4. Advent und Pop: Beds are burning

Samstag, 31.12.1988
„Du rauchst jetzt eine mit mir, sonst bist du ein Minuskumpel“, meinte der Raub. Gehorsam nahm ich eine Marlboro. Dem Raub widersprach man nicht. Er selber hatte schon eine zwischen den Lippen und rauchte mit zusammengekniffenen Augen. „Feuer“, sagte er und hielt mir sein Feuerzeug an die Zigarettenspitze. Gleich beim ersten Zug musste ich husten. „Alles klar, Oesi“, lachte der Raub. Ich war kein Raucher.
Bis gerade eben hatte noch Schneewittchen neben mir gesessen. Meiner Ansicht nach hatte ich mit ihr geflirtet. Auf Silvesterparties machte man das doch so? Oder? Schneewittchen war ein baumlanges, bleiches, schwarzhaariges und sehr, sehr schönes Mädchen, das ich noch nie zuvor gesehen hatte.
Dann kam der Raub angewankt, setzte sich träge zwischen mich und sie und sagte: „Oesi, hör auf an der Anita rumzuschrauben, oder ich hau dir aufs Maul.“ Er sagte das sehr freundlich, aber es war klar, dass er genau das meinte, was er sagte. Schneewittchen lachte glockenhell. „Gib mal ein Zigarettle“, befahl sie dem Raub. Er fummelte müßig eine ziemlich zerdötschte Marlboropackung zutage und streckte sie ihr hin. Sie nahm eine Zigarette, drehte ihm den Kopf hin. Er fummelte schwerfällig in seinen Hosentaschen und förderte ein Feuerzeug zu tage. Damit zündete er ihre Zigarette an. Sie stand auf und ging zu der Falltür, die auf den Dachboden führte. Da drehte sie sich nochmal um, blies rauch aus und sagte: „Tut mir leid, Ens, aber das wird wohl nichts mit uns!“ Jetzt lachte der Raub hustend und keuchend.
Da saß ich jetzt. Neben dem Raub, diesem Arschloch. Mein Freund Arkus hatte schon um Zehn soviel gesoffen, dass er nicht mehr richtig ansprechbar gewesen war. Unsere letzte Konversation war die Folgende gewesen. Er: „Scheiß Weiber?“ Ich: „Wieso?“ Dann hatte er sich ruckartig auf ein Sofa im Zwischengeschoss gelegt und war augenblicklich weggedämmert. Der KHG hatte erst glasig durch seine Glasbausteinbrille geglotzt und dann auf seine Liege gekotzt. Orinna hatte gegen Elf einen Heulanfall gehabt, so dass Ichael mit ihr, Örg und Katja wieder abgezogen war. Der Fuchs war angeseuselt die Treppe runtergefallen. Direkt an mir vorbei. Sein Vater hatte ihn dann abgeholt. Anya saß unter der Garderobe mit einem mir unbekannten Blödmann und redete über Punk. Seit zwei Stunden. Anya. Eigentlich war ich wegen ihr hier. Ich war nicht verliebt in sie. Aber sie war meine Heldin. Klug und Wild. So musste man sein. Und jetzt saß sie da mit dieser Arschgeige auf dem Boden und ich musste mit dem Raub auf dem Dachboden rauchen. Das entwickelte sich alles nicht so, wie ich es mir erwartet hatte. Es war das erste Mal, dass ich Silvester nicht zu Hause war, Flips aß, Spezi trank und Harald Juhnke schaute. Ich war vor einer Woche Sechzehn geworden. Nach Hause konnte ich aber nicht. Die Party war in einem winzigen Kaff jenseits aller Zivilisation. Nach Hause wären es etwa 15 Kilometer durch die Pampa gewesen. Ich hatte zwar ein Moped, eine DKW Hummel, war aber durch den scheiß Mopedführerschein gefallen.
Der ganze Scheiß hier war symptomatisch für das Jahr 1988. Der Raub schaute mich besoffen an. „Rauch mal, sonst ist das alles umsonst“, sagte er. Ich zog an also an der Marlboro und hustete gleich wieder. Wir saßen direkt unter dem Dach des leerstehenden Bauernhauses, in dem die Party stattfand. Der Raub hatte eine Decke um sich gewickelt, ich saß mit dem Rücken zum Heizungsradiator. „Wieviel Uhr?“, fragte ich. Unendlich langsam schob der Raub seinen Arm in sein dröges Blickfeld. „Viertel vor!“, antwortete er. „Oh“, sagte ich, zog an der Zigarette und nahm einen Schluck Faber-Sekt aus der Flasche, die ich seit Halb Zehn mit mir herumschleppte. Der Sekt brannte mit dem Rauch in meinem Hals. Ich stand auf. „Ich muss dann mal“, sagte ich zum Raub und stieg die Treppe hinunter.

1988 hatte ich eine Vorliebe für graue Kleidung entwickelt. Ich trug graue Hemden, einen grauen Wollpulli mit dickem Kragen, graue Bundfaltenhosen, eine graue Windjacke mit grau kariertem Futter und die braunen Tankwartschuhe mit Stahlkappen. Meine Haare föhnte ich so, dass sie ein bisschen abstanden. Mit Grau kam ich mir irgendwie unauffällig vor.
Seit der Fasnet hatte ich regelmäßigen Kontakt mit Alkohol. Die Wochenenden des Jahres 1988 schienen mir wie eine endlose Kette aus Parties und Discobesuchen. Was das betraf, fühlte ich mich vorn dabei.
Aber die Musik war plötzlich so beschissen. Eierstock und Wassermann und der ganze Acid-House-Scheiß.
Die anderen fuhren jetzt alle irgendwie Moped. Ich war ja durch die Prüfung gefallen. Nicht praktisch. Durch die Theorie! Das hatte mich tief verstört. So sehr, dass ich keinen weiteren Anlauf wagte. Also war ich einfach schwarz gefahren. Und vom Moped gefallen. Meine schönste graue Jeans war zerfetzt worden. Ich hatte mir Kieselsteinchen aus dem Knie gezupft und vor Wut geheult.
Mit Anya hatte ich lange, tiefsinnige Gespräche geführt. Über Gott, Punk und die anderen aus unserer Klasse. Aber ich war nicht verliebt in sie, so viel war mal klar.
Die Sugarcubes waren meine Platte des Jahres. Das Lied „Deus“ handelte von Gott. Dem Gott, der nicht existierte. Großartig. Sowas hatte ich noch nie gehört.
Die DDR-Fahrt im Herbst war der Durchbruch zum Schnaps hin gewesen. Auf der Rückfahrt hatte Anya ihren Kopf an meine Schulter gelehnt und geschlafen. Die ganze Fahrt war großartig gewesen.

Ich stieg vorsichtig die Treppe hinunter. Die halb aufgerauchte Zigarette warf ich zu einem gekippten Fenster hinaus. Igitt, dachte ich und schaute zu wie die Glut im Fallen einen Laserstrahlstrich zog und unten Funken versprühend aufschlug.
Anya und der Blödmann saßen immernoch in der Garderobe. Ich nahm einen Schluck Sekt. „Ensi“, rief Anya und strahlte, „gleich ist 1989!“ Dann sprang sie auf, legte ihren Arm um meinen Rücken, ich legte meinen um ihren. „Komm“, rief sie, „wir gucken mal, was die anderen so machen.“ Den Blödmann würdigte sie keines Blickes mehr. Der saß da und grinste verzagt. Ha, dachte ich, hahaha, hahaha, fügte ich hinzu. Kein Lachen. Nur das aneinanderreihen der Silben.
Wir fanden Arkus. Es ging ihm wieder besser. Er nahm mir die Sektflasche aus der Hand, nahm einen kräftigen Schluck und spuckte ihn gleich wieder aus. „Pisse“, schrie er und pfefferte die Flasche ins Gebüsch.
Draußen war inzwischen ein gigantisches Tohuwabohu. Es war eisig kalt und Anya wich nicht von meiner Seite. „Du bist so schon warm“, hauchte sie mir ins Ohr, dass sich bei mir alle Haare aufstellten. Mit verliebt hatte das nichts zu tun, das war nur wegen der heißen Luft im kalten Ohr.
1989 begann mit Anya im Arm. Ein gutes Zeichen für das neue Jahr. Arkus kam mit einer frischen Flasche Sekt daher und trank daraus, als sei es Sprudel. Dann drückte er sie mir in die Hand. Der Raub war nirgendwo. Hahaha, reihte ich ein paar Silben. Dafür kam Arkus plötzlich mit Schneewittchen daher. Es sah grotesk aus. Der kleine Arkus und das riesige Schneewittchen. Anya und ich pflügten uns manisch glückwünschend durch die Partygäste. Es war herrlich.

01.01.1989
Drinnen versammelten sich alle in der Küche. War das ACDC, was da lief? Scheiß ACDC? Hardrockkacke? „Ist das Scheiß-ACDC?“, sagte ich zu Anya, die mich immernoch festhielt. Sie kam mit ihrem besoffen lächelnden Gesicht ganz nah an mich heran. In diesem Moment wollte ich sie küssen. Nicht wegen verliebt, nur so, weil es 1989 war und weil ihr Mund nach Sekt roch. Und vielleicht auch, weil die Gelegenheit so günstig war. „Ich find ACDC gut!“, sagte sie und schaute mir dabei tief in die Augen.

