Kreativer Entscheidungsfluss

„Ein Lehrer fällt an die 200 Entscheidungen in einer Unterrichtsstunde“, habe ich in der Zeit gelesen. Das ist schockierend. Denn ein Schiedsrichter, habe ich gelesen, trifft so um die 100 Entscheidungen pro Halbzeit. Und das nur samstags und sonntags. Von mir wird das Doppelte von Montag bis Freitag erwartet. Ich habe ein Deputat mit 27 Stunden. Das heißt ich treffe theoretisch 5400 Entscheidungen pro Woche? Ich kann mir das nicht vorstellen. Das entspricht nicht meinem Charakter. Es ist schlimm. Eigentlich kann ich keine Entscheidungen treffen. Mein Vater sagte immer: „Der Jens trifft keine Entscheidungen, die Entscheidungen treffen ihn.“ Damals, so als Jugendlicher, fand ich das irgendwie cool. Ich habe das Abitur gemacht, weil ich mich nicht entscheiden konnte, was für eine Ausbildung ich machen könnte. Als Rockstar konnte man sich nirgendwo bewerben. Bei der Bundeswehr war ich, weil ich auf diese Weise keine Entscheidung treffen musste, wie es mit meinem Leben weiter geht. Es ging einfach weiter. Und weiter und weiter. Ich sollte mich also eigentlich berufsunfähig melden.
Nachdem ich diesen Satz gelesen hatte, habe ich eine Selbstbeobachtung gemacht. Wie komme ich, als entscheidungsunfähiger Mensch durch den Schulalltag?
Ich habe folgendes festgestellt. Ich benutze häufig und in verschiedenen Varianten den Satz: „Da muss ich erst mal drüber nachdenken!“ Und erstaunlich, viele Dinge lösen sich dann ganz von selber in Wohlgefallen auf. Damit sind schon 50 Prozent der Entscheidungen abgehakt.
Dann habe ich gemerkt: Je genauer die Kinder wissen, was tun müssen, umso weniger Entscheidungen muss ich treffen. Darum bereite ich den Unterricht so vor,
dass er für mich möglichst entscheidungsarm ausfällt. Das sind weitere 25 Prozent.
Dann bleiben immer noch 25 Prozent. Und da mache ich einfach irgendwie. Das kam mir komisch vor. Es fühlt sich unprofessionell an. Darum habe ich die Kolleginnen gefragt. Die meisten haben so in etwa folgendes gesagt: Je länger man Lehrkraft ist, umso kreativer wird man mit der Zeit darin, Entscheidungen fließend zu gestalten. Das hat mir gefallen. Entscheidungsfluss. Lehrkraft, der Beruf mit dem kreativen Entscheidungsfluss.

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ACH in Nürnberg

ACH in Nürnberg? Ja! Die unbedeutendste Band der Welt auf Kaffeefahrt. Fünf verbeamtete LoFi-Pop-Frührentner verarbeiten auf Reisen ihre Midlife-Crises. Diesmal in Nürnberg.
Bei Nürnberg fallen einem lauter tolle Sachen ein. Beispielsweise der Reichsparteitag und die Nürnberger Prozesse. Und Heinz Rudolf Kunze behauptet, dass der Fuhrpark der Wehrsportgruppe Hoffmann (Berühmte Nürnberger) in Nürnberg in einem Polizeidepot eingelagert ist.
Und die Playmobilritter. Die fallen einem auch ein. Die hatten in den Achtziger Jahren das Nürnberger Wappen auf dem Schild. Oder zumindest ein sehr ähnliches Wappen. Außerdem gibt es Nürnberger Würstchen.
Nürnberg ist in Bayern. Aber nicht im Lederhosen-Bayern, sondern in Franken. Bizzarer Weise ist Nürnberg komplett SPD dominiert. Vielleicht lässt das darauf schließen, dass die Nürnberger insgesamt etwas merkwürdig sind? Oder Schuldgefühle haben, wegen des Reichsparteitages? Dieser Gedanke liegt nahe, denn in Nürnberg gibt es „Die Straße der Menschenrechte“, die wegen der Rolle Nürnbergs während der Nazizeit eingerichtet wurde.
Im Wikipedia-Artikel (übrigens außer meinem Ex-Nachbarn und Heinz Rudolf Kunze die einzige Info-Quelle für diesen Text) über Nürnberg gibt es einen faszinierenden Abschnitt, der auf eine weitere Besondernheit Nürnbergsder Stadt hinweist:
Hinter dem westlichen Ende der Frauentormauer, zwischen Spittler- und Färbertor, sowie der Ottostraße und Engelhardsgasse befindet sich das zentrale Nürnberger Rotlichtviertel. Es stellt eines der größten seiner Art in Deutschland dar. Erste Quellen weisen bereits seit 1381 auf die Ausübung von Prostitution in Frauenhäusern hin. Im 19. Jahrhundert wurden die Häuser oftmals als Weinhandlungen bezeichnet.“
Tradition! Tradition!

Aus Nürnberg kommen berühmte Leute. Meine Lieblingsberühmtheit ist Ludwig Feuerbach. Gott ist nur eine Projektion. Alles, was der Mensch nicht ist, das ist Gott. Allmächtig, allwissend und so weiter. Aber so weit ich das gesehen habe, gibt es kein Feuerbach-Museum. Aber die Frage, ob Gott existiert, treibt uns eigentlich nicht mehr so sehr um. Eher solche Sachen, wie, wo gibt es Bier, wo Bowling, wo Tischkicker? Und sind wir rechtzeitig in der Jugendherberge, um noch ein Mittagsschläfchen zu machen.
Die Meistersinger hab ich noch vergessen. Die Meistersinger von Nürnberg. Wagner. Berühmt, aber irgendwie auch schlimm. Nürnberg ist schließlich nicht Bayreuth.


Und natürlich der Feminismuspodcast der Nürnberger Nachrichten m/w/d. Wenn fünf Männer in Urlaub gehen, sollten sie jeden Abend eine Folge anhören, damit sie nie vergessen. Nie. Homosoziale Reproduktion sorgt nicht bei allen Bevölkerungsgruppen für wohlwollendes Nicken.

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Beim nächsten Gongschlag ist es 26:67 Uhr

Zahlen im amerikanischen Fernsehen machen spaß. Zuhause eher nicht.

