Die Prosodie der Systemgastronomie

Der Mann ist Schichtleiter bei McDonalds. Er steht in seiner Arbeitskleidung in der Mensa vor dreißig Achtklässlern und hält ihnen einen Vortrag darüber, wie er wurde, was er jetzt ist. Ein Meter Siebzig, größer ist er nicht. Ende Zwanzig. Gut in Form. Er lächelt nicht. Er leuchtet. Und er heißt MK.
Ich gebe es zu. Ich war dagegen, dass er kommt. „Unsere Schüler gehen da doch so schon viel zu oft hin“, hatte ich gesagt, „da brauchen wir nicht noch einen, der zu uns kommt und Fastfood anpreist.“ Aber die Kollegen hatten gesagt, es gehe doch um den Ausbildungsberuf des Systemgastronomen. Da wollte ich dann auch kein Spielverderber sein.
Das Thema ist also eigentlich „Systemgastronomie“. Aber dann legt MK los. Sofort geht er ans Eingemachte. „Ich“, sagt er, „will dir hier keine Stories erzählen.“ Er ist der Herr der freien Assoziation und wechselt ständig spielend leicht Thema und Stimmung seines Vortrages. Daraus entwickelt er eine ganz eigene, charismatische Art Geschichten zu entwickeln. Und auf Geschichten kommt es bei Achtklässlern an. Nicht auf Fakten. MK ist kein Motivationstrainer. Er ist ein Philosoph. Alle seine ausufernden Geschichten kehren nämlich immer wieder zu seiner lebenpraktischen Grundeinstellung zurück: „Nicht Party und nicht saufen rettet dein Leben! Sondern gute Noten in der Schule! Ausbildung und der Gesellenbrief! Hast du keinen Gesellenbrief, dann bis du nichts, verstehst du?“
Die Jugendlichen sind zuerst irritiert. Sie hatten den üblichen Powerpoint-Vortrag erwartet. Fähigkeiten, Fertigkeiten, Lehrgeld und alles. Aber MK erzählt ihnen seine Lebensgeschichte. 1995 eingewandert, landete er zunächst in der Hauptschule. „Du denkst immer, was der Lehrer labert ist langweilig und blöd? – Falsch!“ Sein Sprechstil ist rhapsodisch. Er legt viel Wert auf Rhythmus und Prosodie. Er gestikuliert, er geht hin und her und sucht den Blickkontakt zu seinen Zuhörern. Er informiert nicht, er legt durch Fragen Aufmerksamkeitsschlingen aus, und mit einem Antwort-Aufschrei zieht er die Schlinge um seine Zuhörer zu.  Kein Vortrag. Eine Predigt. „Weißt du, wo ich wäre, ohne meine Lehrer, weißt du was aus mir geworden wäre? Nichts!“ Die Lehrer seien, predigte er den Jugendlichen, soetwas wie zweite Eltern. „Lehrer sagen nie was Schlechtes, auch wenn es dir so vorkommt, Lehrer sagen nur Gutes, sie wollen nur Gutes, auch wenn sie schimpfen und sagen, du bist faul, jetzt mach mal! Dann bis du nicht beleidigt, sondern du machst!“
Und die Schüler sind die ganze Zeit über Still. Aber man kann es knistern hören. Der Äther ist elektrifiziert zwischen Redner und Zuhörern.
Nach einer Ausbildung zum Autolackierer musste MK wegen eines Lungenproblems umschulen und wurde KFZ-Mechaniker. „Ich bereue das nicht, ich gucke nicht zurück, das war da und das ist jetzt und jetzt bin ich hier!“ Als er die Gelegenheit sah zu McDonalds zu wechseln, fackelte er nicht lange. „Du lachst über McDonalds? Dazu hast du kein Recht! Das ist gute Arbeit und gutes Geld! Du bist pünklich? Du machst alles richtig? Gut! Die Leute kommen, sie essen, sie sind zufrieden! Und du? Du bist dann auch zufrieden und darum geht es doch!“
Zunächst führte er nur niedrige Dienste aus. „Aber, ich war immer da, ich war immer pünktlich, ich habe meine Arbeit immer gut gemacht und dann eines Tages hat mein Chef gemeint: MK, komm mal her, du machst das gut, willst du Schichtleiter werden? Ich hab ja gesagt! Hätt‘ ich nein sagen sollen? Ich bin ehrlich: Da sagt man ja! Hängt sich rein! Und jetzt? Jetzt verdiene ich gutes Geld!“
Die Arbeit sei hart, aber geschenkt bekomme man nichts im Leben.
„Das war geil“, beschreibt ein paralysierter Achter sein Erlebnis als er am Ende der Veranstaltung den Raum verlässt. Und auf all ihren Gesichtern steht geschrieben: Das war geil!
MK setzt sich und trinkt das Mineralwasser, das auf seinem Rednerpult steht. Seine ordentliche Frisur ist ein bisschen verrutscht. Er streicht sie wieder zurecht. Und steht auf. 100 Prozent Körperspannung.
Manchmal, denke ich, bin ich froh, dass ich Lehrer bin. Wo sonst hat man solche Erlebnisse? Und wo hatte der MK das pädagogische Du her? Rätselhaft.

