Fernsehgucken

„… aber wir sind schließlich alle mehr oder weniger in der Welt der Fernsehfiktion groß geworden und gehen auf diese semi-fiktionalen Familientreffen vielleicht lieber als auf die realen.“
Maren Lickhardt: Hermumschalten, Wiederholung, Selbstbezug. Popzeitschrift 11/2017

The Endless Stream Of Laber
In meiner schummrigen und Zigarettenrauch durchwaberten Stammkneipe gab es diesen abgehalfterten Typen, von dem die anderen Gäste Abstand hielten. Weizenbiertrinkend lehnte er an der Bar und jeder wich seinem Blick aus. Denn jeder wusste: Wenn du den anguckst, dann labert er dich zu. Und dann hört er nicht mehr auf. Und du kommst auch nicht mehr weg. Und dann vertrödelst du den ganzen Abend mit diesem Trottel, anstatt mit deinen Freunden zwecks Erlagung transzendenter Gedanken ein oder zwei Bier zu kippen.
Das Schwierige war, dass er manchmal ganz interessante Sachen zu erzählen hatte, oft aber auch einfach nur totalen Blödsinn. Auf Kommentare oder Einwände reagierte er nicht. Er schob eine alles überflutende Laberwelle vor sich her. Mit ihm führte man kein Gespräch. Man hörte zu. Und wenn der Abend vorbei war, dann hatte man das Gefühl, dass dieser Typ einem die Zeit gestohlen hatte.
Andrerseits: Das Gute daran war, dass jeder Stammgast irgendwann mal in den Sog des Labertsunamis geraten war. Und so hatte man eine Menge zu besprechen. Beispielsweise den Wahrheitsgehalt der interessanten Teile des Labertsunamis.
Und genau so ist es mit dem Fernsehen. Fernsehen ist ein Medium, das dazu tendiert, seine Nutzer mit einer Bild- und Laberflut festzusetzen. Mein Verhältnis zum Fernsehen ist ähnlich, wie das zur Stammkneipenlabertasche: Es gibt interessante Momente, aber insgesamt zu anstrengend und schwer zu kontrollieren. Andrerseits: Man kann prima mit anderen drüber reden. Das ist eine herrliche Vergemeinschaftung. Plötzlich hat man ein Thema.
Aber der Vergleich mit der Labertasche hinkt ein bisschen. Die Unschärferelation der Metapher halt. Fernsehen macht süchtig. Es versetzt einen in ein Flow-Gefühl. Ähnlich wie Bier. Vor allem, wenn man in einer anstrengenden Lebenslage ist. Vielleicht passen Bier und Fernsehen deshalb auch so gut zusammen? Jedenfalls hatte ich mit der Labertasche nie ein Flow-Gefühl.
Aber man muss ich klar machen: Auch das Lesen von Büchern ist eine zur Überwältigung tendierende Tätigkeit. Ebenso wie Spielkonsolen und das abtauchen in der Tiefsee des Internets.
Ein Medium ist ein Angebot, das genutzt werden kann. Und diese Nutzung ist immer so klug wie der Nutzer.
Mein Freund Eber hatte letztlich einen interessanten Umgang mit der Labertasche gefunden. „Ich lass mich zulabern so lange ich Lust dazu habe“, erklärte er mir, „aber wenn er mich anödet, gehe ich einfach, das merkt der doch gar nicht.“ Er fand wir machten uns da zu viele Gedanken. Wahrscheinlich muss man es so mit jedem Medium machen. Wenn es einen anödet, weggehen.

