Wave of Mutilation – die Pixies live in Montana

 

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Das erste Lied, das die Pixies spielen ist „Wave of Mutilation“. Das dritte Lied auf „Doolittle“. Je mehr Leute es erkennen, umso mehr schwillt der Jubel an. Ich bin sofort mitgerissen. Da stehe ich. Bin 46 Jahre alt und Wippe im Takt. Und um mich herum fast ausschließlich Leute in meinem Alter. Oder älter. Selten jünger. Viele haben Merchandising Klamotten von den Pixies an. Manche sind heftig tätowiert. Andere sehen ganz brav aus. Direkt vor mir tanzen zwei lustige zwanzigjährige Mädchen, die nebenher kiffen. Auch mir bieten sie ihren kleinen Joint an. Ich lehne ab. Und bleibe beim Bier.
Die Pixies dödeln nicht rum. Kein „Hallo Bonner! Am liebsten spielen wir bei jeder Tour in New York und in Bonner“ oder so. Keine Ansage. Nichts. Sie hauen einen drei Minutenkracher nach dem anderen raus. Und die Lehrer, Versicherungsvertreter und Kaufleute um mich herum flippen immer mehr. Auf der Bühne steht ein Vox-Verstärker. Ein  Fender und ein Bassverstärker. Das Schlagzeug auf einem Podest. Die Bühnenbeleuchtung besteht aus schachbrettartig aufgehängten drehbaren Lampen. Meistens leuchten sie gleißend weiß, manchmal violett, manchmal Lavarot. Oft sind sie so eingestellt, dass die Band nur noch als Schattenriss erkennbar ist. Schlicht, aber effektiv.
Das Konzert ist in Bonner/Montana. Es ist der heiße Sommer 2018. Wir wurden in Missoula von Schulbussen abgeholt. Bonner liegt ein paar Meilen hinter Missoula. Ein kleines, runtergekommenes Industriekaff in den Bergen. Das Amphietheater, in dem die Pixies auftreten, ist auf einem alten Fabrikgelände. Im Schulbus hocken lauter aufgekratzte Fans. Der Typ, mit dem den Sitz teile, ist so fett, dass ich nur ein Viertel der Sitzfläche abkriege. Aber er hat einen Backstagepass. „So, you‘re not from round here?“, fragt er, als er mein diffuses Englisch hört. „Germany“, antworte ich. Da guckt er schweigend zum Fenster raus. Ist ihm zu kompliziert.
Über unseren Köpfen sind auf handgeschriebenen Klebern die Namen der Schulkinder, die hier normalerweise sitzen. Die Fenster sind gekippt. Die meisten Fans trinken Sprudel mit Alkohol. Das ist das Neuste in den USA. Sprudel mit 5 Prozent Alkohol. Macht offenbar ganz schön gaga

Tag 4 03_08_18 (26)

Jeder bringt sich selber mit.