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Übermenschen und menschliche Lehrkräfte

Am Ende meiner Ausbildung hatte ich ein sehr verzerrtes Bild vom Alltag in einer Schule. Was hatte man uns nicht alles erzählt von der Professionalität der Lehrkräfte. Das, dachte ich, müssen Übermenschen sein. Ich selber fühlte mich überhaupt nicht als Übermensch. Würde ich diesem Beruf gewachsen sein? Im September 2001 trat ich meine erste echte Lehrerstelle an.
Bei meiner ersten Gesamtlehrerkonferenz ist eine Kollegin gegen den Türrahmen der Lehrerküche geknallt. Sie hatte Gleichgewichtsprobleme. Die Konferenz fand im dafür viel zu kleinen Lehrerzimmer statt. Vielleicht konnte sie ihr Ziel deshalb nicht richtig anpeilen. Während sie ihre Schwellung an der Stirn mit einer  Eiswürfeln kühlte, ist eine andere Kollegin über die Türschwelle des Lehrerzimmers in den Flur hinaus gestolpert und laut jammernd liegen geblieben. Sie wurde von unserem Rettungssanitäter ins Krankenhaus gefahren.
Ich hatte sie schon vorher im Kopierraum getroffen. Dort stand sie und sprach laut ihre Gedanken vor sich hin. „So, die Blätter muss ich dahin legen und die Blätter dahin und da muss ich aufpassen, dass das nicht durcheinander kommt“, flötete sie. Ich versuchte mit ihr zu sprechen, aber irgendwie nahm sie mich nicht wahr.
Draußen wurde der Schulhof renoviert. Direkt vor dem Fenster betätigten zwei Bauarbeiter einen sogenannten Rüttler. Das ist so ein Ding, das die Erde feststampft. Die Kugelschreiber auf den Tischen vibrierten sanft im Takt der Baumaschine.
Das Lehrerzimmer war brechend voll. Aber die Fenster konnte man nicht öffnen, wegen des Lärms. Es war heiß und stickig. Mir gegenüber saß ein etwa sechzigjähriger Kollege. Graue Haare, Glatze, Vollbart. Er trug Hotpants und ein Unterhemd wie Irene Cara in „Flashdance“. Immer wenn die Schulleitung etwas sagte, schüttelte der verbittert Mann den Kopf.
Nach der GLK wollten mir die beiden zuständigen Kollegen noch den DV-Raum zeigen. So hießen damals noch die Computerräume. Der DV-Raum war eine Mischung aus Computerfriedhof und Museum. „Er guckt so traurig“, sagte der eine Kollege. Der andere nickte und ging zu einem Schrank auf dem „Material“ stand. In dem Schrank stand ein Kasten Maibock. Der Kollege öffnete eine Flasche für mich. An der Kante eines Bildschirms. Der Bildschirm wies erhebliche Abnutzungsspuren auf. Draußen ratterte immer noch die Baumaschine. Die globigen Computerbildschirme wippten sanft im Takt.
Nach zwei Flaschen Maibock hatte ich immer noch nicht verstanden, wie der der Computerraum und die Computer hier funktionierten. Oder ob sie überhaupt funktionierten. Aber ich wusste jetzt, dass einer der beiden riesengroßer Emmerson, Lake und Palmer Fan war. Er brannte am Lehrercomputer verschiedene Bootlegs und hörte sie neben her an. Das Maibock bewirkte eine gewisse Leichtigkeit. Ich holte im Lehrerzimmer meine Tasche. Da saß die Kollegin, die gegen den Türrahmen geknallt war mit der Kollegin, die ihr Bein verletzt hatte, samt Rettungssanitäter. „Nur ambulant“, singsangte sie und schwenkte ein Glas. Sie tranken mit dem Hotpant-Mann Sekt, in den sie Oliven und die Eiswürfel von der Türrahmenfrau versenkt hatten. „Das“, rief der Hotpant-Mann fröhlich nuschelnd, „ist gut für die Herzkranzgefäße.“ Ich bekam auch ein Glas. Die fühlen sich richtig wohl hier, dachte ich.
Nachdem ich ordentlich etwas für meine Herzkranzgefäße getan hatte, brach ich auf. Maibock und Sekt mögen gesund sein. Dem Gleichgewichtssinn waren sie nicht dienlich, das erkannte ich jetzt, beim Versuch mein Fahrrad zu besteigen. Aber ich fühlte mich gut. Diese Lehrkräfte waren keine Übermenschen. Das war offensichtlich. Sie waren sehr menschlich.

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Politiker einig: Meldeplattformen sind basisdemokratisch

DPA-PRESSEMELDUNG, 25.10.2022

Ein großes Thema des Jahres 2018 waren die Meldeplattformen der AfD, auf der Schülerinnen und Schüler Lehrkräfte melden konnten, die nicht ihrer Neutralitätspflicht im Unterricht genügten. Damals gab es viel Schelte für die AfD. Inzwischen haben die Parteien ihre Meinung dazu geändert.

GRÜNE WOLLEN GEGEN DIESELFAHRER VORGEHEN
„Diese Miesmacherei muss jetzt endlich mal aufhören“, empört sich der grüne Landtagsabgeordnete Alexander Maier. „Anstatt sich aufzuregen, wäre es doch einfach mal an der Zeit, das basisdemokratische Potential solcher Plattformen zu entdecken“, findet Maier. Er wolle sich nicht zu weit aus dem Fenster lehnen, aber es sei jetzt schon sicher, dass die Grünen eine Meldplattform für Dieselfahrer einrichten würden, die trotz Fahrverbot ihr Fahrzeug benutzen. „Ich meine, es ist ein Verbot“, schimpft Maier, „und es gibt so viele Dieselfahrer, die das einfach ignorieren.“ Die Menschen hätten ein Recht darauf, dass dieses Verbot auch durchgesetzt werde. Auf dem Diesel-Melde-Portal der Grünen würden dann die von den Usern abfotografierten Nummernschilder gepostet. „Wir behalten uns vor, rechtliche Schritte gegen die Fahrer einzuleiten“, kündigt der grüne Abgeordnete an. Die Partei-Computerexperten arbeiteten bereits an einer entsprechenden Handy-App, die man sich dann auf der Homepage der Grünen herunterladen könne.

SITZENBLEIBEN – REICHE MENSCHEN MELDEN
Auch Sarah Wagenknecht kündigte eine Meldeplattform an. Die Plattform soll „Sitzenbleiben“ heißen. Auf ihr können die User Menschen melden, von denen sie glauben, sie seien zu reich und würden womöglich Steuern hinterziehen. Besonders verdächtige Fälle würden dann beim Finanzamt angezeigt. „Wir wollen einfach mehr Gerechtigkeit“, erklärt Wagenknecht.

