Körperertüchtigung


In den 80er Jahren war es en Vogue, sich über Bodybuilder lustig zu machen. Sport insgesamt war irgendwie blöd. Weil auch mein Sportlehrer irgendwie blöd war. Und dann die Fußballer! Schnauzbärte, Vokuhila-Frisuren und diese ganz knappen Adidas-Höschen. Es war alles ziemlich peinlich. Warum hätte ich Sport machen sollen? Es war uncool.
Cool war mein Vorbild Werner Enke. Enke war der Rudi Dutschke des Neuen Deutschen Films in den Sechzigern. Der berühmteste davon ist „Zur Sache Schätzchen“. Enke jedenfalls zeichnete sich durch eine verschlafene, nahezu lethargische Gleichgültigkeit aus, von der ich fand, dass sie auch mir gut stehen würde. Und so nahm ich seine Filmsprüche „Das ist mir zu viel Action“ und „Der alte Schwung is‘ hin, dazu bin ich viel zu abgeschlafft“ in meinen Umgangs-Phrasenapparat auf.

Dazu kam dann auch noch, dass meine Mutter immer zu mir sagte: „Du kannst essen, was du willst, du nimmst einfach nicht zu.“ Also aß ich, was ich wollte und nahm tatsächlich nicht zu.
Meine Freunde versteckten ihre Hanteln unter ihrem Bett, wenn ich sie besuchte, damit ich sie nicht verspottete. Ich lag hauptsächlich herum und ersparte mir jede körperliche Anstrengung. So jedenfalls will es meine Erinnerung.
Mit den Toten Hosen trat dann Ende der 80er Jahre das Bier in mein Leben. Bis dahin war das Bier etwas, das die alten Männer auf den Bierfesten tranken. Dann gingen sie aufs Klo, stützten sich mit einer Hand an der Wand ab, klemmten die Zigarette zwischen die Zähne und pinkelten per Einhandtechnik. Die Abstützhand war wegen des fünften Bieres nötig. Aber die Toten Hosen machten das Bier cool. „Ja sind wir im Wald hier“, gröhlten sie, „wo bleibt unser Altbier…“ und das Pseudo-Anti-Alkohol-Lied „Und die Jahre ziehen ins Land und wir trinken immer noch ohne Verstand, denn eins das wissen wir ganz genau, ohne Alk, da wäre der Alltag zu grau“. Wie so vieles im meinem Leben, nahm ich auch diesen Unfug für bare Münze. Das Bier und ich wurden sofort Freunde. Die heitere Unbefangenheit, die man mit einer Flasche Bier erlangte, schien mir etwas zu sein, was ich immer schon gesucht und nie gefunden hatte.