In diesem Moment brach die Musik ab. Ein kurzer Moment der Stille trat ein. Fetze stand mit euphorisch aufgerissenen Augen an der Anlage. Und dann kam brüllend laut das Intro von „Beds are burning“ aus den Boxen. Anya lies mich los und kreischte auf. Auch ich musste die Knutschenegie entladen und kreitschte. Arkus kam angesprungen. Alle sprangen auf und wir tanzten in der honigfarben ausgefunzelten Küche zu Midnight Oil. Es stellte sich heraus, dass es die ganze LP war, die da lief.

Ein Knaller nach dem anderen. Alle konnten die Lieder mitsingen. Mein Lieblingslied war „The Dead Heart“. Dududu dududu du dudu! Wir pogten durch die Nacht. Wir verschmolzen mit der Musik und dem Honiglicht. Wenn ein Lied zu Ende war, hielten wir still und warteten. Es sah aus, als ob wir in Bernstein gefangen wären. Später lief noch andere Musik. Wir tanzten einfach weiter.

Gegen Halb Sechs fanden Arkus und ich unsere Schlafsäcke wieder. Wir tranken Sprudel. Alle Liegen und Sofas stanken nach Kotze. Wir legten uns auf den Küchenboden. Die Musik war aus. Überall im Haus hörte man gedämpfte Gespräche. Irgendein Trottel verteilte Klopapier im ganzen Haus. „How can we sleep when our world is turning, how can we sleep while our beds are burning“. Arkus und ich sangen leise und schauten die ablätternde Küchendecke dabei an.
Anya saß wieder beim Blödmann. „Punk ist einfach ehrlich und nicht so asozial wie Heavy“, raunte Anya. „Heavy ist doch nicht asozial, Punk ist asozial“, sagte der Blödmann. Dann begann er Witze zu erzählen. Alle, die in der Küche herumlagen kicherten. Die meisten Witze hatten mit Sex zu tun.
Dann dämmerte ich weg. Als ich wieder aufwachte, schimmerte durch die beschlagenen Fensterscheiben zaghaftes Schlechtwettertageslicht herein. Der Blödmann war wohl am Küchentisch beim Witze erzählen eingeschlafen. Anya war weg. Auf Arkus Uhr sah ich, dass es kurz nach Acht war. Die Anlage rauschte und blinkte grün und rot. Ich stieg über die mit Klopapier überzogenen Schlafenden hinweg, umrundete Kotzlachen und wich leeren Sekt- und Bierflaschen aus. Sie schnarchten und atmeten laut. Ich öffnete die Haustür. Es hatte Nebel. Dicken, kalten Nebel. Überall lagen Sektflaschen herum. Und zu Matsch gewordene Fetzen von Silvesterkrachern.
Das ist das Jahr 1989, dachte ich. Ich bin Sechzehn und Zehntklässler. Und bevor die Neunziger anfangen, hab ich noch einiges zu erledigen.
„How can we dance when our earth is turning
How do we sleep while our beds are burning“, dachte ich. Und dann sagte ich laut vor mich hin: „Your Dreamworld is about to end.“
„Spinnst du jetzt“, raunzte Arkus, der jetzt blinzelnd durch die Tür kam.



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3. Advent und Pop: „The only Kind of real Phantasy“

Ich hasste Paartanz. Paartanz hieß, dass man ein Mädchen anfassen musste, während alle anderen dabei zuschauten. Das machte mich verlegen. Aber das konnte ich natürlich nicht zugeben. Und als die Nicole mich aufgefordert hatte, da konnte ich doch nicht nein sagen. Ich meine, das war Nicole! Die wunderschöne Nicole! Die mit der braunen Haut und den schönen Augen! Beim Flaschendrehen hatte ich sie vor zwei Jahren sogar mal küssen dürfen. Liegend. Auf dem Sofa.
Ich war nicht verliebt in Nicole. Ich war noch  nie verliebt gewesen. Rätselhaft dieses ganze Liebesding. Aber jetzt war ich hier mit Nicole auf der Tanzfläche und wir tanzten Discofox oder sowas. Im Gymnasium. Denn wir waren auf der Klassenfete von irgendwelchen Gymnasiasten. Der Fuchs hatte gemeint, er sei von den beiden Weibern mit dem Holz vor der Hütte eingeladen worden und wir sollten alle mitkommen. 
Ich bebte vor Aufregung. Nicole musste mein Zittern spüren. Aber sie zählte nur lächelnd vor sich hin und schob mich hin und her. Ich redete irgendwelchen Quatsch, den ich für witzig hielt. Sie hörte nicht zu. Das Lied, das lief war ausgerechnet „Reality“. Das Lied aus „La Boum“. Ich liebte das Lied. Aber als Möchte-Gern-Punk hätte ich das natürlich nie zugegeben.
Die Gymie-Fete hielt nicht ganz das, was wir uns von ihr versprochen hatten. Eigentlich waren mehr von uns Realschülern da. Ansonsten nur die üblichen Gymnasiastinnen, die irgendwie den Eber und den Fuchs kannten und sich hauptsächlich für den Fuchs und den Örg interessierten.
„Reality“ verklang und Nicole ließ mich los. „Ich glaube“, sagte sie, „das hat keinen Sinn.“ Ich nickte. Denn ich wollte auf keinen Fall den Eindruck erwecken, ich hätte das gerade genossen. Was ich hatte. Aber wie gesagt: Zugeben war nicht drin.
Ich ging zu den Anderen, die gelangweilt in auf den Schulbänken herumhingen. Es sah aus als hätte sie ein niederländischer Meister aus dem 17. Jahrhundert für ein Gruppenportrait arrangiert. Der Eber war am Einschlafen, während seine kleine Siebtklässler-Freundin Mausi kerzengrade und grinsend auf seinen Oberschenkeln saß. Arkus hing unglücklich auf einem Schulstuhl. „Man ist das langweilig hier“, schrie er, „sind wir im Wald hier, wo bleibt unser Altbier?“ Rno saß kerzengerade neben ihm und macht ein neutrales Gesicht. In einem gewissen Sicherheitsabstand waren Ichael uns seine Freundin Orinna ineinander verschlungen. Orinna grinste mich sphinxenhaft an. Das war nichts Besonderes. Sie tat das immer. Ich war mir ziemlich sicher, dass sie mich doof fand. Der Fuchs grinste doof. „Oesi“, rief er, „Oesi!“ Er reckte die Daumen hoch. Was für ein bockhohler Heini, dachte ich. Er seine Haare gegelt und gescheitelt. An seinem moosgrünen Jackett hatte er die Ärmel hochgekrempelt. Don Johnson, dachte ich, ist doch sowas von vorbei. Der breite Orber mit der Frankensteinfrisur und den zusammengewachsenen Augenbrauen stand auf, kam zum mir und donnerte mir seine Pranke auf die Schulter. „Oeser du Sau“, schrie er, „schraubt der an der Nicole rum!“ Ich winkte ab. „Schon gut“, antwortete ich nachsichtig, denn ich mochte den grobschlächtigen Orber irgendwie. „Wir haben uns nur bei den Händen gefasst“, rief ich ihm ins Ohr. Denn jetzt lief wieder Musik. Pet Shop Boys. Das fanden sie im Gymnasium irgendwie gut. „Logo“, schrie der Orber zurück, „mehr kriegst du ja eh nicht hin!“ Da mochte ich ihn ein paar Augenblicke doch nicht mehr so gern. Gut, dass jetzt Weihnachtsferien sind, da hat man den mal eine Weile von der Backe. Pet Shop Boys, lenkte ich mich gedanklich ab. Punk finden sie im Gymnasium wohl blöd, oder was?  Da waren sie sich zu fein dafür.
Da ging das Licht an. Ein bärtiger und ziemlich dicker Lehrer stand an der Tür. „Ein Lied noch, dann ist Feierabend“, rief er. Rno stand auf und begann die Stühle auf die Tische zu stellen.

Es war der letzte Schultag gewesen. Über Schottland war irgendwie ein Flugzeug explodiert. Und jetzt war es erst Elf Uhr. Am Mittwoch den 21.12.1988. Mein letzter Tag als Fünfzehnjähriger.
„Wir können nicht heim gehen“, sagte Arkus, „der Ens hat doch bald Geburtstag!“ Da johlten sie alle. Das war mir peinlich. Irgendwie wäre es mir lieber gewesen, sie hätten das nicht gewusst. Aber das war sie halt, die Reality.
„Wir gehen ins City Pub“, sagte der Ichael. Er hätte es nicht mehr sagen müssen, denn wir waren bereits auf dem Weg. Es war nicht kalt. Nur nass. Die Weihnachtsbeleuchtung hing über der Hauptstraße und das war dann irgendwie doch schön. Wie immer an meinem Geburtstag.
Der City Pub lag in einer engen Gasse verborgen. Eigentlich war es nur ein schmaler und schlecht beleuchteter Gang, in dem ein paar Holztische, eine Bar und verschiedene Spielautomaten herumstanden. Die Kneipe hatte einen verwegenen Ruf. Das gefiel uns.

