Brigitte fand Falco nicht gut.

Mit Brigitte im Bus
Brigitte fand Falco nicht gut, das merkte ich gleich. Brigitte stammte vom Aussiedlerhof und war in meiner Klasse. Sie war wunderschön. Bei ihrem Anblick musste ich jedesmal an ein Lied von Falco denken. Es heißt „Garbo“ und handelt von dem gleichnamigen schwedischen Hollywoodstar:
She had exquisite style
She was upper class
She had supernatural grace
A melange of Aphrodite and Venus
Combined with an angel’s face
Brigitte spielte in einer anderen Liga als ich. Soetwas spürt man ja. Und das richtig Gemeine an Brigitte war, dass sie trotzdem total nett und erschreckend klug war. Darüber hinaus hatte sie einen ausgezeichneten Musikgeschmack. Das passte alles nicht so richtig in mein Weltbild von schönen Menschen, die eigentlich arrogante, oberflächliche und promeskuitive Arschlöcher sein sollten. Das traf auf die herrliche Brigitte alles nicht zu. Vor allem, so mein Vorurteil, hatten schöne Menschen einen ganz, ganz schlechten Musikgeschmack. Und Musikgeschmack, das war es, worauf es mir ankam.
Sie hatte mir seit sie eingestiegen war, lang und breit dargelegt, warum das Album „Rhythm of the Saints“ von Paul Simon die beste Platte aller Zeiten war. Ich fand das nicht. Ich fand das Zeug furchtbar. Aber ich spürte, dass ich das ihr gegenüber nicht aussprechen konnte. Also relativierte ich nur das „beste aller Zeiten“ ein bisschen.
Und dann fragte sie mich. Beatles war ihr klar. Fand sie auch okay. The Smiths, The Cure, Pogues, Pixies, Sonic Youth, David Bowie, Kraftwerk. Alles zu „abgefahren“. Aber auch für eine Brigitte durchaus anerkennenswert. Denn auch mein Musikgeschmack bestand nicht aus Technotronic, MC Hammer, Snap und New Kids on the Block.
Dann erwähnte ich Falco. Sie verzog verwirrt das Gesicht. „Falco?“, sagte sie in diesem Tonfall, den man von jemandem wie Brigitte nicht hören wollte. „Das ist doch alles so Kommerzkacke, wie Modern Talking und er ganze Scheiß“, sagte sie angeekelt.
Das tat doppelt weh. Musik, die ich hörte in die Nähe von Modern Talking zu rücken, das war hart. Und von Brigitte angeekelt angeguckt zu werden. Das war auch hart.
Musik ist sehr eng verbunden mit der eigenen Identität. Die Musik, die man hört, sagt man immer auch etwas über die eigene Lebensgeschichte und Persönlichkeit aus. Mir war schon klar, dass Falco ein Schwachpunkt in meiner Independent-Musik-Vita darstellte.
Als ich mir 1985 die Amadeus-Single kaufte, meinte mein Freund: „Falco? Pff! Das hört ja jeder!“ Das wurde in den kommenden Jahren tatsächlich mein Entscheidungskriterium für den Kauf von Tonträgern. Es mussten coole Sachen sein, die nicht jeder hörte. Ich, so beglückwünschte ich mich innerlich selber, hatte einen total individuellen Musikgeschmack. Aber ich hatte beschlossen, einfach dazu zu stehen, dass ich halt auch Falco gut fand. Es ging nicht anders.
„Kommerzkacke“, das war schon hart.