Dass das nicht ewig so weitergehen konnte, hätte mir erstmals bei der Musterung klar werden können. „Sie sind eher der gemütliche Typ, was?“, sagte die Militärärztin mäßig erheitert beim Anblick meines nackten Hinterns. Aber ich hatte keine Zeit darüber nachzudenken, weil ich ja noch in diesen Becher pinkeln musste.
Am Ende der Grundausbildung hatte ich das Läuferabzeichen erworben. Meine Mutter nähte es mir an meinem Bundeswehr-Jogginganzug fest. Man bekam es, wenn man fünf Kilometer ohne Zwischenstopp joggen konnte. Allerdings hatte ich bei der Bundeswehr auch das Säuferabzeichen erworben und gelernt mindestens fünf Bier am Abend ohne Zwischenstopp zu trinken. So glich sich das dann wieder aus.
Vor allem aber hatte ich beim Millitär gelernt, dass Körperertüchtigung mit großer Anstrengung verbunden war, auf die ich sofort nach dem Ende meiner Dienstzeit freiwillig verzichtete.
Während des Studiums aß ich praktisch nichts. Da fiel das mit dem Sport noch nicht so auf. Aber dann ging es los. Ich aß, was ich wollte und wurde immer dicker. Wer arbeitet, der muss auch essen. Jedenfalls wiege ich heute, in verschiedenen Anschwellformen bis zu zwanzig Kilo mehr als damals.
Ich muss jetzt oft an meinen Mathelehrer denken, der immer zuerst einen roten Kopf bekam, dann „Moment!“ sagte und dann seine Tabletten einwarf. Ich muss an meine Mutter denken, die stöhnte: „Also heit hab‘ I’s wieder so im Kreiz!“ Und an all die alten Leute mit ihren Beschwerden und Wehwechen.
Heute sehe ich nicht mehr aus wie Werner Enke. Eher wie Heinz Erhard. Der ist ja immerhin auch lustig.
Was habe ich daraus gelernt? Bescheidenheit. Ich fahre jetzt immer mit dem Fahrrad zur Arbeit. Rüstige Rentner rasen mit ihren E-Bikes an mir vorbei und grüßen freundlich. Einige Kollegen kleiden sich in diese hautengen neonfarben leuchtenden Taucheranzüge für Fahrradfahrer und rauschen in einem Affentempo an mir vorbei. Wenn ich soetwas anziehen würde, ich sähe aus wie Presswurst. Wahrscheinlich filmen sie mich mit ihren Helmcams, wie ich mit meinem Altherrenrad das Hügelchen hinaufkeuche.
Im Sommer ging ich ab und zu früh Morgen ins Freibad zum Schwimmen. Auch dort zog ich meine Bahnen im Kielwasser von Hochleistungs-Renten-Schwimmern.
Vor allem habe ich gelernt, dass genau das, was ich am ernstesten nehme, sich in nächster Zukunft als das absolut Falsche erweisen wird. Wie ich damit umgehen soll, weiß ich auch nicht so genau. Wir werden sehen.