Zigarettenrauch quoll uns entgegen, als der Eber die Tür aufstemmte. „He Leute“, sagte der Wirt als wir ein bisschen ratlos am Eingang stehen blieben, „ich mach demnächst zu, okay.“ Wir nickten ergeben. „Aber der Oeser hat doch Geburtstag“, schrie der Fuchs. „Genau“, sagte der Orber und nahm mich in den Schwitzkasten. „Arsch“, stöhnte ich freundlich. Wir quetschten uns um einen Tisch mit Sitzbank, direkt am Eingang. Irgendwann hatten wir uns alle eingefädelt und saßen da. Hinter der Sitzbank war die Wand verspiegelt. Da sah ich mich sitzen. Der Holländischer Meister Ens Brueghel im Selbstportrait mit seinen merkwürdigen Freunden.
„Was soll’s sein“, rief der Wirt von der Bar herüber. „Wir nehmen erst mal einen Meter Bier, Schorsch“, rief der Orber routiniert. Der traut sich was, dachte ich, der kennt sich hier richtig aus, der weiß hier Bescheid. Der Orber war im Narrenverein bei den Hexen. Mit ihm hatten wir unsere ersten alkoholischen Experimente durchgeführt. Der erste Rambofilm und das Furchtgetränk „Chris“ mit einem Prozent Alkohol. „Der da“, der Orber zeigte mit einer weit ausholenden Geste auf mich, „zahlt!“ Der Wirt zwinkerte mir zu. Allgemeines Gejohle. „Schau mal“, sagte Orinna zu Ichael, „das findet er doof.“ Sie hatte es drauf mich zu  beschämen. Ich tat einfach so, als hätte ich es nicht gehört.
Schorsch stellte den Meter Bier ab. „Geht aufs Haus“, sagte er und zwinkerte schon wieder, „es ist ja bald Weihnachten.“ Wieder johlten alle. Der Orber hatte schon ein Bierglas in der Hand. „Prost du Sack“, schrie er mir ins Ohr. „Prost du Säcke“, schrie Arkus zurück. Orinna grinste. Ichael schaute interessiert. Fuchs nippte an seinem Bierglas. Ich trank einen sehr tiefen Schluck.
„He Eber“, schrie der Orber dem eingeschlafenen Eber zu, „Mausi ist zuhausi?“ Ohne die Augen aufzumachen antwortete der Eber: „Halt’s Maul, Arsch!“ Eber war Fußballer und immer schlaff vom Training. Als Antwort rülpste der Orber ohrenbetäubend. Dabei hielt er sich den Daumen an die Stirn, während er gleichzeitig mit dem kleinen Finger an die Decke zeigte.
„Das ist genau das, was ich mir für meinen letzten Tag als Fünfzehnjähriger gewünscht habe“, sagte ich. Orinna kicherte. Das machte mich ein bisschen stolz. Und ich spürte auch schon wie die transzendentale Ruhe des Alkohols sich in mein Gemüt senkte. Ich liebte das. Dieses Vorgefühl des Besoffenseins. Das war das Beste am Saufen.
Die Musik im City Pub war ein Elend. Zuerst lief Chris Norman, dann Blue System und zu guter letzt „Boys“ von Sabrina. Der Orber fand das gut. Er sang ein bisschen mit und benutzte sein Bierglas als Mikrophon. „Everybody, summertime love, do you remember me?“ Dann zündete er sich eine Marlboro an und blies mir den Rauch ins Gesicht.


„So Ens“, flötete Orrina, die kein Bier trank, „was war denn das Beste an deinem 15 Lebensjahr?“ Ich hatte schon vor einiger Zeit festgestellt, dass Alkohol die Gedanken und Eindrücke irgendwie verwirbelte. Alles wurde ineinander gestrudelt. Aber auf eine angenehme Weise. Und so ging es mir jetzt auch. In Gedanken war ich gerade damit beschäftigt gewesen, ob Dieter Bohlen wohl auch Sabrina produzierte? Der Oktavsprungbass war ein Indiz. Das war bei allen Bohlenproduktionen so, außer bei Chris Normen. Da nicht. Da gerade nicht. Aber sonst schon. Modern Talking. CC Catch. Blue System. Ja und Sabrina. Andererseits deutete der Name Sabrina eher auf eine italienische Produktion hin. Aber Bohlen orientierte sich ja an der Italo-Disco der frühen 80er Jahre. Schwierig.
„Ensi“, drang Orinna nochmal in meine Gedanken ein, „bist du traurig?“ Ich schüttelte den Kopf. „Nein, ich denke über Italo-Disco nach.“ Sie lachte spöttisch und schüttelte dabei den Kopf. Der Orber hatte auch zugehört und begann „Tarzanboy“ zu singen. „Italo Disco ist scheiße und Dieter Bohlen auch!“, sagte ich. Der Orber haute mir in den Nacken, dass es mir im Kopf dröhnte.
Da wusste ich, was das Beste an meinem 15 Lebensjahr war. „Das Beste an meinem 15 Lebensjahr ist, dass der Orber in der Schule nicht mehr neben mir sitzt“, sagte ich und rieb mein Genick. Der Orber blies mir durch einen Kussmund Rauch ins Gesicht.
„Ne“, sagte sie, „jetzt mal echt!“ Der Orber guckte mich auch erwartungsvoll an, während der Fuchs keuchend über irgendwas lachte, was Arkus gesagt hatte. „Vielleicht bist du ja verliebt?“, hakte Orinna nach. So ein Käse, dachte ich. Verliebt! Liebe macht Herz tot. „Quatsch“, sagte ich. Und der Orber brüllte: „Scheiß auf Liebe, es geht hier ums Ficken!“ Da grunzte der Eber mit geschlossenen Augen und brummte: „Halt’s Maul Orber, du hast doch noch gar nie gefickt!“ Der Orber schnippte die Asche seiner Zigarette über den Eber. Der merkte nichts. „Eben drum“, sagte er ganz ruhig.
„Scheiße es ist schon fünf nach Zwölf, der Oesi ist Sechzehn“, schrie der Fuchs vom anderen Tischende her.

Dann standen wir vor dem City Pub. Der Schorsch hatte uns nach dem zweiten Meter Bier rausgeschmissen.  Orinna hatte sechzehn Sternwerfer dabei. Die hielten die anderen jetzt funkenversprühend in der Hand und machten „oh“ und „ah“. Ziemlich halbherzig sangen sie Happy Birthday. Ich war gerührt.

Auf dem Heimweg begleitete ich Ichael und Orinna. „Und“, fragte Orinna, die eng umschlungen mit Ichael ging, was ich irgendwie peinlich fand, „was wünscht du dir denn zu deinem Geburtstag?“ Ich dachte sofort an die Kaffeewerbung im Fernsehen. Da saß eine Frau auf einem Luxusdampfer und rührte im Kaffee. Ein schicker Mann kam dazu und fragte: „Und wenn du dir etwas wünschen könntest, was wäre das?“ Die Frau zögerte kurz und dann sagte sie den Satz, den ich jetzt auch zu Orinna sagte: „Alles soll so bleiben wie es ist.“ Sie schüttelte den Kopf. „Und was war jetzt in echt das Beste an deinem 15 Lebensjahr?“ Da wusste ich plötzlich, was ich sagen musste: „Dass es vorbei ist!“ Sie kicherte wieder, Ichael himmelte sie von der Seite an. Irgendwie wirkte er immer etwas abwesend, seit er mit ihr zusammen war. „Warum?“, fragte sie. „Es ist nichts passiert“, sagte ich, „nichts von Bedeutung, es ist einfach immer nur weiter gegangen.“ Das stimmte zwar nicht. Aber es kam mir so vor. Aber am liebsten hätte ich etwas ganz anderes geantwortet. Am liebsten hätte ich gesagt, dass das Beste an meinem 15. Lebensjahr war, dass ich mit Nicole Discofox zu „Reality“ getanzt hatte. Es war nicht so gut gewesen, wie mit ihr auf dem Sofa zu knutschen, wie ein Jahr vorher, aber immerhin. Trotzdem war es besser, als der Moment, als Anya im Bus auf der Heimfahrt aus der DDR ihren Kopf auf meine Schulter gelegt hatte. Aber ich war nicht verliebt, in keine von beiden, sicherte ich mir in Gedanken nochmal ausdrücklich zu. Dreams are my Reality, das war the only kind of real phantasy. In dem Moment ging die über den Straßen aufgehängte Weihnachtsbeleuchtung aus. „Huch“, sagte Orinna.

Ein bisschen später nahm ich in meinem Kinderzimmer eine eigene Version von Reality auf.


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2. Advent und Pop: Der Atomkrieg und das Wesentliche

Ausgerechnet in einem Ort names „Hahnennest“ hatte meine Schwester Erena mit ihrer Ente ein Huhn überfahren. Mein Vater fuhr an dieser Kurve immer besonders langsam, weil er wusste, dass der versoffene Bauer, der seinen Hof in der Kurve hatte, seine Hühner frei laufen ließ. Meine Schwester dagegen fuhr sonst überall langsam, nur in dieser Kurve hatte sie es merkwürdig eilig. Zuerst hatte es vorne am Auto dumpf „Klonk“ gemacht. Dann hatte meine Schwester eine schlingernde Vollbremsung hingelegt und „Oh Gott, oh Gott!“ gerufen. Sie, ihr Freund und ich saßen im Auto. „Was machen wir denn jetzt“, fragte meine Schwester ihren kreidebleichen Freund. Ich drehte mich um und sah durch die Rückscheibe, wie ein reichlich zerzaustes Huhn schlingernd in den Wassergraben neben der Straße taumelte und dort umkippte. Überall auf der Straße wirbelten weiße Federn herum. Irgendwie ein passender Abschluss für die Weihnachtsferien, fand ich. Jetzt war doch tatsächlich jemand gestorben. Advent, dachte ich, das ist die Zeit des Wartens darauf, dass etwas passiert. Dass sich etwas verändert. Jetzt war immerhin mal etwas passiert. So endete also die erste Woche des Jahres 1985. Ich war eine Woche lang bei meiner Schwester Netti gewesen. Weil ich so traurig gewesen war. Erena wohnte im gleichen Ort und sollte mich heim bringen.

