Eierstock und Wassermann – Wie ich merkte, dass es vorbei war


Die seltsame synthetische Musik, die in der Disco lief, war scheiße. Ein durchgehender Bumm-bumm-Rhythmus. Die Basstrommel wummerte. Nicht die Snare, wie bei richtiger Musik. Ein kraftwerk-artiger Basslauf wiederholte sich endlos. Und eine Computerstimme sagte dazu „Dr Acid, Mr House“. Und so ging das immer weiter. Gummie-Musik, verfluchte ich den DJ in Gedanken. Aber die Tanzfläche wogte wie der Baggersee im Gewitter. Viele der Tänzer hatten sich Smileys auf die Hände oder Arme gemalt. Manche hatten T-Shirts mit Smileys an. Sie trugen runde Sonnenbrillen und Pseudohippieklamotten. Und sie tanzten auch so Stress-Yoga mäßig. Nich so wie ich: Zwei Schritte vor, zwei zurück, die linken Arm runter hängen, in der rechten Hand die Bierflasche. Auch kein Pogo. Sondern Stress-Yoga. Oder Fast-Forward-Eurythmie. Hähä, dachte ich, das muss ich demnächst mal anbringen. „Was soll der Scheiß“, schrie ich Arkus ins Ohr. „Das ist Acid“, schrie er zurück. Ich zog die Augenbrauen hoch. Was für eine Scheißmusik. „Acid“, dachte ich. Acid heißt Säure. Was soll das? Rätselhaft. Aber auch egal irgendwie.
Wir gingen raus auf den Parkplatz und zogen unsere Blue Bowls Flasche aus dem Busch, in dem wir sie versteckt hatten. Oder Curacao, wie die 18 jährige, überaus bewundernswerte Larissa das neulich angeekelt genannt hatte. Man hörte auch hier draußen noch das pulsierende Bummbummbumm. So laut, dass die Duftbäumchen vibrierten, die an den Rückspiegeln der geparkten Autos hingen. „So eine Scheißmusik“, sagte ich und setzte die Likörflasche an. „Das ist total in“, antwortete Arkus und zog mir die Flasche vom Mund. Als er getrunken hatte, erzählte er weiter: „Das sind so DJs, die machen diese Musik, nur so mit Schallplatten und Synthesizer.“ Ich nickte und machte ein geringschätziges Gesicht. DJs? Sowas wie Sven Väth. „Electrica Salsa“, sagte ich. „Baba ba bah“, antwortete Arkus automatisch, „schalt doch mal die Trompeten zu!“

Wir lachten ein bisschen. „Die machen so Parties und tanzen dann 24 Stunden am Stück, steht in der Bravo“, erzählte Arkus weiter. Die Musik müsse mir doch gefallen, sagte er, das sei doch wie Kraftwerk und Kraftwerk fände ich doch gut. „Quatsch“, sagte ich patzig, „das ist doch was ganz anderes, das ist doch scheiße!“ Das ist so Breakdance-Scheiß, dachte ich. Sagte es aber nicht. Arkus hatte das damals gut gefunden. Es war Dezember 1988. Wir waren fünfzehn Jahre alt und mit dem Discobus in unsere Stammdisco gefahren. Mehr als 15 Kilometer. Ich trug meine graue Anzugsjacke, die graue Bundfaltenhose, das grau karierte Hemd und die Tankwartschuhe meines Bruders. Meine Haare waren an der Seite kurz und oben lang. Seitenscheitel. Den Pony konnte ich mir mit einem Kopfrucken aus der Stirn werfen. Arkus hatte blonde Strähnchen und trug knall enge Stonewashed Jeans zu seiner hellgrauen Windjacke mit den vielen Reisverschlüssen. Blue Bowls machte einen auf angenehme Art beschickert. Ich hörte The Cure, die Smiths, Depeche Mode, die Housemartins, seit neuestem die Pixies … und so. Und natürlich die Ärzte, die Toten Hosen und die Goldenen Zitronen. Vor kurzem hatte ich mir „Nevermind the Bollocks“ gekauft. Philip Boa. Die Rolling Stones, die Beatles. Aber auch DAF, Trio, Fehlfarben. Frühe 80er. David Bowie, Soft Cell, Blondie. Und in unserer Disco spielte der DJ das auch immer eine halbe Stunde lang. Und dann tanzte ich. Aber heute war nur Scheißmusik gelaufen. Und anstatt unserer Runde, spielte der DJ diesen Acid-Scheiß.