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Sicherheit an Grundschulen


Mein Sohn geht in die Grundschule. Bisher hatte ich damit keine Sorgen. Aber seit dem neusten Rundschreiben des Kultusministeriums mache ich mir Sorgen.
„Mit Rundschreiben reagieren wir meistens auf aktuelle Probleme, um sie schnell und unbürokratisch zu beheben.“ Das hat mir bei einer Fortbildung ein Kultus-Ministerialer-Mensch anvertraut. Wenn das wahr ist, dann muss an den baden-württembergischen Grundschulen gerade die Hölle los sein.
„Sicherheit an Grundschulen“ heißt das Rundschreiben 12/82, das im April die Schulleitungen erreicht hat. Und als besorgter Vater denkt man jetzt natürlich: Sicherheit? Dann stimmt irgendwas nicht. Aber was? In dem Rundschreiben geht es unter anderem um „Experimente mit Teelichtern und Kerzen“. Die Lehrpersonen bekommen nützliche Hinweise: „In die Flamme dürfen nur Materialien gehalten werden, welche durch die Lehrkraft ausgewählt wurden.“ Was bedeutet dieser Satz im Umkehrschluss, wenn es stimmt, was der Mensch vom Ministerium gesagt hat? Irre Laissez-Faire Kindertanten und –onkels rufen den ihnen anvertrauten Kindern zu: „So, jetzt haltet mal irgendwas, was ihr gerade so findet ins Feuer und guckt, was passiert!“?
Bei „Experimente zum elektrischen Strom“ werden die Lehrpersonen darauf hingewiesen, dass die Kinder höchstens mit 9 Volt-Batterien experimentieren dürfen. Doch Vorsicht! Auch hier droht Gefahr: „Dabei ist vor Aufnahme des Experiments sicher zu stellen, dass sich keine Batteriesäure an den Batterien befindet.“ Und auch der Umwelt droht Gefahr: „Verbrauchte Batterien werden über Sammelstellen dem Sondermüll zugeführt.“ Heißt das jetzt es gibt verrückte Grundschullehrkräfte, die ihre Schüler mit Stahlnägeln an Steckdosen experimentieren lassen? Oder noch schlimmer, Batterien nicht ordnungsgemäß entsorgen?
Aber das Rundschreiben „Sicherheit an Grundschulen“ ist damit noch lange nicht am Ende: Mit Geschirrspülmittel dürfen Schüler ausschließlich: Geschirrspülen! Welcher Vorfall, so frage ich mich, war die Ursache für diesen Hinweis?
Aber die wahre Hölle droht in der Natur. Oder, pädagogisch gesprochen, im Schulgarten. „Bei gärtnerischen Arbeiten ist naturgemäß ein ständiger nicht gezielter Umgang mit biologischen Arbeitsstoffen (z. B. Viren, Bakterien, Pilze und Würmer) gegeben.“ Viren! Bakterien! Pilze! Würmer! Hilfeeee! Die armen Kinder! Und das nennen die beim KuMi „biologische Arbeitsstoffe“? Ich glaube mein Wurm pfeift!
Jetzt habe ich mal recherchiert. In den vergangenen drei Jahren gab es keine Schulen, die infolge eines Feuerexperimentes niedergebrannt sind. Adventskränze, technische Defekte, brennende Autos in der Tiefgarage kommen immer wieder als Brandursache vor. Experimente: nie. Auch sind keine Grundschüler durch Experimente mit Strom zu Schaden gekommen. Oder, weil sie durch Batteriesäure verätzt worden wären. Es gab keinen nennenswerten Zwischenfall mit Geschirrspülmittel und auch nicht im Schulgarten.
Wenn also nichts passiert ist, dann freut mich das als Vater natürlich. Aber als Lehrer frage ich mich, was dann der Grund für dieses Rundschreiben ist? Hält das KuMi die Grundschullehrkräfte einfach so für doof?
Vielleicht ist das Rundschreiben „Sicherheit an Grundschulen“ so etwas wie die legendäre „Zentrale Dienstvorschrift 3/11“ der Bundeswehr. In dieser ZDv wird das Verhalten des Soldaten im Felde geregelt. Es gab dort so legendäre Hinweise wie: „Bei Einbruch der Dämmerung ist mit Dunkelheit zu rechnen.“ Oder „Bei Schnee und Frost ist mit auftretender Kälte zu rechnen.“ Angeblich gab es dort auch den wunderbaren Satz: „Bei Erreichen des Baumwipfels hat der Soldat die Kletterbewegungen selbständig einzustellen.“
Als ich in der Grundausbildung war, erklärte uns der furchterregende Feldwebel Klein die Notwendigkeit dieser Vorschriften folgendermaßen: „Als Soldat denken sie nicht, sie befolgen Befehle und Dienstvorschriften, haben sie das verstanden?“ Hatten wir.
Aber was soll ich denn jetzt denken, was das Kultusministerium mit dem Rundschreiben 3/11 „Sicherheit an Grundschulen“ will? Kann mir da mal jemand helfen?