„Ihr seid einfach weiter gefahren?“, schimpfte meine Mutter, als wir zu Hause angekommen waren. Meine Schwester und ihr Freund nickten. „Hat euch einer gesehen?“, jetzt schüttelten sie den Kopf. „Sicher?“, hakte meine Mutter nach. Sie schüttelten nochmal den Kopf. „Selber Schuld der versoffene Schafseckel“, beruhigte sich meine Mutter, „der sollte einfach mal seine Arbeit machen, statt seinen Hof so verludern zu lassen.“
Damit war das Thema erledigt.

Das Jahr 1984 war schwierig gewesen. Ich war Fünftklässler. Und ich Februar hatte ich festgestellt, dass ich nicht mehr spielen konnte. Es ging nicht. Ich schaute meine Playmobilsachen an und sie waren mir irgendwie fremd. Sie lebten nicht mehr. Früher hatten sie Leben ausgestrahlt. Jetzt waren es nur noch Plastikfiguren. Sie verstaubten langsam in ihren Kisten. Ich hatte auch keine Lust mehr Captain Kirk oder Captain Future zu sein. Als Kind war ich damit zufrieden gewesen, dass ich Helden spielen konnte.
Jetzt hatte ich keine Lust mehr so zu tun, als sei ich jemand anderes. Ich hatte keine Lust mehr auf Rollen. Ich wollte lieber in Wirklichkeit jemand sein. Aber das ging auch nicht. Denn ich war niemand. Ich war ein Kind, dem von seiner Mami die Klamotten ausgesucht wurden. So sah es aus.
Ich bin nicht mehr der selbe, schrieb ich in mein Tagebuch, und vielleicht war ich es nie.

Im Sommer entdeckte ich die Elvisfilme. Ich zog die alte Gitarre meines Vaters heraus und versuchte so lässig wie Elvis zu sein. Bei meinem Freund Örg entdeckte ich im Herbst 1983 die Beatles. Und David Bowie. Statt des Spielens ging es jetzt um Pop. Gegen Ende des Jahres 1984 hatte ich bereits einige Beatles-Alben beieinander. Mich faszinierte das Klappcover des Roten und Blauen Albums. Vorne waren die Beatles nette Bubis in braven Anzügen. Hinten waren sie Hippies in bunten Klamotten mit langen Haaren. Sie hatten sich verändert. Sie waren jemand geworden. Darum ging es beim Pop. Jemand werden.

Im Spätherbst 1984 blätterte ich im Friseursalon von Manni Boll in der „Frau im Spiegel“. „Wir wollen Musik machen, die man auch in zwanzig Jahren noch anhören kann“, wurde da Mark Hollis, der Sänger der Popgruppe Talk Talk zitiert. Fand ich gut. Und auch auf dem Foto sah die Band so aus, als könne man sie auch in zwanzig Jahren noch angucken. Sie sahen ein bisschen aus wie die Beatles 1968. Nicht wie die Knalltüten Limahl oder Boy George. Das fand ich gut. „Such a Shame“ war ein tolles Lied. Und auch „It’s my life“ gefiel mir. Bald ist Weihnachten dachte ich. Man könnte sich auch mal eine Schallplatte wünschen. Mit Popmusik drauf.
Neben dem Text über Talk Talk war ein kleiner Text über Nostradamus. Ich erfuhr, dass Nostradamus ein mittelalterlicher Astrogloge gewesen war, der sowohl den Ersten Weltkrieg, wie auch den Zweiten Weltkrieg vorhergesagt hatte. Auf das Jahr genau. Und für das Jahr 1987 hatte er einen Atomkrieg vorhergesagt. Ich spürte, wie mir die Farbe aus dem Gesicht wich. Verdammt! Ich würde sterben! Wir alle würden sterben.
Während Manni Boll mir die Haare schnitt war ich sehr, sehr wortkarg. Alles war sinnlos.

Trotz der Sinnlosigkeit kaufte ich mir beim Kirbemarkt „Tonight“. Die Neuste von David Bowie. Ich fand die Platte toll. „Loving the Alien“ war hypnotisch. Beim Nikolausmarkt kaufte ich mir dann „Let’s dance“. „Modern Love“ haute mich um. Das war gute Musik von einem Typen, der richtig cool aussah.

An meinem Geburtstag und an Weihnachten war ich wieder sehr deprimiert. Wir würden sterben. Der Atomrkrieg würde kommen. Nostradamus hatte es gesagt. Keiner würde in zwanzig Jahren Talk Talk hören, weil alle tot waren.
Am Heilig Abend saß ich in meinem Zimmer und hörte „It’s my life“. Meine Eltern hatten sie tatsächlich gekauft für mich. Sogar das Wort „life“ deprimierte mich, weil ich daran denken musste, dass mein life so kurz sein würde. Ich gestattete mir nicht, zu heulen. Auch nicht bei der schrecklich traurigen Ballade „Renee“.
Radio hören ging auch nicht. Schon den ganzen Sommer hatten Wham! mit „Wake me up before you gogo!“ genervt. Der Sänger von Wham! sah aus, als sei einer einer von den drei Engeln von Charlie. Und jetzt hatten sie ein total nerviges Weihnachtslied am Start, das jede Stunde einmal im Radio lief. Gut, dachte ich, dass Wham! nur so ein Eintagsfliegending waren.
Während Talk Talk lief, las ich im „Großen Jugendbuch“ von Readers Digest. Das hatte ich zum Geburtstag bekommen. Es enthielt einen langen Text über David Bowie, der mich fesselte. Ich erfuhr erstaunt, dass „Let’s dance“ nicht die erste Bowie-Platte gewesen war. Er hatte schon in den Sechziger Jahren Musik gemacht. Da war er Hippy gewesen. Dann verwandelte er sich in Major Tom. Nach Major Tom wurde er zu Ziggy Stardust, dann zu Aladdin Sane, dann in einen Diamond Dog, dann werde er zum Thin White Duke. Er spielte, dass er jemand anderes ist. 
Aber dann ging er nach Berlin. Und dort machte er eine Platte, die ganz anders war, als seine bisherigen. Die Platte hieß „Low„. Und zum ersten Mal spielte er keine Rolle mehr, sondern war David Bowie selber. Und dann entwickelte er sich langsam zum supererfolgreichen „Let’s dance“ Bowie. Von seinen früheren Ichs gab es in dem Text einige Fotos. Er hatte da ausgesehen wie Pumuckel, nachdem er beim Kinderschminken gewesen war. Unfassbar!

Silvster und Neujahr hing ich weiterhin betrübt herum. Immer knapp an der Heulgrenze. Vor allem wegen des Atomkrieges. Ich bewunderte die Bealtes, Talk Talk und David Bowie, die sich erfolgreich verwandelt hatten. Ich trauerte, um mein Leben, das ich nicht haben würde.
„Was ist denn mit dir“, fragte meine Mutter. Sie glaubte mir sei langweilig. Darum fuhr mich mein Vater zu meiner großen, fast zehn Jahre älteren Schwester Netti. Sie war verheiratet mit einem sehr netten Mann. Sie hatten ein zweijährige Tochter, mit der ich gerne spielte.

Es war arschkalt. Ich wanderte alleine in meinem lächerlichen, weiß roten Annorak durch die gepuderzuckerte Landschaft. Der Wohnort meiner Schwestern war genau so groß, wie mein eigener. Oberschwäbische Kleinstadt. Dabei wanderte ich auch am Plattenladen vorbei. In der Grabbelkiste entdeckte ich „Low“. Bowie sah auf dem Cover umwerfend aus. 8.99 Mark kostete die Platte. Best Buy Series.
Meine Schwester hörte zu dieser Zeit am liebsten Albano und Romina Power. Aber ich durfte meine neuste Errungenschaft mit Kopfhörern anhören. „Low“ war etwas ganz anderes, als „Let’s dance“ und „Tonight“. „Speed of Life“ war instrumental. Abgefahren. Am besten gefiel mir „Sound and Vision“. Die zweite Seite war merkwürdig. „Art Decade“ war okay. Aber „Weeping Wall“ hörte sich an als habe man eine schwerhörige Schulklasse mit Orff-Instrumenten und einer Heimorgel alleine gelassen.
Das also war die Platte, mit der Bowie er selber geworden war. Die erste Seite hörte ich immer und immer wieder. Mit der zweiten kämpfte ich. Ich wollte Zugang finden. Möglichst noch vor dem Atomkrieg. Es war ein bisschen wie der Sprung vom Roten zum Blauen Album. Das war auch nicht einfach gewesen.

