„Ich plädiere für mehr wohlmeindende Intoleranz“

Der Soziologe ARMIN NASSEHI im Interview mit Ens Oeser

Populismus und Hass auf Geflüchtete in ganz Europa, eskalierender islamischer Terror, rechtsextreme Terrornetzwerke in der Bundeswehr und einst unangreifbare Autoritäten sind in der Krise. Sollen Lehrkräfte unter diesen Umständen weiterhin weltanschaulich neutral bleiben? Der Soziologe und Erziehungswissenschaftler Armin Nassehi, Herausgeber des Kursbuches, sucht nach Antworten.

Ens Oeser: Ein Kollege hat syrische Geflüchtete zu sich in den Unterricht eingeladen. Als er morgens das Klassenzimmer betrat, befanden sich die Schüler in heller Panik. Sie dachten, er habe Terroristen eingeladen. Offenbar haben die Schüler Geflüchtete und Terroristen gleichgesetzt. Wie kann man sich das erklären?

Armin Nassehi: Da gibt es nicht viel zu erklären: Offensichtlich hat der Terror exakt das erreicht, was er erreichen wollte, einerseits eine Destabilisierung der Verhältnisse zu bewirken, andererseits einen lebbaren Kompromiss zwischen unterschiedlichen Kulturen in Europa zu erschweren. Hier sind sich Islamisten und Rechtsradikale übrigens sehr einig. Die Schüler haben exakt die Stereotype verwendet, die der Terrorismus stabilisieren möchte, und das hat sie in Panik versetzt. Vielleicht ist der eine oder andere über seine eigene Reaktion erschrocken. Das wäre doch dann pädagogisch sehr wertvoll.

EOe: Als Lehrer erleben wir immer wieder fundamentalistische Muslime, die ihren Töchtern verbieten, am Sportunterricht teilnehmen und deren Söhne Lehrerinnen nicht ernst nehmen. Wie können wir Lehrkräfte uns davor schützen, uns unsere eigenen Vorurteile zu glauben?

AN: Warum Vorurteile? Wenn solche Dinge vorkommen, sind es keine Vorurteile, sondern offensichtlich sehr realistische Erfahrungen. Vielleicht sollte man aufhören, das nicht Wünschenswerte als Vorurteil zu verharmlosen, sondern realistisch sehen, welche Formen von Differenz tatsächlich wirksam sind. Wenn man das genauer sieht, wird es nicht schwerfallen, sich über die eigenen Vorurteile aufzuklären. Schulen, Lehrer, die Öffentlichkeit muss einerseits tolerant sein, andererseits deutliche Grenzen dessen markieren, was tolerierbar ist und was nicht. Freilich kann die Schule das nicht allein bewerkstelligen, sondern braucht dafür politische Unterstützung. Man darf die Kritik an nicht tolerierbaren Praktiken, wie Sie sie beschrieben haben, nicht den ressentimentgeladenen Kleinbürgern überlasen – auch im Interesse von Migranten übrigens.

EOe: Als Lehrer sind wir sind zu weltanschaulicher Neutralität verpflichtet. Ist weltanschauliche Neutralität noch aktuell, oder wäre es nicht besser sich als Pädagoge klar als Demokrat zu positionieren?

AN: Ja, zu weltanschaulicher Neutralität sind Lehrer verpflichtet, aber nicht zu pädagogischer Neutralität. Wenn man Schülern nachweist, dass die AfD an völkische und rechte Traditionen anschließt, hat das mit weltanschaulichen Fragen nichts zu tun – ebenso wie man ja auch konservative, sozialdemokratische, liberale oder linke Politik-Konzepte historisch und systematisch erklären kann. Also: keine pädagogische Neutralität, sondern Urteilskraft! Und dazu gehört, ungebührliches Verhalten von Schülern zunächst als individuelles Verhalten anzusehen und zu wissen, dass Vieles, was Jugendliche tun, vor allem dadurch geprägt ist, Ressourcen zur Selbstdarstellung, zur Selbstbehauptung, zur Identitätspolitik usw. zu verwenden. Für muslimische Jungs sind manche Provokationen sehr produktive Ressourcen der Selbstdarstellung und des Männlichkeitskultues – und für Mädchen ist das ostentative Kopftuch etwas Ähnliches. „Weltanschauung“ ist manchmal ein zu großer Begriff. Wer einem jungen muslimischen Mann die Schranken weist, wenn er sich Frauen gegenüber ungebührlich verhält, handelt nicht weltanschaulich, sondern pädagogisch. Ich plädiere für mehr wohlmeinende Intoleranz. Toleranz um jeden Preis ist letztlich unpädagogisches Verhalten – und am Ende oft nur die weltfremde Symmetrisierungsidee einer wohlgenährten akademischen Jugend, die die Probleme, die Sie beschreiben, nur als Testfall für universalistische Moralanwendung kennt.