Drinnen stand die Luft als wir zurück kamen. Mull of Kintyre, dachte ich, oh Mist rolling in from…“ Das Stroboskop durchzuckte den dichten Zigarettenqualm. Jetzt lief „Big fun“ von Inner City. Auch so ein BummBumm-Quatsch.
„Im M-Park spielen sie das auch“, schrie mir der Arkus ins Ohr, „da gibt’s so Typen, die schnallen sich Staubsauger auf den Rücken und die tanzen dann so.“
„Und was soll das?“, schrie ich lustlos zurück. Er zuckte mit den Schultern. „Alles voller Smileys“, schrie er, „dass gehört irgendwie dazu!“
Aber das musste man sich ja echt mal fragen, fand ich.
Soso, dachte ich, sososo. Der Blue Bowls verflüssigte meine Gedanken irgendwie. Aha.
In den Jahren 1984, 1985 und 1986 fragte ich micht oft, wie es sein kann, dass Menschen die aktuelle Chartsmusik nicht gut fanden. Ich beobachtete die blauen LP-Charts und die roten Single-Charts wie der Mäusebussard den Acker. Nichts entging mir.
Aber ab 1987 schlich sich da seltsame Musik ein. Und mein Musikgeschmack veränderte sich schleichend. Nachdem Falcos geniale 1988er Platte „Wiener Blut“ in den Charts verendet war wie ein angeschossenes Reh im Zauberwald oder wie die kleinen Küken in der Wüste bei dem Disney Film „Die Wüste lebt“, da hatte ich genug von den Charts.
Ich meine: Kylie Minogue, dachte ich. Oder BROS! Ich war einfach zu alt für diesen Scheiß. Und jetzt diese Acid-Kacke. S’Express. Puuhhh. Ofra Haza. Meine Güte.

„Eierstock und Wassermann“, schrie ich Arkus ins Ohr. Das war unsere Verballhornung des Produzententeams Stock, Aitken, Waterman, die sich den Kylie-Minogue-Quatsch am Fließband ausdachten. Uncool synthetisch, fand ich. Wenn auch interessant moduliert, schwammen meine Gedanken auf Blue Bowls ziellos durch mein Gehirn.
Zurück auf dem Parkplatz beamten wir noch ein bisschen Blue Bowls durch unsere Kehlen. Das war wunderbar. Alles wurde irgendwie blauer. Und Blau ist ja bekanntlich eine beruhigende Farbe.

Arkus sang bei dem Lied mit, das jetzt lief. Aber er hatte einen anderen Text irgendwie. „Baby, don’t forget my Number, ‚cause I have the Tripper…“ Dann lachte er gackernd. Ich dachte an das Bealtes-Lied „Day Tripper“. Das war noch Musik gewesen, dachte ich willenlos.
„Weißt du“, sagte ich zu Arkus, „die Charts und ich…“
„B-B-Baby“, gröhlte Arkus.
„Die Charts und ich…“, begann ich nochmal. Dann hatte ich den Faden verloren. Was meinte er damit? ‚Cause I have the Tripper?
„Scheiße“, sagte Arkus und schwankte wie die Eiche im Herbstwind beim Versuch seine Digitaluhr zu fixieren, „wir haben den Discobus verpasst.“
Der Blue Bowls war fast leer.
„Scheißegal“, sang es aus mir heraus, „scheißegal und noch-a-mal …“
„Scheißegal!“, fiel Arkus mit ein und schmetterte die leere Bowls-Flasche auf den Boden, dass die Scherben stoben wie die Splitter im blauen Palast der Eiskönigin.
Ein alter Dieselmercedes fuhr ganz langsam an uns vorbei. Arkus winkte ihm zu und machte den Tramperdaumen. Die Karre stoppte tatsächlich und machte dieses typische Dieselnagel-Geräusch. Und auch den typischen Heizölgestank. Der Fahrer kurbelte die Scheibe runter. Ein dürrer Typ mit Zigarette im Mund. Er hatte kurze, bunte Haare.
„Wo müsst ihr hin?“, fragte er. Wir sagten es ihm.
„Liegt auf meinem Weg“, meinte er und zog die Beifahrertüre auf.
Eben, dachte ich, alles kein Problem. Irgendwie geht’s immer weiter. Hollari und hollaro, dachte ich zur Melodie von „Horch was kommt von draußen rein“.
Arkus rappte auf dem Rücksitz noch ein bisschen „Baby, don’t forget my Number“, während ich erhebliche Schwierigkeiten mit dem Gurt hatte. Das war doch sonst nicht so kompliziert?
Jetzt erst merkte ich, dass der Fahrer eine Ratte auf der Schulter sitzen hatte.
„Huch“, sagte ich, „Ratte!“
„Das ist Bini“, meinte der Typ toternst. Und dann erfuhren Arkus und ich eine ganze Menge über Ratten an sich und ihre Haltung im Besonderen.
Weil mir etwas schwindelig war, wurde ich zunehmend wortkarg und irgendwie hatte ich den Verdacht, dass das Geräusch, das Arkus auf dem Rücksitz machte, ein Schnarchen war.
Weil keiner mehr etwas sagte, drückte der Typ eine Cassette ins Autoradio.
„Dr Acid, Mr House“, schepperte es aus den Boxen.
„Och nööö“, nöhlte ich durch den blauen Bowls-Dunst, „mach den Scheiß aus.“
„Alter“, sagte der Typ, „das ist Acid House, das ist der heißeste Scheiß am Platz.“
„Genau, Scheiß“, sagte ich schlecht gelaunt.
„Ohne Witz“, die machen da so Parties, da fressen die haufenweise Pillen und tanzen dann 24 Stunden durch…“
„Komm, he, das ist doch voll …“ versuchte ich ihn zu unterbrechen, aber er hörte nicht zu.
„… und danach wälzen sie sich am Boden und ficken in ihrer eigenen Scheiße.“
„Quatsch“, sagte ich irritiert über seinen Begriff für Geschlechtsverkehr. Und was meinte er mit Pillen? Kopfweh und so?
„Das ist doch voll die Stock, Aitken, Waterman Kacke“, sagte ich trotzig.
Er schaute mich irritiert an.
„Bini“, sagte er zu seiner Ratte, „das Arschloch hat keine Ahnung.“
Dann drehte er sich zu  mir: „Wer Kevin Saunderson und Stock, Aitkin, Waterman in einen Topf wirft, der kann bei uns nicht mitfahren.“
„Eierstock und Wasserman“, sagte ich.
„Baby“, schrie der soeben aufgewachte Arkus von hinten, „I have the Tripper!“
Der Typ fuhr rechts ran, beugte sich an mir vorbei zum Türgriff und öffnete.
„Raus“, sagte er giftig.
Dann standen Arkus und ich am Straßenrand. Es waren noch zehn Kilometer bis nach Hause. Es regnete und ich war in eine Pfütze getreten. Meine Füße waren nass. Es war stockdunkel.
„Arschloch“, schrie der Arkus den in der düsteren Nacht verschwindenden Rücklichtern des Mercedes hinterher, „don’t forget my Number!“
„‚Cause I have the Tripper“, sagte ich.
„Scheiß Acid“, grinste der Arkus.
„Stimmt“, grinste ich zurück, „lieber laufen, als diese Scheißmusik anhören.“
„Ich find das gar nicht so schlecht“, meinte er, „ist aber Arschlochmusik.“
Wir gingen die zehn Kilometer zu Fuß.
Und da war mir klar: Es war vorbei. Chartmusik und ich. Es war vorbei. Einfach vorbei.
„Die Chartmusik und ich gehen ab jetzt getrennte Wege“, sagte ich zu Arkus.
„Scheißegal“, sagte er, „don’t forget my Number!“
Ja, wir werden trotzdem ein Good Life und Big fun haben. Wahrscheinlich.