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Die Rechts-Links-Lösung

„Oine links und rechts an d’Backă na, desch immer no’s Beschte!“ So sprach der Mann, der sich hinter mir und meinen Kindern in der Schlange am Würstchenstand eingereiht hatte. Es war Fasnet. Er trug einen Rock und hatte eine ordentliche Schnapsfahne. Der Rock gehörte zu seinem Hexenhäs. Was er sagte, sollte ein Vorschlag sein, wie ich mit meinen vor Hunger quengelnden Kindern umgehen solle. Die Kinder versteckten sich hinter mir. Der Vorschlag des alkohol-missbrauchenden Rockträgers stimmte mich nachdenklich. Denn als ich  zu studieren begann, war Rudi Dutschke mein Vorbild. Erstens, weil er auch Student war. Zweitens, wegen seines Strickpullies, seiner Lederjacke und der coolen Frisur. Und Drittens hat für antiautoritäre Erziehung gekämpft. Das schien mir damals attraktiv zu sein. Keine Gewalt. Aber ein paar Jahre später las ich in einer Dutschke-Biographie folgendes: Als Rudi Dutschke merkte, dass sein kleiner Sohn Hosea und seine Freunde irgendeinen Quatsch gemacht hatten, verlor er die Nerven. Er beschrieb den Vorfall in einem Brief an seine Frau: „Nach längerer und sehr erregter Erklärung gab ich ihnen allen einen Schlag auf den Arsch.“ Mein Vorbild, der Vorkämpfer der antiautoritären Erziehung, haut seinem Buben auf den „Arsch“! Das ist zwar nicht die vom alkoholtrinkenden Rockträger vorgeschlagene Links-Rechts-Lösung, sondern nur die Hinten-Lösung, aber Gewalt ist es allemal. Aber die Geschichte geht noch weiter. Dutschkes Sohn Hosea erzählte nämlich Jahre später in einem Interview: „Einmal hat mir mein Vater tatsächlich einen Klaps auf den Hintern gegeben. Ich regte mich fürchterlich auf. Da drehte Rudi sich um, zog seine Hose runter, und ich durfte ihm den Hintern versohlen. Ein großer Spaß.“ Das kam mir komisch vor. Kinder und Eltern verhauen sich gegenseitig und haben Spaß daran? Naja. In meinem ersten Jahr als Lehrer unterhielt ich mich oft mit einem Kollegen, der im letzten Jahr vor dem Ruhestand war. An den musste ich jetzt denken. Er meinte auch immer, dass die Links-Rechts-Lösung für Disziplinprobleme zielführend sei. Früher habe er den Schülern sogar Kopfnüsse geben dürfen, erzählte er gern. „Oder mit dem Sprungseil auf die Finger“, schwärmte er. Allerdings erzählte mir ein anderer Kollege später, dass der Ruhestandskollege eines Nachts von ehemaligen Schülern aufgelauert und verdroschen worden sei. „Da hat er gesehen, zu was er seine Schüler erzogen hat!“ Auch die Autoritären haben sich gegenseitig verhauen. Na toll. Mein Großonkel war auch Lehrer. Er starb Ende der Achtziger Jahre. „Die Kinder heute sind frech und faul“, sprach er schulmeisterlich zu mir. Und früher habe er dumme und freche Kinder halt geschlagen. So habe man das halt gemacht. „Aber“, meinte er und grinste, „intelligenter oder fleißiger ist dadurch kein einziger geworden.“ Also sei er zu folgender Überzeugung gelangt: „Die Kinder waren frech und faul als sie geschlagen wurden und sie waren es, als man sie nicht mehr geschlagen hat, ergo: Kann man das schlagen auch gleich lassen, das Ergebnis ist das gleiche.“ So richtig pädagogisch war das nicht. Trotzdem überlegte ich mir kurz, ob ich diese Weisheit dem alkoholisierten Mann im Rock erläutern sollte. Aber da waren wir auch schon dran und die Kinder hörten auf zu quengeln. Ganz ohne links-rechts.
Mein jüngster Sohn fragte mich später, was die Frau gewollt habe. „Sie wollte, dass ich euch haue, weil ihr rumgemosert habt“, antwortete ich. „Echt“, antwortete er und begann eines seiner Lieblingslieder zu singen. „Alle meine Freunde kriegen n‘ Klaps auf’n Po, Klaps auf’n Po, Klaps auf’n Po…“ und er lachte.

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Das Lied zur Jahreszeit: Im Frühling

Frühling. Jacke oder nein?

