Der Messi der Pädagogik

Ich rollte stöhnend über den Fußboden meines Arbeitszimmers. Dabei presste ich den alleatorisch verteilten Blättersalat platt. Gerade war mir ein dicker Aktenordner auf den Fuß gedonnert. Die breite Variante, verstärkt mit Metallleisten. So voll, dass er sich vorne auseinander bog. Beim Aufprall war er auseinandergeplatzt. Die abgehefteten Blätter waren im Fall herausgeflattert und hatten sich wie übergroßes Konfetti im Raum verteilt. Ich selber fiel hinterher. Vom jähen Schmerz gekrümmt.
Eigentlich hatte ich etwas ganz anderes aus dem Regal ziehen wollen. Weil aber die Ordner so eng ins Regal gequetscht waren, war er auch mit heraus gerutscht.
Mein Sohn kam atemlos ins Arbeitszimmer gestürzt. „Ist was passiert?“, hat er erschrocken dreinblickend gefragt. Ich stöhnte: „Nein, alles okay!“ Der Sohn blieb an der Türe stehen und schaute misstrauisch auf mich herunter. „Und warum“, fragte er seelenruhig, „liegst du dann zwischen diesen ganzen Ordnern und Blättern auf dem Boden, hältst deinen Fuß umklammert und sprichst mit so einer gequetschten Stimme?“ Tja, dachte ich, warum? Warum liege ich hier? Warum? „Weil ich ein Messi bin“, bekannte ich gequält. Aber auch stolz, dass ich ich trotz der meiner Ansicht nach schrecklichen Schmerzen noch ironisch sein konnte.
„Du?“, lachte der Sohn spöttisch, „du triffst ja das Tor nicht mal, wenn du 10 Zentimeter davor stehst.“ Gut, dachte ich, dass dieses Kind in seiner ganz eigenen Fußballwelt lebt.
„Nein“, rief die Frau aus dem Wohnzimmer, „der Papa meint nicht den Fußballer!“ Dann erklärte sie dem Kind, ein Messi sei jemand, der nichts wegwerfen könne und deshalb in einer völlig überfüllten Wohnung lebe, in die nichts mehr reinpasse. Das Kind nickte zustimmend. „Also so, wie Papas Arbeitszimmer?“, sagte es. Ich wälzte mich noch ein bisschen in den Blättern. Es waren meine Unterrichtsentwürfe aus dem Jahr 1997. Mein zweites Tagespraktikum, erinnerte ich mich versonnen. Das konnte man doch nicht wegwerfen! All die Erinnerungen. Andrerseits: Wann hatte ich diesen Ordner zum letzten Male aufgeklappt? Vor fünfzehn Jahren? Vor zehn Jahren? Und wenn ja, warum eigentlich? Lehrer, hatte der Pädagogikprofessor damals an der Pädagogischen Hochschule gesagt, sind Jäger und Sammler. Sind sie nicht, dachte ich jetzt. Sie sind Typen, die eines Tages von ihren sentimentalen Erinnerungen zu Invaliden geschlagen werden. Ich ließ meinen Blick über die Ordnerreihen schweifen. Alle Politikvorlesungen und Seminare von 1994 bis 1998. Ebenso alle anderen Fächer. Die Unterrichtsentwürfe aus dem Referendariat. Ach und da: Geschichte, Klasse 8 2005 – was hatte ich da für herrliche Ideen gehabt. Und da: Meine BWL-Hefte aus dem Wirtschaftsgymnasium… Und meine Pädagogikbücher … Die John-Lennon-Büste … meine Cassetten …
Meine Frau schob mit der Türe raschelnd ein paar verstreute Blätter zur Seite und schaute auf mich herunter. Ich zog ein extra leidendes Gesicht und ächzte ein bisschen, obwohl es schon gar nicht mehr so weh tat. Vielleicht hatte sie dann ein bisschen Mitleid mit mir und sprach mich nicht auf die Unordnung in meinem Arbeitszimmer an.
„Ich habe kein Mitleid“, stellte sie fest, „ich hab dir hundert Mal gesagt, dass du den alten Käse wegewerfen sollst, guck dir das doch mal an hier!“ Ich drehte mein Gesicht beschämt zur Seite. Dieses Gespräch führen wir jedes Schuljahresende. „Weißt du“, antwortete ich, „ich sehe das hier weniger als Arbeitszimmer, sondern mehr als eine Art Kunstwerk, das ganz persönliche Erinnerungsspuren bewahrt.“ Meine Frau machte ihr Nicht-Witzig-Gesicht und sprach: „Kann sein, aber vor allem bewahrt es ganz persönliche Chaosspuren, sehr deutliche Chaosspuren sogar! Und zwar von dir!“
Was soll man dazu sagen? Besonders dann, wenn es stimmt.
Mein Sohn hatte die Antwort. „Genau wie der Messi bei der Weltmeisterschaft“, rief er von seinem Zimmer aus, „hält den eigenen Strafraum nicht sauber!“ Ich war also doch in jedem Sinne: Ein Messi. Ein Messi der Pädagogik.

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„Ich plädiere für mehr wohlmeindende Intoleranz“

Der Soziologe ARMIN NASSEHI im Interview mit Ens Oeser

Populismus und Hass auf Geflüchtete in ganz Europa, eskalierender islamischer Terror, rechtsextreme Terrornetzwerke in der Bundeswehr und einst unangreifbare Autoritäten sind in der Krise. Sollen Lehrkräfte unter diesen Umständen weiterhin weltanschaulich neutral bleiben? Der Soziologe und Erziehungswissenschaftler Armin Nassehi, Herausgeber des Kursbuches, sucht nach Antworten.

Ens Oeser: Ein Kollege hat syrische Geflüchtete zu sich in den Unterricht eingeladen. Als er morgens das Klassenzimmer betrat, befanden sich die Schüler in heller Panik. Sie dachten, er habe Terroristen eingeladen. Offenbar haben die Schüler Geflüchtete und Terroristen gleichgesetzt. Wie kann man sich das erklären?

Armin Nassehi: Da gibt es nicht viel zu erklären: Offensichtlich hat der Terror exakt das erreicht, was er erreichen wollte, einerseits eine Destabilisierung der Verhältnisse zu bewirken, andererseits einen lebbaren Kompromiss zwischen unterschiedlichen Kulturen in Europa zu erschweren. Hier sind sich Islamisten und Rechtsradikale übrigens sehr einig. Die Schüler haben exakt die Stereotype verwendet, die der Terrorismus stabilisieren möchte, und das hat sie in Panik versetzt. Vielleicht ist der eine oder andere über seine eigene Reaktion erschrocken. Das wäre doch dann pädagogisch sehr wertvoll.

EOe: Als Lehrer erleben wir immer wieder fundamentalistische Muslime, die ihren Töchtern verbieten, am Sportunterricht teilnehmen und deren Söhne Lehrerinnen nicht ernst nehmen. Wie können wir Lehrkräfte uns davor schützen, uns unsere eigenen Vorurteile zu glauben?

AN: Warum Vorurteile? Wenn solche Dinge vorkommen, sind es keine Vorurteile, sondern offensichtlich sehr realistische Erfahrungen. Vielleicht sollte man aufhören, das nicht Wünschenswerte als Vorurteil zu verharmlosen, sondern realistisch sehen, welche Formen von Differenz tatsächlich wirksam sind. Wenn man das genauer sieht, wird es nicht schwerfallen, sich über die eigenen Vorurteile aufzuklären. Schulen, Lehrer, die Öffentlichkeit muss einerseits tolerant sein, andererseits deutliche Grenzen dessen markieren, was tolerierbar ist und was nicht. Freilich kann die Schule das nicht allein bewerkstelligen, sondern braucht dafür politische Unterstützung. Man darf die Kritik an nicht tolerierbaren Praktiken, wie Sie sie beschrieben haben, nicht den ressentimentgeladenen Kleinbürgern überlasen – auch im Interesse von Migranten übrigens.

EOe: Als Lehrer sind wir sind zu weltanschaulicher Neutralität verpflichtet. Ist weltanschauliche Neutralität noch aktuell, oder wäre es nicht besser sich als Pädagoge klar als Demokrat zu positionieren?