„Papa“, rief mein Sohn in diesem nöhligen Tonfall. Ich reagierte heftiger, als ich mir selber zugetraut hätte. „Ja“, kreischte ich, und stand auf. Und während ich die Treppe zu seinem Zimmer hinaufstieg schimpfte ich noch vor mich hin „Papa kommt schon, Papa kommt gleich, was soll er denn auch sonst machen, wozu ist denn sonst da…“
Man kann seine eigene Begrenztheit in vielerlei Hinsicht erfahren. Bei einer Bergtour. Beim Kreuzworträtsel der „Zeit“. Oder man hilft seinem Kind bei den Hausaufgaben.Mein Sohn ist Viertklässler. Er muss viele Hausaufgaben machen. Hausaufgaben sind nicht seine Stärke. Wir machen das immer so: Ich sitze im Arbeitszimmer und arbeite. Er sitzt in seinem Zimmer am Schreibtisch und arbeitet auch. Wenn er Hilfe braucht, ruft er. Eigentlich macht er alle Schulfächer sehr selbständig. Hin und wieder braucht er einen Schub, aber dann läuft es. Nur in Mathe hakt es. Das hat nichts mit seiner Lehrerin zu tun, sie ist toll. Es hat mit Mathe zu tun.
Mein Sohn saß am Schreibtisch über einem Mathearbeitsblatt. „Ich blick das nicht“, sagte er. „Ach komm“, rang ich mir ein paar aufmunternde Worte ab, „du bist doch gut, das kriegen wir hin, zeig mal die Aufgabe.“
Er schob mir das Blatt hin und ich las. Dann las ich nochmal. Es hatte etwas mit Uhrzeiten zu tun und man sollte eine Zeitspanne ausrechnen. Aber irgendwie konnte ich nicht erfassen, wie ich das hätte tun sollen. „Wie rechnet man sowas?“, fragte ich meinen Sohn. Er hatte den Zenit seiner Konzentrations- und Frustrationstoleranz bereits hinter sich und sagte patzig: „Was weiß ich, du bist doch hier der Lehrer!“
Ich konzentrierte mich und las nochmal. „Ich versteh das nicht“, sagte ich, während der Bub seinen Blick aus dem Fenster schweifen ließ. „Steh mal auf“, sagte ich, was er tat. Ich setzte mich auf seinen Stuhl, nahm Blatt und Bleistift und konzentrierte mich. Nichts zu machen.
Mein Sohn schob auf dem Boden ein paar Legos hin und her. „Warten wir einfach bis Mama kommt, die weiß, wie das geht“, schlug er vor. Welche Schmach! „Nein, nein, nein“, murmelte ich, „Moment noch, ich hab‘s gleich.“ Ich rechnete. Das Ergebnis war 26 Uhr und 67 Minuten. „Papa, das ist doch Käse“, sagte der Bub, als er sich von hinten zu mir beugte.
Später hat meine Frau die Aufgabe schnell im Kopf gerechnet und dem Buben so erklärt, dass er sie selber machen konnte. „Du weißt schon, dass eine Stunde 60 Minuten hat, nicht Hundert“, sagte meine Frau, nachdem sie meine Rechnung analysiert hatte. „Logo“, sagte ich beschäftigt. Aber mir dämmerte, wo das Problem gelegen hatte.
„Beim nächsten Gongschlag ist es 26:67Uhr“, sagte sie und schüttelte den Kopf. Ich blieb am meine Schreibtisch sitzen und beschloss zwei Dinge: Keine Mathehausaufgaben mehr. Zumindest nicht mit Uhrzeiten. Und außerdem: Keine Mathehausaufgaben mehr.

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Gruppenbild ohne Lehrkräfte

In meinem Postfach lag die Publikation „Klassenführung„. Ich erschrak. Ein Wink von der Schulleitung? Ich schaute mich verstohlen um und drückte das Heft an mich, damit keiner den Titel lesen konnte.
Viele Kolleg/innen saßen vor der kultusministeriumsgelben Publikation und machten dabei ein Gesicht, als hätten sie gerade in eine Zitrone gebissen. Der eine oder andere schüttelte den Kopf, manche stöhnten leise. Da war ich erleichtert.
„He, Ens“, rief mir eine Kollegin zu, „hast du gesehen, jetzt wird alles gut, das Kultusministerium erklärt uns, wie man eine Klasse führt!“ Nicht immer so negativ, dachte ich, auch mal positiv.
Ich setzte mich hin und schlug positiven Sinnes das Heft auf. Da, dachte ich, als ich das Foto der Kultusministerin sah, die Kultusministerin hat auch gute Laune. Ich versuchte auch zu lächeln beim Lesen. Leider ist mir beim zweiten Satz des Vorwortes das Lächeln bereits entgleist. Denn da stand, dass das Heft von „… Expertinnen und Experten aus allen allgemein bildenden und beruflichen Schulen gemeinsam mit Vertreterinnen und Vertretern aus der Lehrkräfteausbildung, der Lehrkräftefortbildung, der Schulverwaltung und mit einer intensiven wissenschaftlichen Begleitung erarbeitet wurde.“
Vor meinem inneren Auge stellte ich ein Gruppenbild zusammen. Links die Expertinnen und Experten, daneben die Vertreterinnen und Vertretern aus der Lehrkräfteausbildung, dahinter die Vertreterinnen und Vertretern aus der Lehrkräftefortbildung und in der Mitte die Schulverwaltung. Dann fügte ich dem Gruppenbild ganz rechts ein paar weiße Umrisse hinzu. Die standen für die schlichten Lehrkräfte, die jeden Tag in ganz Baden-Württemberg Klassen führen. Ohne, dass es ihnen bisher einer erklärt hat.
Meine Frau sagt, dass ich den Mund komisch verziehe, wenn ich Sachen lese, die ich blöd finde. „Lass das, da kriegst du so Bitterer-Alter-Mann-Falten“, sagt sie dann immer. Beim Durchblättern des Heftes merkte ich, wie ich genau dieses Gesicht machte.
Der Landesschülerbeirat schreibt in seinem Vorwort zu dem Heft: „Auf die Lehrkraft kommt es an!“ Gute Einsicht, dachte ich, da hätten sie uns ja auch mal fragen können: Wie macht ihr das so? „Best Practice“ hieß das eine Zeit lang in den Fortbildungen.
Drei Professoren und eine Professorin erklärten mir sodann ab Seite 9, dass Klassenführung hieße, Lernprozesse optimal zu organisieren und zu steuern. Und mit Regeln, Routinen und Strukturen den Unterrichtsfluss zu gewährleisten und Störungen zu verhindern. Und so ging das die ganze Zeit weiter. Als ich den Satz „Ist die Klasse wirklich schwierig? – Regeln und Routinen einüben“ las, spürte ich, wie mir der Dampf aus den Ohren pfiff. Haben die Verfasser/innen des Heftes mal in Grundschulen vorbeigeschaut? Da kann man das mal praktisch erleben. Und in anderen Schulen auch. Es passiert täglich. Überall!
Die Kollegin und ich waren uns einig. Das Heft benennt die Dinge richtig. Und die Vorschläge sind auch richtig. Aber trivial. „Was glauben die im Kultusministerium, wie wir das bis jetzt gemacht haben?“, fragte die Kollegin. Aber vielleicht scheitert die Führung von Klassen manchmal an ganz anderen Dingen. Lehrermangel? Inklusion ohne Personal? Fragwürdiger Zustand von Schulgebäuden? Und so weiter?
„Vielleicht sollten wir mal ein Heft verfassen, in dem wir dem Ministerium erklären, wie es das Ministerium führen soll?“, meinte die Kollegin. Das Heft sagt mehr darüber, wie wir als Lehrkräfte vom Ministerium gesehen werden, als über Klassenführung.
Zu Hause zeigte ich das Heft meiner Frau. Sie blättert es kurz durch. Dann sprach sie weise Worte: „Das Schlimme ist, du kannst dir mit dem Zeug ja nicht mal die nassen Schule ausstopfen, weil es auf so Hochglanzpapier gedruckt ist.“