1985
Mit 12 hatte ich das Fernsehgucken satt.
Ich saß ich auf meinem Bett, hörte Radio und spielte Gitarre. Im Fernsehen flimmerte ein der Kriegsfilm „Der längste Tag“. Trotz all dieser Berieselung fühlte ich nur eine unendliche und abgrundtiefe Langeweile. Meine Augen brannten und mein Kopf brummte. Obwohl mich Radio und Fernsehen anödeten  konnte ich sie nicht abstellen. Ich fürchtete mich vor diesem abgrundtiefen Moment der Stille. Diese Stille, in der einem plötzlich klar wird, dass man den ganzen Tag irgend einen Scheiß angeguckt hat, den man nie sehen wollte. Die Stille, in der die Gedanken an die Realität in den Kopf zurück schwappten. Nicht gemachte Hausaufgaben, nicht gelernte Vokabeln, kranke Mutter, der Atomkrieg und was einen als Kind noch so belasten konnte. Und dann ist war der Tag vorbei. Aber was hätte ich denn sonst tun sollen? Es war wirklich zum Kotzen.
Im Fernsehen stürmte Robert Mitchum Omaha Beach. Im Radio dudelte das Lied „Never Ending Story“ von Limahl. Sollte mein Leben immer so weiter gehen?
Jetzt erinnerte ich mich daran, dass mein Deutschlehrer die Verfilmung der „Unendlichen Geschichte“ als „pervers“ bezeichnet hatte. „Völlig unangemessen für ein so meisterhaftes, und schon von seiner Botschaft her unverfilmbares Buch“, hatte er gesagt. Den Inhalt des Buches hatte er so gedeutet, dass das Fernsehen die Phantasie zerstöre. Das Land Phantasien geht langsam vor die Hunde, weil alle nur glotzen und sich die Bilder vorschreiben lassen, anstatt zu lesen und sie sich selber vorzustellen. „Ich mache mir da echt Sorgen um euch“, hatte mein Deutschlehrer düster dreinblickend gesagt. „Viereckige Augen“, hatte er gemurmelt und sich wieder dem Unterrichtsthema zugewandt.
Und jetzt, in diesem Augenblick merkte ich, dass er Recht hatte. Jahrelang hatte ich jeden Scheiß angeschaut. Von „Heidi“ zu „Biene Maja“ über „Heute“ zum „Auslandsjournal“ und XY. Alles. Immer. Mit und ohne Eltern. Irgendwann stellten sie mir den cremefarbenen Schwarzweißfernseher auf den Schreibtisch. Sie hatten es satt, dass ich Edgar Wallace sehen wollte, sie aber „Im Krug zum grünen Kranze“. Ab jetzt flimmerte die Kiste vom frühen Nachmittag bis zum ins Bett gehen. Oft schaute ich schon gar nicht mehr hin. Aber ohne das Flimmern fehlte mir etwas.
Die Mattscheibe paralysierte mich derart, dass mir gar nichts anderes mehr einfiel, als in die Glotze zu starren. Das Phantasien in meinem Kopf war kurz vor dem Untergang. Wie schrecklich. Das Fernsehgucken, dachte ich, und musste vor Bestürzung aufstehen, war ein Fass ohne Boden. Pausenlos verlangte es, gefüllt zu werden und nie, nie, nie würde es voll werden. Und das Füllmaterial für dieses Fass war meine Lebenszeit! Es war ein Abgrund. Eine kleine, flimmernde Maschine, die meinen gesamten Tagesrhythmus regulierte, die mich den ganzen Tag in Anspruch nahm. Dieses Gerät saugte einen auf, nahm einen Gefangen und redete einem ein, es sei ein Freund, dachte ich panisch. Es fraß meine Zeit. Es nahm mir die Freiheit.
Da stand ich schwer atmend in meinem Kinderzimmer. Die Gitarre um den Hals. Robert Mitchum beauftragte gerade Robert Wagner damit, den Atlantikwall zu sprengen und damit Europa zu befreien. Und im Radio kam „Wake me up before you go go“.
Ich erschrak, denn ich war kein freier Mensch. Ich war ein Gefangener des Fernsehens. Es galt also, meine Freiheit zu verteidigen. „Es lebe die Freiheit“, stammelte ich zaghaft.
Ich schaltete das Radio aus, stellte die Gitarre in die Ecke, kroch entschlossen unter den Schreibtisch und zog den Stecker des Fernsehers. Ein leises Plong signalisierte mir, dass die Glotze erloschen war. Reglos saß ich unter dem Schreibtisch. Der Moment der Leere kam. Ich hörte durch den Heizungsschacht den Fernseher meiner Eltern im Wohnzimmer. Ich sah sie vor mir, wie sie reglos in die Kiste starrten. Wie betäubt.
Ich fühlte mich, als hätte ich soeben eine super mächtige, alles beherrschende, superintelligente Maschine besiegt. Ich war der Dave Bowman des Fernsehens.
Der Fernsehapparat stand noch eine Weile auf meinem Schreibtisch, dann verbannte ich ihn in die Rumpelkammer auf dem Dachboden. Ich holte ihn nie mehr zurück.