SPD WILL MIT MELDEPLATTFORM PARTEITRADITION SCHÜTZEN
Die SPD hatte sich lange bedeckt behalten. Jetzt ist allerdings bekannt geworden, dass die SPD über eine parteiinterne Meldeplattform verfügt, auf Mitglieder gemeldet werden können, die nicht über den aktuellen Vorsitzenden schimpfen. „Es ist einfach eine Parteitradition, dass über den Parteichef hergezogen wird“, beschreibt ein anonymer SPD-Programmierer, „und es kann einfach nicht sein, dass Frau Nahles intern immer noch gelobt wird.“ Man wünsche sich hier mehr Geschlossenheit in der Partei. Die Plattform laufe hervorragend. Es seien bereits erste Parteiausschlussverfahren eingeleitet worden.

INNENMINISTER STROBL WILL SCHWARZE LISTEN DEMOKRATISIEREN
„Die Meldeplattformen sind erst mal verkannt worden“, findet auch der baden-württembergische Innenminister Thomas Strobl. „Unsere Bürger haben ein Recht auf Freiheit, das ist klar“, legt Strobl seine Absichten dar, „aber sie haben auch verstärkt ein Recht auf Sicherheit.“ Das Innenministerium plane deshalb eine Meldeplattform für „Subjekte“, welche die Verschärfung des baden-württembergischen Polizeigesetzes kritisierten. „Gibt es einen demokratischeren Weg eine Schwarze Liste anzulegen?“, fragt Strobl. Es sei ein Wunder, dass man darauf nicht schon früher gekommen sei. So wisse man gleich, wen man nach dem Inkrafttreten des Gesetzes verhaften müsse.

DER LIEBE GOTT SIEHT ALLES, ABER DER GLÄUBIGE AUCH
Aus dem Vatikan verlauten indessen weitreichende Pläne für gleich mehrere Meldeplattformen. „Der Liebe Gott sieht zwar alles“, lacht der Leiter der Glaubenskongregation Kardinal Ladaria, „aber der aufmerksame Gläubige sieht auch viel.“ Drei Meldeplattformen seien gerade in der Erprobung. „Wir wollen eine Meldeplattform für Hexerei, denn leider ist dieses Übel immer noch nicht ausgerottet, außerdem gibt es eine Plattform Menschen, die ihre Sexualität wider dem Willen Gottes leben, wie etwa Homosexuelle, vorehelich Versündigte, Masturbatoren und dergleichen.“ Das wichtigste Projekt aber sei eine Meldeplattform für Ärzte, die Abtreibungen durchführen. Den kritischen Einwand, dass es in verschiedenen Ländern bereits zu gewalttätigen Übergriffen aufgrund der Meldeplattformen gekommen sei, weist der Kardinal von sich. „Wir wollen lediglich im Namen Gottes mahnen“, sagt Ladaria. Fügt aber hinzu: „Wenn es jedoch der Wille Gottes ist, dass Gläubige der Sünde Einheit gebieten wollen, wer wären wir dem Willen Gottes zu widerstehen?“
Papst Franziskus bezeichnete in seiner Enzyklika „A veritate et voluntatem Dei“ die Meldeplattformen als eine grundlegende und notwendige Demokratisierung der katholischen Kirche. Hier hätten Laien die Möglichkeit, sich sinnvoll für ihre Kirche zu engagieren.
In Zusammenarbeit mit der CSU habe die katholische Kirche zudem eine Meldplattform eingerichtet, auf der Bürger öffentliche Einrichtungen melden könnten, in denen keine Kruzifixe aufgehängt worden seien. „Ministerpräsident Söder hat uns zugesichert, dass das Beamtenrecht zur Disziplinierung der Zuständigen Leiter in seiner ganzen Härte ausgeschöpft werde“, berichtet der Kardinal.

KABINETT HAT MASTERPLAN FÜR DIE MUTTER ALLER MELDEPLATTFORMEN
Bundesinnenminister Horst Seehofer ist wie immer bereits drei Schritte weiter. „Wir wollen unsere Demokratie und mit ihr die Grundrechte unserer Bürgerinnen und Bürger schützen“, erklärt Seehofer bei einer Pressekonferenz in Berlin. Um dies zu gewährleisten, liefen bereits die ersten Tests für eine Meldeplattform. Das Konzept der Meldeplattformen sei damals, nach der Einführung durch die AfD verkannt worden. „Unsere Meldeplattform ist die Mutter aller Meldeplattformen“, verkündete Seehofer den Pressevertretern. Der Masterplan sei es, dass die Bürgerinnen und Bürger melden könnten, wenn ihnen „etwas verdächtig erscheint“. Auf die Rückfrage eines Pressevertreters, ob dies nicht ein wenig zu allgemein formuliert sei, entgegnete Seehofer, es müsse jedem Verdacht nachgegangen werden, das sei man den Menschen schuldig. „Denn entscheidend ist nicht nur die tatsächliche Sicherheitslage, sondern vor allem das Sicherheitsgefühl der Bürgerinnen und Bürger“, erklärt der Bundesinnenminister.
„Aber wir stoppen nicht bei der Meldeplattform“, kündigt Seehofer an, „wir koppeln die gemeldeten Verdachtsfälle mit einer Big-Data-Auswertung der Sozialen Medien, des Mailverkehrs, der Handyortung, mit Überwachungsfilmen und Bildern per biometrischer Daten des Verdächtigen.“ Auf diese Weise könne man ein Gefährdungsprofil von nie gekannter Schärfe erstellen ohne, dass die Polizei oder die Geheimdienste ihren Platz verlassen müssten. „Die entsichern ihre Waffen praktisch erst, wenn die Auswertung der Daten einen Zugriff erfordert“, versichert der Innenminister.
Mittelfristig strebe man ein Sozialkreditsystem an. Vorbild hier sei die Volksrepublik China. Dafür würde die Meldeplattform „Change your Mind“ eingerichtet. Hier könnten die Bürgerinnen und Bürger Menschen melden, die sich seltsam benähmen. „Auch das koppeln wir mit einer Big-Data-Analyse, und wenn sich zeigt, da ist ein wegen einem Eigentumsdelikt bereits Vorgestrafter, der beim Schwarzfahren erwischt worden ist, dann sperren wir den für öffentliche Verkehrsmittel, oder wir ziehen ihm die Hälfte seines Hartz IV Geldes ab“, meint Seehofer. Umgekehrt würden aber Bürgerinnen und Bürger, die sich besonders Konform verhielten verschiedene Boni erhalten.
„So demokratisch wird es noch nie gewesen sein“, ist sich Bundesinnenminister Seehofer sicher.