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4. Advent und Pop: Beds are burning

Samstag, 31.12.1988
„Du rauchst jetzt eine mit mir, sonst bist du ein Minuskumpel“, meinte der Raub. Gehorsam nahm ich eine Marlboro. Dem Raub widersprach man nicht. Er selber hatte schon eine zwischen den Lippen und rauchte mit zusammengekniffenen Augen. „Feuer“, sagte er und hielt mir sein Feuerzeug an die Zigarettenspitze. Gleich beim ersten Zug musste ich husten. „Alles klar, Oesi“, lachte der Raub. Ich war kein Raucher.
Bis gerade eben hatte noch Schneewittchen neben mir gesessen. Meiner Ansicht nach hatte ich mit ihr geflirtet. Auf Silvesterparties machte man das doch so? Oder? Schneewittchen war ein baumlanges, bleiches, schwarzhaariges und sehr, sehr schönes Mädchen, das ich noch nie zuvor gesehen hatte.
Dann kam der Raub angewankt, setzte sich träge zwischen mich und sie und sagte: „Oesi, hör auf an der Anita rumzuschrauben, oder ich hau dir aufs Maul.“ Er sagte das sehr freundlich, aber es war klar, dass er genau das meinte, was er sagte. Schneewittchen lachte glockenhell. „Gib mal ein Zigarettle“, befahl sie dem Raub. Er fummelte müßig eine ziemlich zerdötschte Marlboropackung zutage und streckte sie ihr hin. Sie nahm eine Zigarette, drehte ihm den Kopf hin. Er fummelte schwerfällig in seinen Hosentaschen und förderte ein Feuerzeug zu tage. Damit zündete er ihre Zigarette an. Sie stand auf und ging zu der Falltür, die auf den Dachboden führte. Da drehte sie sich nochmal um, blies rauch aus und sagte: „Tut mir leid, Ens, aber das wird wohl nichts mit uns!“ Jetzt lachte der Raub hustend und keuchend.
Da saß ich jetzt. Neben dem Raub, diesem Arschloch. Mein Freund Arkus hatte schon um Zehn soviel gesoffen, dass er nicht mehr richtig ansprechbar gewesen war. Unsere letzte Konversation war die Folgende gewesen. Er: „Scheiß Weiber?“ Ich: „Wieso?“ Dann hatte er sich ruckartig auf ein Sofa im Zwischengeschoss gelegt und war augenblicklich weggedämmert. Der KHG hatte erst glasig durch seine Glasbausteinbrille geglotzt und dann auf seine Liege gekotzt. Orinna hatte gegen Elf einen Heulanfall gehabt, so dass Ichael mit ihr, Örg und Katja wieder abgezogen war. Der Fuchs war angeseuselt die Treppe runtergefallen. Direkt an mir vorbei. Sein Vater hatte ihn dann abgeholt. Anya saß unter der Garderobe mit einem mir unbekannten Blödmann und redete über Punk. Seit zwei Stunden. Anya. Eigentlich war ich wegen ihr hier. Ich war nicht verliebt in sie. Aber sie war meine Heldin. Klug und Wild. So musste man sein. Und jetzt saß sie da mit dieser Arschgeige auf dem Boden und ich musste mit dem Raub auf dem Dachboden rauchen. Das entwickelte sich alles nicht so, wie ich es mir erwartet hatte. Es war das erste Mal, dass ich Silvester nicht zu Hause war, Flips aß, Spezi trank und Harald Juhnke schaute. Ich war vor einer Woche Sechzehn geworden. Nach Hause konnte ich aber nicht. Die Party war in einem winzigen Kaff jenseits aller Zivilisation. Nach Hause wären es etwa 15 Kilometer durch die Pampa gewesen. Ich hatte zwar ein Moped, eine DKW Hummel, war aber durch den scheiß Mopedführerschein gefallen.
Der ganze Scheiß hier war symptomatisch für das Jahr 1988. Der Raub schaute mich besoffen an. „Rauch mal, sonst ist das alles umsonst“, sagte er. Ich zog an also an der Marlboro und hustete gleich wieder. Wir saßen direkt unter dem Dach des leerstehenden Bauernhauses, in dem die Party stattfand. Der Raub hatte eine Decke um sich gewickelt, ich saß mit dem Rücken zum Heizungsradiator. „Wieviel Uhr?“, fragte ich. Unendlich langsam schob der Raub seinen Arm in sein dröges Blickfeld. „Viertel vor!“, antwortete er. „Oh“, sagte ich, zog an der Zigarette und nahm einen Schluck Faber-Sekt aus der Flasche, die ich seit Halb Zehn mit mir herumschleppte. Der Sekt brannte mit dem Rauch in meinem Hals. Ich stand auf. „Ich muss dann mal“, sagte ich zum Raub und stieg die Treppe hinunter.

1988 hatte ich eine Vorliebe für graue Kleidung entwickelt. Ich trug graue Hemden, einen grauen Wollpulli mit dickem Kragen, graue Bundfaltenhosen, eine graue Windjacke mit grau kariertem Futter und die braunen Tankwartschuhe mit Stahlkappen. Meine Haare föhnte ich so, dass sie ein bisschen abstanden. Mit Grau kam ich mir irgendwie unauffällig vor.
Seit der Fasnet hatte ich regelmäßigen Kontakt mit Alkohol. Die Wochenenden des Jahres 1988 schienen mir wie eine endlose Kette aus Parties und Discobesuchen. Was das betraf, fühlte ich mich vorn dabei.
Aber die Musik war plötzlich so beschissen. Eierstock und Wassermann und der ganze Acid-House-Scheiß.
Die anderen fuhren jetzt alle irgendwie Moped. Ich war ja durch die Prüfung gefallen. Nicht praktisch. Durch die Theorie! Das hatte mich tief verstört. So sehr, dass ich keinen weiteren Anlauf wagte. Also war ich einfach schwarz gefahren. Und vom Moped gefallen. Meine schönste graue Jeans war zerfetzt worden. Ich hatte mir Kieselsteinchen aus dem Knie gezupft und vor Wut geheult.
Mit Anya hatte ich lange, tiefsinnige Gespräche geführt. Über Gott, Punk und die anderen aus unserer Klasse. Aber ich war nicht verliebt in sie, so viel war mal klar.
Die Sugarcubes waren meine Platte des Jahres. Das Lied „Deus“ handelte von Gott. Dem Gott, der nicht existierte. Großartig. Sowas hatte ich noch nie gehört.
Die DDR-Fahrt im Herbst war der Durchbruch zum Schnaps hin gewesen. Auf der Rückfahrt hatte Anya ihren Kopf an meine Schulter gelehnt und geschlafen. Die ganze Fahrt war großartig gewesen.