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Esus Ullock

„Und sie sind der Herr…“, die Frau an der Kundentheke des Finanzamts liest in dem Formular, das ich gerade ausgefüllt habe. Dann hebt sie den Blick und schaut mich an, dann guckt sie wieder in das Formular und liest vor: „Sie sind der Herr … Ullock, … Esus Ullock?“ Ich schüttle den Kopf. „Nein“, sage ich, „ich heiße Ens Oeser.“ Ihr Gesicht zieht sich zusammen wie eine Zitrone, verfärbt sich aber eher wie eine Tomate. Eigentlich sollte ich jetzt zu ihr sagen: „Sie, junge Frau, dürfen mich aber gerne Esus Ullock nennen.“ Aber sowas fällt einem, erstens, immer erst hinterher ein und, zweitens, wenn man es sagt, ist es dann doch irgendwie peinlich. Jedenfalls werde ich, wenn ich Performance-Künstler werde als Pseudonym „Esus Ullock“ wählen. Ist doch stark!
Ich mag Fehler. „Esus Ullock“ ist gerade mein Lieblingsfehler. Fehler sind irgendwie kreativ. Nicht unbedingt, wenn man eine Boing 707 fliegen, oder den Fussionsprozess in einem Kernkraftwerk überwachen muss. Aber solche Fehler wie „Esus Ullock“ sind doch stark! Verhörer, Tippfehler, Verleser. Es ist mir egal, was Sigmund Freud dazu sagt. Und auch, was mein Politikprofessor von der PH dazu sagt. Vor meinem Referat über Bismarck hatte er mich mit Blick auf mein Vortragsmanuskript gefragt, ob ich ihm den sagen könne, wie man den Namen „Bismarck“ schreibe? Mit „ck“ oder mit „k“? Das verunsicherte mich. Ich entschied mich für das „k“. „Damit“, hackte der Professor, „haben sie sich ein für alle Mal und für alle Zeiten für das Studium der Politikwissenschaften disqualifiziert!“ Naja. Ich habe die Politik-Prüfung trotzdem bestanden. Und ich weiß jetzt wie man Bismarck schreibt. Und da sieht man: Aus Fehlern kann man tatsächlich lernen.
Beispielsweise, als ich in der neunten Klasse war. Im Geschichteunterricht nahmen wir den Ersten Weltkrieg durch. Und meine unbestechlich maskuline Geschichtslehrerin wollte wissen, welche Gebiete Deutschland nach dem Versailler Vertrag hatte abtreten müssen. Meine Mitschüler hatten keine Ahnung. Ganz besonders der Mädchenschwarm und Fußballstar. Die Geschichtslehrerin zeigte mit dem Stöckchen auf Eupen Malmedy und fragte ihn danach. Er überlegte lange und sagte dann gedehnt fragend: „Läupen-Malochy?“ Ich musste so lachen, dass ich das Klassenzimmer verlassen durfte. Noch heute habe ich als Geschichtslehrer in Klasse 9 oft Mühe an mich zu halten, wenn die Rede auf „Läupen-Malochy“ kommt.
Ein anderes Mal, nach einer großen Wüste in Asien gefragt, fragte er zurück: „Die Wüste Gorbi?“ Woraufhin der nickelbebrillte Erdkundelehrer folgende unsterblichen Worte sprach: „Richtig, und die Karte dieses Trockengebietes ist direkt auf der hohen Stirn des Generalsekretärs der KPdSU abgebildet!“ Erst Jahre später habe ich kapiert, was er gemeint hat und spontan beim Frühstück gelacht.
Und dann noch das: Am oberen Ende der Straße, in der ich aufgewachsen bin steht eine kleine Wallfahrtskirche. Sie heißt „Maria Schray“. Deshalb heißt die Straße „Bei Maria Schray“. „Maria Schray“ ist ein Genitiv. Die Heilige Jungfrau höchstpersönlich rettete nämlich aus der von den Schweden angezündeten Kirche ihr eigenes Abbild. Mit einem lauten Schrei. Mittelalterlich: „Maria Schray“. Irgendwie konnten viele Menschen den Namen dieser Straße nicht richtig erfassen. Am harmlosesten und häufigsten war die Adressierung „Maria-Schray-Straße“. Oft machten die Briefeschreiber aus dem Genitiv einen Imperativ: „Maria schrei!“. Aber am schönsten war die Adressierung an „ Bei Mara Scoporay“. Das fand ich stark. Das hörte sich an, wie eine Figur aus einem Stig-Larson-Roman.
Ich sammle solche Fehler in den Arbeiten meiner Schüler/innen. Und einen kann ich mir nicht verkneifen jetzt noch zu erwähnen. In der Erdkundearbeit einer Kollegin beschriftete ein Schüler den Äquator mit dem wunderschönen Wort „WOSSeL“. Ich mag das Wort. Im privaten Gebrauch heißt der Äquator bei mir seither nur noch WOSSeL.
Grüße: Esus Ullock
Bei Mara Scoporay in
7798 Läupen-Malochy oder der Wüste Gorbi (oberhalb des WOSSeL)