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Schrödern und Mayervorfeldern

„Manchmal“, sagt ein älterer Kollege, „stelle ich mir das Büro von Frau Eisenmann vor.“ Bestimmt, meint er, habe sie ein gerahmtes Foto von Gerhard Schröder an der Wand hängen. Und unter dem grinsenden Ex-Kanzler, stelle er sich vor, stehe ein berühmtes Zitat von Schröder: „Ihr wisst doch ganz genau, was das für faule Säcke sind.“ Das hatte der SPD-Kanzler mal über Lehrer gesagt.
„Und das findet Susanne Eisenmann anscheinend auch“, lacht er. Denn Lehrer mit Teilzeitlehraufträgen müssten sich ja jetzt auf eine „härtere Ansprache“ einstellen. Es werde „zum Teil unangenehme Gespräche“ geben. Das hatte sie einer großen Tageszeitung gesagt. Und die armen Lehrer, die als Fremdevaluatoren gearbeitet haben, will sie auch wieder in den Schuldienst schicken.
„Wahrscheinlich“, sagt der Kollege, „bekommen die Schulleitungen jetzt Fortbildungen mit dem Titel „Das perfekte unangenehme Kollegen-Gespräch“, oder so!“ Genau, denke ich. Als ich noch Fachberater war, da wurden uns immer Reisen in die Schweiz angeboten. Dort sollten wir bei Andreas Müller am Institut Beatenberg lernen wie man so richtig toll differenziert. „Best Practice“ hieß das. Oder in DDR-Sprech: Vom Institut Beatenberg lernen, heißt siegen lernen.
„Da kriegen die Schulleiter eine „Best Practice“-Reise nach Guantanamo.“ Wir lachen. „Und dann üben sie das im Rollenspiel mit Mitarbeitern vom BND“, lacht er, „Lampe ins Gesicht und unterschwellig drohende Fragen stellen.“
Das alles erinnere ihn ein bisschen an die Zeit, als Gerhard Mayer-Vorfelder noch Kultusminister gewesen sei, meint der Kollege. „Das war keine einfache Zeit, das kann ich dir sagen“, sagt er Kopf schüttelnd. Der habe die Lehrer als seine „Lieblingsfeinde“ bezeichnet. „Auch schön“, freue ich mich. Und zu einem Lehrer, der ihm in löchrigen Jeans und in Turnschuhen die Probleme der Landespolitik erklärt habe, habe er gesagt: „Das einzige Problem der Landespolitik ist, dass wir Leute wie sie auf der Lohnliste haben!“ Da muss ich lachen. „Ein hervorragendes Beispiel für „harte Ansprache“ und „unangenehmes Gespräch“, lachte ich, „den kann sich Frau Eisenmann gleich neben den Schröder hängen.“
Ich erzähle, dass ich mal zu Besuch im Kultusministerium war. Da habe ich gesehen, dass dort in der Touretstraße fast ein halbes Stockwerk nur mit Büros der Fremdevaluation besetzt war. Die andere Hälfte des Stockwerks war mit dem Profil AC besetzt.
„Das steht jetzt alles leer, wenn die wieder unterrichten müssen“, sagt der Kollege. Ich habe eine Idee. „Dort könnte die Abteilung für „harte Ansprache“ einziehen.“ Diese hätte dann zwei Aufgaben, überlege ich. „Die Abteilung „Schrödern“ wäre für Lehrerbashing zuständig“, erkläre ich, „da würde den Schulleitern vermittelt werden, ihre Kollegen als faule Säcke zu sehen.“ Teilzeitlehrauftrage? Faulheit! Lehrkraftzersetzung! In der anderen Abteilung würde dann „Gemayervorfeldert“. „Das sind rhetorische Strategien, die man als Schulleiter/in bei der „harten Ansprache“ in „unangenehmen Gesprächen“ anwenden kann“, erkläre ich.
Dann Schweigen wir und trinken ein bisschen Kaffee. Muss ja auch.
„Ja, aber wie rechtfertigt man das alles?“, will der Kollege wissen. Wir trinken Kaffee. Und schweigen. Muss ja auch mal sein.
„Wer ist eigentlich schuld am Lehrermangel“, frage ich den Kollegen. Der zuckt die Schultern. „Die Lehrer natürlich, die arbeiten einfach nicht genug“, antwortet der. „Jetzt hast du mich ganz schön gemayervorfeldert“, lache ich.

