich zum siebenundzwanzigsten mal kichernd sagte: „Da drüben sitzt Benny Beimer – Die Kuh macht muh! Und was machst du?“ Christian Kahrmann, der Darsteller von Benny Beimer saß in der Berliner Kneipe, in der wir Bier tranken am Nebentisch.
Aber komplett die Beherrschung verloren habe ich eines Nachts in Wien. Wir waren in den frühen Morgenstunden auf dem Rückweg in unser Hostel, als Ennis von ACH ganz beiläufig sagte: „He, da drüben läuft Jürgen Habermas!“ Es durchzuckte mich. „Wo jetzt?“, rief ich, „Echt, der Habermas, wo?“ Da lachten sie alle ein schadenfrohes und bierseliges Lachen. „Ach, Ensi“, sagte Ichael, „du bist und bleibst ein Fanboy!“ Ich beugte mich demütig dem zwanglosen Zwang des besten Arguments.

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Gefrorene Türen – ein Japaner erkundet Deutschland

Ich habe mal an einer Schule gearbeitet, die sehr viel Wert auf Demokratie gelegt hat. Darum hat sich eines Tages ein japanischer Pädagogik-Student gemeldet. In ausgezeichnetem Englisch erklärte er am Telefon, er wolle sich einmal den Klassenrat anschauen. Da könne er bestimmt etwas lernen.

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So sah mein Auto aus. Es fuhr hervorragend. Es ließ sich im Winter halt nicht öffnen.

Ich wurde beauftragt, den Studenten vom Bahnhof abzuholen.
Es war Januar und bitterkalt. Ich fuhr damals einen Polo. Dieser Polo war auch schon damals ein sehr altes Auto. An dem Morgen, an dem ich den japanischen Studenten abholen sollte waren alle vier Türen des Polos zugefroren. Das war nichts Besonderes. Ich wusste, dass ich über den Kofferraum einsteigen konnte. Das tat ich in geübten Bewegungen, kleine Atemwölkchen ausstoßend. Wichtig war, die Kofferraumklappe nur anzulehnen. Sonst kam man nicht mehr raus, wenn die Türen am Ziel immernoch nicht aufgingen. Der Wagen sprang problemlos an. Immerhin, dachte ich.
Am Bahnhof waren die Türen immer noch zugefroren. Also stieg ich auch wieder über den Kofferraum aus. Eine vorübergehende Frau wich erschrocken meiner aufschwingenden Kofferraumklappe aus, als ich heraus kletterte.
Am Bahnsteig traf ich den japanischen Studenten. Er lächelte, verbeugte sich höflich und begrüßte mich in seinem wunderbaren BBC-Englisch. Ich sagte „Hello, aim hier to bring ju to se skuhl. Plies fallo mi tu mai kar.“ Er verstand mich trotzdem und kam mit.
Das Auto war immer noch zugefroren. Ich erklärte ihm, dass das Auto zugefroren sei und wir über den Kofferraum einsteigen müssten. „Aim so sorry“, fügte ich hinzu.
Er lächelte und ließ mir den Vortritt. Die Pendler, die vorsichtig über den glatten Straßenbelag balancierten, schauten verwundert dabei zu, wie der japanische Pädagoge mit der Anmut eines Kranichs tapfer lächelnd durch meinen Kofferraum stakste und schließlich auf den Rücksitz rutschte. Leider hatte er die Kofferraumklappe ganz geschlossen.
Auf der Fahrt zu Schule unterhielt ich ihn Wettergesprächen auf Pidgeonenglisch und hoffte, dass die Türen bis zum Schulparkplatz auftauten.
Doch das taten sie nicht. Bei laufendem Motor standen wir auf dem Schulparkplatz. Ich hatte die Heizung volle Pulle aufgedreht. Die Türen öffneten sich  nicht. „Maibi wi kut gät aut sru se windo?“, fragte ich meinen Gast höflich verzweifelt. „If you want to, it’ll be my pleasure“, antwortete der Japaner. Aber die Scheiben gingen nicht auf.
Zehn Minuten später parkte eine Kollegin neben uns. Ich klopfte an die Scheibe und erklärte ihr mit Zeichensprache, sie solle meine Kofferraumklappe öffnen.
Sie steckte sich erst mal eine Zigarette an. Dann klappte sie den Kofferraum auf. Zuerst machte der Japaner wieder den Kranich. Da staunte die Kollegin nicht schlecht, was da aus dem Kofferraum vom Oeser kam. Dann rutschte ich ebenfalls heraus.
Ich lieferte den Japaner im Rektorat ab. Er fand die Demokratie toll an unserer Schule.
Zum Bahnhof zurück wurde er von einer Kollegin gefahren, deren Auto auch einen Defekt hatte. Immer, wenn sie es startete, begann das Auto mit einer freundlichen Frauenstimme, die Armaturen zu erklären. Etwa zwanzig Minuten lang. Und jedes Mal in einer anderen Sprache. Im Autohaus hatten sie ihr gesagt, das könne man nicht reparieren. Zu Ehren des japanischen Gastes, habe sich das Auto diesmal auf Mandarin erklärt, sagte sie später.
Ich weiß nicht, was aus dem Mann geworden ist. Und ich weiß auch nicht, was aus der Schuldemokratie in Japan geworden ist. Aber manchmal frage ich mich, ob der Mann sich noch an uns erinnert.