AN: Ja, zu weltanschaulicher Neutralität sind Lehrer verpflichtet, aber nicht zu pädagogischer Neutralität. Wenn man Schülern nachweist, dass die AfD an völkische und rechte Traditionen anschließt, hat das mit weltanschaulichen Fragen nichts zu tun – ebenso wie man ja auch konservative, sozialdemokratische, liberale oder linke Politik-Konzepte historisch und systematisch erklären kann. Also: keine pädagogische Neutralität, sondern Urteilskraft! Und dazu gehört, ungebührliches Verhalten von Schülern zunächst als individuelles Verhalten anzusehen und zu wissen, dass Vieles, was Jugendliche tun, vor allem dadurch geprägt ist, Ressourcen zur Selbstdarstellung, zur Selbstbehauptung, zur Identitätspolitik usw. zu verwenden. Für muslimische Jungs sind manche Provokationen sehr produktive Ressourcen der Selbstdarstellung und des Männlichkeitskultues – und für Mädchen ist das ostentative Kopftuch etwas Ähnliches. „Weltanschauung“ ist manchmal ein zu großer Begriff. Wer einem jungen muslimischen Mann die Schranken weist, wenn er sich Frauen gegenüber ungebührlich verhält, handelt nicht weltanschaulich, sondern pädagogisch. Ich plädiere für mehr wohlmeinende Intoleranz. Toleranz um jeden Preis ist letztlich unpädagogisches Verhalten – und am Ende oft nur die weltfremde Symmetrisierungsidee einer wohlgenährten akademischen Jugend, die die Probleme, die Sie beschreiben, nur als Testfall für universalistische Moralanwendung kennt.

EOe: Kann die Schule die Demokratie stärken?

AN: In der Tat, Schulen sind nicht demokratisch organisiert. Erziehungs- und Bildungsprozesse haben stets etwas Undemokratisches, weil das Verhältnis von Lehrer und Schüler stets ein asymmetrisches Verhältnis ist – oder sein sollte. Aber die Schule ist der Ort, an dem Schülerinnen und Schüler etwas lernen können, was für die Demokratie unerlässlich ist, nämlich damit umzugehen, dass es keine letzte Wahrheit gibt und dass man es aushalten muss, wenn unterschiedliche Leute unterschiedliche Auffassungen haben. Das zu erfahren, womöglich angeleitet durch einen starken Lehrer, der wirklich führt, ist erheblich wichtiger als die vordergründige Demokratisierung der Organisation oder der Struktur, die am Ende doch verlogen bliebe. Denn am Ende, im Konfliktfall, bleibt der Lehrer ein Lehrer und bestimmt, benotet, beurteilt usw. Wie er das tut, das ist das Entscheidende.

EOe: Bei der Bundeswehr wird ein Skandal nach dem anderen aufgedeckt. Demütigungen in der Ausbildung und jetzt ein rechtsradikales Terrornetzwerk. Können wir als Lehrer die Presseoffiziere der Bundeswehr noch in den Unterricht einladen oder als Option für die Berufswahl empfehlen?

AN: Ob es wirklich ein Terrornetzwerk ist, muss sich noch erweisen. Das Problem der Bundeswehr ist sicher auch eine Folge dessen, dass mit der Abschaffung der Wehrpflicht sich die Sozialstruktur der Soldaten verändert hat und sicher noch weiter verändern wird. Insofern vermag ich Ihre Frage kaum zu beantworten. Vielleicht können Sie dafür werben, dass sich solche junge Leute für eine militärische Karriere interessieren, die man bei der Bundeswehr braucht. Aber dieses Problem werden Sie als Schule nicht lösen können. Konkret zu Ihrer Frage: Ich würde weiter Presseoffiziere einladen, sie aber mit Ihren Zweifeln und Fragen konfrontieren. Am Ende werden auch die Schüler etwas dabei lernen.

EOe: In Baden-Württemberg wird ein „Glaubenskrieg“ um Schulformen und Bildungsplaninhalte – Stichwort „Sexuelle Orientierung“ – geführt. Konservative bekämpfen die Idee der Gemeinschaftsschule, also einer Schule, an der Schüler aller Leistungsstufen gemeinsam unterrichtet werden. Haben sie Recht?

AN: Auch das ist eine schwierige Frage. Unsere gesellschaftlichen Debatten sind derzeit ohnehin stark von einem Kulturkampf um Sagbarkeiten geprägt – und Schulpolitik ist traditionell ein beliebtes Feld ideologisierbarer Debatten, von allen üblichen verdächtigen Seiten. Die Antipoden dieses Kulturkampfes probieren und loten aus, was sagbar ist und was nicht. Das gilt interessanterweise nicht nur für die rechte, die kleinbürgerliche, die rückwärtsgewandte Seite. Es gilt auch für jene bildungs-, oder sagen wir eher: universitätsnahen Mittelschichten, die daran gewöhnt sind, die Welt nach ungebührlichen Asymmetrien abzusuchen. Das wirkt sich auch auf Bildungsinhalte aus – und erzeugt ein Dilemma. Asymmetrien lassen sich immer schwerer normativ begründen, mit Recht. Zugleich aber erzeugt die allzu ostentative Betonung von Symmetrie und die allzu ostentative Vorführung der Kontingenz dessen, was wir „normal“ nennen, Unbehagen. Das kann man am Thema „sexuelle Orientierung“ ebenso beobachten wie an der Forderung nach der Nivellierung von Leistungsstufen. Dabei hätte eine stärkere Orientierung an Leistung etwas Emanzipatorisches. Nivelliert man nämlich Leistungsstufen, setzen sich leistungsferne Kriterien wieder stärker durch, Herkunft, Milieu, Schichtung, finanzielle Ressourcen. Das Problem bei solchen Dilemmata ist freilich, dass stets beide Seiten ein bißchen Recht haben – und ein bißchen Unrecht. Sonst wären es keine Dilemmata.

EOe: Ministerpräsident Kretschmann hat bei einer Gewerkschafts-Tagung gesagt, dass Lehrer viel Prügel von den Eltern bezögen. Insgesamt haben Lehrer an Autorität verloren. Woran liegt das? Ist Autorität allgemein in der Krise? Was bedeutet das für uns Lehrer?

AN: Ja, Autorität ist allgemein in einer Krise – und manche Respektlosigkeiten von Schülern werden an den Elternsprechtagen  verständlicher, weil dann die Vorbilder der lieben Kleinen kommen. Es gibt dafür viele Gründe – einer unter vielen anderen ist, dass Autorität durchaus ein kritikwürdiges Konzept geworden ist. Im Klartext: Wer als Lehrer womöglich beigebracht bekommt, dass kommunikative Verflüssigung, Überzeugung und Innenleitung besser ist als eine bestimmte Form von Autorität, wird diese kaum einsetzen können, wenn es drauf ankommt. Das ist kein Plädoyer für einen autoritären Stil – im Gegenteil. Es ist ein Plädoyer dafür, dass man Lehrerinnen und Lehrer mit der Autorität des Entscheidens, der Durchsetzung von Standards, auch des produktiven Einsatzes von Asymmetrie ausstattet. Dazu bedarf es aber politischer, pädagogischer und organisatorischer Rückendeckung.

EOe: Manche Lehrer ärgern sich darüber, dass angeblich das Wissen nicht mehr so wichtig sei, sondern die Methode, wie man Wissen bewertet und mit Information umgeht. Ihre Alltagserfahrung innerhalb der Schulstrukturen zeigt ihnen, dass es eben nicht so ist. Um Wissen zu bewerten, müsse man schon vorher etwas wissen, sagen sie. Was sagen sie? Sollen Lehrer Wissen vermitteln, oder den Umgang mit Information?

EN: Die Aufgaben der Schule haben sich diversifiziert. Schulen müssen heute mehr erziehen als früher, sie müssen mit einer neuen Form des Umgangs mit Wissen umgehen. Sie sollen weltanschaulich neutral sein, aber am Ende dann doch bewerten. Das sind Aufgaben, die sich nicht unbedingt gegenseitig in die Karten spielen. Dazu gehört aber auch: die Vermittlung von Wissen. Ich würde sogar extrem dafür plädieren, denn gerade in der heutigern Zeit, im Umgang mit Komplexität wird noch mehr Wissen benötigt als zuvor. Auch dazu gehört ein gewisser Mut und eine gewisse Autorität, manches Wissen als notwendig anzusetzen – übrigens auch, wichtiges von unwichtigem Wissen zu unterscheiden. Die Frage stellt sich mir als Universitätslehrer übrigens auch. Ich will nicht in die allzu wohlfeile Professorenklage einstimmen, wie unvorbereitet die Abiturienten heutzutage sind. Das stimmt nicht – sie sind heute nicht klüger und nicht weniger klug als frühere Generationen. Aber der Rückgriff auf Wissensbestände wird eher unwahrscheinlicher – übrigens nicht nur bei den Studenten. Das sollte zu denken geben.

 

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Brigitte fand Falco nicht gut.