Der Atomkrieg beschäftigte mich auch im April 1985 noch. Wir saßen im Kunstsaal und arbeiteten an „lustigen Puppen“. Das war der Auftrag. „Was wollt ihr später mal werden? Punker oder Spießer?“, fragte Örg, während er damit beschäftigt war, eine äußerst originelle und kunstfertige Puppe zu bauen. „Was soll das sein? Spießerund Punker?“, fragte ich nach. Ich hatte von beidem noch nie gehört. „Ein Punker ist einer, der nur alte und gebrauchte Klamotten anzieht und möglichst abgeratzt aussehen will, klar?“ Wir nickten. „Ein Spießer macht alles selber,er näht seine Schuhe und seine Klamotten und so.“ Wir nickten wieder. „Ichael ist Punker“, sagte Arkus und keckerte. Es war nicht zu leugnen. Ichael trug eine abgeratzte Jacke von undefinierbarer Farbe und hatte eine alteLederschultasche, wie man sie vielleicht zu Opas Zeiten gehabt hatte. „Ha-ha-ha!“, kommentierte er gelangweilt und wurde rot. „Ich“, hob Örg an, „will Spießer werden!“ „So ein Scheiß“, kanzelte Arkus Örgs Ankündigung ab, „warum soll ich Kleider selber machen, wenn ich viel bessere kaufen kann?“ Örg verdrehte die Augen.
„Ist sowieso egal“, sagte ich, „ich hab gelesen, dass Nostradamus vorhergesagt hat, dass 1987 der Dritte Weltkrieg ausbricht.“
„Wer?“, wollte Arkus wissen.
„Nostradamus“, erklärte ich, „das ist so ein Typ, der irgendwie vor dreihundert Jahren gelebt hat und der alles vorhergesagt hat und immer recht gehabt hat. Die Pest, den Ersten Weltkrieg und Hitler und alles…“
„1987?“, fragte Ichael in meine Richtung und nestelte an einem Damenstrumpf herum, in dem Styroporkugeln klapperten. Das war seine Vorstellung von „Marionette“. Ich nickte und stellte fest, dass aus meiner Uhuflasche kein Uhu kam, obwohl noch ganz viel drin war.
„Da sind wir“, er runzelte die Stirn und dachte einige Momente lang nach, „fünfzehn, da haben wir das Wesentliche eh hinter uns!“
Wir nickten. Fünfzehn, das war bockalt. Was konnte das Leben da noch zu bieten haben? Stimmt, dachte ich. Es ist 1985. Es sind noch zwei Jahre. Genug Zeit für das Wesentliche. Zumindest Zeit noch eine so coole Frisur wie David Bowie auf dem Cover von „Low“ schneiden zu lassen. Bei Manni Boll. Vielleicht war das ja das Wesentliche.
„Kann ich mal deinen Uhu haben“, fragte Arkus. In diesem Moment tropfte unerwarteter Weise doch noch Uhu aus meiner Flasche. Arkus sah, dass ich die Flasche umdrehen und ihm geben wollte. Flink griff er nach ihr und hielt sie umgedreht fest. „Jetzt lass doch, wenn die Flasche gerade ihren Orgasmus hat“, sagte er toternst. Dann lachte er. Neben mir hörte ich Örg und Ichael kichern, während viel zu viel Uhu über meine lustige Puppe floss.
Der Arkus, der Ichael und Örg sind mir gedanklich irgendwie einen Schritt voraus, dachte ich.





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MiMiMiMillenials – postpubertärer Partyphantomschmerz

„Irgendwo zwischen meinem Studienende und dem erstenVollzeitjob ist mir die Fähigkeit abhandengekommen, mich so richtig volllaufenzu lassen“, schreibt Bianca Jankovska. Sie hat auch ein Buch über dieses Problem geschrieben. Es heißt „Das Millenial-Manifest“. Hier gibt es die gesungene Version dieses Buches.
Jankovska hat in der „Zeit“ einen Artikel über ihr Manifest geschrieben. „Als vollwertiges Mitglied der Generation Komasaufen traf ich mich lieber jeden Freitagabend mit meinen drei Freundinnen, um nach der Schule im Kinderzimmer des hoffentlich leeren Elternhauses heimlich MalibuOrange zu trinken.“ Und dann ergeht sie sich darin, dass ihr die Arbeit das ganze Party- und Saufleben versaut habe. Sie selber bleibe lieber daheim und gucke im Bett Netflix. Und die Freunde hätten manchmal sogar schon Kinder und auch keinen Bock mehr zum Saufen.
Die Arbeit sei so anstrengend, dass man sich als Millenial nicht mehr traue, zu feiern. Befristete Verträge und das Prekariat und dies und das und alles ist ganz, ganz schlimm. Selbstoptimierung und Fremdregulierung.
Dazu möchte ich Folgendes sagen: Man nennt es „erwachsen werden“. Es passiert jedem, der vorher nicht stirbt. Man ist dann kein Jugendlicher mehr, sondern erwachsen. Wer das Saufen braucht, kann das auch alleine vor Netflix tun. Manche Netflix-Serien sind wahrscheinlich ohnehin nur mit Alkohol zu genießen.
Die Philosophin Susan Neiman hat bereits vor dem Millenial-Manifest eine Antwort darauf geschrieben. Das Buch heißt „Warum erwachsen werden?“ und ist im Jahr 2014 erschienen. Wir würden, so schreibt Neiman, mit widersprüchlichen Botschaften konfrontiert. „Die ein Hälfte drängt uns, ernsthafte Menschen zu werden, das Träumen aufzugeben und die Welt so zu akzeptieren, wie sie ist; sie verbreitet das Bild des Erwachsenseins als Kapitulation vor dem Status Quo.“ So ungefähr sieht es Jankovska ja auch. Sie bedenkt dabei aber nicht, was Neiman dann weiter schreibt: „Die andere Hälfte überschwemmt uns mit Produkten und Vorschlägen, die uns jung halten sollen. Nur selten erhalten wir dagegen ein Bild, das Erwachsensein als das Ideal darstellt, das es sein sollte.“ Anders gesagt: Erwachsen werden ist nicht gerade cool.
Ich bin Jahrgang 1972. Und man glaubt es nicht, auch ich habe mir schon Gedanken dazu gemacht. Ich will mich jetzt nicht selber loben, aber ich glaube ich bin einen Schritt weiter als Jankovska. Denn ich und meine Freunde denken darüber nach, warum wir uns trotz komplett erwachsener Lebensumstände eigentlich nicht erwachsen fühlen. Hier eine Passage aus einem Reisebericht:

„Auf der A7, Höhe Poppenhausen, kommen wir nochmal auf das Thema mit dem Erwachsen sein zurück. Anfred fühlt sich nicht erwachsen, trotz Beruf, Haus, Schulden, Frau und Kinder. Ich bestätige das. Geht mir auch so. Man fühlt sich wie ein Hochstapler. Wir kommen zu folgendem Schluss:
1. Früher war erwachsen werden erstrebenswert und vorbildlich. Jetzt ist jugendlich sein ersterbenswert und vorbildlich. Erwachsen will eigentlich keiner sein.
2. Wir dachten immer, wenn wir erwachsen sind, haben wir den Durchblick, sind souverän und wissen alles.
3. Jetzt ist unsere Lebenssituation die eines Erwachsenen, aber wir sind nicht souverän und wir haben keinen Durchblick. Es fehlt uns also das wesentliche Merkmal des Erwachsenseins, das wir uns immer vorgestellt haben. Wir fühlen uns ständig überfordert. Vermutlich geht es allen so.
4. Aber: Würden wir uns mit den Studienanfängern von 1994 vergleichen, wir würden feststellen, wir haben Fortschritte in der Welt der Erwachsenen gemacht.“


Das Gefühl ein Hochstapler zu sein, gar nicht erwachsen zu sein, macht natürlich die Sehnsucht nach der Jugend mindestens viermal so groß.

Die Frage nach dem Recht auf Rausch spielt in Jankovskas Text eine große Rolle. Das wird in dem Podcast „Lakonisch Elegant„, der sich mit Jankovskas Text befasst sehr deutlich. Da ist vom „Recht auf Rausch“ und der Gleichen die Rede. Mir fallen zum Thema Rausch zwei Referenzgrößen ein. Einmal Diederich Hessling aus Heinrich Manns „Der Untertan“. „Das Bier! Der Alkohol! Da saß man und man konnte immer mehr davon haben, das Bier war nicht wie kokette Weiber, sondern treu und gemütlich. … Alles kam von selbst. Man schluckte: und da hatte man es schon zu etwas gebracht, fühte sich auf die Höhen des Lebens befördert und war ein freier Mann, innerlich frei. … das Bier, das man schluckte verwandelte sich in innere Freiheit.“ Und ich muss sagen: Genau so fühlt sich Alkohol an. Vor allem, wenn man jung ist. Kenne ich. Das ist etwas, wonach man sich sehnt. Sein Leben lang. Innere Freiheit.
Die zweite Referenz ist Ernst Jünger und dessen geniales Buch über Drogen. Jünger sucht weniger die Erlösung, als die Gefahr und die Grenzüberschreitung in den Drogen. Wenn Jünger LSD einwirft, dann ist es für ihn, als zöge er mit dem Stoßtrupp in die Gräben. Volles Risiko. Man weiß nicht, ob man überlebt. Aber wenn man überlebt, dann ist man eine Erfahrung weiter. Chemisches Bungee-Jumping. Und auch das hat seinen Reiz. Wenn man jung ist. Oder gut verdienender, freier Schriftsteller.

Ich mag Ingeborg Bachmanns Texte nicht sonderlich. Zu viel Pathos. Aber in ihrer Kurzgeschichte „Das dreißigste Jahr“ erklärt sie, wie sich erwachsen werden anfühlt. Man sei, schreibt sie, nicht mehr verliebt in seinen Stern. Das ist eine schöne Metapher. Plötzlich merkt man, dass man wie all die anderen ist. Und dann gibt man seinem Leben einen erwachsenen Sinn. Man kriegt Kinder. Man tritt in eine Partei ein. Man engagiert sich. Man liest kluge Sachen und guckt Netflix. Man lebt sein Leben mit der Ernsthaftigkeit, die einem ein Leben als Berufstätiger abverlangt. Man darf sich selber nicht zu viel abverlangen und nur das vom Leben erwarten, was man für sich eben erwarten kann.