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Ella, elle l’a – Propheten des Jahres 1987

Ich weiß nicht mehr, welcher Wahnwitz mich geritten hat, aber im September 1987 trat ich in die Computer AG meiner Schule ein. Ich war in der 9. Klasse und hatte absolut nichts mit Computern zu schaffen. Computer, das war was für Nerds. Typen wie Herrn Maier. Herr Maier, der Computerlehrer trug eine Helmut-Kohl-Brille. Er schaute uns Ausdruckslos an und leierte in etwa das Folgende herunter: „Ihr habt die richtige Entscheidung getroffen, euch schon jetzt mit dem Personal Computer auseinanderzusetzten, denn diese Geräte werden unsere Zukunft sein.“ Wegen seiner monotonen Sprechweise hegten wir zeitweilig den Verdacht, er selber könnte ein Roboter sein. Ich schaute mich um. An der Wand des Zimmers waren eierschalenfarbene Kacheln. Der Raum war nämlich vorher das Gästeklo des Landwirtschaftsamtes gewesen. Jetzt standen hier die globigen, mattschwarzen Bildschirme auf denen es neongrün blinkte. „Denn“, leierte der Computerlehrer weiter, „mit diesen Geräten werden wir eines Tages telefonieren, Briefe schreiben, unsere Bankgeschäfte erledigen, einkaufen und fernsehen.“ Neben mir saß mein Freund. Er stupste mich an, grinste breit und kommentiere das soeben Gehörte indem er mit dem Zeigefinger auf seine Schläfe deutete und die Augen verdrehte. Dann flüsterte er mir zu: „Der hat doch einen Knall, Briefe schreiben und einkaufen!“ Er deutete mit seinem Kopf auf den vor uns stehenden Bildschirm. „Dieses Ding? Einkaufen? Lächerlich!“ Ich stellte mir vor, wie aus dem Bildschirm kleine Roboterfüße und kleine Roboterhände herausfuhren und er mit blecherner Herr-Maier-Stimme fragte: „Wo ist die Einkaufsliste?“ Am Ende des Schuljahres konnte ich programmieren, dass mein Name von Links nach rechts über den Bildschirm flimmerte. „Wenn das die Zukunft sein soll“, dachte ich, „dann bleib ich lieber in der Gegenwart.“
Aber wir haben dem Computerlehrer Unrecht getan. Der Mann war ein Prophet. Bitte entschuldigen Sie, Herr Maier, Sie hatten recht!
Der große Hit des Jahres 1987 war übrigens „Ella, elle l’a“ von der französischen Sängerin France Gall. Ella, sie hat es. Dieses Lied war damals ein furchtbarer Ohrwurm. Hatte man den Wurm mal, kriegt man ihn nie mehr los.
In Lehrkräftezimmer gab es eine Menge Häme für Ella, die „elektronische Lehr- und Lernassistenz“ des Kultusministeriums. Die Zukunft der Bildung sollte sie werden. „Angestocht von der grün-roten Regierung und dann mit eisenmann’schem Willen weitergetrieben“, meinte ein Kollege und lachte meckernd. Ich lachte nicht mit. Ich bin da vorsichtiger geworden. Ich sage nur: 1987! Vielleicht war ja nicht nur Herr Maier ein Prophet? Vielleicht ja auch France Gall!
Wo kriegt man eigentlich diese schicken Tassen mit dem Ella-Logo her? Ich hätte gern eine und könnte dann in zwanzig Jahren sagen: Da, schaut! Ich war dabei!

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Gefallene Helden – Jonas Engelmann liest Martin Büsser

