„Hallo, ich bin ein Gegenstand, ich liege hier, gewöhn dich dran!“

Mein Vater war gesegnet mit einem feinen Humor. Das war sein Glück, denn ich wüsste nicht, wie er sonst unbeschadet meine Kindheit und Jugend überstanden hätte. Ordnung war ein stetes Konfliktfeld zwischen mir und meiner Mutter. Und als die Dinge wieder einmal eskalierten, da erklärte mein Vater mir Folgendes: „Wenn ein Gegenstand auf dem Boden liegt, und wenn klar ist, er gehört dort nicht hin, dann spricht er zu dir.“ Ich verdrehte die Augen. „Normalerweise sagt der Gegenstand: Bitte räume mich an meinen Platz, dort gehöre ich hin!“ Ich verdrehte nochmal die Augen. „Aber du hörst den Gegenständen nicht richtig zu, lieber Ens, du hörst nämlich: Hallo, ich bin ein Gegenstand, ich liege jetzt hier, also gewöhn dich schon mal dran, denn das ist jetzt mein Platz!“ Meine Schwester lachte laut. Ich verdrehte wieder die Augen. Klar lachte sie laut. Meine Schwester war derart ordentlich, dass man es nicht aushalten konnte.
Komischerweise hat sich das mit den rufenden Gegenständen, an die ich mich gewöhnen soll, tief in meinem Gehirn festgesetzt. Lange habe ich darüber philosophiert, ob das eventuell eine alternative Form der Ordnung sein könnte. Diesen Vorschlag brachte ich als Jugendlicher einmal bei meiner Mutter an. Sie lachte laut und äußerte sich in ihrer stets sehr direkten Art so: „Kerle, des ich koi Alternative, des isch a elendige Saurei!“
Jetzt bin ich Lehrer. Und ich gestehe: Mein Vater hatte recht. Die Gegenstände sprechen. Man muss nur genau hinhören. In allen Lehrkräftezimmern, die ich in meinen bisherigen Schulen kennen gelernt habe, gibt es diese herrenlosen Papier- und Bücherstapel, die merkwürdiger Weise selbständig von Ort zu Ort zu wandern scheinen. Mal sind sie hier, mal sind sie dort. Wenn man genau hinhört, rufen sie mit dünnem Stimmchen: „Ich bin eine nomadische Lehrkräftezimmer-Papierdüne, schieb mich an deinen Nachbarplatz, denn wandern ist meine Bestimmung!“
In den Klassenzimmern dagegen ist es anders. Aufgeräumte Klassenzimmer sind auf jeden Fall ein herrlicher Anblick. Sie strahlen die Lehrkraft an und sagen mit fester Stimme: „Genieße meine Schönheit, denn meine Ordnung, ist die Ordnung im Kopf deiner Schüler/innen.“
Allerdings habe ich die Erfahrung gemacht, dass die Schüler/innen hier oft einen Schritt weiter sind. Denn Schönheit liegt im Auge des Betrachter, das weiß man ja. Ein Klassenzimmer mit verstreuten Papierschnipseln auf dem Boden, verschobenen Tischen, verschmierter Tafel, Brotkrümeln auf den Tischen und umgeworfenen Stühlen sagt zu den Kindern wahrscheinlich: „Seht! Ich bin ein Kunstwerk, als hätte Josef Beuys mich erschaffen, ich symbolisiere den lebendigen Prozess des Werden und Vergehens!“ Eine Performance ist so ein verwüstetes Klassenzimmer auf jeden Fall. Als Pädagoge ist meine Aufgabe dann, die Kunst aufzuräumen, so wie es Ursus Wehrli in seinen schönen Büchern das macht.

https://www.kunstaufraeumen.ch/shop/shop.htm

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Über Ens Oeser

Ens Oeser hat keine Meinung.
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Eine Antwort zu „Hallo, ich bin ein Gegenstand, ich liege hier, gewöhn dich dran!“

  1. Willi Böttcher schreibt:

    Wer kennt diesen Konflikt mit seiner Mutter nicht!😅

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