Ich stieg vorsichtig die Treppe hinunter. Die halb aufgerauchte Zigarette warf ich zu einem gekippten Fenster hinaus. Igitt, dachte ich und schaute zu wie die Glut im Fallen einen Laserstrahlstrich zog und unten Funken versprühend aufschlug.
Anya und der Blödmann saßen immernoch in der Garderobe. Ich nahm einen Schluck Sekt. „Ensi“, rief Anya und strahlte, „gleich ist 1989!“ Dann sprang sie auf, legte ihren Arm um meinen Rücken, ich legte meinen um ihren. „Komm“, rief sie, „wir gucken mal, was die anderen so machen.“ Den Blödmann würdigte sie keines Blickes mehr. Der saß da und grinste verzagt. Ha, dachte ich, hahaha, hahaha, fügte ich hinzu. Kein Lachen. Nur das aneinanderreihen der Silben.
Wir fanden Arkus. Es ging ihm wieder besser. Er nahm mir die Sektflasche aus der Hand, nahm einen kräftigen Schluck und spuckte ihn gleich wieder aus. „Pisse“, schrie er und pfefferte die Flasche ins Gebüsch.
Draußen war inzwischen ein gigantisches Tohuwabohu. Es war eisig kalt und Anya wich nicht von meiner Seite. „Du bist so schon warm“, hauchte sie mir ins Ohr, dass sich bei mir alle Haare aufstellten. Mit verliebt hatte das nichts zu tun, das war nur wegen der heißen Luft im kalten Ohr.
1989 begann mit Anya im Arm. Ein gutes Zeichen für das neue Jahr. Arkus kam mit einer frischen Flasche Sekt daher und trank daraus, als sei es Sprudel. Dann drückte er sie mir in die Hand. Der Raub war nirgendwo. Hahaha, reihte ich ein paar Silben. Dafür kam Arkus plötzlich mit Schneewittchen daher. Es sah grotesk aus. Der kleine Arkus und das riesige Schneewittchen. Anya und ich pflügten uns manisch glückwünschend durch die Partygäste. Es war herrlich.

01.01.1989
Drinnen versammelten sich alle in der Küche. War das ACDC, was da lief? Scheiß ACDC? Hardrockkacke? „Ist das Scheiß-ACDC?“, sagte ich zu Anya, die mich immernoch festhielt. Sie kam mit ihrem besoffen lächelnden Gesicht ganz nah an mich heran. In diesem Moment wollte ich sie küssen. Nicht wegen verliebt, nur so, weil es 1989 war und weil ihr Mund nach Sekt roch. Und vielleicht auch, weil die Gelegenheit so günstig war. „Ich find ACDC gut!“, sagte sie und schaute mir dabei tief in die Augen.

In diesem Moment brach die Musik ab. Ein kurzer Moment der Stille trat ein. Fetze stand mit euphorisch aufgerissenen Augen an der Anlage. Und dann kam brüllend laut das Intro von „Beds are burning“ aus den Boxen. Anya lies mich los und kreischte auf. Auch ich musste die Knutschenegie entladen und kreitschte. Arkus kam angesprungen. Alle sprangen auf und wir tanzten in der honigfarben ausgefunzelten Küche zu Midnight Oil. Es stellte sich heraus, dass es die ganze LP war, die da lief.

Ein Knaller nach dem anderen. Alle konnten die Lieder mitsingen. Mein Lieblingslied war „The Dead Heart“. Dududu dududu du dudu! Wir pogten durch die Nacht. Wir verschmolzen mit der Musik und dem Honiglicht. Wenn ein Lied zu Ende war, hielten wir still und warteten. Es sah aus, als ob wir in Bernstein gefangen wären. Später lief noch andere Musik. Wir tanzten einfach weiter.

Gegen Halb Sechs fanden Arkus und ich unsere Schlafsäcke wieder. Wir tranken Sprudel. Alle Liegen und Sofas stanken nach Kotze. Wir legten uns auf den Küchenboden. Die Musik war aus. Überall im Haus hörte man gedämpfte Gespräche. Irgendein Trottel verteilte Klopapier im ganzen Haus. „How can we sleep when our world is turning, how can we sleep while our beds are burning“. Arkus und ich sangen leise und schauten die ablätternde Küchendecke dabei an.
Anya saß wieder beim Blödmann. „Punk ist einfach ehrlich und nicht so asozial wie Heavy“, raunte Anya. „Heavy ist doch nicht asozial, Punk ist asozial“, sagte der Blödmann. Dann begann er Witze zu erzählen. Alle, die in der Küche herumlagen kicherten. Die meisten Witze hatten mit Sex zu tun.
Dann dämmerte ich weg. Als ich wieder aufwachte, schimmerte durch die beschlagenen Fensterscheiben zaghaftes Schlechtwettertageslicht herein. Der Blödmann war wohl am Küchentisch beim Witze erzählen eingeschlafen. Anya war weg. Auf Arkus Uhr sah ich, dass es kurz nach Acht war. Die Anlage rauschte und blinkte grün und rot. Ich stieg über die mit Klopapier überzogenen Schlafenden hinweg, umrundete Kotzlachen und wich leeren Sekt- und Bierflaschen aus. Sie schnarchten und atmeten laut. Ich öffnete die Haustür. Es hatte Nebel. Dicken, kalten Nebel. Überall lagen Sektflaschen herum. Und zu Matsch gewordene Fetzen von Silvesterkrachern.
Das ist das Jahr 1989, dachte ich. Ich bin Sechzehn und Zehntklässler. Und bevor die Neunziger anfangen, hab ich noch einiges zu erledigen.
„How can we dance when our earth is turning
How do we sleep while our beds are burning“, dachte ich. Und dann sagte ich laut vor mich hin: „Your Dreamworld is about to end.“
„Spinnst du jetzt“, raunzte Arkus, der jetzt blinzelnd durch die Tür kam.