Beim Amphitheater riecht es nach Dixieklo. Aber die Stimmung ist gut. Da ist das egal. Die Sonne scheint, steht aber schon tief. Ein gnädiger Wind kühlt die Tageshitze. Die Berge sind Gelb, wegen der Trockenheit. Sogar die Douglasien oder Pinien oder was auch immer lassen die Äste hängen. Die unsägliche Vorband macht Krach. Apres-Ski-Musik aus den 90ern. „Lords of the Boards“ und der ganze Scheiß. Schlimm. Aber ich freue mich trotzdem. Die Pixies!
Die Pixies sind mir 1989 zum ersten Mal begegnet. Mein Freund hörte die Platte „Doolittle“. Seine Schwester war Studentin. Da war man vorn dabei. Es war harte Rockmusik. Aber kein Hard Rock und kein Heavy Metal. Keine Vokuhila-Fraktion mit engen Jeans und Cowboystiefeln. Intellektueller Rock. Das fand ich gut. Und so wurden die Pixies und ich zu Freunden.
Bei der Abi-Abschlussfahrt hörten wir eine ganze Nacht lang „Bossanova“. Immer wieder. Bis die Sonne aufging. In den 90ern, als Studenten, hörten wir dann auch die Soloplatten von Frank Black und natürlich die Breeders. Für mich war besonders schön, dass die Pixies immer wieder auch an die Beatles anknüpften. Sie coverten „Wild Honey Pie“ vom Weißen Album. Die Breeders coverten „Happiness is a warm gun“. Und wie beginnt das Konzert? Mit „You know my name, look up the Number“ von den Bealtes. Die Rückseite der “Let it be” Single. Alles passt.
Und jetzt, hier bei diesem Konzert, drehe ich mich um und Schaue die Zuschauer an. Und denke, dass all diese Leute hier jetzt an genau solche Dinge denken. An die Ereignisse, mit denen die Pixies zu einem Teil ihres Lebensweges wurden.
Der Besuch eines Konzertes mehr als der Besuch eines Konzertes. Vor allem bei einer Band wie den Pixies. Es ist die Transzendierung des bisherigen gemeinsamen Lebensweges. Martin Büsser meint, dass die Stars das Leben führen, das ihre Hörer selbst nicht führen können und führen wollen. Zumindest inszeniert die Band das. Der Hörer leiht sich durch das Hören der Musik etwas von der Wildheit des Popstarlebens. Das Leben mit Groupies, Drogen und Exzessen. Krach in der Band. Künstlerische Differenzen. Das ganze Pop-Drama-Narrativ. Vielleicht aber auch nur, das sich vertiefen in die Musik? Wie bei Kraftwerk.
Der Fan leiht sich die Attitüde der Band. Und er bereichert sein Leben damit. Die Pixies bekommen an diesem Abend unsere ganz normalen Lebensgeschichten überreicht. Als Gegenleistung. Wie wir auf dem Weg zum Bodensee die Cassette mit „Doolittle“ repariert haben, damit wir sie am Ufer anhören konnten und dergleichen. Davon lebt eine Band wie die Pixies. Dass es Leute gibt wie mich. Bandmythos und Normalo-Leben verschränken sich.
Der echte Frank Black, die echte Kim Deal? Wahrscheinlich könnte ich sie nicht einmal leiden. Was sollte ich auch mit ihnen anfangen? Wir haben nichts miteinander zu schaffen. Ich will gar keinen Backstagepass wie der fette Pixies-Fanatiker. Soll der ruhig glauben Frank Black wäre sein Kumpel.
Das, was wir bei diesem Konzert feiern ist mehr als die Summe aus Publikum und Band. Es ist die Tatsache, dass unser Leben Bedeutung hat. Darum geht man zu einem solchen Konzert. Der Schriftsteller Detlef Kuhlbrodt hat in einem Nachruf auf David Cassidy geschrieben, dass David Cassidy sein Freund gewesen sei. Nicht persönlich. Sondern als Lebensbegleiter. Diedrich Diederichsen nennt das die Pose, das Ikonische. Bilder, Filme und Musik begleiten uns. Pop ist immer ein Antwortversuch auf die Frage: Was will ich vom Leben? Wie soll es sein? Studenten aus Bosten, die Rockmusik machen wollten. Leute mit karierten Hemden und zu großen Jeans, die Peter, Paul and Mary, aber auch die Sex Pistols gut fanden. Das hat mich angesprochen.
Manchmal entdecke ich jetzt noch Musik aus den Achtzigern oder Neunzigern, die mir gefällt. Sie wird mir nie das gleiche Bedeuten können. Sie könnte höchstens noch für meine Gegenwart an Bedeutung gewinnen.
Natürlich ist ein Konzert auch eine Verkaufsveranstaltung und Kundenbindung. Persönlicher Kontakt und so. Wir leben schließlich im Kapitalismus. Und dank Streaming ist der Tonträgerverkauf keine Angelegenheit mehr, mit der man seinen Lebensunterhalt verdient. Also: Tour. Ist okay. Konsum ist Bedeutungsproduktion. Aber auch Ausbeutung. Hat irgendjemand eine bessere Idee? Ich gerade nicht.
Eines noch: Die Pixies waren für mich immer irgendwie europäisch. Unvorstellbar wie diese Musik in die große Weite der USA passt. Die Wüste. Die Ostküste. Die Westküste. Texas! Alaska! Indianer! Was hat das mit den Pixies zu tun?
Hier in Montana kann man sich durchaus vorstellen wie einsame Teenager in ihrem Zimmer sitzen und Cassetten mit den Beatles und den Sex Pistols anhören. Und dann zu den Pixies werden. Und ihrer Sehnsucht nach Europa die europäische Musik amerikanisieren. In positivstem Sinne.
Und dann kommst sowas raus:
„Upon construction
There is the mohawk
His way of walking
Quite high above the ground
Fearless of looking down Skywalk
Some people say that
The navajo know
A way of walking
Quite high above the ground
Fearless of looking down“
Eine amerikanische Band, die Teenagern in Deutschland gefällt und von amerikanischer Landschaft und amerikanischen Ureinwohnern erzählt. Irgendwie stark.
Als das Eröffnungsriff von „Velouria“ ertönt muss ich vor Begeisterung aufschreien. Wer mich kennt, der weiß, dass das nicht mein Stil ist. Aber hier, in Bonner, muss ich das machen. Mein Lieblingslied von den Pixies. Neben „Here comes your man“, das sie auch schon gespielt haben. Beide hatte ich auf jeder Cassettenmischung drauf. Heute nennt man das ja Mixtape. Ich kann mitsingen. Wort für Wort. Früher auf der Fahrt durch den Ostracher Wald. Jetzt in Montana in den Bergen. Das letzte Lied, das sie spielen ist natürlich „Where is my mind?“. Ein tolles Lied. Auch schon vor „Fight Club“. Als Teenager versteht man die Frage intuitiv. Aber im Film kommt es einem vor, als wäre der Song extra für die Schlussszene geschrieben worden. Die einstürzenden Bankengebäude.
Auf der Rückfahrt sitze ich zwischen den angetüdelten Fans. Wir sind glücklich und müde und gucken in die stockfinstere Montana-Nacht, bis die Lichter von Missoula uns blenden.

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Über Ens Oeser

Ens Oeser ist zusammen mit Laus Itzigmann und Ennis Eineck die Band ACH. Das allen Äußerungen der Band zugrunde liegende Konzept ist "Hobbypop".
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Eine Antwort zu Wave of Mutilation – die Pixies live in Montana

  1. kat. schreibt:

    Oh ja! Ich kenn zwar die Pixies nicht, aber ich verstehe total!

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