„Für immer in Pop“ heißt das von Jonas Engelmann kompilierte Buch mit Texten des 2010 gestorbenen Popjournalisten Martin Büsser. Ich war bei einer Lesung von Engelmann. Zusammen mit Francoise Cactus zeigte er, dass journalistische Texte, wenn sie gut sind, auch zwanzig oder dreißig Jahre später noch mit Gewinn gelesen werden können. Und gehört.
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„Gefallene Helden“ ist der Titel des Textes von Martin Büsser, den Jonas Engelmann ganz zum Schluss vorlas. Und das war irgendwie passend. Denn, gefallene Helden, das waren wir alle, die wir an diesem Abend im „Komma“ in Esslingen saßen. Gefallen aus dem Himmel unserer poplinken Jugend direkt in den Fernsehsessel unseres Einfamilienhauses. Das letzte Aufgebot der Poplinken, dachte ich. Und nahm einen kleinen Schluck aus meinem alkoholfreien Beck‘s. Nur nicht hektisch werden, dachte ich.
Und am Rand der Bühne sitzt Brezel Göring und liest in Büssers Buch „Wie klingt die neue Mitte?“. Herrlich.
Die neue Mitte? 1998. Da waren wir noch Helden. Unser Wunschtraum war soeben in Erfüllung gegangen: Rot-Grün in Bonn. Die 68er an der Macht. Tja. Und heute? Heute sind wir die alte Mitte. Haus, Auto, Kinder. Alles. So haben wir uns damals die Unsterblichkeit zwar nicht vorgestellt. Aber heute wollen wir nicht mal mehr unsterblich sein.
Vor mir sitzt ein Typ, der tatsächlich ein Smiths-T-Shirt trägt. Ich würde sagen, er geht straff auf die Sechzig zu. Mann, wir sind jetzt so alt wie unsere Eltern damals. Und unsere Kinder sind jetzt so alt wie wir damals. Der Hammer. Keiner im Raum ist unter dreißig. Der satte Schnitt dürfte bei 40 liegen. Der Raum atmet die Atmosphäre der Independent-Szene der späten Achtziger und frühen Neunziger. Damals. Als Independent kein Musikstil war, sondern ein Projekt von Bands, die sich den kommerziellen Kriterien der Plattenfirmen nicht beugen wollten, sondern unabhängig und frei (=independent) ihre Musik vertreiben wollten.
Zwanzig oder fünfundzwanzig linksalternative Leute sitzen da in der linksalternativen Kneipe. Und dem Poplinken Jonas Engelmann ist es tatsächlich gelungen, Stereo Total einzuladen. Fast ein Familientreffen irgendwie.
Man muss zugeben: Brezel Göring sieht immer noch so aus wie 1994. Nur dass er jetzt den ganzen Abend so eine alberne Baseballkappe trägt. Aber Francoise Cactus ist alt geworden. Und irgendwie ist das ja auch stark. Denn: Wir sind ja alle alt geworden. Was soll man auch dagegen machen. Sterben? Wir sind ja nicht Amy Winehouse. Francoise ist also alt geworden. Die Brille dicker. Auch die Frau. Fast ein bisschen tattrig. Und erkältet ist sie auch noch. Ich glaube, wir alle könnten uns jetzt über unsere Krankheiten und Gebrechen unterhalten.
Martin Büsser ist gestorben. Ob seine Texte unsterblich sind? Das wird sich noch zeigen. Aber für diesen Abend schenken sie uns eine Erinnerung. Die Erinnerung, wie es war in den Neunzigern und in den Nullerjahren. Wie es war, als die Poplinke noch jung und hegemonial war. Als wir dachten, wir wären links, aber eigentlich waren wir nur Kids. Konsumkids. Links war unser Lifestyle.
Die Lesung strukturiert sich entlang der großen Lebensthemen Büssers. „Ein bisschen Autobiografie, ein Block, der Martin als Punktheoretiker zeigt, aber auch Texte, die sehr polemisch sind“, umreißt Engelmann das Konzept des Buches „Für immer in Pop“. Büsser war sein Freund und ein bisschen sein Vorbild. Büsser Jahrgang 68, Engelmann Jahrgang 78. Beide sind Musikjournalisten. Beide Poptheoretiker. Büsser holte Engelmann zum Ventilverlag. „Ich habe dieses Buch gemacht, weil ich gemerkt habe, dass Martin in meiner Erinnerung verblasst“, erklärt Engelmann. Und so habe er den Fünfzigsten Geburtstag des Freundes als Anlass genommen „Für immer in Pop“ zu kompilieren. „Das ist kein Buch, das in den ersten Wochen reißenden Absatz findet“, meint Engelmann. „Aber wenn wir Glück haben, dann wird es ein Longseller.“
Überrascht war Jonas Engelmann darüber, dass es so viele Veranstaltungsanfragen zu dem Buch gegeben habe. Und jede Lesung war ein Ereignis für sich. „Ich habe gemerkt“, berichtet Engelmann, „dass es sehr anstrengend ist, die Lesungen alleine zu bestreiten.“ Die Gäste hätten der ganzen Angelegenheit jedes Mal eine neue Seite abgewonnen.“ Schorsch Kamerun war bei einer Lesung dabei. Linus Volkmann. Und eine Menge anderer Underground Größen.
Die Texte von Martin Büsser sind führen die Diskurslinien direkt aus den Neunzigern in die Gegenwart. Eine ihrer großen Stärken.
Francoise Cactus liest ein Interview mit Mo Tucker vor. Der legendären Schlagzeugerin von Velvet Underground. In dem in den Neunzigern geführten Gespräch schimpft Tucker über Reagan und die Republikaner. „Und jetzt ist sie Fan von Donald Trump“, schimpft Cactus am Ende ihrer Lesung.
Sehr erhellend auch ein Text, in dem Büsser anhand einer Plattenkritik das rechte Verschwörungsweltbild von Xavier Naidoo seziert. Nicht nur unglaublich hellsichtig, sondern auch in brillant polemischem Stil verfasst. Da lacht die alte Mitte keckernd.
Dann noch ein Text über die Quote für deutsche Musik im Radio. Großes Thema damals. Da haut der Poplinke Büsser dem Liedermacher Heinz Rudolf Kunze sein Kultur-der-Siegermächte-Zitat um die Ohren, Prügelt den Schlagerbeatpoeten Achim Reichel mit seinem Zitat über die Musik-der-Besatzungsmächte und schmäht schließlich die Band Mia dafür, dass sich Sängerin Mietze in Schwarz-Rot-Gold kleidet und vom „neuem deutschem Land“ singt. Das ist schön geschrieben. Aber diesen dreien Nationalismus zu unterstellen, das wirkt aus heutiger Sicht befremdlich. Wohlfühlnationalismus. Da kriegte der Punk Martin Büsser wahrscheinlich schon einen flauen Magen, wenn er nur dran dachte. Aber auch hier führt uns Büsser direkt in die Gegenwart: Sind wir an dieser Stelle damals falsch abgebogen? Und der Weg führt direkt zur AfD? Man weiß es nicht, aber man wurde schon nachdenklich.
Zwischendurch spielt Jonas Engelmann Songs von Pechsaftha. Die Band, in der Büsser als Sprechsänger und Texter mitmischte. Das ist gewöhnungsbedürftig, aber gut.
Und natürlich: Stereo Total spielen ein Lied. Francoise Cactus singt mit dem Liederbuch in der Hand. Irgendwie auch sympathisch.
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Der Text „Gefallene Helden“ handelt von den Enttäuschungen, die Martin Büsser mit seinen Popmusikhelden erlebt hat, wenn er zum Interview bei ihnen war. Henry Rollins war ein Arsch. Der Sänger der Butthole Surfers ein bekiffter Idiot, der absolut nichts zu sagen hatte.
Und am Ende des Abends merke ich: Wir sind alle gefallene Helden. Aber auf eine gute Art. Denn Helden sind Idioten. Heldentum ist jugendlicher Leichtsinn. Als Held hat man eine ziemlich kurze Lebenserwartung. Club der 27er und so weiter. Aber Gefallene Helden sind erwachsene Leute, die sich getraut haben alt zu werden. Gefallene Helden sind Leute, die so sind, wie sie sind. Ohne besonders toll oder klug zu sein. Ohne heldenhaft zu sein.
Am Ende des Abends traue ich mich nicht, mit Stereo Total zu sprechen. Aber: Was hätte ich ihnen auch sagen sollen? Dass sie meine Helden sind? Sie haben neben mir auf dem Sofa gesessen. Das ist ja auch schon mal was.