Mit Brigitte im Bus
Brigitte fand Falco nicht gut, das merkte ich gleich. Brigitte stammte vom Aussiedlerhof und war in meiner Klasse. Sie war wunderschön. Bei ihrem Anblick musste ich jedesmal an ein Lied von Falco denken. Es heißt „Garbo“ und handelt von dem gleichnamigen schwedischen Hollywoodstar:
She had exquisite style
She was upper class
She had supernatural grace
A melange of Aphrodite and Venus
Combined with an angel’s face
Brigitte spielte in einer anderen Liga als ich. Soetwas spürt man ja. Und das richtig Gemeine an Brigitte war, dass sie trotzdem total nett und erschreckend klug war. Darüber hinaus hatte sie einen ausgezeichneten Musikgeschmack. Das passte alles nicht so richtig in mein Weltbild von schönen Menschen, die eigentlich arrogante, oberflächliche und promeskuitive Arschlöcher sein sollten. Das traf auf die herrliche Brigitte alles nicht zu. Vor allem, so mein Vorurteil, hatten schöne Menschen einen ganz, ganz schlechten Musikgeschmack. Und Musikgeschmack, das war es, worauf es mir ankam.
Sie hatte mir seit sie eingestiegen war, lang und breit dargelegt, warum das Album „Rhythm of the Saints“ von Paul Simon die beste Platte aller Zeiten war. Ich fand das nicht. Ich fand das Zeug furchtbar. Aber ich spürte, dass ich das ihr gegenüber nicht aussprechen konnte. Also relativierte ich nur das „beste aller Zeiten“ ein bisschen.
Und dann fragte sie mich. Beatles war ihr klar. Fand sie auch okay. The Smiths, The Cure, Pogues, Pixies, Sonic Youth, David Bowie, Kraftwerk. Alles zu „abgefahren“. Aber auch für eine Brigitte durchaus anerkennenswert. Denn auch mein Musikgeschmack bestand nicht aus Technotronic, MC Hammer, Snap und New Kids on the Block.
Dann erwähnte ich Falco. Sie verzog verwirrt das Gesicht. „Falco?“, sagte sie in diesem Tonfall, den man von jemandem wie Brigitte nicht hören wollte. „Das ist doch alles so Kommerzkacke, wie Modern Talking und er ganze Scheiß“, sagte sie angeekelt.
Das tat doppelt weh. Musik, die ich hörte in die Nähe von Modern Talking zu rücken, das war hart. Und von Brigitte angeekelt angeguckt zu werden. Das war auch hart.
Musik ist sehr eng verbunden mit der eigenen Identität. Die Musik, die man hört, sagt man immer auch etwas über die eigene Lebensgeschichte und Persönlichkeit aus. Mir war schon klar, dass Falco ein Schwachpunkt in meiner Independent-Musik-Vita darstellte.
Als ich mir 1985 die Amadeus-Single kaufte, meinte mein Freund: „Falco? Pff! Das hört ja jeder!“ Das wurde in den kommenden Jahren tatsächlich mein Entscheidungskriterium für den Kauf von Tonträgern. Es mussten coole Sachen sein, die nicht jeder hörte. Ich, so beglückwünschte ich mich innerlich selber, hatte einen total individuellen Musikgeschmack. Aber ich hatte beschlossen, einfach dazu zu stehen, dass ich halt auch Falco gut fand. Es ging nicht anders.
„Kommerzkacke“, das war schon hart.

Was ist Kommerz?
Halten wir mal einen Moment inne und fragen uns , was bitteschön „Kommerzkacke“ ist.
Es sei heute leichter „sich das Ende der Welt vorzustellen, als das Ende des Kapitalismus“, schrieb der Musikjournalist Mark Fisher. Und das stimmt. Der Kapitalismus ist unser Element. Wir bewegen uns in ihm, wie der Fisch im Wasser. Der Literaturwissenschaftler Niels Penke definiert deshalb Pop auf genau dieser Wellenlänge: „Populär ist nicht das, was einfach, leicht verständlich und authentisch, sondern das, was bekannt ist und Charts, Bestsellerlisten und Beliebtheitsrankings anführt.“ Pop ist, was sich verkauft. Und was sich verkauft ist kommerziell. Menschen, die finden, dass sie einen besonders guten Geschmack haben, benutzen das Wort „kommerziell“ gerne mit einer gewissen Geringschätzung. Denn das Kommerzielle will Profit erzielen. Und das gilt in solchen Kreisen meistens als verwerflich. Massenkonsumprodukt zu sein, kommt bei den kulturell eingeweihten nicht gut an. Bei Brigtte zum Beispiel.
Aber wenn man konsequent links denkt, dann beginnt Musik, geschichtlich betrachtet, als gemeinsames rituelles, religiöses, rauschhaft dionysisches Singen und Tanzen, in dem sich das Dasein transzendiert. Es geht um Gemeinschaft und Bindung. Bindung an den Kosmos, Bindung an die Menschen, mit denen man lebt.
Aber schon die Notenschrift macht aus der Musik ein Ding auf einem Blatt Papier. Daraus entwickelt sich das Musikhandwerk und der Handel mit Noten. Und genau hier beginnt der Kommerz. Das Erfinden von Musik zielt nicht mehr auf Gemeinschaft, sondern auf das Herstellen einer Musik, für das Menschen mit Geld Konzertkarten kaufen werden. Eine Musik, die von Notenblättern beliebig reproduzierbar ist und von Instrumentalexperten wiedergegeben wird. Es gibt jetzt verdienende Musiker und ein zahlendes Publikum. Ein Entfremdungsprozess, der sich mit der Perfektionierung der Aufnahmetechnik weiter ausdifferenziert. Musik wird endgültig zum Handelsprodukt. Verkauft wird ein Trägermedium. Der Kern ist die Aufnahme. Die muss auf mp3, CD, Schallplatte verkauft werden. Sie muss populär werden, sonst erwirtschaftet sie keinen Gewinn. Warenfetisch!
Im Zentrum der Vermarktung steht aber nicht die Musik, sondern der Star. Er firmiert als Marke, als Brand des Mediums. Was Persil für für alle möglichen Waschmittel ist, das ist David Bowie für alle möglichen mp3s, CDs oder Schallplatten. Begleitend gibt es Videos, Konzerte oder Bücher. Und: Was ist ein Konzert anderes, als ein Werbeauftritt für den neuesten Tonträger? Investitionen in teure Aufnahmen und Konzertreisen werden aber nur getätigt, wenn die Marktanalyse ergeben hat, dass es eine ausreichend große Zielgruppe gibt.
Wenn man Pop so nackig betrachtet, dann ist er also nur ein Marketingkonzept zum Verkauf des Trägermediums. Alles an Pop ist Werbung, damit das Medium verkauft wird (stream, mp3, CD, Schallplatte + Begleitprodukte Video, Buch, T-Shirt – Werbereise = Tour). Im Zentrum des Pop steht der Markt. Und damit der Kapitalismus. Das heißt: Jeder, der mit Popmusik lebt, hört zielgruppengerechten Kommerz. Ob das die Einstürtzenden Neubauten sind oder Phil Collins, ob die Angepissten Turnbeutel oder Beyonce.
Antikapitalistische Musik wie von KIZ („Hurra, diese Welt geht unter“) oder von den Toten Hosen („Kauf mich“) oder Chumba Wumba ist paradox. Mit Kapitalismuskritik in die Verkaufscharts? Das ist nicht politisch. Das ist Lifestyle. Populäre Oberflächenkosmetik. Sobald Musik als Stream, Download, CD oder Schallplatten im Angebot ist, befindet man sich im Zentrum des Popmarktes.
Aber ich sags lieber gleich: Ich finde das überhaupt nicht verwerflich. Verwerflich finde ich das Geschwafel von der Kommerzkacke. Das sieht jetzt vielleicht ein bisschen wie die späte Rache an Brigitte aus. Ist es wahrscheinlich auch. Rache für Falco. Denn Paul Simon hat von „Rhythm of the Saints“ 1990 hunderttausendfach mehr Tonträger verkauft, als Falco mit seinem 1990er Album „Data de Groove“. Das ist sang- und klanglos in der Versenkung verschwunden ist. Ich fand es trotzdem gut. Tja Brigitte, Kommerzkacke!