Am Sonntagmorgen torkelte der Finanzbeamter immer unsere Straße hoch. Er kam vom Frühschoppen in  Lodenmantel und Kniebundhose. „Der hat wieder mächtig geladen“, kicherte meine Mutter.
Die Sechzigjährigen Kriegsveteranen beim Stadtfest stützten sich am Pissoir mit einer Hand an der Wand ab, damit sie beim Pinkeln nicht schwankten. Dann pissten sie schwer schnaufend, ohne Einsatz der anderen Hand. Für uns Jugendliche ein Spektakel.
Aber so sollte mein Erwachsenenleben nicht aussehen. Weder wie beim Finanzbeamter noch wie bei den Kriegsverteranen.
Während meines Studiums hatte ich Aristoteles gelesen. Und nach einem mörderischen, zwei Tage anhaltenden Kater verstand ich ganz praktisch, was er mit „das rechte Maß finden“ gemeint hatte.

Das ist mein Vater. Er war Jahrgang 1930. Zuerst war er in sämtlichen nationalsozialistischen Jugendorganisationen. Ab 1945 war er im Musikverein. Er spielte Klarinette. Auch bei der Fasnet. Außerdem spielte er Gitarre bei den „Blauen Jungs“ und beim „Starzach Echo“. Er rauchte Zigaretten und trank jede Menge Bier. Er trug Frack mit Zylinder oder bunte Hemden. Er fuhr Motorrad. Er genoss sein Leben. Das sieht man auf dem Foto ganz gut.
Dann heiratete er. Er arbeitete von Montag bis Samstag. Sein Arbeitstag begann um 7 Uhr und endete gegen Fünf am Abend. Auch Samstags. Er heiratete. Meine Mutter bekam 1961, 1962 und 1963 meine beiden großen Schwestern und meinen Bruder. 1962 kaufte er ein Haus, das er selber ausbaute. Nach der Arbeit. Auch den Garten machte er selber. Der Arbeitstag ging immernoch bis Samstag. Sein Leben war hart. Für ein Auto reichte das Geld nicht. Erst 1969 war genügend Geld für einen VW-Käfer da.
Weder mein Vater, noch meine Mutter waren noch in einem Verein. Es gab keine Freunde, die sie besuchten. Ende der Sechziger Jahre kauften sie einen Fernseher. Mein Vater rauchte vor dem Fernseher und trank zwei Flaschen Bier am Abend. Samstags drei. Ein soziales Leben gab es höchstens bei stinklangweiligen Geburtstagen von Omas, Opas, Onkels oder Tanten.
Er starb im Altenheim. Meine Mutter war schon lange tot. So war sein Leben. Ich weiß nicht, ob er damit zufrieden war. Aber ich glaube, das war nicht die Kategorie, in die er sein Leben einordnete.

Es ist nicht leicht erwachsen zu werden. Und es ist nicht leicht erwachsen zu sein. Das Millenial-Manifest beschreibt den postbubertären Partyphantomschmerz, den man fühlt, wenn man merkt: Es ist vorbei. Nicht mehr, nicht weniger. Ganz normal.
Wie wird das Buch heißen, das Jankovska schreibt, wenn ihr Körper sie im Stich lässt. Wenn sie dick und faltig wird? Wenn es ihr so geht, wie es einem eben geht, wenn man alt wird. Man darf gespannt sein.



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1. Advent und Pop: „Turaluraluralu“

„Ich glaube, Weihnachten 1983 war das schlimmste Weihnachten meines bisherigen Lebens. Schon mit dem Wetter war es losgegangen.“

Mein Lieblingsweihnachtslied ist „Turaluralu“. „Turaluraluralu – ich mach bubu, was machst du?“ war Weihnachten 1983 der letzte Hit der Band TRIO. Das Lied ist wunderschön. Merkwürdig, dass es nicht zum Weihnachtsklassiker geworden ist. Eigentlich hätte es das Zeug zum deutschen „Last Christmas“.

Die Produktion weist alle Qualitäten auf, mit denen die Band erfolgreich geworden war. Und fügt diesen behutsam neue Qualitäten hinzu. Es hat den typischen Gaga-Refrain, der alle TRIO Hits auszeichnete („Da Da Da ich lieb dich nicht du liebst mich nicht aha aha aha“, „Anna – lassmichrein lassmichraus“, „Bum bum“). Stephan Remmler spielt ein merkwürdiges Plastikinstrument. Diesmal allerdings nicht das Casio VL-Tone, das er bei „Dadada“ benutzt hatte, sondern das wie ein Hackbrett geformte Suzuki Omnichord. Und Peter Behrens spielte den schlichtesten aller Anfänger-Schlagzeug-Rhythmen: Bum, Zack, Bum, Zack, Bum, Zack. So weit, so trioartig. Aber Produzent Klaus Voormann reicherte das Lied mit einem Frauenchor, Streichern und Glocken an. Weihnachtsironie mit Zuckerguss.

Irgendwo habe ich mal gelesen, dass viele Weihnachtslieder die melodischen Chrateristika des Klassikers „Stille Nacht“ rekombinieren. Ich glaube, „Turaluraluralu“ gehört auch dazu. Denn als ich TRIO mit dem Lied zum ersten Mal im Fernsehen sah, da kam es mir gleich irgendwie bekannt vor. Beim ersten Hören fand ich es ziemlich langweilig. Ich weiß nicht mehr, was für eine Sendung es war. Kralle Krawinkel hatte, glaube ich, ein Gipsbein und saß auf einem Barhocker. Behrens spielte extrem lustlos Schlagzeug. Und Remmler machte seine Schlagerstar-Moves, grinste schelmisch in die Kamera und drückte Knöpfe auf dem Omnichord. Im Hintergrund standen Kinder im Matrosenanzug herum, die so taten, als seien sie der Chor.

Krawinkel meinte später, Remmler sei plötzlich mit diesem Schlager daher gekommen. Er und Behrens hätten mit der Arbeit an dem Lied fast nichts zu tun gehabt.

Die Single erreichte Platz 6 der Singlecharts. Sie hielt sich von Dezember bis März in den Top 100. Eigentlich hätte das Lied den ganzen Advent 1983 und bis in den Januar hinein auf Platz 1 stehen müssen. Finde ich.

Der französische Kulturphilosoph Michel de Certeau hat geschrieben, dass man Texte mit eigenen Bedeutungen bewohnt, wie ein Mieter seine Mietwohnung. Weihnachten 1983 bin ich in „Turaluralu“ eingezogen. Ich bewohne es bis heute. Jedes Weihnachten.

Ich glaube, Weihnachten 1983 war das schlimmste Weihnachten meines bisherigen Lebens. Schon mit dem Wetter war es losgegangen. Es war viel zu warm und die Sonne schien. Mein großer Bruder hatte meine Mutter mit der Bemerkung, das sei ja wohl eher Osterwetter, sehr verärgert. „Was passt dir denn jetzt schon wieder nicht“, hatte sie ihn angepflaumt. Da hatte mein Vater eingegriffen. „Jetzt lass doch den Bub in Ruhe“, hatte er gemahnt. Daraufhin hatte meine Mutter mit den Worten „Das war ja klar, dass ihr wieder alle zusammen haltet“ das Feld geräumt. Mein Vater hatte sowieso einen schlechten Stand, weil der Weihnachtsbaum, den er gekauft hatte, laut meiner Mutter „ein dürrer Krüppel“ war. Sie hatte Recht. Er sah schrecklich aus.

So ging es die ganze Zeit weiter. Mein Bruder hielt Lametta für Umweltverschmutzung, aber für meine Mutter sah der Weihnachtsbaum ohne Lametta nackt aus. Die elektrischen Christbaumkerzen leuchteten nicht. Die Ersatzbirnen waren aufgebraucht. Und weil Samstag war, hatte das Elektrogeschäft schon geschlossen. Aggressive Anspannung vibrierte in der Luft. Das schlimmste war, dass ich keine Ahnung hatte, was ich wohl zu Weihnachten bekommen würde. Ich war zwölf. Gewünscht hatte ich mir nichts. Spielsachen fand ich kindisch. Etwas anderes fiel mir aber nicht ein. Und jetzt gab es nichts, worauf ich mich freuen konnte.

Der Sänger Stephan Remmler, der Rock-Gitarrist Kralle Krawinkel und der Schlagzeuger Peter Behrens hatten bereits eine lange und nur mäßig erfolgreiche Karriere als Musiker hinter sich, bevor sie zu TRIO wurden. Remmler hatte mit Krawinkel in einer Band namens „Just Us“ gespielt. Behrens war Schlagzeuger in einer Psychedelic-Gruppe gewesen und dann Clown geworden. Ende der Siebziger Jahre gründeten Remmler und Krawinkel eine Firma. Ziel der Firma war es, erfolgreiche Rockmusik zu produzieren. Freunde, die an das musikalische Talent der beiden glaubten, statteten die Firma mit Kapital aus. Die Musik, die sie machen wollten, sollte gängige, englischsprachige Rockmusik in klassischer Bandbesetzung sein. Aber schließlich hatten sie das Geld ihrer Freunde verpulvert, ohne einen nennenswerten Erfolg aufweisen zu können. Die meisten ihrer Mitmusiker hatten sich von dem Projekt verabschiedet. Nur Behrens blieb. Das Trio brauchte Geld.

