ACHgeschichte

Die Band ACH wurde nicht gegründet. Sie ist entstanden.
Entstehung ist ja immer komplex. Insbesondere dann, wenn es um eine Band geht, die keiner kennt. Der Vorteil dabei ist, dass dann der Erwartungsdruck nicht so groß ist.

achfoto KN klein 001

1. Cafetengedichte
Angefangen hat es jedenfalls im verschneiten Wintersemester 95/96 in der Cafeteria der Pädagogischen Hochschule Weingarten. Laus Itzigmann, Ennis Eineck und Ens Öser verbrachten dort im winterlichen Dämmerlicht, mit Blick auf die barocken Bauten des Klosters bei Pappbecherkaffee und Zigarettenqualm den Großteil ihrer Zeit – die sie damals noch im Überfluss hatten. Sie gehörten dort einem exklusiven informellen Gesprächszirkel an, der von Außenstehenden bewundernd als „Cafetenmafia“ bezeichnet wurde.
Die Gespräche drehten sich um Sartre, Nietzsche, Schopenhauer, Jesus, Captain Kirk und vor allem, um den billigsten naheliegenden Witz. Doch auch die geile Tussi vom Tisch nebenan, der Sinn des Lebens, Politik waren Thema. Und natürlich, was man alles tun könnte, statt Lehrer zu werden. Eine Besonderheit dieses Intellektuellenzirkels soll hierbei nicht unerwähnt bleiben: Ihm gehörten keine Frauen an. Das ist ungewöhnlich, wenn man bedenkt, dass an Pädagogischen Hochschulen eigentlich hauptsächlich Frauen studieren. Fest steht: Es herrschte deswegen keineswegs eine verzagte Verliererstimmung. Höchstens eine angenehm melancholische Verliererstimmung, in der man sich sanft einkuscheln konnte. Es war eine berauschende Zeit im adoleszenten Niemandsland zwischen Schule und Berufsleben.
Kondensat dieser intensiven Periode jedenfalls waren die „Cafetengedichte“.

„Wir hängen in der Cafete rum /denn zum Studieren sind wir zu dumm / Zum Vorlesungsbesuch fehlt uns der Wille / denn in unserem Hirn herrscht – Winterstille!“ (November 1995)

Oder

„12 Apostel hats gegeben / heute keiner mehr am Leben / Römer haben sie umgebracht / Jesus hätt das nicht gedacht / Frauen durften nicht mitmachen / Gott schuf sie für andere Sachen“ (Januar 1996)

2. Oasis, Blur und Tocotronic
Oasis und Blur dominierten die innere musikalische Landschaft der Cafetenmafia. Und die Spice Girls. Aber auch Selig und die heraufdämmernden Tocotronic.
Am Wochenende zu Hause überbrückte Ens Öser die Zeit zwischen seiner Lieblingstagesbeschäftigung des „transzendentem Dämmern auf dem Sofa“ und den zwei drei Halben am Abend im „Deutschen Haus“(= coolste Kneipe in Pfullendorf ever) in seiner Heimatstadt Pfullendorf mit dem Vertonen der Cafetengedichte. Die fertigen Lieder nahm er auf Cassette auf. Der Cafetenmafia verschwieg er dieses Hobby. Er hatte Angst vor dem billigsten naheliegenden Witz.