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3. Advent und Pop: „The only Kind of real Phantasy“

Ich hasste Paartanz. Paartanz hieß, dass man ein Mädchen anfassen musste, während alle anderen dabei zuschauten. Das machte mich verlegen. Aber das konnte ich natürlich nicht zugeben. Und als die Nicole mich aufgefordert hatte, da konnte ich doch nicht nein sagen. Ich meine, das war Nicole! Die wunderschöne Nicole! Die mit der braunen Haut und den schönen Augen! Beim Flaschendrehen hatte ich sie vor zwei Jahren sogar mal küssen dürfen. Liegend. Auf dem Sofa.
Ich war nicht verliebt in Nicole. Ich war noch  nie verliebt gewesen. Rätselhaft dieses ganze Liebesding. Aber jetzt war ich hier mit Nicole auf der Tanzfläche und wir tanzten Discofox oder sowas. Im Gymnasium. Denn wir waren auf der Klassenfete von irgendwelchen Gymnasiasten. Der Fuchs hatte gemeint, er sei von den beiden Weibern mit dem Holz vor der Hütte eingeladen worden und wir sollten alle mitkommen. 
Ich bebte vor Aufregung. Nicole musste mein Zittern spüren. Aber sie zählte nur lächelnd vor sich hin und schob mich hin und her. Ich redete irgendwelchen Quatsch, den ich für witzig hielt. Sie hörte nicht zu. Das Lied, das lief war ausgerechnet „Reality“. Das Lied aus „La Boum“. Ich liebte das Lied. Aber als Möchte-Gern-Punk hätte ich das natürlich nie zugegeben.
Die Gymie-Fete hielt nicht ganz das, was wir uns von ihr versprochen hatten. Eigentlich waren mehr von uns Realschülern da. Ansonsten nur die üblichen Gymnasiastinnen, die irgendwie den Eber und den Fuchs kannten und sich hauptsächlich für den Fuchs und den Örg interessierten.
„Reality“ verklang und Nicole ließ mich los. „Ich glaube“, sagte sie, „das hat keinen Sinn.“ Ich nickte. Denn ich wollte auf keinen Fall den Eindruck erwecken, ich hätte das gerade genossen. Was ich hatte. Aber wie gesagt: Zugeben war nicht drin.
Ich ging zu den Anderen, die gelangweilt in auf den Schulbänken herumhingen. Es sah aus als hätte sie ein niederländischer Meister aus dem 17. Jahrhundert für ein Gruppenportrait arrangiert. Der Eber war am Einschlafen, während seine kleine Siebtklässler-Freundin Mausi kerzengrade und grinsend auf seinen Oberschenkeln saß. Arkus hing unglücklich auf einem Schulstuhl. „Man ist das langweilig hier“, schrie er, „sind wir im Wald hier, wo bleibt unser Altbier?“ Rno saß kerzengerade neben ihm und macht ein neutrales Gesicht. In einem gewissen Sicherheitsabstand waren Ichael uns seine Freundin Orinna ineinander verschlungen. Orinna grinste mich sphinxenhaft an. Das war nichts Besonderes. Sie tat das immer. Ich war mir ziemlich sicher, dass sie mich doof fand. Der Fuchs grinste doof. „Oesi“, rief er, „Oesi!“ Er reckte die Daumen hoch. Was für ein bockhohler Heini, dachte ich. Er seine Haare gegelt und gescheitelt. An seinem moosgrünen Jackett hatte er die Ärmel hochgekrempelt. Don Johnson, dachte ich, ist doch sowas von vorbei. Der breite Orber mit der Frankensteinfrisur und den zusammengewachsenen Augenbrauen stand auf, kam zum mir und donnerte mir seine Pranke auf die Schulter. „Oeser du Sau“, schrie er, „schraubt der an der Nicole rum!“ Ich winkte ab. „Schon gut“, antwortete ich nachsichtig, denn ich mochte den grobschlächtigen Orber irgendwie. „Wir haben uns nur bei den Händen gefasst“, rief ich ihm ins Ohr. Denn jetzt lief wieder Musik. Pet Shop Boys. Das fanden sie im Gymnasium irgendwie gut. „Logo“, schrie der Orber zurück, „mehr kriegst du ja eh nicht hin!“ Da mochte ich ihn ein paar Augenblicke doch nicht mehr so gern. Gut, dass jetzt Weihnachtsferien sind, da hat man den mal eine Weile von der Backe. Pet Shop Boys, lenkte ich mich gedanklich ab. Punk finden sie im Gymnasium wohl blöd, oder was?  Da waren sie sich zu fein dafür.
Da ging das Licht an. Ein bärtiger und ziemlich dicker Lehrer stand an der Tür. „Ein Lied noch, dann ist Feierabend“, rief er. Rno stand auf und begann die Stühle auf die Tische zu stellen.

Es war der letzte Schultag gewesen. Über Schottland war irgendwie ein Flugzeug explodiert. Und jetzt war es erst Elf Uhr. Am Mittwoch den 21.12.1988. Mein letzter Tag als Fünfzehnjähriger.
„Wir können nicht heim gehen“, sagte Arkus, „der Ens hat doch bald Geburtstag!“ Da johlten sie alle. Das war mir peinlich. Irgendwie wäre es mir lieber gewesen, sie hätten das nicht gewusst. Aber das war sie halt, die Reality.
„Wir gehen ins City Pub“, sagte der Ichael. Er hätte es nicht mehr sagen müssen, denn wir waren bereits auf dem Weg. Es war nicht kalt. Nur nass. Die Weihnachtsbeleuchtung hing über der Hauptstraße und das war dann irgendwie doch schön. Wie immer an meinem Geburtstag.
Der City Pub lag in einer engen Gasse verborgen. Eigentlich war es nur ein schmaler und schlecht beleuchteter Gang, in dem ein paar Holztische, eine Bar und verschiedene Spielautomaten herumstanden. Die Kneipe hatte einen verwegenen Ruf. Das gefiel uns.