Was ist Kommerz?
Halten wir mal einen Moment inne und fragen uns , was bitteschön „Kommerzkacke“ ist.
Es sei heute leichter „sich das Ende der Welt vorzustellen, als das Ende des Kapitalismus“, schrieb der Musikjournalist Mark Fisher. Und das stimmt. Der Kapitalismus ist unser Element. Wir bewegen uns in ihm, wie der Fisch im Wasser. Der Literaturwissenschaftler Niels Penke definiert deshalb Pop auf genau dieser Wellenlänge: „Populär ist nicht das, was einfach, leicht verständlich und authentisch, sondern das, was bekannt ist und Charts, Bestsellerlisten und Beliebtheitsrankings anführt.“ Pop ist, was sich verkauft. Und was sich verkauft ist kommerziell. Menschen, die finden, dass sie einen besonders guten Geschmack haben, benutzen das Wort „kommerziell“ gerne mit einer gewissen Geringschätzung. Denn das Kommerzielle will Profit erzielen. Und das gilt in solchen Kreisen meistens als verwerflich. Massenkonsumprodukt zu sein, kommt bei den kulturell eingeweihten nicht gut an. Bei Brigtte zum Beispiel.
Aber wenn man konsequent links denkt, dann beginnt Musik, geschichtlich betrachtet, als gemeinsames rituelles, religiöses, rauschhaft dionysisches Singen und Tanzen, in dem sich das Dasein transzendiert. Es geht um Gemeinschaft und Bindung. Bindung an den Kosmos, Bindung an die Menschen, mit denen man lebt.
Aber schon die Notenschrift macht aus der Musik ein Ding auf einem Blatt Papier. Daraus entwickelt sich das Musikhandwerk und der Handel mit Noten. Und genau hier beginnt der Kommerz. Das Erfinden von Musik zielt nicht mehr auf Gemeinschaft, sondern auf das Herstellen einer Musik, für das Menschen mit Geld Konzertkarten kaufen werden. Eine Musik, die von Notenblättern beliebig reproduzierbar ist und von Instrumentalexperten wiedergegeben wird. Es gibt jetzt verdienende Musiker und ein zahlendes Publikum. Ein Entfremdungsprozess, der sich mit der Perfektionierung der Aufnahmetechnik weiter ausdifferenziert. Musik wird endgültig zum Handelsprodukt. Verkauft wird ein Trägermedium. Der Kern ist die Aufnahme. Die muss auf mp3, CD, Schallplatte verkauft werden. Sie muss populär werden, sonst erwirtschaftet sie keinen Gewinn. Warenfetisch!
Im Zentrum der Vermarktung steht aber nicht die Musik, sondern der Star. Er firmiert als Marke, als Brand des Mediums. Was Persil für für alle möglichen Waschmittel ist, das ist David Bowie für alle möglichen mp3s, CDs oder Schallplatten. Begleitend gibt es Videos, Konzerte oder Bücher. Und: Was ist ein Konzert anderes, als ein Werbeauftritt für den neuesten Tonträger? Investitionen in teure Aufnahmen und Konzertreisen werden aber nur getätigt, wenn die Marktanalyse ergeben hat, dass es eine ausreichend große Zielgruppe gibt.
Wenn man Pop so nackig betrachtet, dann ist er also nur ein Marketingkonzept zum Verkauf des Trägermediums. Alles an Pop ist Werbung, damit das Medium verkauft wird (stream, mp3, CD, Schallplatte + Begleitprodukte Video, Buch, T-Shirt – Werbereise = Tour). Im Zentrum des Pop steht der Markt. Und damit der Kapitalismus. Das heißt: Jeder, der mit Popmusik lebt, hört zielgruppengerechten Kommerz. Ob das die Einstürtzenden Neubauten sind oder Phil Collins, ob die Angepissten Turnbeutel oder Beyonce.
Antikapitalistische Musik wie von KIZ („Hurra, diese Welt geht unter“) oder von den Toten Hosen („Kauf mich“) oder Chumba Wumba ist paradox. Mit Kapitalismuskritik in die Verkaufscharts? Das ist nicht politisch. Das ist Lifestyle. Populäre Oberflächenkosmetik. Sobald Musik als Stream, Download, CD oder Schallplatten im Angebot ist, befindet man sich im Zentrum des Popmarktes.
Aber ich sags lieber gleich: Ich finde das überhaupt nicht verwerflich. Verwerflich finde ich das Geschwafel von der Kommerzkacke. Das sieht jetzt vielleicht ein bisschen wie die späte Rache an Brigitte aus. Ist es wahrscheinlich auch. Rache für Falco. Denn Paul Simon hat von „Rhythm of the Saints“ 1990 hunderttausendfach mehr Tonträger verkauft, als Falco mit seinem 1990er Album „Data de Groove“. Das ist sang- und klanglos in der Versenkung verschwunden ist. Ich fand es trotzdem gut. Tja Brigitte, Kommerzkacke!