EOe: Kann die Schule die Demokratie stärken?

AN: In der Tat, Schulen sind nicht demokratisch organisiert. Erziehungs- und Bildungsprozesse haben stets etwas Undemokratisches, weil das Verhältnis von Lehrer und Schüler stets ein asymmetrisches Verhältnis ist – oder sein sollte. Aber die Schule ist der Ort, an dem Schülerinnen und Schüler etwas lernen können, was für die Demokratie unerlässlich ist, nämlich damit umzugehen, dass es keine letzte Wahrheit gibt und dass man es aushalten muss, wenn unterschiedliche Leute unterschiedliche Auffassungen haben. Das zu erfahren, womöglich angeleitet durch einen starken Lehrer, der wirklich führt, ist erheblich wichtiger als die vordergründige Demokratisierung der Organisation oder der Struktur, die am Ende doch verlogen bliebe. Denn am Ende, im Konfliktfall, bleibt der Lehrer ein Lehrer und bestimmt, benotet, beurteilt usw. Wie er das tut, das ist das Entscheidende.

EOe: Bei der Bundeswehr wird ein Skandal nach dem anderen aufgedeckt. Demütigungen in der Ausbildung und jetzt ein rechtsradikales Terrornetzwerk. Können wir als Lehrer die Presseoffiziere der Bundeswehr noch in den Unterricht einladen oder als Option für die Berufswahl empfehlen?

AN: Ob es wirklich ein Terrornetzwerk ist, muss sich noch erweisen. Das Problem der Bundeswehr ist sicher auch eine Folge dessen, dass mit der Abschaffung der Wehrpflicht sich die Sozialstruktur der Soldaten verändert hat und sicher noch weiter verändern wird. Insofern vermag ich Ihre Frage kaum zu beantworten. Vielleicht können Sie dafür werben, dass sich solche junge Leute für eine militärische Karriere interessieren, die man bei der Bundeswehr braucht. Aber dieses Problem werden Sie als Schule nicht lösen können. Konkret zu Ihrer Frage: Ich würde weiter Presseoffiziere einladen, sie aber mit Ihren Zweifeln und Fragen konfrontieren. Am Ende werden auch die Schüler etwas dabei lernen.

EOe: In Baden-Württemberg wird ein „Glaubenskrieg“ um Schulformen und Bildungsplaninhalte – Stichwort „Sexuelle Orientierung“ – geführt. Konservative bekämpfen die Idee der Gemeinschaftsschule, also einer Schule, an der Schüler aller Leistungsstufen gemeinsam unterrichtet werden. Haben sie Recht?

AN: Auch das ist eine schwierige Frage. Unsere gesellschaftlichen Debatten sind derzeit ohnehin stark von einem Kulturkampf um Sagbarkeiten geprägt – und Schulpolitik ist traditionell ein beliebtes Feld ideologisierbarer Debatten, von allen üblichen verdächtigen Seiten. Die Antipoden dieses Kulturkampfes probieren und loten aus, was sagbar ist und was nicht. Das gilt interessanterweise nicht nur für die rechte, die kleinbürgerliche, die rückwärtsgewandte Seite. Es gilt auch für jene bildungs-, oder sagen wir eher: universitätsnahen Mittelschichten, die daran gewöhnt sind, die Welt nach ungebührlichen Asymmetrien abzusuchen. Das wirkt sich auch auf Bildungsinhalte aus – und erzeugt ein Dilemma. Asymmetrien lassen sich immer schwerer normativ begründen, mit Recht. Zugleich aber erzeugt die allzu ostentative Betonung von Symmetrie und die allzu ostentative Vorführung der Kontingenz dessen, was wir „normal“ nennen, Unbehagen. Das kann man am Thema „sexuelle Orientierung“ ebenso beobachten wie an der Forderung nach der Nivellierung von Leistungsstufen. Dabei hätte eine stärkere Orientierung an Leistung etwas Emanzipatorisches. Nivelliert man nämlich Leistungsstufen, setzen sich leistungsferne Kriterien wieder stärker durch, Herkunft, Milieu, Schichtung, finanzielle Ressourcen. Das Problem bei solchen Dilemmata ist freilich, dass stets beide Seiten ein bißchen Recht haben – und ein bißchen Unrecht. Sonst wären es keine Dilemmata.