Zigarettenrauch quoll uns entgegen, als der Eber die Tür aufstemmte. „He Leute“, sagte der Wirt als wir ein bisschen ratlos am Eingang stehen blieben, „ich mach demnächst zu, okay.“ Wir nickten ergeben. „Aber der Oeser hat doch Geburtstag“, schrie der Fuchs. „Genau“, sagte der Orber und nahm mich in den Schwitzkasten. „Arsch“, stöhnte ich freundlich. Wir quetschten uns um einen Tisch mit Sitzbank, direkt am Eingang. Irgendwann hatten wir uns alle eingefädelt und saßen da. Hinter der Sitzbank war die Wand verspiegelt. Da sah ich mich sitzen. Der Holländischer Meister Ens Brueghel im Selbstportrait mit seinen merkwürdigen Freunden.
„Was soll’s sein“, rief der Wirt von der Bar herüber. „Wir nehmen erst mal einen Meter Bier, Schorsch“, rief der Orber routiniert. Der traut sich was, dachte ich, der kennt sich hier richtig aus, der weiß hier Bescheid. Der Orber war im Narrenverein bei den Hexen. Mit ihm hatten wir unsere ersten alkoholischen Experimente durchgeführt. Der erste Rambofilm und das Furchtgetränk „Chris“ mit einem Prozent Alkohol. „Der da“, der Orber zeigte mit einer weit ausholenden Geste auf mich, „zahlt!“ Der Wirt zwinkerte mir zu. Allgemeines Gejohle. „Schau mal“, sagte Orinna zu Ichael, „das findet er doof.“ Sie hatte es drauf mich zu  beschämen. Ich tat einfach so, als hätte ich es nicht gehört.
Schorsch stellte den Meter Bier ab. „Geht aufs Haus“, sagte er und zwinkerte schon wieder, „es ist ja bald Weihnachten.“ Wieder johlten alle. Der Orber hatte schon ein Bierglas in der Hand. „Prost du Sack“, schrie er mir ins Ohr. „Prost du Säcke“, schrie Arkus zurück. Orinna grinste. Ichael schaute interessiert. Fuchs nippte an seinem Bierglas. Ich trank einen sehr tiefen Schluck.
„He Eber“, schrie der Orber dem eingeschlafenen Eber zu, „Mausi ist zuhausi?“ Ohne die Augen aufzumachen antwortete der Eber: „Halt’s Maul, Arsch!“ Eber war Fußballer und immer schlaff vom Training. Als Antwort rülpste der Orber ohrenbetäubend. Dabei hielt er sich den Daumen an die Stirn, während er gleichzeitig mit dem kleinen Finger an die Decke zeigte.
„Das ist genau das, was ich mir für meinen letzten Tag als Fünfzehnjähriger gewünscht habe“, sagte ich. Orinna kicherte. Das machte mich ein bisschen stolz. Und ich spürte auch schon wie die transzendentale Ruhe des Alkohols sich in mein Gemüt senkte. Ich liebte das. Dieses Vorgefühl des Besoffenseins. Das war das Beste am Saufen.
Die Musik im City Pub war ein Elend. Zuerst lief Chris Norman, dann Blue System und zu guter letzt „Boys“ von Sabrina. Der Orber fand das gut. Er sang ein bisschen mit und benutzte sein Bierglas als Mikrophon. „Everybody, summertime love, do you remember me?“ Dann zündete er sich eine Marlboro an und blies mir den Rauch ins Gesicht.


„So Ens“, flötete Orrina, die kein Bier trank, „was war denn das Beste an deinem 15 Lebensjahr?“ Ich hatte schon vor einiger Zeit festgestellt, dass Alkohol die Gedanken und Eindrücke irgendwie verwirbelte. Alles wurde ineinander gestrudelt. Aber auf eine angenehme Weise. Und so ging es mir jetzt auch. In Gedanken war ich gerade damit beschäftigt gewesen, ob Dieter Bohlen wohl auch Sabrina produzierte? Der Oktavsprungbass war ein Indiz. Das war bei allen Bohlenproduktionen so, außer bei Chris Normen. Da nicht. Da gerade nicht. Aber sonst schon. Modern Talking. CC Catch. Blue System. Ja und Sabrina. Andererseits deutete der Name Sabrina eher auf eine italienische Produktion hin. Aber Bohlen orientierte sich ja an der Italo-Disco der frühen 80er Jahre. Schwierig.
„Ensi“, drang Orinna nochmal in meine Gedanken ein, „bist du traurig?“ Ich schüttelte den Kopf. „Nein, ich denke über Italo-Disco nach.“ Sie lachte spöttisch und schüttelte dabei den Kopf. Der Orber hatte auch zugehört und begann „Tarzanboy“ zu singen. „Italo Disco ist scheiße und Dieter Bohlen auch!“, sagte ich. Der Orber haute mir in den Nacken, dass es mir im Kopf dröhnte.
Da wusste ich, was das Beste an meinem 15 Lebensjahr war. „Das Beste an meinem 15 Lebensjahr ist, dass der Orber in der Schule nicht mehr neben mir sitzt“, sagte ich und rieb mein Genick. Der Orber blies mir durch einen Kussmund Rauch ins Gesicht.
„Ne“, sagte sie, „jetzt mal echt!“ Der Orber guckte mich auch erwartungsvoll an, während der Fuchs keuchend über irgendwas lachte, was Arkus gesagt hatte. „Vielleicht bist du ja verliebt?“, hakte Orinna nach. So ein Käse, dachte ich. Verliebt! Liebe macht Herz tot. „Quatsch“, sagte ich. Und der Orber brüllte: „Scheiß auf Liebe, es geht hier ums Ficken!“ Da grunzte der Eber mit geschlossenen Augen und brummte: „Halt’s Maul Orber, du hast doch noch gar nie gefickt!“ Der Orber schnippte die Asche seiner Zigarette über den Eber. Der merkte nichts. „Eben drum“, sagte er ganz ruhig.
„Scheiße es ist schon fünf nach Zwölf, der Oesi ist Sechzehn“, schrie der Fuchs vom anderen Tischende her.

Dann standen wir vor dem City Pub. Der Schorsch hatte uns nach dem zweiten Meter Bier rausgeschmissen.  Orinna hatte sechzehn Sternwerfer dabei. Die hielten die anderen jetzt funkenversprühend in der Hand und machten „oh“ und „ah“. Ziemlich halbherzig sangen sie Happy Birthday. Ich war gerührt.

Auf dem Heimweg begleitete ich Ichael und Orinna. „Und“, fragte Orinna, die eng umschlungen mit Ichael ging, was ich irgendwie peinlich fand, „was wünscht du dir denn zu deinem Geburtstag?“ Ich dachte sofort an die Kaffeewerbung im Fernsehen. Da saß eine Frau auf einem Luxusdampfer und rührte im Kaffee. Ein schicker Mann kam dazu und fragte: „Und wenn du dir etwas wünschen könntest, was wäre das?“ Die Frau zögerte kurz und dann sagte sie den Satz, den ich jetzt auch zu Orinna sagte: „Alles soll so bleiben wie es ist.“ Sie schüttelte den Kopf. „Und was war jetzt in echt das Beste an deinem 15 Lebensjahr?“ Da wusste ich plötzlich, was ich sagen musste: „Dass es vorbei ist!“ Sie kicherte wieder, Ichael himmelte sie von der Seite an. Irgendwie wirkte er immer etwas abwesend, seit er mit ihr zusammen war. „Warum?“, fragte sie. „Es ist nichts passiert“, sagte ich, „nichts von Bedeutung, es ist einfach immer nur weiter gegangen.“ Das stimmte zwar nicht. Aber es kam mir so vor. Aber am liebsten hätte ich etwas ganz anderes geantwortet. Am liebsten hätte ich gesagt, dass das Beste an meinem 15. Lebensjahr war, dass ich mit Nicole Discofox zu „Reality“ getanzt hatte. Es war nicht so gut gewesen, wie mit ihr auf dem Sofa zu knutschen, wie ein Jahr vorher, aber immerhin. Trotzdem war es besser, als der Moment, als Anya im Bus auf der Heimfahrt aus der DDR ihren Kopf auf meine Schulter gelegt hatte. Aber ich war nicht verliebt, in keine von beiden, sicherte ich mir in Gedanken nochmal ausdrücklich zu. Dreams are my Reality, das war the only kind of real phantasy. In dem Moment ging die über den Straßen aufgehängte Weihnachtsbeleuchtung aus. „Huch“, sagte Orinna.