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Die Geschichte zum Lied: Mit Silke im Aufzug (1998)

Silke war, glaube ich dunkelhaarig und bleich. Und ziemlich klein. Sie trug eine Lederjacke und lächelte selten. Wir kannten sie nur vom Sehen und unsere Existenz hat sie, glaube ich, nie wahrgenommen. Aber irgendwie war sie Thema, weil sie im gleichen verfallenen siebzigerjahre Wohnheim wohnte wie Anfred. Und eines Tages erzählte Anfred davon, dass er heute mit Silke im Aufzug gewesen sei. Das gab ein großes Oho und Ahhhh. Wir waren ja lustige junge Menschen. Da machte man sowas.
Am Ende meines Studiums angekommen, fragte ich mich, was aus meinen Berufswünschen geworden war. Und ich kam zu dem Schluss: Ich war bescheiden geworden. Zunächst hatte ich Philosoph werden wollen. Ich stellte mir vor, wie ich in meinem Haus voller Bücher saß und Bedeutendes schrieb. Ab und zu klingelten demütige Prominente an meiner Türe und suchten Rat in Lebensfragen. Ich empfing sie dann in meinem Arbeitszimmer … naja. Jedenfalls wurde mir rasch klar, dass mein Gehirn für Logik, Wittgenstein und dergleichen komplexen Kram nicht geschaffen war. Was nun? Schriftsteller! Gleiche Szenerie, nur jetzt eben nicht Philosoph, sonder Schriftsteller. Aber meine Parallelkarriere als Lokalreporter machte mir klar: Dauernd schreiben? Och nö. Auch nicht. Auch nicht. Ich begann einen komplexen historischen Roman über einen Schreibtisch zu schreiben, der mich schon nach drei Seiten überforderte. Ich verlor sofort den Überblick. Tja. Was nun?
Und da kam Anfred mit der metaphorischen Lösung daher: Vielleicht sollte ich mich mit einem Montag- bis Freitag-Beruf begnügen und mich über mehr so kleine Dinge freuen, statt Ruhm und Ehre anzustreben? Beispielsweise mit Silke im Aufzug gewesen zu sein? Und da war das Lied.
Bei unserem letzten Auftritt im Jahre 1998 spielten wir in der Studentenkneipe Alibi. Wir waren so gut wie nie zuvor. Und wir spielten zwei Lieder, von denen es keine Aufnahme gab. Nur meine Demos. Denn ich hatte sie geschrieben.
„Mit Silke im Aufzug“ war eines dieser Lieder. In der Version von ACH hatte das richtig Druck. Es war Rock’n Roll.
Das Demo ist meine allerletzte Cassettenaufnahme. Danach habe ich niemals wieder etwas auf Cassette aufgenommen. Die Aufnahme ist auch mehr ein Raunen als Musik. Aber historisch betrachtet natürlich wertvoll.
Man hört der Musik dennoch deutlich an: Oasis war angesagt.
Der Text ist ein kleines Schmuckstück. Finde ich.

„Tjaja, ich hatte mal große Pläne,
ich wollt‘ mal Philosoph werden.
Doch dann bin ich älter geworden und
Hab‘ gelernt mich zu bescheiden. Ich
Wollte nur noch Schriftsteller sein, aber
Ich war wohl nicht so gut.
Also hab‘ ich andere Pläne gefasst und die
hab‘ ich eisern verfolgt – ich wollt:
Mit Silke im Aufzug.
Was will man mehr vom Leben?