Popmusikfragen sind Identitätsfragen
Die Gedanken zum Thema Kommerz hatte ich, als ich an einem Workshop des Musikjournalisten Martin Büsser teilgenommen habe. Er unterschied penetrant zwischen kommerzieller Massenmusik (er nannte als Beispiel Phil Collins) und progressiver, politischer Musik ( hier das Beispiel Fugs oder Franz Zappa). Außer mir waren lauter schicke, junge Linke da, die alle wissen wollten, ob ihre Musik auch antikapitalistisch genug ist, um distinktionsmäßig punkten zu können.
Aber das Reduzieren von „Kommerzkacke“ auf die Verkaufszahlen von Tonträgern ist natürlich eine ziemlich billige Retourkutsche. Das sehe ich ein.
Brigitte hat den Begriff „Kommerzkacke“ in einem ähnlichem Sinne gebraucht, wie die Hörer klassischer Musik das tun, wenn sie zwischen E-Musik und U-Musik unterscheiden. „Kommerzkacke“ hat sich für sie nicht an den Verkaufszahlen festgemacht. Für Brigitte war „Kommerzkacke“ wohl eher die Definition für unterkomplexe Teenagermusik, die sich in opportunistischer Weise einem angenommenen Massengeschmack anpasst. Geldmacherei, sagte man damals auch gern. Beispielsweise über Modern Talking.
Im Grunde geht es um eine Aufwertung des eigenen Geschmacks. Es geht um Distinktionsgewinn. „Der Geschmack ist immer disktinktiv“, schreibt Pierre Bourdieu, „und die Verherrlichung mancher älterer Künstler … hat ihr Gegenstück in der Abwertung derjenigen zeitgenössischen Interpreten, die sich den Anforderungen der Massenindustrie am weitgehendsten angepasst haben.“
Popmusik ist, wenn man Diedrich Diederichsen glauben will, immer eine mögliche Antwort auf die Frage: Wie will ich leben? Popmusik hilft bei der Antwort. Denn Pop ist Lifestyle, Lifestyle ist Konsum und unser Konsum prägt im Kapitalismus unsere Identität. Pop ist mehr als Musik. Er ist ein allumfassendes Lebensgestaltungsangebot. Darum steht bei Pop der Star im Mittelpunkt. Der Star ist immer eine Kunstfigur. Selbst dann, wenn der Star sich authentisch gibt, ist er eine Ästhetisierung seiner Authentizität.
Letztenendes ist es aber relativ egal, was der Star oder sein Konzept sagen wollen. Es kommt darauf an, wozu der Konsument ihn benutzt. Populär ist etwas dann, meint der Kulturwissenschaftler John Fiske, wenn es Bezüge zum Alltag der Konumenten herstellt. Identität ist der Knoten in Beziehungsgeflechten. Und die Dinge, die uns Umgeben statten dieses Netz mit Bedeutung aus.
Brigitte musste Falco blöd finden. Ganz klar. Sie musste sein, wer sie sein wollte, um zu werden, was sie war. Sie war Ballett, sie war kluge Literatur, sie war „ja“ zum Leben. She was upper class. Ich? Ich war Independent und Sechziger Jahre. Ich war Geschichte. Ich war: Alles Scheiße hier. Und ich war Falco. Denn Identität ist auch die Geschichte, die wir uns über uns selber erzählen. Und ich war auf der Suche nach Ewigkeit und Individualität. „Hört ja jeder“ ging nicht. Keine Musik ist besser oder schlechter als die andere. Unser Musikgeschmack setzt uns zueinander in Beziehung. Dafür gebrauchen wir den Star und seine Musik. Ein Konsumprodukt, das unser Dasein transzendiert. Anders als die rituelle Musik am Anfang der Musikgeschichte. Aber Transzendenz. Immerhin.
Brigitte. Ich vergebe dir. Falco bestimmt auch. Ich verstehe jetzt, was du sagen wolltest. Und du hattest natürlich recht. Aber ich auch.

 

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Fernsehgucken

„… aber wir sind schließlich alle mehr oder weniger in der Welt der Fernsehfiktion groß geworden und gehen auf diese semi-fiktionalen Familientreffen vielleicht lieber als auf die realen.“
Maren Lickhardt: Hermumschalten, Wiederholung, Selbstbezug. Popzeitschrift 11/2017

The Endless Stream Of Laber
In meiner schummrigen und Zigarettenrauch durchwaberten Stammkneipe gab es diesen abgehalfterten Typen, von dem die anderen Gäste Abstand hielten. Weizenbiertrinkend lehnte er an der Bar und jeder wich seinem Blick aus. Denn jeder wusste: Wenn du den anguckst, dann labert er dich zu. Und dann hört er nicht mehr auf. Und du kommst auch nicht mehr weg. Und dann vertrödelst du den ganzen Abend mit diesem Trottel, anstatt mit deinen Freunden zwecks Erlagung transzendenter Gedanken ein oder zwei Bier zu kippen.
Das Schwierige war, dass er manchmal ganz interessante Sachen zu erzählen hatte, oft aber auch einfach nur totalen Blödsinn. Auf Kommentare oder Einwände reagierte er nicht. Er schob eine alles überflutende Laberwelle vor sich her. Mit ihm führte man kein Gespräch. Man hörte zu. Und wenn der Abend vorbei war, dann hatte man das Gefühl, dass dieser Typ einem die Zeit gestohlen hatte.
Andrerseits: Das Gute daran war, dass jeder Stammgast irgendwann mal in den Sog des Labertsunamis geraten war. Und so hatte man eine Menge zu besprechen. Beispielsweise den Wahrheitsgehalt der interessanten Teile des Labertsunamis.
Und genau so ist es mit dem Fernsehen. Fernsehen ist ein Medium, das dazu tendiert, seine Nutzer mit einer Bild- und Laberflut festzusetzen. Mein Verhältnis zum Fernsehen ist ähnlich, wie das zur Stammkneipenlabertasche: Es gibt interessante Momente, aber insgesamt zu anstrengend und schwer zu kontrollieren. Andrerseits: Man kann prima mit anderen drüber reden. Das ist eine herrliche Vergemeinschaftung. Plötzlich hat man ein Thema.
Aber der Vergleich mit der Labertasche hinkt ein bisschen. Die Unschärferelation der Metapher halt. Fernsehen macht süchtig. Es versetzt einen in ein Flow-Gefühl. Ähnlich wie Bier. Vor allem, wenn man in einer anstrengenden Lebenslage ist. Vielleicht passen Bier und Fernsehen deshalb auch so gut zusammen? Jedenfalls hatte ich mit der Labertasche nie ein Flow-Gefühl.
Aber man muss ich klar machen: Auch das Lesen von Büchern ist eine zur Überwältigung tendierende Tätigkeit. Ebenso wie Spielkonsolen und das abtauchen in der Tiefsee des Internets.
Ein Medium ist ein Angebot, das genutzt werden kann. Und diese Nutzung ist immer so klug wie der Nutzer.
Mein Freund Eber hatte letztlich einen interessanten Umgang mit der Labertasche gefunden. „Ich lass mich zulabern so lange ich Lust dazu habe“, erklärte er mir, „aber wenn er mich anödet, gehe ich einfach, das merkt der doch gar nicht.“ Er fand wir machten uns da zu viele Gedanken. Wahrscheinlich muss man es so mit jedem Medium machen. Wenn es einen anödet, weggehen.