Ein bisschen später nahm ich in meinem Kinderzimmer eine eigene Version von Reality auf.


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2. Advent und Pop: Der Atomkrieg und das Wesentliche

Ausgerechnet in einem Ort names „Hahnennest“ hatte meine Schwester Erena mit ihrer Ente ein Huhn überfahren. Mein Vater fuhr an dieser Kurve immer besonders langsam, weil er wusste, dass der versoffene Bauer, der seinen Hof in der Kurve hatte, seine Hühner frei laufen ließ. Meine Schwester dagegen fuhr sonst überall langsam, nur in dieser Kurve hatte sie es merkwürdig eilig. Zuerst hatte es vorne am Auto dumpf „Klonk“ gemacht. Dann hatte meine Schwester eine schlingernde Vollbremsung hingelegt und „Oh Gott, oh Gott!“ gerufen. Sie, ihr Freund und ich saßen im Auto. „Was machen wir denn jetzt“, fragte meine Schwester ihren kreidebleichen Freund. Ich drehte mich um und sah durch die Rückscheibe, wie ein reichlich zerzaustes Huhn schlingernd in den Wassergraben neben der Straße taumelte und dort umkippte. Überall auf der Straße wirbelten weiße Federn herum. Irgendwie ein passender Abschluss für die Weihnachtsferien, fand ich. Jetzt war doch tatsächlich jemand gestorben. Advent, dachte ich, das ist die Zeit des Wartens darauf, dass etwas passiert. Dass sich etwas verändert. Jetzt war immerhin mal etwas passiert. So endete also die erste Woche des Jahres 1985. Ich war eine Woche lang bei meiner Schwester Netti gewesen. Weil ich so traurig gewesen war. Erena wohnte im gleichen Ort und sollte mich heim bringen.

„Ihr seid einfach weiter gefahren?“, schimpfte meine Mutter, als wir zu Hause angekommen waren. Meine Schwester und ihr Freund nickten. „Hat euch einer gesehen?“, jetzt schüttelten sie den Kopf. „Sicher?“, hakte meine Mutter nach. Sie schüttelten nochmal den Kopf. „Selber Schuld der versoffene Schafseckel“, beruhigte sich meine Mutter, „der sollte einfach mal seine Arbeit machen, statt seinen Hof so verludern zu lassen.“
Damit war das Thema erledigt.

Das Jahr 1984 war schwierig gewesen. Ich war Fünftklässler. Und ich Februar hatte ich festgestellt, dass ich nicht mehr spielen konnte. Es ging nicht. Ich schaute meine Playmobilsachen an und sie waren mir irgendwie fremd. Sie lebten nicht mehr. Früher hatten sie Leben ausgestrahlt. Jetzt waren es nur noch Plastikfiguren. Sie verstaubten langsam in ihren Kisten. Ich hatte auch keine Lust mehr Captain Kirk oder Captain Future zu sein. Als Kind war ich damit zufrieden gewesen, dass ich Helden spielen konnte.
Jetzt hatte ich keine Lust mehr so zu tun, als sei ich jemand anderes. Ich hatte keine Lust mehr auf Rollen. Ich wollte lieber in Wirklichkeit jemand sein. Aber das ging auch nicht. Denn ich war niemand. Ich war ein Kind, dem von seiner Mami die Klamotten ausgesucht wurden. So sah es aus.
Ich bin nicht mehr der selbe, schrieb ich in mein Tagebuch, und vielleicht war ich es nie.

Im Sommer entdeckte ich die Elvisfilme. Ich zog die alte Gitarre meines Vaters heraus und versuchte so lässig wie Elvis zu sein. Bei meinem Freund Örg entdeckte ich im Herbst 1983 die Beatles. Und David Bowie. Statt des Spielens ging es jetzt um Pop. Gegen Ende des Jahres 1984 hatte ich bereits einige Beatles-Alben beieinander. Mich faszinierte das Klappcover des Roten und Blauen Albums. Vorne waren die Beatles nette Bubis in braven Anzügen. Hinten waren sie Hippies in bunten Klamotten mit langen Haaren. Sie hatten sich verändert. Sie waren jemand geworden. Darum ging es beim Pop. Jemand werden.

Im Spätherbst 1984 blätterte ich im Friseursalon von Manni Boll in der „Frau im Spiegel“. „Wir wollen Musik machen, die man auch in zwanzig Jahren noch anhören kann“, wurde da Mark Hollis, der Sänger der Popgruppe Talk Talk zitiert. Fand ich gut. Und auch auf dem Foto sah die Band so aus, als könne man sie auch in zwanzig Jahren noch angucken. Sie sahen ein bisschen aus wie die Beatles 1968. Nicht wie die Knalltüten Limahl oder Boy George. Das fand ich gut. „Such a Shame“ war ein tolles Lied. Und auch „It’s my life“ gefiel mir. Bald ist Weihnachten dachte ich. Man könnte sich auch mal eine Schallplatte wünschen. Mit Popmusik drauf.
Neben dem Text über Talk Talk war ein kleiner Text über Nostradamus. Ich erfuhr, dass Nostradamus ein mittelalterlicher Astrogloge gewesen war, der sowohl den Ersten Weltkrieg, wie auch den Zweiten Weltkrieg vorhergesagt hatte. Auf das Jahr genau. Und für das Jahr 1987 hatte er einen Atomkrieg vorhergesagt. Ich spürte, wie mir die Farbe aus dem Gesicht wich. Verdammt! Ich würde sterben! Wir alle würden sterben.
Während Manni Boll mir die Haare schnitt war ich sehr, sehr wortkarg. Alles war sinnlos.

Trotz der Sinnlosigkeit kaufte ich mir beim Kirbemarkt „Tonight“. Die Neuste von David Bowie. Ich fand die Platte toll. „Loving the Alien“ war hypnotisch. Beim Nikolausmarkt kaufte ich mir dann „Let’s dance“. „Modern Love“ haute mich um. Das war gute Musik von einem Typen, der richtig cool aussah.