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Lehrer_Innen-Hass


Ich wurde „Arschloch“ genannt. Auf Twitter. Weil ich behauptet habe, es gäbe in der Fernsehserie „Fringe“ keine direkten Anspielungen auf die Verfilmung von Michael Endes „Momo“. Da denkt man sich erst mal: Wegen was? Typisch soziale Medien! Da beschimpfen sich zwei anonym im Netz rumposaunende Typen in enthemmter Anonymität. Wegen Nullinger. Aber so war es gar nicht. Es war wesentlich vielschichtiger. Ich hatte folgendes geschrieben: „Habe gerade nachgelesen. Ganz schon komplex! Aber kein direkter intertextueller Verweis auf Momo.“ Das Wort intertextuell war mir wichtig. Ich wollte ein bisschen mit meiner Belesenheit angeben. Und dann mischte sich ein weiterer Twitterer in das Gespräch ein. Und zwar einer, der einen hochintellektuellen Podcast betreibt. Mit Literaturangaben und klugen Wörtern noch und nöcher. Ein interessanter Typ. Und der trug jetzt also das Folgende zu unserem Gespräch bei: „Der Lehrer hat gesprochen.“ Er meinte mich. Und dann: „Heb Dir die Einteilung in richtig und falsch für die Schule auf Du Arschloch.“ Welche Einteilung von richtig und falsch, fragte ich mich? Darum hakte ich bei dem zornigen Twitterer nach. Wie es sich für einen Intellektuellen gehört, antwortete er auch prompt: „Implizit, indem Du unterstellt hast, es handele sich nicht um einen intertextuellen Verweis auf Momo. Diese Aussage ist nicht logisch, wenn sich die Frage, ob es einen intertextuellen Verweis auf Momo gibt oder nicht, nicht ohne Festlegung beantworten lässt. Diese Festlegung ist eine Setzung die richtig von falsch unterscheidbar macht.Weniger enerviert wäre ich von der Formulierung gewesen, dass aus Deiner Sichtweise kein intertextueller Verweis auf Momo vorliegt.“ Eine Stilfrage, dachte ich. Irgendwie fand ich es gut, dass sich jemand so stark für einen sauberen Diskussionsstil einsetzt. Auch wenn er sich dabei, sagen wir, im Ton vergreift. Ein anderer Twitterer sprang mir bei. Er verlangte von dem zornigen Intellektuellen eine Entschuldigung. Man sollte die sozialen Medien da nicht unterschätzen, dachte ich. Und prompt kam eine Entschuldigung: „Dennoch möchte ich mich entschuldigen.“ Aber je länger ich darüber nachdachte, desto unangemesser kam mir die Art der Zurechtweisung vor. Bei einer angenehm trivial dahin plätschernden nichtig-popkulturellen Diskussion über „Momo“ und eine amerikanische Fernsehserie (!) wird einer ohne Vorwarnung ausfällig. Die Ursache schob er der Twitterer schließlich noch nach: „So verhalte ich mich ausschließlich Lehrer_Innen gegenüber.“ Einer der auf Twitter gendert (Lehrer_Innen) und semantische Satz-Analysen vornimmt, gesteht, dass er gegenüber Lehrer_Innen immer ausfällig wird. Geschlechtergerechtigkeit ja, Lehrergerechtigkeit nein? Das fand ich schockierend. Ich war Opfer einer Form von gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit geworden. Es ging nicht um mich. Es ging um ein Vorurteil. Ich wurde nicht als Ens Oeser gesehen, der gern den billigst-naheliegenden Witz macht und am liebsten über popkulturelle Nichtigkeiten schwadroniert. Sondern als Lehrer im Allgemeinen. So wie man über DIE Flüchtlinge, DIE Frauen oder DIE Politiker spricht. Der zorinige Intellektuelle unterstelle mir lehrerhafte Rechthaberei. Er drückte mir so eine Art geistigen Rotstift in die Hand. Meine Güte, dachte ich, das ist krass. Lehrerhass und Lehrerspott sind allgemein anerkannt. Damit bin ich  oft konfrontiert. Lehrer sind faul, Lehrer haben dauernd Ferien und der ganze Blabla-Quatsch. Es ist ein Stereotyp, gegen den nichts auszurichten ist. Auf Jetzt.de ist ein kluger Artikel zu diesem Thema erschienen. Die Autorin Nadja Schlüter führt darin 5 Gründe für den Lehrerhass auf:

  1. Jeder kennt Lehrer und glaubt deshalb über sie Bescheid zu wissen. An was erinnert man sich aus der eigenen Schulzeit? Natürlich an die schlimmen Lehrer.
  2. Die Erwartungen an die Lehrer sind zu groß. Das kenne ich auch von Adorno. Das Kind setzt so große Erwartungen in die Allwissenheit und Allmacht des Lehrers, dass es nur enttäuscht werden kann. Ein pädaogogischer Ödipus-Komplex?
  3. Lehrer sind tatsächlich überfordert. Nicht mit zu viel Arbeit, sondern mit „Beziehungsproblemen“ bei aufmüpfigen Klassen, schwierigen Schülern, schwierigen Eltern und anstrengenden Kollegen.
  4. Das Beamtentum ansich hat einen schlechten Ruf.
  5. Und: Keiner weiß, was Lehrer tatsächlich machen. Manchmal, direkt nach einer Klassenarbeit fragen Schüler: „Und wie ist die Arbeit ausgefallen?“ Und wenn ich dann sage: „Bevor ich darauf antworte, sollte ich sie erst korrigieren“ gucken mich die Kinder irritiert an.

Gefoppt worden wegen meines Berufes bin ich schon oft. Das ist aber auch immer ein bisschen liebevoll-nachsichtig. Aber ernst gemeint auf einen miesen Lehrerwitz reduziert zu werden, das ist mir noch selten passiert. „Lehrer kriegen von vielen Seiten Prügel„, hat ja erst jüngst der Ex-Lehrer Winfried Kretschmann geäußert.
Auch der selige Intellektuellen-Säulenheilige Adorno hat sich klug und ausführlich über Lehrer ausgelassen. Der Lehrerberuf werde von der Gesellschaft nicht ernst genommen, fand er. Seltsamerweise gäbe es sogar bei Lehramt-Studenten einen unerklärlichen Widerwillen gegen den eigenen künftigen Beruf. Diese Verachtung, glaubte Adorno, habe ihre Wurzeln noch in der feudalen Gesellschaft. Sie entspringe dem Ressentiment des Kriegers gegenüber dem Hauslehrer. Der Lehrer galt als besserer Diener. Der Bourgeois aber bevorzugte Juristen und Ärzte, weil sie nicht der sorglos versorgten Beamtenhierarchie angehörten. Wie echte Männer setzen sie sich dem freien Konkurrenzmechanismus des Marktes aus.
Lehrern wird gerne manische Besserwisserei unterstellt. Der Lehrer ist einer, der einen ständig belehrt. Und es scheint für viele Menschen ein Zeichen des Erwachsenwerdens zu sein, sich von der angeblichen Besserwisserei der Lehrer zu emanzipieren. Der, der früher alles besser wusste, wird jetzt klein gemacht und bezwungen. Ist das so eine Art pädagogischer Ödipuskomplex (polýplokes ekpaideftikés Oidípous)?
Eventuell hat der Hass auch damit zu tun, dass angenommen wird, wir lebten in einer Wissensgesellschaft. Und die hat das Konzept „Autorität“ insgesamt ins Wanken gebracht. Der Soziologe Armin Nassehi sieht das so: „Autorität ist allgemein in einer Krise – und manche Respektlosigkeiten von Schülern werden an den Elternsprechtagen  verständlicher, weil dann die Vorbilder der lieben Kleinen kommen. Es gibt dafür viele Gründe – einer unter vielen anderen ist, dass Autorität durchaus ein kritikwürdiges Konzept geworden ist. Im Klartext: Wer als Lehrer womöglich beigebracht bekommt, dass kommunikative Verflüssigung, Überzeugung und Innenleitung besser ist als eine bestimmte Form von Autorität, wird diese kaum einsetzen können, wenn es drauf ankommt. Das ist kein Plädoyer für einen autoritären Stil – im Gegenteil. Es ist ein Plädoyer dafür, dass man Lehrerinnen und Lehrer mit der Autorität des Entscheidens, der Durchsetzung von Standards, auch des produktiven Einsatzes von Asymmetrie ausstattet. Dazu bedarf es aber politischer, pädagogischer und organisatorischer Rückendeckung.“
In der bitteren Komödie „Frau Müller muss weg“ wird noch ein weiterer Grund für Lehrerhass angedeutet. Für manche Eltern sind Kinder vor allem ein prestige-trächtiges Projekt. Und kein Lehrer sollte es wagen, sich bei diesem Projekt quer zu stellen.
Tja und zu guter Letzt. Eventuell wäre es tatsächlich möglich, dass manche Lehrer_Innen Arschlöcher sind. Aber , wer weiß das schon von sich selber? Und wer glaubt es, wenn es einem gesagt wird? Außer vielleicht Christian der Nominator. Aber den kennt doch kein Mensch mehr.