1985
Mit 12 hatte ich das Fernsehgucken satt.
Ich saß ich auf meinem Bett, hörte Radio und spielte Gitarre. Im Fernsehen flimmerte ein der Kriegsfilm „Der längste Tag“. Trotz all dieser Berieselung fühlte ich nur eine unendliche und abgrundtiefe Langeweile. Meine Augen brannten und mein Kopf brummte. Obwohl mich Radio und Fernsehen anödeten  konnte ich sie nicht abstellen. Ich fürchtete mich vor diesem abgrundtiefen Moment der Stille. Diese Stille, in der einem plötzlich klar wird, dass man den ganzen Tag irgend einen Scheiß angeguckt hat, den man nie sehen wollte. Die Stille, in der die Gedanken an die Realität in den Kopf zurück schwappten. Nicht gemachte Hausaufgaben, nicht gelernte Vokabeln, kranke Mutter, der Atomkrieg und was einen als Kind noch so belasten konnte. Und dann ist war der Tag vorbei. Aber was hätte ich denn sonst tun sollen? Es war wirklich zum Kotzen.
Im Fernsehen stürmte Robert Mitchum Omaha Beach. Im Radio dudelte das Lied „Never Ending Story“ von Limahl. Sollte mein Leben immer so weiter gehen?
Jetzt erinnerte ich mich daran, dass mein Deutschlehrer die Verfilmung der „Unendlichen Geschichte“ als „pervers“ bezeichnet hatte. „Völlig unangemessen für ein so meisterhaftes, und schon von seiner Botschaft her unverfilmbares Buch“, hatte er gesagt. Den Inhalt des Buches hatte er so gedeutet, dass das Fernsehen die Phantasie zerstöre. Das Land Phantasien geht langsam vor die Hunde, weil alle nur glotzen und sich die Bilder vorschreiben lassen, anstatt zu lesen und sie sich selber vorzustellen. „Ich mache mir da echt Sorgen um euch“, hatte mein Deutschlehrer düster dreinblickend gesagt. „Viereckige Augen“, hatte er gemurmelt und sich wieder dem Unterrichtsthema zugewandt.
Und jetzt, in diesem Augenblick merkte ich, dass er Recht hatte. Jahrelang hatte ich jeden Scheiß angeschaut. Von „Heidi“ zu „Biene Maja“ über „Heute“ zum „Auslandsjournal“ und XY. Alles. Immer. Mit und ohne Eltern. Irgendwann stellten sie mir den cremefarbenen Schwarzweißfernseher auf den Schreibtisch. Sie hatten es satt, dass ich Edgar Wallace sehen wollte, sie aber „Im Krug zum grünen Kranze“. Ab jetzt flimmerte die Kiste vom frühen Nachmittag bis zum ins Bett gehen. Oft schaute ich schon gar nicht mehr hin. Aber ohne das Flimmern fehlte mir etwas.
Die Mattscheibe paralysierte mich derart, dass mir gar nichts anderes mehr einfiel, als in die Glotze zu starren. Das Phantasien in meinem Kopf war kurz vor dem Untergang. Wie schrecklich. Das Fernsehgucken, dachte ich, und musste vor Bestürzung aufstehen, war ein Fass ohne Boden. Pausenlos verlangte es, gefüllt zu werden und nie, nie, nie würde es voll werden. Und das Füllmaterial für dieses Fass war meine Lebenszeit! Es war ein Abgrund. Eine kleine, flimmernde Maschine, die meinen gesamten Tagesrhythmus regulierte, die mich den ganzen Tag in Anspruch nahm. Dieses Gerät saugte einen auf, nahm einen Gefangen und redete einem ein, es sei ein Freund, dachte ich panisch. Es fraß meine Zeit. Es nahm mir die Freiheit.
Da stand ich schwer atmend in meinem Kinderzimmer. Die Gitarre um den Hals. Robert Mitchum beauftragte gerade Robert Wagner damit, den Atlantikwall zu sprengen und damit Europa zu befreien. Und im Radio kam „Wake me up before you go go“.
Ich erschrak, denn ich war kein freier Mensch. Ich war ein Gefangener des Fernsehens. Es galt also, meine Freiheit zu verteidigen. „Es lebe die Freiheit“, stammelte ich zaghaft.
Ich schaltete das Radio aus, stellte die Gitarre in die Ecke, kroch entschlossen unter den Schreibtisch und zog den Stecker des Fernsehers. Ein leises Plong signalisierte mir, dass die Glotze erloschen war. Reglos saß ich unter dem Schreibtisch. Der Moment der Leere kam. Ich hörte durch den Heizungsschacht den Fernseher meiner Eltern im Wohnzimmer. Ich sah sie vor mir, wie sie reglos in die Kiste starrten. Wie betäubt.
Ich fühlte mich, als hätte ich soeben eine super mächtige, alles beherrschende, superintelligente Maschine besiegt. Ich war der Dave Bowman des Fernsehens.
Der Fernsehapparat stand noch eine Weile auf meinem Schreibtisch, dann verbannte ich ihn in die Rumpelkammer auf dem Dachboden. Ich holte ihn nie mehr zurück.

1988
Sherlock Holmes ging voraus, den Hut auf dem Kopf. Hinter ihm Dr. Watson, der einen kleinen, schwarzen Schirm aufspannte. Hinter Watson humpelte Musgrave, der ebenfalls ein kleines Schirmchen aufspannte. Die ganze Szene sah aus wie eines der Schelmengemälde von Spitzweg. Mich schauderte vor Faszination.
Da lag ich. Auf dem Bett meines Bruders vor seinem kleinen Fernsehapparat. Das Zimmer hatte keine Heizung. Es war Winter und es war eiskalt. Aber ich hatte mich in eine Decke gewickelt. Dann ging es. Zum ersten Mal seit 1985 schaute ich wieder fern. Und ich hatte Angst davor gehabt. Fernsehen, dachte ich, das ist wie mit Alkoholismus. Man kann es eigentlich nicht kontrollieren. Es kam mir gefährlich vor.
Aber als die Folge „Das Musgrave-Ritual“ vorbei war wusste ich: Es hatte sich gelohnt.
Wegen Sherlock Holmes in Gestalt von Jeremy Brett hatte ich meine Fernsehabstinenz aufgegeben. Die Serie war herrlich. Großartige Schauplätze und fantastische Schauspieler in unglaublichen Kostümen. Und sogar, ganz zaghaft, mit einer horizontalen Erzählstruktur.
Die Jahre ohne Fernsehen waren manchmal schwierig gewesen. Die anderen redeten über Musikvideos, die sie in Formel 1 gesehen hatten. Ich nicht. Die anderen redeten über Filme, die sie gesehen hatten. Ich hatte sie nicht gesehen. Die anderen redeten über Serien, die sie gesehen hatten. Ich hatte sie nicht gesehen.
„Hä? Was hast du für ein Problem mit dem Fernsehen“, hatte mein Freund Arkus irritiert gefragt. „Ist doch scheiße“, hatte ich geantwortet. Aber irgendwann gewöhnten sich die anderen daran.
Ohne Fernsehen hatte sich die Welt für mich tatsächlich verändert. Eine Zeit lang hatte ich geübt, an meinem Schreibtisch zu sitzen und nichts zu tun. Nur zum Fenster raus gucken. Dann begann ich zu malen. Van Gogh war cool. Van Gogh wiederum veränderte die Art und Weise, in der ich meine Umgebung wahrnahm. Ich spielte viel Gitarre und schrieb mit Arkus Lieder. Ich wurde redegewandt, weil ich mich pausenlos auf Cassettenaufnahmen hörte und daraus lernte. Und ich begann abends zu lesen. Alles, was im Bücherschrank meines Vaters stand. Heinrich Böll, Günter Grass, Herman Wouk bis zum Abwinken. Ich setzte mich zwischen die Lautsprecher meiner Stereoanlage und hörte konzentriert Musik. Ich tat nichts nebenher. Nur Musik. In meinem Tagebuch stellte ich mich den schlimmen Gedanken (Atomkrieg, kranke Mutter, seltsame Mitmenschen) und konnte so mit ihnen umgehen. Gedankenschwer. Tiefsinnig. Die Abende, allein in meinem Zimmer waren herrlich. Ich räumte auf und begann systematisch zu lernen. Das Fernsehen fehlte mir überhaupt nicht.
Und ich las fleißig die Hörzu. So konnte ich wenigstens ein bisschen mitreden, wenn die anderen über Fernsehsendungen sprachen. Und da entdeckte ich Sherlock Holmes. Den hatte ich auch schon gelesen und war sehr gespannt auf die Verfilmung.
Und so kehrte ich 1988 zum Fernsehen zurück.