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Die Geschichte zum Lied: Sonntag im November (2006)

Das ist ein Erinnerungslied. Als Prosa ginge es so: Ich löse mich so gegen zehn ziemlich zerrüttet aus dem Schlaf. In meinem Kinderzimmer auf. Es ist November. Es ist Sonntag. Ich bin siebzehn und in der Oberstufe. Gestern war ich bis fünf Uhr morgens in der Disco. Eine Nacht, die süß und zähflüssig dahingeschlichen ist wie Honig. Kopfweh wegen des Biers habe ich nicht. Der schlaue Fuchs nimmt vor Schlafengehen gleich zwei Temagin. Aber mir ist flau im Magen. Es ist dunkelgraues Wetter, der Regen zischt gegen das Fenster. Meine Mutter hört ohrenbetäubend laut Marschmusik beim Kochen. Das kleine Radio steht kurz vor der Explosion. Genau wie der zischende Schnellkochtopf. Morgen ist wieder Schule. Eine Halskloß produzierende, endlos lange Woche liegt vor mir. Und ein grauer endlos langer Sonntag. Hausaufgaben? Lernen? Die Mischung aus Temagin und Alkohol hat mein Gehirn in ein Federkissen verwandelt. Meine Konzentrationsspanne entspricht der, einer Ameise. Vielleicht kann ich das morgen im Schulbus machen?

Nach dem magentechnisch schwierigen Mittagessen verwandelt sich der herannahende Montag in eine Art eiserne Jungfrau, die einen langsam und qualvoll aufspießt. Musik hilft auch nichts. Nicht mal die Beatles oder die Smiths. Ich muss raus. Everyday is like Sunday, everyday is silent and grey.
Nachdem ich ziellos durch den grauen Regennachmittag geschlappt bin, stehe ich bei meinem Freund vor der Tür. Er liegt auf seinem Bett und guckt Fernsehen. Ich gucke mit. Alles, was gerade kommt. Man vergisst sich selber, wenn man dem Quatsch in der Kiste zuguckt. Irgendwann sitzen wir im dunklen Zimmer, nur der Fernseher macht noch Licht. Jetzt hilft nicht mal mehr Fernsehen. Wir gehen in die Kneipe. Sie leuchtet uns aus der Dunkelheit entgegen. Da gibt es Flipper, Bier, den Terminator 2 Automaten und Bier. Und sieh da. Die anderen sind auch da und gammeln um den Tetriskasten rum.

Das erste Bier hilft gleich. Das zweite Bier transzendiert die Zeit und macht das Kneipenlicht bernsteinfarben. Der Montag wird niemals kommen! Nach einer Tischkickerschlacht schreiben wir ein Gründungsmanifest für den noch zu gründenden Juso-Ortsverein auf einen Bierdeckel.Um eins macht der Laden dicht. Ich gehe durch den Regen heim. Das Bier betäubt den Montag. Hausaufgaben? Mach ich im Bus.

Zur Entstehung: Die Melodie und der Verlauf des Liedes sollten möglichst genau diese Sonntags-Blues-Sache wiedergeben. Also fängt das Lied langsam an, steigert sich immer mehr und endet abrupt.
Laus spielt die Funk-Gitarre. Ich spiele die Akustische und das Keyboard. Produzent Arkus hat alles schön zusammen gebastelt. Ein Mädchen namens Lisa singt den Refrain. Herrlich. Dreistimmig. Finde ich immer noch toll. Auf „Das sind wir“, das ursprünglich „Menschen, Orte, Jahreszeiten“ heißen sollte, ist dieses Lied das Herbstlied.
Aufgenommen haben wir das im schönen Jahre 2006.