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11 Fragen an den Musikjournalismus

Die Musikpresse kommt mir manchmal vor wie GALA oder BUNTE mit Musikschwerpunkt. Und weil ich keine Lust mehr habe, mich selber zu fragen, woran das liegt, frage ich jetzt einfach die Musikpresse selber.

  1. Ist mystifizierende Heldenverehrung nötig? #Geniekult
  2. Warum müssen Anti-Helden so schlimm geprügelt werden? (z.B. Modern Talking…)
  3. Sind typische musikjournalistische Stil-Schrullen zwingend? („Die Herren Gallagher…“)
  4. Gehört die mystifizierend-bewundernde Verharmlosung von Drogenkonsum bei der Musikproduktion zwingend dazu?
  5. Ist das Ausschlachten trauriger und normaler Todesfälle wirklich nötig? (Chris Cornell kenne ich erst seit seinem traurigen Tod)
  6. Ist Ehegatten-Bashing überhaupt noch Musikjournalismus (Yoko Ono, Courtney Love, Linda McCartney…)
  7. Wozu brauche ich die 10 besten Songs von Prince und die 1000 besten David Bowie Videos?
  8. Kann man Musikkritik an Maßstäben ausrichten, die nicht subjektiv bewerten, sondern intersubjektiv beschreiben? Meinung ja. Verriss nein.
  9. Wie soll man mit den Meinungen von Musikern umgehen? (Xavier Naidoo…)
  10. Ist Musikpresse soetwas wie der Kicker für Musikfans? Also für Fans?
  11. Wenn Musikerinnen sich ausziehen, muss ich dann in der Musikpresse darüber informiert werden?

Welchen Anspruch hat der Musikjournalismus? Dass man als Musikjournalist eine Meinung hat ist klar. Aber mit welchem journalistischen Ethos mache ich mich an meine Texte?

Vor über einem Jahr wurde von Zündfunk ein Artikel mit dem Titel Musikjournalismus 2016 veröffentlich. Er enthalt 13 Fragen an den Musikjournalismus. Diese waren Auslöser dieses Textes.

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Lernen von Han Solo

Ich habe Kollegen, die sind unter dreißig Jahre alt. Die sind ganz anders popkulturell sozialisiert als ich. Sie sagen „Star Wars“ statt „Krieg der Sterne“. Und sie finden das ernsthaft gut. Rätselhaft.
Neulich habe ich in der großen Pause erzählt, dass ich einen Artikel über einen Lehrer-Roboter gelesen habe. Er heißt Nao und ist angeblich in über 7000 Schulen bereits im Einsatz. Er sieht sehr niedlich aus, beherrscht 19 Sprachen und verändert die Farbe seiner Augen, um damit Empfindungen auszudrücken. Aber das ist noch nicht alles! Er kann auch die Empfindungen der Kinder in ihren Gesichtern ablesen. Und je nach Gesichtsausdruck, motiviert er die Kinder mit einer passenden Ermuterung zum Weiterlernen. Die Wissenschaftler, die den Roboter gebaut haben, glauben sogar herausgefunden zu haben, dass die Kinder auf Kritik von dem Roboter besser reagieren, als auf die von einem menschlichen Lehrer.
„Was sind das für Leute, diese Wissenschaftler“, beschwerte sich ein junger Kollege, „was haben die denn für ein Bild vom Lehrerberuf?“ Das fragte ich mich auch und nickte. „Die stellen sich vor, dass Lehrer so eine Art C3PO sind“, erklärte er. C3PO, erinnerte ich mich, ist der goldene, dauerjammernde Roboter aus den Star-Wars-Filmen. Vom Typ her zwischen Butler und verwirrtem Wissenschafter. C3PO geht immer davon aus, dass alles schief gehen wird. Also eher der Typ Gymnasiallehrkraft.
„Was würde dieser C3PO-Verschnitt denn machen, wenn ihm ein Schüler blöd kommt?“, ereiferte sich der junge Mensch mit hochgezogenen Augenbrauen. Er imitierte die unbeholfenen Bewegungen des Roboters uns stotterte: „Herr Rektor, Herr Rektor, der Schüler hat gesagt, dass ich ihn mal kann, ohjeh, ohjeh, was nun?“
Aber Lehrer, trumpfte der Kollge jetzt auf, seien nicht wie C3PO! Er macht eine kleine, spannungssteigernde Pause. „Lehrer sind eher wie Han Solo!“
„Genau!“, rief ich begeistert. Das war doch mal ein Vergleich. Han Solo ist Schmuggler. Da er sämtlich Ganoven der gesamten Galaxis schon mal übers Ohr gehauen hat, ist er ständig. Umzingelt von Inkasso-Killern sagt Han Solo oft Sätze wie: „Ich verspreche dir, dass du dein Geld auf jeden Fall kriegst.“ Dabei sucht er mit flinken Augen schon den nächsten Fluchtweg. Han Solo hat tausend Ausreden auf Lager. Aber er weiß dabei immer, dass er nur so lange reden muss, bis ihm irgend ein anderer Ausweg einfällt.  Kein Held. Ein Überlebenskünstler.
Genau wie die Lehrer. Notenabgabetermine („Du kriegst die Noten morgen, spätestens übermorgen…“), verschleppte Korrekturen („Ach Kinder, jetzt hab ich die Arbeiten auf dem Schreibtisch liegen lassen…“), verpasste Konferenzen („Gestern? Eine Konferenz? Das tut mir leid, das hab ich wohl vergessen…“), Elterngespräche („Nein, wirklich, sie hat große Fortschritte gemacht, seit wir das letzte mal zusammen gesessen haben, allerdings …“).
„Stimmt“, sage ich zu dem Kollegen, „aber diesen C3PO-Nao könnte ich trotzdem auch gut brauchen.“ Der Kollege macht ein Hä?-Gesicht. „Ich unterrichte“, sage ich, „und der korrigiert für mich, füllt die Reisekosten aus, führt schwierige Elterngespräche und zeigt den Eltern durch seine Augenfarbe Empfindungen an oder steht bei den Bundesjugendspielen an der Sprunggrube – wär doch super!“
Da lacht der junge Kollege. „Möge die Macht und so!“, kichert er.