1990
Ich biss in mein getoastetes Kräuterkäsebrot. Mein Beck’s stand in Reichweite. Da drehte sich Columbo an der Türe noch mal um und sagte: „Ach so, Sir, eine Frage hätte ich noch…“ Auf diese Szene wartete ich bei jeder Folge. Columbo war wunderbar.
Zuerst hatte ich nur Sherlock Holmes geschaut. Dann entdeckte ich Columbo. Inzwischen war ich 17. Und Columbo war genau das richtige, wenn ich nachts angeschickert, verschwitzt und nach Zigaretten stinkend aus der Kneipe kam. So wie jetzt gerade.
Dann kam auch noch „Das Model und der Schnüffler“ dazu. Als ich an einem Montag verkatert vor der brüderlichen Glotze lag, pusteten mich die Streitgespräche zwischen David Addison und Maddie Hayes von der Matratze. Aber der absolute Wahnsinn waren diese postmodernen Dialoge.
Maddie: „David, warum sagst du so etwas gemeines?“
David: „Du weißt ganz genau, dass das im Drehbuch steht!“
Und natürlich mein Lieblingszitat:
David: „Was sagst du dazu?“
Maddie: „Ja… nein… ich weiß nicht!“
Eine Fernsehserie, in der sich die Figuren als Fernsehfiguren thematisieren. In einer Folge wurde die Geschichte abgebrochen, weil die Drehbuchautoren streikten. Der Rest der Zeit sang Bruce Willis Rock’n Roll. In einer anderen Folge war David Addison unauffindbar. Daraufhin sah man die Castingbüros der Produktionsfirma, wo sich die Bewerber für die Rolle anstellten. Und die Krönung: In der letzten Folge begegnen die Figuren ihrem Autor, der ihnen eröffnet, dass ihm nichts neues zu ihnen einfalle. Dann ist die Serie aus. Unglaublich!
Und dann kam Raumschiff Enterprise mit Captain Picard. Zuerst eine sehr steife und künstliche Angelegenheit. Aber ab dem Moment, in dem die Uniformen einen Stehkragen hatten und Tasha Yar in den ewigen Jagdgründen verschwunden war, nahm die Serie mächtig an Fahrt auf. Oft musste ich noch tagelang über einzelne Folgen nachdenken. Etwa die Gerichtsverhandlung, in der es darum geht, ob Data zerlegt werden darf, weil er kein Lebewesen ist. Oder ist er doch eines? Picard verteidigt Data. Riker muss die Gegenseite übernehmen. Atemberaubend wie hier die Frage durchdekliniert wird, was einen Menschen zum Menschen macht. Oder die großartige Folge, in der der Holodeck-Moriarty intelligent genug ist, zu begreifen, dass er eine künstliche Figur im Holodeck eines Raumschiffs ist.
Fernsehen kehrte mehr und mehr in mein Leben zurück. Und ohne Zweifel: Es bildete mich. Aber vor allem: Ich hatte es unter kontrolle. Ich studierte die Hörzu und legte Woche für Woche fest, was ich anschauen wollte.
Die neuen Privatsender waren durch die Bank Quatsch. Da lief „Starsky & Hutch“, „Kojak“ und der ganze 70er Jahre Mist. Die Krönung war des Schwachsinns war „Der 6 Millionen Dollar Mann“. Du lieber Himmel! Wir hatten bei einem Freund, der schon Kabel hatte, einen Nachmittag damit verbracht „Hulk“ und den Quatsch mit den 6 Millionen zu gucken. Schlimm.
Als Elftklässler machten wir jetzt oft Videoabende. Also selbstbestimmtes Fernsehen in Gemeinschaft. Bevorzugt mit Actionfilmen von Schwarzenegger. „Stirb langsam“ und dem ganzen Blödsinn. Da lachten wir dann zusammen über die grausamen Szenen und bewiesen uns, dass uns das gar nichts ausmachte.
Aber der wichtigste Videoabend meines Lebens war die Erstbegegnung mit „Das Leben des Brian“. Ich hatte noch nie von Monty Phython gehört. Eben hatte ich den „Antichrist“ von Nietzsche gelesen. Und da kam das!

2000
Das Referendariat war die Hölle. Außer an den Seminartagen, hatte ich meistens so gegen 13 Uhr Feierabend. Völlig fertig warf ich meine Tasche in die Ecke, schob eine Fertigpizza in den Backofen, schleppte meine schlappen Glieder zum Fernsehsessel und drückte auf der Fernbedienung herum. Dann starrte ich den ganzen Mittag lang in die Röhre. Jetzt war es passiert. Mein Fernsehkonsum war wieder außer Kontrolle geraten. Meine Augen brannten und mein Kopf brummte. Obwohl mich das Programm anödete,  konnte ich es nicht abstellen. Ich fürchtete mich vor diesem abgrundtiefen Moment der Stille. Diese Stille, in der einem plötzlich klar wird, dass man den ganzen Tag irgend einen Scheiß angeguckt hat, den man nie hatte sehen wollen.
Es war die Zeit der Talkshows. Man konnte den lieben langen Tag einer handvoll Vollidioten dabei zugucken, wie sie in wechselnden Studiokulissen über Nullinger-Themen schwafelten und sich dabei in die Haare kriegten. Und als wäre das alles noch nicht schlimm genug, gab es danach „Jeder gegen Jeden“, eine nicht minder hirntote Gameshow.
Völlig fertig mit den Nerven gelang es mir meistens, erst so gegen halb Sechs den Fernseher auszuschalten. Die Stille nahm mir den Atem. Meine Augen flimmerten. Und wenn ich zum Fenster raus schaute, sahen die Gärten und Häuser irgendwie aus, als seien sie ein kubistisches Gemälde.
Da war es gut, dass der Fernseher den Geist aufgab. Ein paar Tage lang starrte ich noch die tote Mattscheibe an, ehe ich begriff, dass es wirklich vorbei war. Zwangsweise musste ich mich also anders beschäftigen.
Ich hörte Musik, ich las Foucault und Stuart Hall. Da ging es wieder besser. Ich ging ins Kino. Ich hörte Hörbücher. Ich wurde Lehrer.

2018
„Menschen nehmen fälschlicherweise an, dass ihre Einstellungen, Überzeugungen und Handlungen stärker von Fakten als von Fiktionen beeinflusst werden“, schreibt die amerikanische Sozialpsychologin Melanie Greenwald, die seit vielen Jahren die verblüffende seelische Durchschlagskraft von Erzählstoff erforscht. „Doch tatsächlich werden wir in Erzählungen hineingezogen, in faktische wie in fiktive gleichermaßen.“ Daten, Zahlen, Statistiken lassen uns kalt. Erst wenn sie in eine Story eingebettet werden, erhalten sie eine emotionale Bedeutung.“
Quelle: https://www.berliner-zeitung.de/22970686 ©2018

Seit diesem Jahr habe ich wieder einen echten Fernsehanschluss. Aber ich weiß nicht so recht, warum eigentlich. Wegen der Kinder? Am liebsten schaue ich mir Sachen an, die früher schon gern angeschaut habe. Sherlock Holmes zum Beispiel. Oder „Liebling Kreuzberg“, den ich während meines Studiums 1995 entdeckt habe. Manfred Krug. Großartig. Und mit meiner Frau gucke ich in Endlosschleife „Mord mit Aussicht“ und „Tatortreiniger“. Oder das hochintelligente und schon gemachte „Borgen“. „Kommissarin Lund“. „This is England“.
„Natürlich braucht man regelmäßig einen gewissen Prozentsatz neuer Angebote, aber als solide Basis geht nichts über Altbekanntes: zu wissen, wie es weiter- oder ausgeht, sich den kleinsten Details zuwenden zu können, Dialoge auswendig zu kennen und lieb gewonnene Figuren wiederzusehen“, schreibt Maren Lickhardt in der Pop Zeitschrift. Und sie hat recht.
Die britische Kulturwissenschaftlerin Marie Gillespie hat mit Teenagern über deren Lieblingsseifenoper gesprochen. Die Teenager benutzten die Charaktere und die Handlung der Serie, um ihre eigenen Erfahrungen durchzusprechen und zu reflektieren. Dabei haben die Teenager über die Serienfiguren gesprochen, wie sie das auch über Freunde oder ihrer Familie tun. Die Fiktion ist Teil des wirklichen Lebens. Werner Enke, Woody Allen, der Big Lebowski, Robert Liebling waren Rolemodels für mich. Sie gaben mir eine Möglichkeit, mich zur Welt zu verhalten. Ich lebe mit meiner Familie in einem Dorf. Die großartige Serie „Mord mit Aussicht“ ermöglicht es meiner Frau und mir das Dorfleben durch einen ironischen Blickwinkel zu interpretieren und darüber zu sprechen.
Ich glaube, ich hätte mich ohne David Addison und Maddie Hayes nie auf Foucault, Deleuze oder Baudrillard einlassen können. Ohne Star Trek nicht auf Nietzsche oder Adorno. Ich würde die Welt anders sehen, ohne „Sherlock Holmes“, „Columbo“ oder „Mord mit Aussicht“.
Musik ist ein Begleiter. Sie ist ein Identitäts- und Lebensgefühls-Speicher. Menschen. Orte. Momente. Dinge.
Fernsehen ist kein Begleiter. Fernsehen besteht aus Begegnungen. Begegnungen mit Geschichten. Serien und Filme sind eher ein wie ein Treffen mit der Familie oder mit Freunden. Oder einer Labertasche. Man sieht sich und geht wieder auseinander. Und nach einer gewissen Zeit trifft man sich vielleicht wieder und guckt, ob man sich immer noch etwas zu sagen hat. Ob man noch zusammenpasst. Man verliert sich, man findet sich wieder. Oder auch nicht.
Meine Frau sagt, wenn sie die Titelmusik von „Mord mit Aussicht“ höre, dann fühle sie sich irgendwie zu Hause. Und so ist es.
Es ist egal, ob die Geschichte „wirklich“ passiert ist, oder erfunden. Geschichten haben Auswirkungen auf unser Leben. Man sollte das nicht unterschätzen, wie tief sich Fiktionen auf das eigene Leben auswirken können.