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„Arschgeige“ – Fünf Minuten allein im Kindergarten

Meine Schwester ist Erzieherin. Seit 1979. Als ich in der Oberstufe war hab ich sie einmal besucht. Ihr Kindergarten war direkt neben meiner Schule. Ich dachte, da gehst du hin und machst mal in Ruhe deine Hausaufgaben. Sie meinte, das sei vielleicht keine so gute Idee. Es könne schon sein, dass die Kinder mich vielleicht stören. Aber als Oberstufenschüler hat man die Welt in der Tasche. Ich sei in Discos gewesen, sagte ich überlegen lächelnd, in denen der Bass so laut dröhnte, dass die Hefe vom Weizenbier im Bauch zerfiel. Ich sei bei Konzerten gewesen, bei denen sich Skinheads und Punker gigantische Schlachten geliefert hätten. Was, fragte ich mich, sollte mir im Kindergarten passieren?
„Bin gleich wieder da“, hatte meine Schwester gesagt, „schaffst du das kurz ohne mich?“ „Logo“, hatte ich lässig geantwortet. Ich saß ich auf einem winzigen Stuhl an einem winzigen Tisch in ihrem Gruppenraum und versuchte meine Hausaufgaben zu erledigen. Dabei musste ich mich grotesk verrenken, um meine Beine irgendwo unterzubringen.
Die Kollegin meiner Schwester war krank. Und nun war ich allein mit der Bande. Um mich herum tobte der Wahnsinn. Der Lärm war gigantisch angeschwollen. Zwei Kinder stritten in der Bauecke und bewarfen sich kreischend mit Klötzen. Ein Kind hatte Schnupfen und putzte apathisch mit dem Ärmel seines Pullis die Nase. Drei andere spielten Fangen. Immer rund um meinen Tisch herum. Bei jeder Runde trampelten sie über meine Schultasche und schrien dabei: „Hallo, Arschgeige!“ Ich sagte mit großem Nachdruck, dass es jetzt aber auch mal gut sei. Aber sie reagierten nicht, sondern trampelten über meine Schultasche. Eines der Kinder blieb bei mir stehen und schaute mich konzentriert an. Ich schaute konzentriert zurück. „Ist was?“, fragte ich. Da kreischte ein Mädchen aus der Puppenecke: „Der Robin hat schon wieder in die Hose gemacht.“ Und tatsächlich. Das konzentrierte Kind stand in einer Pfütze. Auf der anderen Seite zupfte mich ein weinendes Mädchen am Ärmel: „Wo is‘ meine Erzieherin?“, schluchzte es fassungslos. Und ich begann auch so langsam meine Fassung zu verlieren.
Gott sei Dank kam in diesem Moment meine Schwester zurück. Ich schaute auf die Uhr. Sie war keine fünf Minuten fort gewesen. Aber ich fühlte mich um 5 Jahre gealtert. „Du brauchst doch nicht zu weinen Lisa“, sagte sie zum dem weinenden Kind, „ich bin doch schon wieder da!“ Die heult dauernd, raunte sie mir zu. Dann sagte sie den Kindern in der Bauecke, dass sie nicht streiten dürften. Da hörten sie auf. Den Kindern, die Fangen spielten sagte sie, dass sie im Gruppenraum nicht rennen dürften und das auch ganz genau wüssten. „Haben sie „Arschgeige“ zu dir gesagt?“, fragte sie mich. Ich nickte und kam mir ein bisschen doof dabei vor. Schließlich war ich der abgebrühte Oberstufenschüler. Und jetzt hatten diese Kinder mich „Arschgeige“ genannt und ich hatte mich nicht wehren können. „Ihr sollt das nicht sagen, habt ihr verstanden?“, sagte meine Schwester ernst. „Ihr wisst doch ganz genau, was passiert, wenn ihr das macht!“ Da waren die zwei trockenen Fangenkinder beschämt und trollten sich. Eines zischte mir im Vorbeigehen „Petzliesel“ zu. Da guckte meine Schwester streng und gab gleichzeitig dem Schnupfenkind ein Tempo. „Nicht den Ärmel nehmen“, mahnte sie. „Mmm“, sagte das Schnupfenkind. „Ach herrjeh, ein Unglück“, lachte sie dann und wandte sich dem Pfützenkind zu. Sie holte Eimer und Lappen und putzte die Pfütze auf. Sie nahm das Kind mit. Nachher kam sie mit dem umgezogenen Kind zurück.
„Ist das immer so?“, fragte ich meine Schwester. „Wieso“, fragte sie, heute sei es doch eigentlich ganz ruhig. Ab diesem Moment sah ich meine Schwester mit anderen Augen. Ich sah den Berufsstand der Erzieherin mit anderen Augen.
Nach einer Dreiviertelstunde verließ ich den Kindergarten. In meinen Ohren rauschte es, als käme ich von einer Technoparty. Und zum ersten Mal im meinem Leben hatte ich Kreuzschmerzen, wegen der kleinen Möbel. Hausaufgaben hatte ich keine gemacht.