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Das Lehrer-Gen

Im ersten Semester meines Studiums an der PH saß ich in einer Veranstaltung mit dem Titel „Horrorjob Lehrer?“ Der Dozent war ein Psychologe. „Wenn ihre Eltern Lehrer sind“, sagte er freundlich, „dann heben sie doch bitte jetzt die Hand!“ Über die Hälfe der Teilnehmer meldeten sich. „Sehen sie“, meinte der Psychologe und schaute sich grinsend um, „Lehrer ist kein Beruf, Lehrer ist eine Erbkrankheit.“
Wir lachten höflich und auch ein bisschen verstört. Was wollte der Mann uns sagen?
Mein Vater war nämlich Schreiner. Und manchmal, wenn ich als Schüler gerade Ferien hatte, da meinte er, dass er vielleicht doch hätte Lehrer werden sollen. Aber sein Vater, also mein Großvater, war tatsächlich Lehrer. Der erste Lehrer der Familie. Vorher waren sie alle Bäcker gewesen.
„Manchmal“, fuhr der Dozent fort, „überspringt das Lehrergen auch eine Generation.“
Bis zu dieser Veranstaltung hatte ich gedacht, ich sei aus freiem Willen Lehrer geworden. Und jetzt sagte mir dieser intellektuelle Turnschuh- und Goldkettchen-Psychologe, dass ich ein Lehrer-Gen in mir trage. Irgendwie fand ich das demütigend.
Denn während meiner Schulzeit war ich mir ziemlich sicher gewesen, dass ich Rockstar werden würde. Einen Plan, den ich auch als junger Erwachsener und Student noch nicht so richtig aufgegeben hatte. Rockstar hatte viel mehr Glamour als Lehrer. Im Laufe meines Studiums kamen aber noch andere Berufsideen dazu. Hauptsächlich die, ein wichtiger Intellektueller zu werden. Als Philosoph beispielsweise. Oder als Schriftsteller. Oder als freier Mitarbeiter des Lokalteils meines Heimatortes. Und immerhin diesen Teil konnte ich umsetzen. Ich ging als Reporter zum AWO-Altennachmittag, zum Gurkenfest in der Kleingartenanlage, zur Jahreshauptversammlung der CB-Funker und zum jährlichen Theaterstück der Dorffeuerwehr. Es war toll. Aber so richtig Journalist werden wollte ich dann doch nicht. Stattdessen wurde ich wie von magischer Hand geleitet zum Lehrer. Aber an die Sache mit der Lehrer-Gen glaubte ich trotzdem nicht.
Jetzt war ich neulich beim Klassentreffen meiner Abiturklasse. Mein Abi ist 25 Jahre her. Viele meiner damaligen Mitschüler habe ich tatsächlich 25 Jahre lang nicht gesehen. Deswegen war ich richtig aufgeregt.
Ich kam als letzter an. Sie standen alle schon vor der Wirtschaft. Als sie mich sahen, gab es ein großes „Hallo“. Das war mir ein bisschen peinlich. Damals, nach dem Abiball, hatte sie mir alle eine große Zukunft als Schauspieler prophezeit. Ich hatte beim Abifest einen kleinen Auftritt, bei dem ich unsere Lehrer imitiert hatte.
Jetzt also standen sie mir gegenüber und musterten mich. „Nein“, rief Mike mit dem ich auch bei der Bundeswehr gewesen war, „sag nichts, ich weiß, was du jetzt machst…“ Jetzt würde er sagen, dass ich wie ein „Philosoph“ oder „Journalist“ aussah. Jedenfalls hoffte ich das. Gleichzeitig ärgerte ich mich darüber, dass ich die doofe Fleece-Jacke, das karierte Hemd, die Jeans und die Treckingschuhe angezogen hatte. „Zugelegt hast du auch“, raunte Mike, während die anderen gespannt auf seine Deduktion warteten. Dann lächelte er wissend.
„Du bist Lehrer“, rief er, „stimmts?“ Als ich augenrollend nickte, brach fröhlicher Jubel los. Irgendjemand rief „War ja klar!“
Nicht zu fassen! Jetzt sieht man mir das schon an. Das muss das bescheuerte Lehrer-Gen sein, dachte ich verzagt. Und für ein paar Stunden glaubte ich nicht mehr an den freien Willen.
Später am Abend erzählte mir Mike, dass er schon vorher gewusst habe, dass ich Lehrer geworden sei. Aber, versicherte er mir, er hätte es auch so erraten. „Hey“, rief er und schwenkte sein Weizenglas, „du siehst so derart nach Lehrer aus!“ Ich glaubte ihm kein Wort.