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ARSCH

„He, Papa, die nerven dauernd rum“, beschwerte sich mein fünfjähriger Sohn. Er meinte seine beiden großen Brüder. Die sind neun und zwölf Jahre alt. „Die machen dauernd unser Zelt kaputt“, erklärte Max, der siebenjährige Cousin meiner Kinder. Max ist Amerikaner. Er spricht amerikanisch und deutsch. Sein Deutsch erinnert ein bisschen an den sanften Singsang des Schlagersängers Howard Carpendale. Die beiden hatten im Wohnzimmer mit Decken ein großes Zeltlager aufgebaut. Über alle Sessel und Stühle. Blöderweise finden große Brüder es eben manchmal witzig, die kleineren Kinder zu ärgern.
„Macht doch ein Verbotsschild“, schlug ich pädagogisch beseelt vor, „dann lassen sie euch bestimmt ihn Ruhe.“ „Ja, komm“, sagte mein Sohn beschwingt, „ich hab eine Idee, was wir schreiben!“ Da holten sie sich Papier und einen Stift. Ich war sehr gespannt. Denn mein Sohn kann nicht schreiben. Nur seinen Namen. Und Max ist Erstklässler. In einer amerikanischen Schule.
Die Kinder setzten sich  zusammen und grübelten. Ihre ernsthaften und nachdenklichen Gesichter sahen aus, als seien sie zwei Philosophieprofessoren, die über einem Buch mit dem Titel „Die allgemeine Ethik des gemeinsamen Spielens unter besonderer Berücksichtigung von Zeltlagern im Wohnzimmer“ brüteten. Das amerikanische Kind schien nicht so recht zu wissen, wie man bestimmte deutsche Wörter schreibt. Und das deutsche Kind konnte die Buchstaben und ihren Klang nur aus dem eigenen Namen ableiten. „Schreibt man das  mit A“, fragte Max, den Stift in der Hand drehend. „Ist das das der Buchstabe mit der Leiter, oder das Dreieck, bei dem der Boden in die Mitte geschoben ist?“, erkundigte sich mein Sohn, im Tonfall eines Gehirnchirurgen, der gerade mit einem anderen Experten über die Möglichkeiten der Gehirnamputation diskutiert. Lange drehte sich die Diskussion darum, ob sie für ihr Schild ein „R“ bräuchten. Mich fragten sie nicht. Sie waren wohl entschlossen, die Sache alleine hinzukriegen.
Ich tat so, als würde ich lesen. Tat ich aber nicht. Ich versuchte angestrengt herauszufinden, was sie wohl auf ihr Verbotsschild schreiben würden. Aber ich kriegte es nicht heraus.
Dann standen sie auf. Sie fragten mich nach Tesa. „Zeigt doch mal“, bat ich. Mein Sohn hob mit der rechten Hand das vor meine Augen.
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„Huch“, sagte ich. Da kicherten sie. „Wen meint ihr denn damit?“, fragte ich pikiert. Da kicherten sie noch mehr. „Also, nett ist das aber nicht“, schob ich nach. „Es ist aber auch nicht nett, dass die dauernd unser Zelt kaputt machen“, antwortete mein Sohn.
Da schwieg ich. „Stimmt“, gab ich zu und betrachtete ihre Nachricht genauer. Versuche und Fehlerstreichungen. Stark irgendwie.
Ich rang mich zu einer Entscheidung durch. „Das habt ihr gut gemacht“, lobte ich und hoffte, dass keine anderen Erwachsenen in der Nähe waren. Dann erklärte ich ihnen, dass sie auf einem Verbotsschild schon auch schreiben müssten, was denn verboten sei. Sie schrieben daraufhin das hier:
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Magpies und Pearl Jam – Montessori und Pathos (Ein Konzertbericht)

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Auf dem Weg zum Pearl Jam Konzert fahren wir mit dem Fahrrad durch das Universitätsviertel von Missoula/Montana. Große, grüne Bäume. Gepflegte Häuser. Ein Park mit Basketballfeldern, einem Spielplatz und Bänken. Unter einem Ahornbaum probt eine Dudelsackgruppe traditionelles schottisches Liedgut. In jedem Vorgarten: Wahlwerbung für Jon Tester, den demokratischen Senatskandidaten von Montana.