EOe: Ministerpräsident Kretschmann hat bei einer Gewerkschafts-Tagung gesagt, dass Lehrer viel Prügel von den Eltern bezögen. Insgesamt haben Lehrer an Autorität verloren. Woran liegt das? Ist Autorität allgemein in der Krise? Was bedeutet das für uns Lehrer?

AN: Ja, Autorität ist allgemein in einer Krise – und manche Respektlosigkeiten von Schülern werden an den Elternsprechtagen  verständlicher, weil dann die Vorbilder der lieben Kleinen kommen. Es gibt dafür viele Gründe – einer unter vielen anderen ist, dass Autorität durchaus ein kritikwürdiges Konzept geworden ist. Im Klartext: Wer als Lehrer womöglich beigebracht bekommt, dass kommunikative Verflüssigung, Überzeugung und Innenleitung besser ist als eine bestimmte Form von Autorität, wird diese kaum einsetzen können, wenn es drauf ankommt. Das ist kein Plädoyer für einen autoritären Stil – im Gegenteil. Es ist ein Plädoyer dafür, dass man Lehrerinnen und Lehrer mit der Autorität des Entscheidens, der Durchsetzung von Standards, auch des produktiven Einsatzes von Asymmetrie ausstattet. Dazu bedarf es aber politischer, pädagogischer und organisatorischer Rückendeckung.

EOe: Manche Lehrer ärgern sich darüber, dass angeblich das Wissen nicht mehr so wichtig sei, sondern die Methode, wie man Wissen bewertet und mit Information umgeht. Ihre Alltagserfahrung innerhalb der Schulstrukturen zeigt ihnen, dass es eben nicht so ist. Um Wissen zu bewerten, müsse man schon vorher etwas wissen, sagen sie. Was sagen sie? Sollen Lehrer Wissen vermitteln, oder den Umgang mit Information?

EN: Die Aufgaben der Schule haben sich diversifiziert. Schulen müssen heute mehr erziehen als früher, sie müssen mit einer neuen Form des Umgangs mit Wissen umgehen. Sie sollen weltanschaulich neutral sein, aber am Ende dann doch bewerten. Das sind Aufgaben, die sich nicht unbedingt gegenseitig in die Karten spielen. Dazu gehört aber auch: die Vermittlung von Wissen. Ich würde sogar extrem dafür plädieren, denn gerade in der heutigern Zeit, im Umgang mit Komplexität wird noch mehr Wissen benötigt als zuvor. Auch dazu gehört ein gewisser Mut und eine gewisse Autorität, manches Wissen als notwendig anzusetzen – übrigens auch, wichtiges von unwichtigem Wissen zu unterscheiden. Die Frage stellt sich mir als Universitätslehrer übrigens auch. Ich will nicht in die allzu wohlfeile Professorenklage einstimmen, wie unvorbereitet die Abiturienten heutzutage sind. Das stimmt nicht – sie sind heute nicht klüger und nicht weniger klug als frühere Generationen. Aber der Rückgriff auf Wissensbestände wird eher unwahrscheinlicher – übrigens nicht nur bei den Studenten. Das sollte zu denken geben.

 

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Über Ens Oeser

Ens Oeser ist zusammen mit Laus Itzigmann und Ennis Eineck die Band ACH. Das allen Äußerungen der Band zugrunde liegende Konzept ist "Hobbypop".
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2 Antworten zu „Ich plädiere für mehr wohlmeindende Intoleranz“

  1. kat. schreibt:

    Gefällt mir sehr gut was er sagt und spricht aus, was ich denke!

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