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„Wir wählen die Pädagogische Freiheit!“

„Der Mensch ist zur Freiheit verurteilt“, rief einst der französische Philosoph Jean-Paul Sartre. Nicht aber der Lehrer. „Es ist gerichtlich bestätigt, dass es keine pädagogische Freiheit als subjektives Recht gibt.“ Das hat Kultusministerin Susanne Eisenmann gesagt. Wir Pädagogen in Baden-Württemberg sind zur Verantwortung verurteilt. Ein Schulleiter, dessen Name hier nicht genannt werden soll, sagt das gerne noch expliziter: „Es gibt keine pädagogische Freiheit, Punkt!“ Davon stehe nämlich nichts im Schulgesetz. Da sei nur die Rede von „unmittelbarer pädagogischer Verantwortung.“ Vielleicht liegt das an der „Furcht vor der Freiheit“, die der linke Sozialwissenschaftler Erich Fromm einst der autoritären Persönlichkeit attestierte? Und Minister und Rektoren sind ja wohl Autoritäten, oder?
Mit dem Schulleiter, dessen Name hier nicht genannt werden soll und der nicht der Schulleiter meiner Schule ist, habe ich mal darüber diskutiert. Und da war ich froh, dass ich beim Studium an der PH gut aufgepasst habe. Verantwortung, habe ich gesagt, setze immer Freiheit voraus.
„Pädagogische Freiheit“! Das klingt doch total kreativ, wild und frei. Als wäre der Lehrer ein Künstler. In Baden-Württemberg herrscht akuter Lehrermangel. Und das Kultusministerium druckt doch immer so schöne Prospekte mit Fotos von Lehrern, die auf Metaplankarten zeigen. Wenn da jetzt drunter stehen würde „Werde Lehrer! Genieße deine pädagogische Freiheit!“, die jungen Leute würden an den Pädagogischen Hochschulen die Türen einrennen. Liberte toujour!
Man kann aber auch einen verkniffenen Typen mit Peter-Hauk-Brille beim Korrigieren von Rechtschreibfehlern abbilden und drunter in goldenen Lettern folgendes Zitat von Susanne Eisenmann abdrucken: „Wir legen landeseinheitliche Zielsetzungen fest, sei es im Bildungsplan, durch Erlasse oder Verwaltungsvorschriften. Das ist rechtlich völlig unbestritten. Bei der Umsetzung im Einzelnen vertrauen wir den Lehrern.“ Bürokrat toujour! Man wünscht sich ja fast schon die FDP zurück. Die hatten immerhin noch Freiheit im Programm.
Der Schulleiter sagt immer, dass ihm die Lehrer am liebsten seien, die er gar nicht wahrnehme. Mit denen habe er nämlich keinen Stress. Die täten einfach das, was sie sollen. So ähnlich sieht Susanne Eisenmann das bestimmt auch.
Ich habe dem Schulleiter dazu folgendes gesagt: Ich finde, dass Lehrer ein kreativer Handwerksberuf ist. Wir sind Performance-Künstler. Jede Woche von Montag bis Freitag. Mit einem kritischen Publikum. Und den Eltern vom Publikum müssen wir es auch noch recht machen. Pädagogische Freiheit ist so etwas wie künstlerische Freiheit. Der Sozialistische Realismus war eine ziemlich langweilige, staatlich gelenkte Kunst. Picasso war wild und frei. Kunst braucht Freiheit! Ich glaube Frau Eisenmann stellt sich in ihren Schulen so eine Art Eisenmann’schen pädagogischen Realismus vor. Ich bin dagegen.

Freiheit first! – Manifest für Pädagogische Freiheit
Liebe Frau Eisenmann! Um mal Ihren Chef, den Ministerpräsidenten Kretschmann zu zitieren: „Dieses ständige Gemotze muss aufhören!“ Ihr ehemaliger Chef-Chef, der Ex-Bundespräsident Gauck hat in Philosophie auch gut aufgepasst. Er hat nämlich gesagt: „Freiheit heißt Verantwortung.“
In Hessen beispielsweise, da orientieren sie sich am gauck’schen Freiheits-Axiom. Da steht im Schulgesetz: „Die Lehrkräfte erziehen, unterrichten, beraten und betreuen in eigener Verantwortung und pädagogischer Freiheit …“ In Baden-Württemberg dagegen: Wir können alles, außer Hessisch!
Frau Eisenmann, Sie verletzen meine Gefühle. Ich bin ein empfindsamer, einfühlsamer pädagogischer Kunsthandwerker. Sie sind doch jetzt Vorsitzende der Kultusministerkonfernz. Fragen Sie doch beim nächsten Treffen ihren hessischen Kollegen Alexander Lorz, wie man das macht mit der Pädagogischen Freiheit.
Anerkennung steigert die Arbeitskraft. Muss ich Ihnen ja nicht sagen. „Madam, gewähren sie pädagogische Freiheit!“ Das würde uns Lehrer glücklich machen.

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