Der Campus der Uni ist wunderbar. Britischer Backsteinklassizismus. Im Hintergrund: Die durch die Hitzewelle etwas eingegilbten grünen Hügel Montanas.
Auf dem Campus tummeln sich die Menschen. Das Rock2Vote Festival strebt seinem Höhepunkt entgegen. Dem Pearl Jam Konzert. 24 000 Konzertbesucher werden erwartet.
Seit dem Nachmittag ist das Festival im Gange. Rock2Vote soll die Festivalteilnehmer motivieren, sich für die Novemberwahlen registrieren zu lassen und vor allem, ihre Stimme auch abzugeben. Aber es geht nicht einfach nur so allgemein darum, zum wählen zu ermutigen. Jon Tester nimmt am Festival teil und hält eine Rede. Auch Kathleen Williams, die demokratische Kandidaten für das Repräsentantenhaus, ist da und spricht. “The only way to get back into control is to actually get stronger and to make sure you use your voice. You’re in the top five states that the election can be decided by simply just the youth vote alone, so you’ve got to give it all you got”, wird Eddie Vedder nachher beim Konzert sagen. Darum geht es also. Es ist eine Wahlkampfveranstaltung für die Demokraten. Das Festival wird getragen von Organisationen, die Forward Montana, Montana Native Vote, Montana Conservation Voters, Planned Parenthood und  Advocates of Montana heißen. Sie bieten Workshops und Infos an, wie man sich bei der Wahl engagieren und registrieren kann. Es ist also mächtig was los rund um das auf dem Campusgelände liegende Grizzly Stadium, in dem das Konzert stattfinden wird. Auf dem Stadion steht: We are Montana. Montana hat bei Präsidentschaftswahl mehrheitlich für Donald Trump gestimmt.
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Wir sind früh dran. Darum setzen wir uns auf eine Wiese vor dem Stadion. Da spielt die Band Magpies auf einer kleinen Bühne, vor ein paar wenigen Zuhörern. Drei Männer, Gitarre, noch eine Gitarre, Schlagzeug und eine Frau am Bass. Wunderbare Musik ohne Pathos. Ohne Gehampel. Der Typ ganz rechts sagt den Titel des nächsten Songs.

Es hört sich an, als hätten Sonic Youth poppige Melodien für sich entdeckt. 90er Jahre Gitarrenrock. Schön. Der Typ rechts macht die Klangteppichgitarre. Der Typ links löst die Akkorde in ihre Bestandteile auf und lässt sie über den Reverb harmonisch vibrieren. Die Bassfrau spielt rhythmisch und melodiös. Der Schlagzeuger: polyrhythmisch und synkopisch wie zu besten Britpopzeiten. Wunderbar. Ich könnte stundenlang zuhören.
„The four-piece rock band looks back to the heyday of alternative guitar rock in the 1990s and early ’00s, and the magic formula that the Pixies and Nirvana formulated: punk attitude with pop melody“, schreibt der Missoulian in einer Plattenkritik.
Die Magpies sind aus Missoula. Lokalhelden. Eventuell Lokalhelden zweiter Ordnung. Sie spielen seit zehn Jahren. Sie treten in Missoula auf. Im Top Hat, einem kleinen Musikclub. Oder im Choppers Grub&Pub. Oder im Stadionpark als Teil von Rock2Vote. Der Gitarrist betreibt einen Gitarrenausstattungsladen. Die Bassistin arbeitet in einer Montessori-Schule. Sie sind keine Stars.
„Rock bands have a shorter shelf life in college towns the size of Missoula even than ones in bigger cities. The gigs are late, people move or move on. Sometimes, though, a band is able to hit a stride like the Magpies…“, glaubt der Missoulian.

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Das Stadion ist umstellt von Transporttrucks. Und von der „Pearl Jam Merch World“. Man kann da alles kaufen. Sogar Unterhosen, auf denen Pearl Jam steht. Und an jedem Merch World Stand sind lange Schlangen.
Man darf keine Getränke mit in das Stadion nehmen. Aus Sicherheitsgründen. Aber man kann für 8 Dollar Bier kaufen. Das Stadion ist voll. Alle haben Bier. Wir sitzen auf einem Tribünenplatz. Vor der Bühne ist voll.