Zuerst wurde das dicke Bandequipment verkauft. Die drei spielten mit minimaler Ausstattung entrümpelte Diät-Versionen der Songs, die sie eigentlich für die große Besetzung ihrer Rockband geschrieben hatten. Keine Keyboards, keine Bläser, kein Bass, keine Verstärkerwände, keine Lichtshow. Nur noch Gitarre, Schlagzeug, Sänger. „Als wir die Band Ende der siebziger Jahre gründeten“, erzählte Peter Behrens im Spiegel-Interview, „wurde im Rock’n’Roll alles immer gigantischer: größere Anlagen, größere Lightshows, größere Verstärkerwände. Wir wollten zurück zu den Wurzeln. Außerdem konnten wir uns das ganze Zeug auch gar nicht leisten.“

Um diesen Spar-Minimalismus für das Publikum interessant zu machen, übten Remmler, Krawinkel und Behrens eine Art Musik-Comedy-Programm ein. Remmler gab den selbstironischen Möchtegern-Entertainer, Krawinkel den abgeklärten Rockgitarristen und Behrens den traurigen Clown am Schlagzeug. „Das wirkte vielleicht improvisiert – es waren aber jeden Abend die gleichen Sprüche, die gleiche Show“, erzählte Behrens später dem Spiegel. Die Show kam an.

Nach unzähligen Absagen bekamen die drei 1980 einen Plattenvertrag. Ihr Produzent wurde der Legendäre Klaus Voorman. Der Klaus Voorman, der das Plattencover für das Beatles Album „Revolver“ kreiert hatte, der Voorman, der auf „Imagine“ von John Lennon Bass spielte.

Das Debut der Band fängt die Atmosphäre der Shows perfekt ein. Ein Hit wird die Platte vorerst nicht.

Aber die wenig später etwas aufwändiger produzierte Single „Da da da – Ich lieb dich nicht, du liebst mich nicht“ ging in den Charts weltweit durch die Decke. Das Debüt erschien noch einmal. Diesmal mit dem Hit, der stilistisch gar nicht zum Rest der Platte passte. Aber egal: Jetzt verkaufte sich die Platte sich wie geschnitten Brot.

Ein fester Termin im unserem Familienleben war die ZDF-Hitparade mit Dieter Thomas Heck. Im Jahr 1983 traten dort fast nur noch NDW-Acts auf. UKW, Geier Sturzflug, Nena, Markus und TRIO. Während die anderen immer nur zum Halb-Playback herum hampelten, dekonstruierten TRIO mit ihren merkwürdigen Performances die Schlagerroutine. Bei der Präsentation ihrer Single „Anna – lass mich rein lass mich raus“ fragte Remmler das Studiopublikum nach Vornamen, die er singen solle. Meine Mutter ärgerte sich über die „Blödmänner“. „Das ist doch keine Musik“, schimpfte sie.

An die Spitze der Charts schafft es die Band nach „Da da da“ nicht mehr. Obwohl ihre Singles eigentlich immer besser wurden. „Anna“ klingt etwas unausgegoren. Aber der Nachfolger „Bum Bum“ war richtig gut. Der Gipfel war schließlich die geniale Single „Herz ist trumpf“. Die schaffte es aber schon nicht mehr in die Top Ten. Und dann im Dezember 1983 kam „Turaluralu“.

Während meine Mutter in der Küche rumpelte, saß ich mit meinem Vater und meinem Bruder am Wohnzimmertisch. Mein Vater las Heinrich Böll. Mein Bruder in der Bibel. Ich in der Hörzu. Ich war verzweifelt, weil einfach keine Weihnachtsstimmung aufkommen wollte. Und weil Weihnachten doch immer so schön gewesen war. Und jetzt war es so schlimm. Und dann kam „Turaluraluralu“ im Radio.

„So weit weg und lange her

ich erinner‘ mich nicht mehr

warn da Lichter an dem Baum

oder war es nur ein Traum

uuh wir haben viel gelacht

so viel Sterne in der Nacht

Turaluraluralu

ich mach BuBu was machst du

Turaluraluralu

Turaluraluralu

Turaluraluralu

ich mach BuBu was machst du“

Nach dem ersten Refrain spürte ich wie meine Augen nass wurden. So sehr ich auch blinzelte, ich konnte es nicht aufhalten. Die Musik war so weihnachtlich. Und der Text! Die Lichter an unserem Weihnachtsbaum brannten nicht, wegen fehlender Ersatzbirnen. Das letzte Weihnachten lag unendlich lang zurück. Ich hatte das Revell-Modell von Richthofens rotem Dreidecker bekommen. Und im Jahr davor das Playmobil Piratenschiff. Es war alles immer so schön gewesen! Wir hatten gelacht und gesungen! Wahrscheinlich. So genau wusste ich es nicht mehr. Aber in der Erinnerung kam es mir jetzt so vor.

Eine erste Träne tropfte auf die Hörzu. Dann kam die zweite Strophe.

„So weit weg vor langer Zeit

die Gedanken wandern weit

es lag Schnee dort oder nicht

und da war auch dieses Licht

schöne warme weiche Frau

ich erinner mich genau

Turaluraluralu

ich mach BuBu was machst du“

Letzte Weihnachten hatte bis zu den Hüften im Schnee waten können. Es fiel mir wieder ein. Und als ich durchgefroren nach Hause kam, hatte ich Kaba bekommen und mich zum Aufwärmen an meine Mutter gelehnt.

„Populäre Texte sind in sich unvollständig“, schreibt der britische Musiksoziologe John Fiske, „sie provozieren Bedeutung und Lust; sie werden nur dann komplett, wenn sie von den Menschen aufgenommen und in ihre Alltagskultur eingesetzt werden.“ Die Vervollständigung der Texte erzeuge Relevanz, meint Fiske. „Relevanz kann nur durch die Menschen erzeugt werden, da nur sie wissen können, welche Texte es ihnen ermöglichen Bedeutungen zu erzeugen, die in ihrem Alltagsleben funktionieren.“ Und genau das passierte in diesem Moment. Remmlers phrasenhaft-polysemer Text wurde von mir mit persönlicher Bedeutung aufgeladen. „Turaluralu“ und ich sind uns zur richtigen Zeit am richtigen Ort begegnet.

Ein tiefer Schluchzer drängte sich aus meiner Seele in meinen Hals. Es war nicht zu verhindern. Kodwo Eshun beschreibt das, was mit mir geschah, etwa so: Das Bewusstsein funktioniert nicht top-down von einem Zentrum aus zum Rest des Körpers hin. Bewusstsein funktioniert bottom-up. In kleinen Schritten. Wir sind genauso das, was wir hören und sehen und fühlen und berühren. So, wie wir das sind, was wir denken. Jeder Teil des Körpers denkt. Meine Augen dachten wohl, dass ich traurig bin.
Mein Vater und mein Bruder schauten betroffen zu mir. Und als das Lied mit den Weihnachtsglocken ausklang, da weinte ich. Mein Vater streichelte mir über den Kopf und rief nach meiner Mutter. Und die wusste gleich, was los ist. „Das ist kein schönes Weihnachten, gell?“, sagte sie. Da ging es dann so langsam wieder. Und als es dann draußen dunkel wurde, war es doch irgendwie weihnachtlich.

Später bei der Bescherung bekam ich kein einziges Geschenk. Die anderen packten aus und packten aus. Ich saß da und wartete. Aber es gab kein Päckchen für mich. Ich habe zwei Tage vor Heilig Abend Geburtstag. Es stellte sich heraus, dass meine Mutter mir ausversehen alle Geschenke schon zum Geburtstag geschenkt hatte. Ich trug es mit Fassung und dachte „Turaluraluralu, ich mach bubu, was machst du?“

Mit der Neuen Deutschen Welle ging es 1984 bergab. Deutsch war out. 1985 kehrten TRIO zurück. Mit einem medialen Rundumschlag. Mit dem Film „Drei gegen Drei“, der Single ziemlich guten Single „Drei gegen Drei“ und dem Album „What‘s the Password?“. Sie scheiterten mit allen drei Projekten. Künstlerisch und kommerziell. Die Single war zu sehr NDW. Das Album war aufgeblasener 80er Pop. Aber kein guter. Der Film war eine ziemlich laue Verwechslungsklamotte. 1986 trennte sich die Band. Sang und klanglos. Krawinkel und Behrens verschwanden komplett von der Bildfläche.

Stephan Remmler hatte sich bereits in den Siebziger Jahren als Schlagersänger versucht. Im Jahr 1986 kehrte er zurück. Und auf seinem ersten Soloalbum mischte er auf sehr gelungene Art die Ironie von TRIO mit allen möglichen volkstümlichen Musikstilen. Schon die erste Single „Keine Sterne in Athen“ wurde zu einem großen Hit. Doch das Lied „Alles hat ein Ende nur die Wurst hat zwei“ wurde zum Megahit des Karnevalls 1987. Und darüber hinaus.

1987 war ich 14 und der Ansicht, ich sei ein Punk. Denn ich hörte die Ärzte und die Toten Hosen. Vom Mainstream hatte ich mich abgewandt. In der Grabbelkiste meines Stammplattenladens fand ich das Debut von TRIO und kaufte es. Ich war überwältigt. Was da aus den Boxen meines Plattenspielers dröhnte war Punk! „Jajaja“, „Los Paul!“, „Sunday you need love, mondy be alone“ und „Nasty“. Auch das Lied „Kummer“ sprach mich an. Insgesamt gefiel mir die Selbstironie der Texte.

„Achtung Achtung!

Lassen Sie sich nicht täuschen

Obwohl es zunächst so aussieht

Als ginge es um Ihre Unterhaltung

Geht es doch letztlich darum

Daß Sie Ihre Sympathien

Und Ihr Geld

Dem TRIO geben

Ab dafür!“

, heißt es in der Ouvertüre des Albums. Stark, dachte ich.

Bei nächster Gelegenheit kaufte ich mir die zweite TRIO-LP „Bye bye“. Die konnte zwar mit der ersten nicht mithalten. Aber auf ihr war „Turaluralu“ enthalten, das mich jetzt in seiner ganzen autobiographischen Schönheit wieder einholte. Und für immer bei mir blieb.