3. Die Achstrasse
Frühjahr 1996. Sonnenschein, sattes Grün, enervierendes Vogelgepiepe in den Bäumen auf dem belebten PH-Hof. Ein Mitglied aus der äußeren Corona der Cafetenmafia initiierte einen Gitarrenspielkreis auf der Wiese vor der Cafeteria. Da saßen die künftigen Lehrer mit ihren profilneurotischen Sonnenbrillen und spielten sich gegenseitig ihre coolsten Läufe und schwierigsten Griffe vor, lehnten aus Distinktionsgewinngründen ab, bestimmte Lieder zu spielen und sangen letztlich doch noch „Heute hier, morgen dort“ und „Country Roads“.
Im Laufe des Frühjahres wanderte der Gitarrenkreis von der Wiese durch verschiedene Studentenwohnungen bis er schließlich -durch göttliche Fügung?- im Raum des Bibelkreises der katholischen Hochschulgemeinde landete. Jetzt spielte man „Under my thumb“ von den Rolling Stones, „Polly“ von Nirvana, „Wonderwall“ von Oasis und den ganzen coolen Shit. Ein E-Bass kam nach bitteren Diskussionen dazu. Eine Rollenverteilung zeichnete sich ab. Ennis Eineck und Laus Itzigmann spielten Gitarre, der Initiator des Kreises, Effan, spielte Bass. Ens Öser sang meistens oder spielte ebenfalls Bass.
Inzwischen hatte die Cafetenmafia die Asta-Zeitschrift Phatal übernommen und damit ihr Diskussionsforum expandiert. Mit den ersten E-Gitarren kam es zum Eklat im Raum des Bibelkreises. Zu laut. Die Band brauchte ein neues Probelokal. Man fand schließlich das Jugendhaus von Weingarten.
Inzwischen hatte Ens Öser einige seiner vertonten Cafetengedichte in das Repertoire des Gitarrenspielkreises eingebracht. Die Sache gewann an Form. Sogar einen ziemlich professionellen Schlagzeuger fanden die Gitarrenkreisler: Örg, von der Fachhochschule. Cooler Typ. Also ganz anders als der Rest der Band. Denn eine Band, das war man jetzt, soviel war mal klar.
Das Angebot für einen ersten Auftritt jedoch, brachte ein Problem zutage: Die Band hatte keinen Namen! Das Problem sollte durch ein Irish-Pub-Quiz gelöst werden. Die Cafetenmafia verbrachte die Dienstage im Irish-Pub in Ravensburg, um sich dort beim Pubquiz die eigenen intellektuellen Qualitäten zu beweisen. Wer das Quiz gewann, bereitete die Fragen für das nächste vor. Uns so erging die Aufgabe der Cafetenmafia an die tapferen Trinker des Pubs: Nenne uns einen coolen Bandnamen! Am treffendsten umschrieben die Vorschläge „Überdosis Selbstmitleid“ und „Intellectuelly Diarrhea“ das Selbstverständnis des zur Band gereiften Gitarrenkreises. Doch nicht das Pubquiz brachte die Lösung, sondern eine immer wiederkehrende Erfahrung der Bandmitglieder. Bandmitglied: „Ich bin jetzt in einer Band!“ Angesprochener, relativ desinteressiert: „Ach?“ Und so wurde ACH zum Namen der Band.
Der erste Auftritt beim Mensaparkfest des Asta war aus Sicht der Band ein durchschlagender Erfolg. Zuhörer im zweistelligen Bereich, die nach dem Ende der Lieder sogar klatschten.
Weitere Auftritte in der Mensa der PH, sowie der zweite Platz beim Asta-Talentwettbewerb folgten. ACH waren der heiße Scheiß an der PH!
Ein bis zweimal in der Woche übte die Band im Jugendhaus. So entwickelte sie sich zu einer durchschnittlichen unterdurchschnittlichen Band. Zum Wohlgefallen aller Beteiligten. Wäre die Band eine Immobilie gewesen, hätte der Makler sie wohl als „Immobilie mit schlichtem Charme“ angeboten.
Während des großen Streiks 1997 spielte die Band jeden Morgen im ihrem Urwirkungsbreich: Der Cafeteria. Bei Geburtstagsparties spielen die Bandmitglieder ebenfalls.
Inzwischen war Arkus aufgetaucht, der ebenso technisch wie musikalisch begabt ist. Mit seiner Band zusammen traten ACH im Jugendhaus Weingarten auf. Vor vollem Haus. Zuschauer zweistellig.
Arkus animierte die Band ihre Lieder aufzunehmen. In einem Gewaltakt von drei Tagen spielten ACH fast ihr gesamtes Repertoire ein. Mit einer Achtspurtonbandmaschine. Die CD erscheint 1998 unter dem Titel ACHSTRASSE.
Zwischenzeitlich legten Eineck und Itzigmann ihre Prüfungen ab. Ebenso Efan. Mit ihrem besten Auftritt überhaupt jemals verabschieden sich ACH 1998 beim PHatal-Fest im Alibi. Eine weitere Platte, da waren sich die Bandmitglieder fast sicher, würde es nicht geben. Die ACHSTRASSE war eine Sackgasse.