An meinem Geburtstag und an Weihnachten war ich wieder sehr deprimiert. Wir würden sterben. Der Atomrkrieg würde kommen. Nostradamus hatte es gesagt. Keiner würde in zwanzig Jahren Talk Talk hören, weil alle tot waren.
Am Heilig Abend saß ich in meinem Zimmer und hörte „It’s my life“. Meine Eltern hatten sie tatsächlich gekauft für mich. Sogar das Wort „life“ deprimierte mich, weil ich daran denken musste, dass mein life so kurz sein würde. Ich gestattete mir nicht, zu heulen. Auch nicht bei der schrecklich traurigen Ballade „Renee“.
Radio hören ging auch nicht. Schon den ganzen Sommer hatten Wham! mit „Wake me up before you gogo!“ genervt. Der Sänger von Wham! sah aus, als sei einer einer von den drei Engeln von Charlie. Und jetzt hatten sie ein total nerviges Weihnachtslied am Start, das jede Stunde einmal im Radio lief. Gut, dachte ich, dass Wham! nur so ein Eintagsfliegending waren.
Während Talk Talk lief, las ich im „Großen Jugendbuch“ von Readers Digest. Das hatte ich zum Geburtstag bekommen. Es enthielt einen langen Text über David Bowie, der mich fesselte. Ich erfuhr erstaunt, dass „Let’s dance“ nicht die erste Bowie-Platte gewesen war. Er hatte schon in den Sechziger Jahren Musik gemacht. Da war er Hippy gewesen. Dann verwandelte er sich in Major Tom. Nach Major Tom wurde er zu Ziggy Stardust, dann zu Aladdin Sane, dann in einen Diamond Dog, dann werde er zum Thin White Duke. Er spielte, dass er jemand anderes ist. 
Aber dann ging er nach Berlin. Und dort machte er eine Platte, die ganz anders war, als seine bisherigen. Die Platte hieß „Low„. Und zum ersten Mal spielte er keine Rolle mehr, sondern war David Bowie selber. Und dann entwickelte er sich langsam zum supererfolgreichen „Let’s dance“ Bowie. Von seinen früheren Ichs gab es in dem Text einige Fotos. Er hatte da ausgesehen wie Pumuckel, nachdem er beim Kinderschminken gewesen war. Unfassbar!

Silvster und Neujahr hing ich weiterhin betrübt herum. Immer knapp an der Heulgrenze. Vor allem wegen des Atomkrieges. Ich bewunderte die Bealtes, Talk Talk und David Bowie, die sich erfolgreich verwandelt hatten. Ich trauerte, um mein Leben, das ich nicht haben würde.
„Was ist denn mit dir“, fragte meine Mutter. Sie glaubte mir sei langweilig. Darum fuhr mich mein Vater zu meiner großen, fast zehn Jahre älteren Schwester Netti. Sie war verheiratet mit einem sehr netten Mann. Sie hatten ein zweijährige Tochter, mit der ich gerne spielte.

Es war arschkalt. Ich wanderte alleine in meinem lächerlichen, weiß roten Annorak durch die gepuderzuckerte Landschaft. Der Wohnort meiner Schwestern war genau so groß, wie mein eigener. Oberschwäbische Kleinstadt. Dabei wanderte ich auch am Plattenladen vorbei. In der Grabbelkiste entdeckte ich „Low“. Bowie sah auf dem Cover umwerfend aus. 8.99 Mark kostete die Platte. Best Buy Series.
Meine Schwester hörte zu dieser Zeit am liebsten Albano und Romina Power. Aber ich durfte meine neuste Errungenschaft mit Kopfhörern anhören. „Low“ war etwas ganz anderes, als „Let’s dance“ und „Tonight“. „Speed of Life“ war instrumental. Abgefahren. Am besten gefiel mir „Sound and Vision“. Die zweite Seite war merkwürdig. „Art Decade“ war okay. Aber „Weeping Wall“ hörte sich an als habe man eine schwerhörige Schulklasse mit Orff-Instrumenten und einer Heimorgel alleine gelassen.
Das also war die Platte, mit der Bowie er selber geworden war. Die erste Seite hörte ich immer und immer wieder. Mit der zweiten kämpfte ich. Ich wollte Zugang finden. Möglichst noch vor dem Atomkrieg. Es war ein bisschen wie der Sprung vom Roten zum Blauen Album. Das war auch nicht einfach gewesen.

Der Atomkrieg beschäftigte mich auch im April 1985 noch. Wir saßen im Kunstsaal und arbeiteten an „lustigen Puppen“. Das war der Auftrag. „Was wollt ihr später mal werden? Punker oder Spießer?“, fragte Örg, während er damit beschäftigt war, eine äußerst originelle und kunstfertige Puppe zu bauen. „Was soll das sein? Spießerund Punker?“, fragte ich nach. Ich hatte von beidem noch nie gehört. „Ein Punker ist einer, der nur alte und gebrauchte Klamotten anzieht und möglichst abgeratzt aussehen will, klar?“ Wir nickten. „Ein Spießer macht alles selber,er näht seine Schuhe und seine Klamotten und so.“ Wir nickten wieder. „Ichael ist Punker“, sagte Arkus und keckerte. Es war nicht zu leugnen. Ichael trug eine abgeratzte Jacke von undefinierbarer Farbe und hatte eine alteLederschultasche, wie man sie vielleicht zu Opas Zeiten gehabt hatte. „Ha-ha-ha!“, kommentierte er gelangweilt und wurde rot. „Ich“, hob Örg an, „will Spießer werden!“ „So ein Scheiß“, kanzelte Arkus Örgs Ankündigung ab, „warum soll ich Kleider selber machen, wenn ich viel bessere kaufen kann?“ Örg verdrehte die Augen.
„Ist sowieso egal“, sagte ich, „ich hab gelesen, dass Nostradamus vorhergesagt hat, dass 1987 der Dritte Weltkrieg ausbricht.“
„Wer?“, wollte Arkus wissen.
„Nostradamus“, erklärte ich, „das ist so ein Typ, der irgendwie vor dreihundert Jahren gelebt hat und der alles vorhergesagt hat und immer recht gehabt hat. Die Pest, den Ersten Weltkrieg und Hitler und alles…“
„1987?“, fragte Ichael in meine Richtung und nestelte an einem Damenstrumpf herum, in dem Styroporkugeln klapperten. Das war seine Vorstellung von „Marionette“. Ich nickte und stellte fest, dass aus meiner Uhuflasche kein Uhu kam, obwohl noch ganz viel drin war.
„Da sind wir“, er runzelte die Stirn und dachte einige Momente lang nach, „fünfzehn, da haben wir das Wesentliche eh hinter uns!“
Wir nickten. Fünfzehn, das war bockalt. Was konnte das Leben da noch zu bieten haben? Stimmt, dachte ich. Es ist 1985. Es sind noch zwei Jahre. Genug Zeit für das Wesentliche. Zumindest Zeit noch eine so coole Frisur wie David Bowie auf dem Cover von „Low“ schneiden zu lassen. Bei Manni Boll. Vielleicht war das ja das Wesentliche.
„Kann ich mal deinen Uhu haben“, fragte Arkus. In diesem Moment tropfte unerwarteter Weise doch noch Uhu aus meiner Flasche. Arkus sah, dass ich die Flasche umdrehen und ihm geben wollte. Flink griff er nach ihr und hielt sie umgedreht fest. „Jetzt lass doch, wenn die Flasche gerade ihren Orgasmus hat“, sagte er toternst. Dann lachte er. Neben mir hörte ich Örg und Ichael kichern, während viel zu viel Uhu über meine lustige Puppe floss.
Der Arkus, der Ichael und Örg sind mir gedanklich irgendwie einen Schritt voraus, dachte ich.





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