 

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Die Prosodie der Systemgastronomie

Der Mann ist Schichtleiter bei McDonalds. Er steht in seiner Arbeitskleidung in der Mensa vor dreißig Achtklässlern und hält ihnen einen Vortrag darüber, wie er wurde, was er jetzt ist. Ein Meter Siebzig, größer ist er nicht. Ende Zwanzig. Gut in Form. Er lächelt nicht. Er leuchtet. Und er heißt MK.
Ich gebe es zu. Ich war dagegen, dass er kommt. „Unsere Schüler gehen da doch so schon viel zu oft hin“, hatte ich gesagt, „da brauchen wir nicht noch einen, der zu uns kommt und Fastfood anpreist.“ Aber die Kollegen hatten gesagt, es gehe doch um den Ausbildungsberuf des Systemgastronomen. Da wollte ich dann auch kein Spielverderber sein.
Das Thema ist also eigentlich „Systemgastronomie“. Aber dann legt MK los. Sofort geht er ans Eingemachte. „Ich“, sagt er, „will dir hier keine Stories erzählen.“ Er ist der Herr der freien Assoziation und wechselt ständig spielend leicht Thema und Stimmung seines Vortrages. Daraus entwickelt er eine ganz eigene, charismatische Art Geschichten zu entwickeln. Und auf Geschichten kommt es bei Achtklässlern an. Nicht auf Fakten. MK ist kein Motivationstrainer. Er ist ein Philosoph. Alle seine ausufernden Geschichten kehren nämlich immer wieder zu seiner lebenpraktischen Grundeinstellung zurück: „Nicht Party und nicht saufen rettet dein Leben! Sondern gute Noten in der Schule! Ausbildung und der Gesellenbrief! Hast du keinen Gesellenbrief, dann bis du nichts, verstehst du?“
Die Jugendlichen sind zuerst irritiert. Sie hatten den üblichen Powerpoint-Vortrag erwartet. Fähigkeiten, Fertigkeiten, Lehrgeld und alles. Aber MK erzählt ihnen seine Lebensgeschichte. 1995 eingewandert, landete er zunächst in der Hauptschule. „Du denkst immer, was der Lehrer labert ist langweilig und blöd? – Falsch!“ Sein Sprechstil ist rhapsodisch. Er legt viel Wert auf Rhythmus und Prosodie. Er gestikuliert, er geht hin und her und sucht den Blickkontakt zu seinen Zuhörern. Er informiert nicht, er legt durch Fragen Aufmerksamkeitsschlingen aus, und mit einem Antwort-Aufschrei zieht er die Schlinge um seine Zuhörer zu.  Kein Vortrag. Eine Predigt. „Weißt du, wo ich wäre, ohne meine Lehrer, weißt du was aus mir geworden wäre? Nichts!“ Die Lehrer seien, predigte er den Jugendlichen, soetwas wie zweite Eltern. „Lehrer sagen nie was Schlechtes, auch wenn es dir so vorkommt, Lehrer sagen nur Gutes, sie wollen nur Gutes, auch wenn sie schimpfen und sagen, du bist faul, jetzt mach mal! Dann bis du nicht beleidigt, sondern du machst!“
Und die Schüler sind die ganze Zeit über Still. Aber man kann es knistern hören. Der Äther ist elektrifiziert zwischen Redner und Zuhörern.
Nach einer Ausbildung zum Autolackierer musste MK wegen eines Lungenproblems umschulen und wurde KFZ-Mechaniker. „Ich bereue das nicht, ich gucke nicht zurück, das war da und das ist jetzt und jetzt bin ich hier!“ Als er die Gelegenheit sah zu McDonalds zu wechseln, fackelte er nicht lange. „Du lachst über McDonalds? Dazu hast du kein Recht! Das ist gute Arbeit und gutes Geld! Du bist pünklich? Du machst alles richtig? Gut! Die Leute kommen, sie essen, sie sind zufrieden! Und du? Du bist dann auch zufrieden und darum geht es doch!“
Zunächst führte er nur niedrige Dienste aus. „Aber, ich war immer da, ich war immer pünktlich, ich habe meine Arbeit immer gut gemacht und dann eines Tages hat mein Chef gemeint: MK, komm mal her, du machst das gut, willst du Schichtleiter werden? Ich hab ja gesagt! Hätt‘ ich nein sagen sollen? Ich bin ehrlich: Da sagt man ja! Hängt sich rein! Und jetzt? Jetzt verdiene ich gutes Geld!“
Die Arbeit sei hart, aber geschenkt bekomme man nichts im Leben.
„Das war geil“, beschreibt ein paralysierter Achter sein Erlebnis als er am Ende der Veranstaltung den Raum verlässt. Und auf all ihren Gesichtern steht geschrieben: Das war geil!
MK setzt sich und trinkt das Mineralwasser, das auf seinem Rednerpult steht. Seine ordentliche Frisur ist ein bisschen verrutscht. Er streicht sie wieder zurecht. Und steht auf. 100 Prozent Körperspannung.
Manchmal, denke ich, bin ich froh, dass ich Lehrer bin. Wo sonst hat man solche Erlebnisse? Und wo hatte der MK das pädagogische Du her? Rätselhaft.

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Übermenschen und menschliche Lehrkräfte

Am Ende meiner Ausbildung hatte ich ein sehr verzerrtes Bild vom Alltag in einer Schule. Was hatte man uns nicht alles erzählt von der Professionalität der Lehrkräfte. Das, dachte ich, müssen Übermenschen sein. Ich selber fühlte mich überhaupt nicht als Übermensch. Würde ich diesem Beruf gewachsen sein? Im September 2001 trat ich meine erste echte Lehrerstelle an.
Bei meiner ersten Gesamtlehrerkonferenz ist eine Kollegin gegen den Türrahmen der Lehrerküche geknallt. Sie hatte Gleichgewichtsprobleme. Die Konferenz fand im dafür viel zu kleinen Lehrerzimmer statt. Vielleicht konnte sie ihr Ziel deshalb nicht richtig anpeilen. Während sie ihre Schwellung an der Stirn mit einer  Eiswürfeln kühlte, ist eine andere Kollegin über die Türschwelle des Lehrerzimmers in den Flur hinaus gestolpert und laut jammernd liegen geblieben. Sie wurde von unserem Rettungssanitäter ins Krankenhaus gefahren.
Ich hatte sie schon vorher im Kopierraum getroffen. Dort stand sie und sprach laut ihre Gedanken vor sich hin. „So, die Blätter muss ich dahin legen und die Blätter dahin und da muss ich aufpassen, dass das nicht durcheinander kommt“, flötete sie. Ich versuchte mit ihr zu sprechen, aber irgendwie nahm sie mich nicht wahr.
Draußen wurde der Schulhof renoviert. Direkt vor dem Fenster betätigten zwei Bauarbeiter einen sogenannten Rüttler. Das ist so ein Ding, das die Erde feststampft. Die Kugelschreiber auf den Tischen vibrierten sanft im Takt der Baumaschine.
Das Lehrerzimmer war brechend voll. Aber die Fenster konnte man nicht öffnen, wegen des Lärms. Es war heiß und stickig. Mir gegenüber saß ein etwa sechzigjähriger Kollege. Graue Haare, Glatze, Vollbart. Er trug Hotpants und ein Unterhemd wie Irene Cara in „Flashdance“. Immer wenn die Schulleitung etwas sagte, schüttelte der verbittert Mann den Kopf.
Nach der GLK wollten mir die beiden zuständigen Kollegen noch den DV-Raum zeigen. So hießen damals noch die Computerräume. Der DV-Raum war eine Mischung aus Computerfriedhof und Museum. „Er guckt so traurig“, sagte der eine Kollege. Der andere nickte und ging zu einem Schrank auf dem „Material“ stand. In dem Schrank stand ein Kasten Maibock. Der Kollege öffnete eine Flasche für mich. An der Kante eines Bildschirms. Der Bildschirm wies erhebliche Abnutzungsspuren auf. Draußen ratterte immer noch die Baumaschine. Die globigen Computerbildschirme wippten sanft im Takt.
Nach zwei Flaschen Maibock hatte ich immer noch nicht verstanden, wie der der Computerraum und die Computer hier funktionierten. Oder ob sie überhaupt funktionierten. Aber ich wusste jetzt, dass einer der beiden riesengroßer Emmerson, Lake und Palmer Fan war. Er brannte am Lehrercomputer verschiedene Bootlegs und hörte sie neben her an. Das Maibock bewirkte eine gewisse Leichtigkeit. Ich holte im Lehrerzimmer meine Tasche. Da saß die Kollegin, die gegen den Türrahmen geknallt war mit der Kollegin, die ihr Bein verletzt hatte, samt Rettungssanitäter. „Nur ambulant“, singsangte sie und schwenkte ein Glas. Sie tranken mit dem Hotpant-Mann Sekt, in den sie Oliven und die Eiswürfel von der Türrahmenfrau versenkt hatten. „Das“, rief der Hotpant-Mann fröhlich nuschelnd, „ist gut für die Herzkranzgefäße.“ Ich bekam auch ein Glas. Die fühlen sich richtig wohl hier, dachte ich.
Nachdem ich ordentlich etwas für meine Herzkranzgefäße getan hatte, brach ich auf. Maibock und Sekt mögen gesund sein. Dem Gleichgewichtssinn waren sie nicht dienlich, das erkannte ich jetzt, beim Versuch mein Fahrrad zu besteigen. Aber ich fühlte mich gut. Diese Lehrkräfte waren keine Übermenschen. Das war offensichtlich. Sie waren sehr menschlich.

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