Neulich beim Fernsehgucken,
ist mir das Bier ausgegangen.
Also wollt ich zu Tankstelle gehen,
um paar neue Flaschen zu holen und
als ich zum Aufzug kam,
da hab ich meinen Augen kaum getraut ich war:
Mit Silke im Aufzug
Was will man mehr vom Leben?“

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„Oh Captain, my Captain!“ Baukasten für einen Lehrerfilm


DER LEHRER
Der Lehrer kommt neu an die Schule. Aber er hat ein Geheimnis. Vielleicht ist er in Wirklichkeit gar kein Lehrer und tut nur so. Aber wir wissen jetzt schon, dass es eine Sache gibt, die er ganz besonders gut kann. Vielleicht Rockmusik machen, vielleicht Einbrüche, vielleicht einfach nur ein verständnisvoller Pädagoge sein.
DER SCHÜLER
Dann ist da dieser Schüler. Er hat ein besonderes Talent. Aber er wird verkannt. Vielleicht von seinen Schülern oder auch den Lehrer drangsaliert. Der neue Lehrer merkt das gleich. Er sieht das Besondere in diesem Schüler.
SCHWIERIGER ANFANG
Der Lehrer hat es erstmal nicht leicht mit seinem neuen Job. Die Schüler machen ihn fertig, die Kollegen sind hämisch, der Rektor droht.
BÖSE KOLLEGEN, BÖSE ELTERN
Ein böser, altbackener Lehrer, vielleicht auch die Schulleitung entwickeln sich zu seinem Gegenspieler. Doch der Lehrer weiß, dass er richtig liegt. Auch die Eltern machen sich Sorgen. Und die Verteidiger des Lehrers sind zu schwach, um sich durchzusetzen.
WENDE: DAS GROßE ZIEL
Inzwischen hat der Lehrer das Herz der Klasse gewonnen. Die Klasse und er sind eine Einheit geworden. Doch die Probleme drohen. Der Lehrer arbeitet mit seiner Klasse auf ein Ereignis zu, ein Konzert, eine Theateraufführung oder sonstwas. Doch ein Schüler ist abtrünnig. Vielleicht war er vorher der Liebling der anderen Lehrer und ist in Ungnade gefallen? Und jetzt sabotiert er das große Ziel. Der bisher unterschätzte Schüler ist inzwischen dank des Lehrers voll erblüht. Doch der böse Schüler eskaliert die Situation. Er hat vielleicht herausgefunden, dass der Lehrer in Wirklichkeit kein Lehrer ist und hat ihn verraten.
BÖSES ENDE/HAPPY END
Jetzt gibt es zwei Möglichkeiten.
Möglichkeit 1: Alle Beteiligten erkennen bei dem großen Ereignis, wie toll es ist, was der Lehrer geleistet hat. Alle gehen positiv verwandelt aus der Sache hervor.
Möglichkeit 2: Es kommt zur Katastrophe. Der total Begabte Schüler wird gedemütigt, läuft weg und stirbt.
Dann der Schluss. Der Lehrer muss gehen, denn die Bösen beschuldigen ihn. Natürlich zu unrecht. Er wird vom Rektor gedemütigt. Doch als er das Schulhaus verlässt, da geben ihm die Schüler ein Zeichen, dass er ihr Leben für immer verändert hat. Sie stehen auf die Schulbank, werfen Papierflieger aus dem Fenster, sie singen, oder sie umarmen ihn einfach und weinen. Und er weint dann auch und geht. Ende.

Diese Lehrerfilme kannst du dir mit dem Baukasten bauen. Wahrscheinlich sind es noch mehr. Club der toten Dichter
Fack ju Göhte
Monsieur Lazar
School of Rock
Die Kinder des Monsieur Mathieu
Dangerous Minds
Das ganz große Spiel
Das fliegende Klassenzimmer

 

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