 

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Die Geschichte zur Band: ACH

Die Band ACH wurde nicht gegründet. Sie ist entstanden.
Entstehung ist ja immer komplex. Insbesondere dann, wenn es um eine Band geht, die keiner kennt. Der Vorteil dabei ist, dass dann der Erwartungsdruck nicht so groß ist.

achfoto bearbeitet

1. Cafetengedichte
Angefangen hat es jedenfalls im verschneiten Wintersemester 95/96 in der Cafeteria der Pädagogischen Hochschule Weingarten. Laus Itzigmann, Ennis Eineck und Ens Öser verbrachten dort im winterlichen Dämmerlicht, mit Blick auf die barocken Bauten des Klosters bei Pappbecherkaffee und Zigarettenqualm den Großteil ihrer Zeit – die sie damals noch im Überfluss hatten. Sie gehörten dort einem exklusiven informellen Gesprächszirkel an, der von Außenstehenden bewundernd als „Cafetenmafia“ bezeichnet wurde.
Die Gespräche drehten sich um Sartre, Nietzsche, Schopenhauer, Jesus, Captain Kirk und vor allem, um den billigsten naheliegenden Witz. Doch auch die geile Tussi vom Tisch nebenan, der Sinn des Lebens, Politik waren Thema. Und natürlich, was man alles tun könnte, statt Lehrer zu werden. Eine Besonderheit dieses Intellektuellenzirkels soll hierbei nicht unerwähnt bleiben: Ihm gehörten keine Frauen an. Das ist ungewöhnlich, wenn man bedenkt, dass an Pädagogischen Hochschulen eigentlich hauptsächlich Frauen studieren. Fest steht: Es herrschte deswegen keineswegs eine verzagte Verliererstimmung. Höchstens eine angenehm melancholische Verliererstimmung, in der man sich sanft einkuscheln konnte. Es war eine berauschende Zeit im adoleszenten Niemandsland zwischen Schule und Berufsleben.
Kondensat dieser intensiven Periode jedenfalls waren die „Cafetengedichte“.

„Wir hängen in der Cafete rum /denn zum Studieren sind wir zu dumm / Zum Vorlesungsbesuch fehlt uns der Wille / denn in unserem Hirn herrscht – Winterstille!“ (November 1995)

Oder

„12 Apostel hats gegeben / heute keiner mehr am Leben / Römer haben sie umgebracht / Jesus hätt das nicht gedacht / Frauen durften nicht mitmachen / Gott schuf sie für andere Sachen“ (Januar 1996)

2. Oasis, Blur und Tocotronic
Oasis und Blur dominierten die innere musikalische Landschaft der Cafetenmafia. Und die Spice Girls. Aber auch Selig und die heraufdämmernden Tocotronic.
Am Wochenende zu Hause überbrückte Ens Öser die Zeit zwischen seiner Lieblingstagesbeschäftigung des „transzendentem Dämmern auf dem Sofa“ und den zwei drei Halben am Abend im „Deutschen Haus“(= coolste Kneipe in Pfullendorf ever) in seiner Heimatstadt Pfullendorf mit dem Vertonen der Cafetengedichte. Die fertigen Lieder nahm er auf Cassette auf. Der Cafetenmafia verschwieg er dieses Hobby. Er hatte Angst vor dem billigsten naheliegenden Witz.

3. Die Achstrasse
Frühjahr 1996. Sonnenschein, sattes Grün, enervierendes Vogelgepiepe in den Bäumen auf dem belebten PH-Hof. Ein Mitglied aus der äußeren Corona der Cafetenmafia initiierte einen Gitarrenspielkreis auf der Wiese vor der Cafeteria. Da saßen die künftigen Lehrer mit ihren profilneurotischen Sonnenbrillen und spielten sich gegenseitig ihre coolsten Läufe und schwierigsten Griffe vor, lehnten aus Distinktionsgewinngründen ab, bestimmte Lieder zu spielen und sangen letztlich doch noch „Heute hier, morgen dort“ und „Country Roads“.
Im Laufe des Frühjahres wanderte der Gitarrenkreis von der Wiese durch verschiedene Studentenwohnungen bis er schließlich -durch göttliche Fügung?- im Raum des Bibelkreises der katholischen Hochschulgemeinde landete. Jetzt spielte man „Under my thumb“ von den Rolling Stones, „Polly“ von Nirvana, „Wonderwall“ von Oasis und den ganzen coolen Shit. Ein E-Bass kam nach bitteren Diskussionen dazu. Eine Rollenverteilung zeichnete sich ab. Ennis Eineck und Laus Itzigmann spielten Gitarre, der Initiator des Kreises, Effan, spielte Bass. Ens Öser sang meistens oder spielte ebenfalls Bass.
Inzwischen hatte die Cafetenmafia die Asta-Zeitschrift Phatal übernommen und damit ihr Diskussionsforum expandiert. Mit den ersten E-Gitarren kam es zum Eklat im Raum des Bibelkreises. Zu laut. Die Band brauchte ein neues Probelokal. Man fand schließlich das Jugendhaus von Weingarten.
Inzwischen hatte Ens Öser einige seiner vertonten Cafetengedichte in das Repertoire des Gitarrenspielkreises eingebracht. Die Sache gewann an Form. Sogar einen ziemlich professionellen Schlagzeuger fanden die Gitarrenkreisler: Örg, von der Fachhochschule. Cooler Typ. Also ganz anders als der Rest der Band. Denn eine Band, das war man jetzt, soviel war mal klar.
Das Angebot für einen ersten Auftritt jedoch, brachte ein Problem zutage: Die Band hatte keinen Namen! Das Problem sollte durch ein Irish-Pub-Quiz gelöst werden. Die Cafetenmafia verbrachte die Dienstage im Irish-Pub in Ravensburg, um sich dort beim Pubquiz die eigenen intellektuellen Qualitäten zu beweisen. Wer das Quiz gewann, bereitete die Fragen für das nächste vor. Uns so erging die Aufgabe der Cafetenmafia an die tapferen Trinker des Pubs: Nenne uns einen coolen Bandnamen! Am treffendsten umschrieben die Vorschläge „Überdosis Selbstmitleid“ und „Intellectuelly Diarrhea“ das Selbstverständnis des zur Band gereiften Gitarrenkreises. Doch nicht das Pubquiz brachte die Lösung, sondern eine immer wiederkehrende Erfahrung der Bandmitglieder. Bandmitglied: „Ich bin jetzt in einer Band!“ Angesprochener, relativ desinteressiert: „Ach?“ Und so wurde ACH zum Namen der Band.
Der erste Auftritt beim Mensaparkfest des Asta war aus Sicht der Band ein durchschlagender Erfolg. Zuhörer im zweistelligen Bereich, die nach dem Ende der Lieder sogar klatschten.
Weitere Auftritte in der Mensa der PH, sowie der zweite Platz beim Asta-Talentwettbewerb folgten. ACH waren der heiße Scheiß an der PH!
Ein bis zweimal in der Woche übte die Band im Jugendhaus. So entwickelte sie sich zu einer durchschnittlichen unterdurchschnittlichen Band. Zum Wohlgefallen aller Beteiligten. Wäre die Band eine Immobilie gewesen, hätte der Makler sie wohl als „Immobilie mit schlichtem Charme“ angeboten.
Während des großen Streiks 1997 spielte die Band jeden Morgen im ihrem Urwirkungsbreich: Der Cafeteria. Bei Geburtstagsparties spielen die Bandmitglieder ebenfalls.
Inzwischen war Arkus aufgetaucht, der ebenso technisch wie musikalisch begabt ist. Mit seiner Band zusammen traten ACH im Jugendhaus Weingarten auf. Vor vollem Haus. Zuschauer zweistellig.
Arkus animierte die Band ihre Lieder aufzunehmen. In einem Gewaltakt von drei Tagen spielten ACH fast ihr gesamtes Repertoire ein. Mit einer Achtspurtonbandmaschine. Die CD erscheint 1998 unter dem Titel ACHSTRASSE.
Zwischenzeitlich legten Eineck und Itzigmann ihre Prüfungen ab. Ebenso Efan. Mit ihrem besten Auftritt überhaupt jemals verabschieden sich ACH 1998 beim PHatal-Fest im Alibi. Eine weitere Platte, da waren sich die Bandmitglieder fast sicher, würde es nicht geben. Die ACHSTRASSE war eine Sackgasse.