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Die Geschichte zum Lied: Ist alles still (2005)

In dem schönen Lied „In my Life“ spannt John Lennon ein Koordinatensystem für Erinnerungen auf: People, Things, Places, Moments.
Lennon singt: „All these Places have their moments / with people and things / that went before / Some are dead and some are living …“
Menschen sterben. Dann sind sie tot. Für immer. Das wissen wir. Es ist das Einzige, was wir mit absoluter Sicherheit über unser Leben sagen können. Es bleiben ein paar Fotos, jede Menge Krimskrams und das wars. Aber besser oder fassbarer wird es dadurch nicht. Man muss damit irgendwie umgehen. Poetischer als der Replikant Roy Batty in „Blade Runner“ kann man es nicht sagen: „All diese Momente werden verloren sein in der Zeit wie Tränen im Regen.“
Mit dem Tod verschwinden die Menschen. Tot sind sie dann, wenn sich keiner mehr an sie erinnern kann. Die Fotos sind noch da, aber wer sind die Leute darauf. Die Plätze sind auch noch da und auch die Dinge. Aber die Menschen nicht.
In „Cementary Gates“ beschreibt Morrissey seine Gefühle bei einem Friedhofsbesuch:
„So we go inside and we gravely read the stones
All those people all those lives
Where are they now?
With the loves and hates
And passions just like mine
They were born
And then they lived and then they died
Seems so unfair
And I want to cry“
Mit dem Tod eines Menschen ist seine Geschichte zu Ende. Es gibt keine Fortsetzung keinen zweiten Teil. Es bleiben nur noch die alten Geschichten. Und die haben kein Happy End. Und irgendwann werden die Geschichten vergessen und es ist, als hätte es den Menschen nie gegeben. People, Things, Places, Moments – alles weg.
Ich weiß nicht, ich kann damit nicht umgehen. Es ist furchtbar.
Ich mag Friedhöfe. Vor allem den in meiner Heimatstadt. Als Kind und Jugendlicher habe ich mir gerne die Grabsteine angeschaut. „All die Leben, all die Menschen“, habe ich damals gedacht und versucht mir vorzustellen, was hier an Momenten und Erinnerungen verschwunden ist. Unwiderbringlich.
1995 starb mein Freund Arkus. 1996 meine Mutter und 2005 mein Bruder. Im Sommer 2017 ist mein Vater gestorben. Es tut immer anders weh, aber es tut immer weh. Was bleibt, ist ein Name und ein Datum auf Grabstein. Alles, was mit dem Namen zu tun hat, steht im Imperfekt. Die Zukunft ist vorbei. Ich gehe immer noch gern auf den Friedhof. Ein wehmütiges „gern“. Aber inzwischen bewege ich dort in einem Netz aus Geschichten, die ich mir nicht mehr vorzustellen brauche. Fast die ganze Nachbarschaft meines Elternhauses, lokale Größen, Mitschüler. Das begegnet mir jetzt in den Namen auf den Grabsteinen. Ein Netz aus Momenten, Menschen, Orten und Plätzen. Und auch die werden vergehen und vergessen sein. Meine Familie ist aus meinem Heimatort verschwunden. Noch erinnern sich vielleicht ein paar Nachbarn. Aber auch das wird bald vorbei sein.
Als mein Bruder 2005 starb, da musste ich diesem überwältigenden Gefühl Ausdruck verleihen. Unzulänglich. Wie alles, was man gegen diese Tatsache unternehmen will. Aber ich musste etwas tun, gegen das Gefühl des kosmischen Vergessenwerdens und der Sinnlosigkeit. Heraus dabei kam das Lied „Ist alles still“.

Auf das „Das sind wir“ ist „Ist alles still“ das Winterlied.

 

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