Popmusikfragen sind Identitätsfragen
Die Gedanken zum Thema Kommerz hatte ich, als ich an einem Workshop des Musikjournalisten Martin Büsser teilgenommen habe. Er unterschied penetrant zwischen kommerzieller Massenmusik (er nannte als Beispiel Phil Collins) und progressiver, politischer Musik ( hier das Beispiel Fugs oder Franz Zappa). Außer mir waren lauter schicke, junge Linke da, die alle wissen wollten, ob ihre Musik auch antikapitalistisch genug ist, um distinktionsmäßig punkten zu können.
Aber das Reduzieren von „Kommerzkacke“ auf die Verkaufszahlen von Tonträgern ist natürlich eine ziemlich billige Retourkutsche. Das sehe ich ein.
Brigitte hat den Begriff „Kommerzkacke“ in einem ähnlichem Sinne gebraucht, wie die Hörer klassischer Musik das tun, wenn sie zwischen E-Musik und U-Musik unterscheiden. „Kommerzkacke“ hat sich für sie nicht an den Verkaufszahlen festgemacht. Für Brigitte war „Kommerzkacke“ wohl eher die Definition für unterkomplexe Teenagermusik, die sich in opportunistischer Weise einem angenommenen Massengeschmack anpasst. Geldmacherei, sagte man damals auch gern. Beispielsweise über Modern Talking.
Im Grunde geht es um eine Aufwertung des eigenen Geschmacks. Es geht um Distinktionsgewinn. „Der Geschmack ist immer disktinktiv“, schreibt Pierre Bourdieu, „und die Verherrlichung mancher älterer Künstler … hat ihr Gegenstück in der Abwertung derjenigen zeitgenössischen Interpreten, die sich den Anforderungen der Massenindustrie am weitgehendsten angepasst haben.“
Popmusik ist, wenn man Diedrich Diederichsen glauben will, immer eine mögliche Antwort auf die Frage: Wie will ich leben? Popmusik hilft bei der Antwort. Denn Pop ist Lifestyle, Lifestyle ist Konsum und unser Konsum prägt im Kapitalismus unsere Identität. Pop ist mehr als Musik. Er ist ein allumfassendes Lebensgestaltungsangebot. Darum steht bei Pop der Star im Mittelpunkt. Der Star ist immer eine Kunstfigur. Selbst dann, wenn der Star sich authentisch gibt, ist er eine Ästhetisierung seiner Authentizität.
Letztenendes ist es aber relativ egal, was der Star oder sein Konzept sagen wollen. Es kommt darauf an, wozu der Konsument ihn benutzt. Populär ist etwas dann, meint der Kulturwissenschaftler John Fiske, wenn es Bezüge zum Alltag der Konumenten herstellt. Identität ist der Knoten in Beziehungsgeflechten. Und die Dinge, die uns Umgeben statten dieses Netz mit Bedeutung aus.
Brigitte musste Falco blöd finden. Ganz klar. Sie musste sein, wer sie sein wollte, um zu werden, was sie war. Sie war Ballett, sie war kluge Literatur, sie war „ja“ zum Leben. She was upper class. Ich? Ich war Independent und Sechziger Jahre. Ich war Geschichte. Ich war: Alles Scheiße hier. Und ich war Falco. Denn Identität ist auch die Geschichte, die wir uns über uns selber erzählen. Und ich war auf der Suche nach Ewigkeit und Individualität. „Hört ja jeder“ ging nicht. Keine Musik ist besser oder schlechter als die andere. Unser Musikgeschmack setzt uns zueinander in Beziehung. Dafür gebrauchen wir den Star und seine Musik. Ein Konsumprodukt, das unser Dasein transzendiert. Anders als die rituelle Musik am Anfang der Musikgeschichte. Aber Transzendenz. Immerhin.
Brigitte. Ich vergebe dir. Falco bestimmt auch. Ich verstehe jetzt, was du sagen wolltest. Und du hattest natürlich recht. Aber ich auch.

 

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Über Ens Oeser

Ens Oeser ist zusammen mit Laus Itzigmann und Ennis Eineck die Band ACH. Das allen Äußerungen der Band zugrunde liegende Konzept ist "Hobbypop".
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