4. Hobbypop
Mit dem Studium endete auch die Band als Band. Die Bandmitglieder verstreuten sich in sämtliche Winkel ihrer schwäbischen Heimat, um im Referendariat einmal zerlegt und dann als Lehrer neu zusammengesetzt zu werden. Mit knochiger Faust hieb die Realität gegen die Tür und verlangte Einlass („Aufmachen, sie haben keine Chance…“). Was man vorher keck mit juveniler nihilistischer Geste beiseite gefegt zu haben glaubte, erhob sich jetzt wie Nosferatu aus seinem Sarg.
Und wenn die Mitglieder der Band es stets unwirsch abgelehnt hatten Stars werden zu wollen, dann merkten sie jetzt, dass sie es eigentlich doch gewollt hatten. Shit.
Bei den ersten Treffen nach Ende des Studiums zeigte sich schnell, dass man als Band wieder ganz vorne anfangen musste. Erste Versuche neue Lieder aufzunehmen missrieten jämmerlich. Aber zum Glück wuchsen mit den schwindenden Fähigkeiten der Band die technischen Aufnahmemöglichkeiten von Arkus. Der digitale Aufbruch hatte begonnen!
Und so entstand im Asta-Heim in Weingarten und in Konstanz das zweite Album der Band: HOBBYPOP. Popmusik als Hobby. So sollte es sich anhören. Und so hört es sich auch an. Das war das Konzept. Immer noch schöne Lieder, jetzt aber mehr so synthetisch. 2002 erschien es.

5. Das sind Wir
Arkus hatte sich inzwischen als Tontechniker selbständig gemacht. Die Bandmitglieder schrieben ihre Lieder heimlich zu Hause und brachten sie einmal im Jahr mit in das Tonstudio von Arkus, wo die Lieder dann am Computer zusammengepuzzelt wurden.
Zwischenzeitlich heiratete man, bekam Kinder, kaufte Häuser … Alle Bandmitglieder sind um die vierzig.
Und das spiegelt sich in den Liedern des dritten Albums „DAS SIND WIR“. Auch schön. Und schön ehrlich. Gute Platte.

Ens Öser

4 Antworten zu ACHgeschichte

  1. Atrin schreibt:

    Es gab da noch einen coolen Proberaum in Weingarten: der Keller des Studentenwohnheimes „Argonnenkaserne“, mit Tischkicker! Aber auch das ist Vergangenheit, alles längst abgerissen und mit Reihenhäuschen bebaut.
    Schön geschrieben, dieser Rückblick.

  2. fraulehrerin schreibt:

    Die Cafetenmafia. Wusste ich nicht, dass man euch so nannte. Ich dachte, ihr wärd so Möchtegern-Tocotronicer. Das Foto ist allerdings schon ziemlich cool. Und der Auftritt beim Streik auch.

  3. ensoeser schreibt:

    Carstenmafia hießen wir bei den ASTA-Leuten, in deren Dunstkreis wir ja auch irgendwie gehörten.

  4. ensoeser schreibt:

    Bei den Auftritten beim Streik hat uns der Rückriem immer Sekt hingestellt. Am Morgen schon. Das war hart.

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