4. Hobbypop
Mit dem Studium endete auch die Band als Band. Die Bandmitglieder verstreuten sich in sämtliche Winkel ihrer schwäbischen Heimat, um im Referendariat einmal zerlegt und dann als Lehrer neu zusammengesetzt zu werden. Mit knochiger Faust hieb die Realität gegen die Tür und verlangte Einlass („Aufmachen, sie haben keine Chance…“). Was man vorher keck mit juveniler nihilistischer Geste beiseite gefegt zu haben glaubte, erhob sich jetzt wie Nosferatu aus seinem Sarg.
Und wenn die Mitglieder der Band es stets unwirsch abgelehnt hatten Stars werden zu wollen, dann merkten sie jetzt, dass sie es eigentlich doch gewollt hatten. Shit.
Bei den ersten Treffen nach Ende des Studiums zeigte sich schnell, dass man als Band wieder ganz vorne anfangen musste. Erste Versuche neue Lieder aufzunehmen missrieten jämmerlich. Aber zum Glück wuchsen mit den schwindenden Fähigkeiten der Band die technischen Aufnahmemöglichkeiten von Arkus. Der digitale Aufbruch hatte begonnen!
Und so entstand im Asta-Heim in Weingarten und in Konstanz das zweite Album der Band: HOBBYPOP. Popmusik als Hobby. So sollte es sich anhören. Und so hört es sich auch an. Das war das Konzept. Immer noch schöne Lieder, jetzt aber mehr so synthetisch. 2002 erschien es.

5. Das sind Wir
Arkus hatte sich inzwischen als Tontechniker selbständig gemacht. Die Bandmitglieder schrieben ihre Lieder heimlich zu Hause und brachten sie einmal im Jahr mit in das Tonstudio von Arkus, wo die Lieder dann am Computer zusammengepuzzelt wurden.
Zwischenzeitlich heiratete man, bekam Kinder, kaufte Häuser … Alle Bandmitglieder sind um die vierzig.
Und das spiegelt sich in den Liedern des dritten Albums „DAS SIND WIR“. Auch schön. Und schön ehrlich. Gute Platte.

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Aggression abbauen

Vor 15 Jahren saß ich am Freitagnachmittag zusammen mit Kolleginnen und Kollegen im Lehrerzimmer. Wir tranken Bier. Und wir unterhielten uns darüber, wie wir mit frustrierenden Erfahrungen mit Schüler/innen, Eltern, Kolleg/innen und auch der Schulleitung umgehen. Ein Kollege erzählte, er setze sich nach Unterrichtsende in sein Auto und schließe sorgfältig Türen und Fenster. Und dann schreie er aus aller Kraft ein auf Geschlechtsverkehr bezogenes englisches Schimpfwort. Dabei trommle er intensiv mit den Fäusten auf das Lenkrad.
Auch ein Kollege, dessen ruhige und besonnene Art mich stets beeindruckte, saß in der Runde. Ich nannte ihn heimlich „den Ghandi“. „Ich lächle“, sagte er sanft. Das bestätigte mein Bild von ihm weitgehend. Aber dann fuhr er fort: „Und dann stelle ich mir vor, wie ich dem Idioten voll in die Fresse schlage.“ Er schmückte sein Geständnis dann noch mit allerlei Quentin Tarantino artigen Details aus. Das veränderte dann doch mein Bild von ihm. Noch jahrelang fragte ich mich, an was er wohl gerade dachte, wenn er mich anlächelte und sagte: „Du, das macht doch nichts!“
An diese Szene musste ich denken, als ich neulich als Reporter an einer Schule mit sehr jungem Kollegium zu Gast war. Die Kolleginnen saßen im Lehrkräfte-Chillroom in äußerst angespannter Körperhaltung über ihre Smartphones gebeugt. Ich pirschte mich an die jungen Menschen heran und erkundigte mich, was sie da täten. Sie verrieten mir, ohne dabei aufzusehen, dass sie sich gerade mitten im Schlachtengetümmel des Zweiten Weltkrieges befänden. Offenbar spielten mehrere Pädagogen gegeneinander. Denn ab und zu beschimpften sie sich mit uneinfühlsamen Sätzen wie „du Sau, ich hab dir gesagt, wenn du mich noch einmal tötest, bringe ich dir keinen Döner mehr mit“. Ich wollte wissen, ob solche Spiele nicht aggressiv machen.  Die Kollegin mit der Dönerdrohung erklärte, dass sie nach schwierigen Elterngesprächen immer erst einmal ein ordentliches Gemetzel im Onlinespektakel anrichten müsse. „Sonst fahre ich nur heim und mache meinen Freund fertig und das kann es ja auch nicht sein“, meinte sie.
Die Zeiten ändern sich, dachte ich. Aber im Grunde machen die jungen Menschen genau das, was „der Ghandi“ gemacht hatte. Nur mit dem Handy. Und im Zweiten Weltkrieg. Die Kolleg/innen kannten sich sogar mit Handfeuerwaffen aus.

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Ich beschloss, immer möglichst freundlich zu ihnen zu sein. Und über Supervision nachzudenken.

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Grau in Grau. Personalrat.

Ich bin Gewerkschaftsmitglied. Und ich kandidiere für den Personalrat. Chancenlos. Aber mit olympischem Geist.
Und jetzt möchte ich mich entschuldigen. Zur letzten Personalratswahl habe ich eine gemeine Glosse über die Prospekte geschrieben, in denen die Personalratskandidaten sich vorgestellt haben. Darin habe ich doofe Späße darüber gemacht, dass die Bilder alle so nichtssagend aussehen. Grau in Grau. Damals habe ich mich ernsthaft gefragt, ob die Personalratskandidaten wirklich die Langweiler sind, die sie auf den Fotos darstellen. Die Redaktion des Gewerkschaftsblattes hat den Text abgelehnt. Zu Recht.
20180427_190655Jetzt war ich neulich bei der Kreisvorstandssitzung. Und uns Personalratskandidaten wurden dort die „Hinweise für Fotos“ ausgehändigt. In diesen Hinweisen wird beispielsweise empfohlen, dass man auf dem Foto nach rechts schauen soll. „Varianten mit Blickrichtung rechts und links“. Das hat mich ein bisschen an die Bundeswehr erinnert. Aber Blick nach rechts kommt mir das entgegen, weil meine linke Gesichtshälfte tatsächlich die weniger schlimme ist.
Auch der Hintergrund für die Fotos wird beschrieben. „Keine Landschaftsbilder, auch keine Spielsachen, Möbel oder anderes im Hintergrund.“ Das ist Schade, denn ich hatte mir vorgestellt in einem blühenden Rapsfeld zu posieren. Mit umgehängter E-Gitarre. Im Hintergrund der knallrote Bobby-Traktor meiner Kinder und mein Schreibtisch. Aber bitte, dann halt nicht!
Den Hinweisen beigelegt ist das Infoblatt einer Fotoagentur. Vielleicht hat die künftige Personalratskandidatin oder der künftige Personalratskandidat einen individuellen Kleidungsstil, wild und bunt, oder düster und tragisch? Aber nicht auf seinem oder ihrem Kandidaten-Foto!
Denn als „Don’ts“ wird dort gelistet: kein Schwarz, keine grellen Farben (also nicht in der neongelben Radfahrwursthaut), keine geometrischen Muster (also nicht im karierten Hemd, wie sie sich Herren mittleren Alters gern von ihren Frauen kaufen lassen), keine floralen Muster, kein Glitzer und keine Pailetten. Das ist schade. Ich hätte gern in meinem Pailetten-Popstar-Jackett und den Blumenmusterhosen posiert. Aber die Agentur empfiehlt: „Unifarbene Kleidung, wenig Schmuck, saubere Brillengläser, knitterfreie Kleidung, tiefschwarz vermeiden, erdige und neutrale Töne sind besonders sind besonders geeignet.“
Ich sehe das Foto vor mir: Vor einem grauen Hintergrund posiert ein grauer Mensch. Gekleidet in glattgebügelte, erdige Farbtöne. Sumpfgrün oder Matschbraun. Der Mensch blickt nach rechts. Das Foto sieht aus, als würde es einen Menschen zeigen, der auf die Frage, was für einen Beruf er am liebsten hätte, antworten würde: „Verwaltungsfachmann im Mittleren Dienst.“
Ich schaute mich unter dem Kreisvorstand um. Die Leute waren viel zu geometrisch oder viel zu floral gekleidet. Ich stellte fest, dass ich der einzig wahre Personalratskandidat war. Denn ich trug eine graue Hose, einen anthrazit-farbenen Pullover und darunter ein hellblaues Hemd. Alles gebügelt. Ich habe sogar graue Haare. Der Vorstand saß links von mir. Mein Blick ging nach rechts. Die Wand hinter mir war creme-weiß. Ich hätte aus dem Stand ein Personalratsfoto machen können. Direkt aus dem vollen Leben.
Lieber Leser, die Personalratskandidaten sind nicht so, wie sie auf den Fotos aussehen. Sie sind interessante, individuelle Persönlichkeiten. Außer ich. Ich sehe wirklich so aus.

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