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Die Bühne ist gewaltig. Zwei große Videoleinwände auf denen mit vier oder fünf Kameras das Bühnengeschehen übertragen wird. Von unserem Platz aus sind Pearls Jam in echt nur ganz winzig zu sehen. Ich konnte mit Pearl Jam in den Neunzigern nichts anfangen. Eddie Vedders lange, lockige Haare, kurze Hosen, merkwürdige Kopfbedeckungen, das war nichts für mich. Pearl Jam waren für mich Blues-Metall. Der Missing Link zwischen Nirvana und Guns’n Roses? Ich hatte mir die CDs immer wieder in der Stadtbücherei ausgeliehen. Aber das war mir alles zu virtuos, zu unpoppig. Zu viel Led Zeppelin, zu wenig Sex Pistols. Was Nirvana ausmachte, war ja die Kombi aus Popmelodie und Punk-Amateur-Attitüde. Pearl Jam konnten ihre Instrumente richtig gut spielen. Und sie waren ernst. Viel zu ernst. Zu schwer. Pearl Jam sind inzwischen ältere Herren, so mitte Fünfzig. Sie haben alle kurze Haare, auch Eddie. Eddie hat einen Bart. Der aus Missoula stammende Bass-Mann spielt einen E-Kontrabass beim ersten Lied und der Sologitarrist macht mit einem Geigenbogen an seiner E-Gitarre rum. Außerdem gibt es einen Keyboarder, der mindestens Siebzig ist und aussieht, als sei er gerade von Deep Purple rausgeworfen worden.Die Fans sind aufgedreht. Manche sind zwei oder drei Tage lang angereist. Es riecht nach Hasch. Und wie. Und es sieht auch so aus.Das Konzert beginnt schleppend, mit zwei arg getragenen Songs. Dann geht es plötzlich total ab. Blitz, Donner, Kameraeffekte. Wahnsinn. Eddie ist kein Bühnensmalltalker. Keiner der Bonmonts streut. Er holt auf merkwürdig gebremste Art weit aus. Und es ist schon klar, worum es geht. Man soll wählen. Und dann teilt er ein bisschen gegen Trump aus, der sich zu viele Gedanken über die Crowd Size mache. Ihm, Eddie, sei es egal, ob bei ihm mehr, oder weniger Leute, als bei Paul McCartney oder den Rolling Stones seien. Aber andere Leute – Anspielung auf Trumps Amtseinführung und die Einführung der Vokabel „alternative Fakten“ – fänden das ja irgendwie wichtig. Und so  geht es krachend auf das Ende des ersten Konzertteiles zu. Das Ganze ist ziemlich routiniert. Pearl Jam bedienen sich der abgenudelten Rock-Band-Gesten. Sich beim Gitarrespielen breitbeinig gegenüber stehen und angrinsen. Heldensolos. Pete-Townsend-Sprung. Alles da. Alles hundertfach vergrößert. Natürlich gibt es Publikums-Bonding. Klatsch-Animation. Gesangsübernahme und Mitsinganimation. Eltern werden gelobt, weil sie ihrem Kind Lärmschutzkopfhörer aufgesetzt haben. Weil Kinder sind die Zukunft. Ein Pärchen kriegt zwei Flaschen Bier von Eddie. Sie haben auf dem T-Shirt stehen: I love Sex & Beer. Sie sollen das Bier trinken, sagt Eddie. Mehr wolle er nicht sagen. Das Pärchen wird auf der Leinwand gezeigt. Im zweiten Teil der Show nimmt das Rock-Pathos steil zu. Auf der Pathos Skala von 0 bis 10 liegen Pearl Jam bei 9,5. Zuerst gibt es das Barhocker-Unplugged-Set. Der Basser aus Missoula und Eddie. Der Basser lobt seine Heimtstadt, dann kommen seine Eltern und sein Onkel und seine Tante auf die Bühne und werden bejubelt. Er dankt ihnen, als wäre er auf der Oscar-Verleihung. Dann dankt er den tausend beteiligten Organisationen und betont wie wichtig es ist wählen zu gehen. Dann kommte ein endlos langer Zugabenblock. Alle Musiker haben jetzt ein Jon-Tester-T-Shirt an. Eddie maßregelt einen Randalierer. „Fuck you, man!“ Das gibt extra Applaus.
Dann gibt es eine rosarote Version von „Imagine“. Statt „Above us only sky“ singt Eddie „above us the Big Sky“. Anspielung auf den Montana-Slogan „The Big Sky State“. Das gibt auch extra Applaus. Außerdem machen alle ihr Handylicht an und schwenken es hin und her. Logo. Die Hits „Jeremy“ und „Alive“ kommen. Und dann tatsächlich „Know Your Rights“ von The Clash. Und „Rockin‘ in the free World“. Pathosskala 11. Passt aber zu Vote2Rock. Der Leadgitarrist und Eddie rennen auf der riesigen Bühne hin und her, als ob sie Jagger/Richards wären. Vedder schmeißt Tambourine ins Publikum. Kostümwechsel. Dann spielt der Leadgitarrist doch allen ernstes ein Solo mit der Gitarre hinterm Kopf. Wie Jimmy Hendrix. Herrjeh. That’s Entertainment. Ganz, ganz dickes Entertainment. Mit Ohrensausen verlassen wir das Stadion.

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Der Rasensprenger hat unsere Fahrräder nass gespritzt. Und die Fahrradhelme auch. Triefend steht das Ensemble unter dem Dauerbeschuss eines Rasensprengers. Es bleibt nur ein kleines Zeitfenster das Schloss zu öffenen und das Fahrrad zu schnappen. Aber es ist immer noch heiß. Da ist es nicht so schlimm.
Das war also Stadionrock. Also, es war ja für einen guten Zweck. Da muss man auch was bieten. Und der Authentizitätsanspruch an Rockmusiker ist eh Quatsch. Rock ist Zirkus, Rock ist Show. Die Hits sind parktisch die Raubtier- und Elefantenshow. Und Pearl Jam sind in den USA wohl der Zirkus Krone der Rockmusik. Zumindest Roncalli. Aber die Hits sind eher Reiterdressur statt Raubtier. Die Coverversionen sind die Freakshow.
Das also macht Grunge heute. Dave Grohl hat ja eine ähnliche Entwicklung hinter sich. Der Rest ruht in Seattle im Rockmuseum und im Grab von Kurt Cobain.
Der Missoulian schreibt über eine Textänderung im Lied „Not for you“, in dem es 1994 hieß „All that’s sacred comes from youth,“ aber mit dem Vorbehalt, dass junge Menschen „had no power, nothing to do.“ Beim Auftritt in Seattle ändert Vedder die zweite Zeile in: „You’ve got the power, there’s so much to do.“ Eddie Vedder, der Stefan Hessel des Spätgrunge. Wenn es hilft, soll es recht sein.
In Seattle haben Pearl Jam ihre Konzerteinnahmen für Organisationen gespendet, die sich für Obdachlose engagieren. Das ist gut , das ist toll, das ist ganz einfach wundervoll. Und in Montana halt für die Demokraten. Auch schön. Aber mir war das zu aufgeblasen. Zu dick aufgetragen. Zehn Nummern zu groß. Musikalisch und von der Attidtüde her hätten mir die Magpies voll und ganz gereicht. Aber die hätten natürlich nie so viel Geld für Vote2Rock gesammelt. Pop soll politisch sein. Für mich ist das zu viel „Küsschen-Küsschen-Milieu“. Vedder lobt McCartney, war bei Elton John und covert Neil Young. Alle kennen sich, nennen sich „du“ und finden sich super. Aber irgendwas geht so verloren. Alles löst sich im Stars- und Sternchenmilieu auf.Wenn die Magpies im kleinen Club auftreten gehören sie nicht zum Küsschen-Küsschen-Milieu. Sie sind keine millionenschweren Rockrebellen. Sie sind Gitarrenhändler und Montessori-Lehrerin. Stark. Beides okay. Mir gefallen die Magpies halt besser. Wir radeln zurück durch stockdunkle Straßen. Die Amerikaner finden Straßenlaternen unnötig. Ja, übergriffig. Was hat sich der Staat in die Beleuchtung meiner Stadt einzumischen? Missoula ist flach. Da radelt es sich gut. Wir haben ja Stirnlampen. Ich drehe mich noch mal um. Der Himmel über dem Stadion strahlt immer noch, als wäre dort gerade ein Ufo gelandet. Vielleicht werden Pearl Jam wieder abgeholt. Close Encounters. Die Magpies bleiben hier.

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