1988
Sherlock Holmes ging voraus, den Hut auf dem Kopf. Hinter ihm Dr. Watson, der einen kleinen, schwarzen Schirm aufspannte. Hinter Watson humpelte Musgrave, der ebenfalls ein kleines Schirmchen aufspannte. Die ganze Szene sah aus wie eines der Schelmengemälde von Spitzweg. Mich schauderte vor Faszination.
Da lag ich. Auf dem Bett meines Bruders vor seinem kleinen Fernsehapparat. Das Zimmer hatte keine Heizung. Es war Winter und es war eiskalt. Aber ich hatte mich in eine Decke gewickelt. Dann ging es. Zum ersten Mal seit 1985 schaute ich wieder fern. Und ich hatte Angst davor gehabt. Fernsehen, dachte ich, das ist wie mit Alkoholismus. Man kann es eigentlich nicht kontrollieren. Es kam mir gefährlich vor.
Aber als die Folge „Das Musgrave-Ritual“ vorbei war wusste ich: Es hatte sich gelohnt.
Wegen Sherlock Holmes in Gestalt von Jeremy Brett hatte ich meine Fernsehabstinenz aufgegeben. Die Serie war herrlich. Großartige Schauplätze und fantastische Schauspieler in unglaublichen Kostümen. Und sogar, ganz zaghaft, mit einer horizontalen Erzählstruktur.
Die Jahre ohne Fernsehen waren manchmal schwierig gewesen. Die anderen redeten über Musikvideos, die sie in Formel 1 gesehen hatten. Ich nicht. Die anderen redeten über Filme, die sie gesehen hatten. Ich hatte sie nicht gesehen. Die anderen redeten über Serien, die sie gesehen hatten. Ich hatte sie nicht gesehen.
„Hä? Was hast du für ein Problem mit dem Fernsehen“, hatte mein Freund Arkus irritiert gefragt. „Ist doch scheiße“, hatte ich geantwortet. Aber irgendwann gewöhnten sich die anderen daran.
Ohne Fernsehen hatte sich die Welt für mich tatsächlich verändert. Eine Zeit lang hatte ich geübt, an meinem Schreibtisch zu sitzen und nichts zu tun. Nur zum Fenster raus gucken. Dann begann ich zu malen. Van Gogh war cool. Van Gogh wiederum veränderte die Art und Weise, in der ich meine Umgebung wahrnahm. Ich spielte viel Gitarre und schrieb mit Arkus Lieder. Ich wurde redegewandt, weil ich mich pausenlos auf Cassettenaufnahmen hörte und daraus lernte. Und ich begann abends zu lesen. Alles, was im Bücherschrank meines Vaters stand. Heinrich Böll, Günter Grass, Herman Wouk bis zum Abwinken. Ich setzte mich zwischen die Lautsprecher meiner Stereoanlage und hörte konzentriert Musik. Ich tat nichts nebenher. Nur Musik. In meinem Tagebuch stellte ich mich den schlimmen Gedanken (Atomkrieg, kranke Mutter, seltsame Mitmenschen) und konnte so mit ihnen umgehen. Gedankenschwer. Tiefsinnig. Die Abende, allein in meinem Zimmer waren herrlich. Ich räumte auf und begann systematisch zu lernen. Das Fernsehen fehlte mir überhaupt nicht.
Und ich las fleißig die Hörzu. So konnte ich wenigstens ein bisschen mitreden, wenn die anderen über Fernsehsendungen sprachen. Und da entdeckte ich Sherlock Holmes. Den hatte ich auch schon gelesen und war sehr gespannt auf die Verfilmung.
Und so kehrte ich 1988 zum Fernsehen zurück.

1990
Ich biss in mein getoastetes Kräuterkäsebrot. Mein Beck’s stand in Reichweite. Da drehte sich Columbo an der Türe noch mal um und sagte: „Ach so, Sir, eine Frage hätte ich noch…“ Auf diese Szene wartete ich bei jeder Folge. Columbo war wunderbar.
Zuerst hatte ich nur Sherlock Holmes geschaut. Dann entdeckte ich Columbo. Inzwischen war ich 17. Und Columbo war genau das richtige, wenn ich nachts angeschickert, verschwitzt und nach Zigaretten stinkend aus der Kneipe kam. So wie jetzt gerade.
Dann kam auch noch „Das Model und der Schnüffler“ dazu. Als ich an einem Montag verkatert vor der brüderlichen Glotze lag, pusteten mich die Streitgespräche zwischen David Addison und Maddie Hayes von der Matratze. Aber der absolute Wahnsinn waren diese postmodernen Dialoge.
Maddie: „David, warum sagst du so etwas gemeines?“
David: „Du weißt ganz genau, dass das im Drehbuch steht!“
Und natürlich mein Lieblingszitat:
David: „Was sagst du dazu?“
Maddie: „Ja… nein… ich weiß nicht!“
Eine Fernsehserie, in der sich die Figuren als Fernsehfiguren thematisieren. In einer Folge wurde die Geschichte abgebrochen, weil die Drehbuchautoren streikten. Der Rest der Zeit sang Bruce Willis Rock’n Roll. In einer anderen Folge war David Addison unauffindbar. Daraufhin sah man die Castingbüros der Produktionsfirma, wo sich die Bewerber für die Rolle anstellten. Und die Krönung: In der letzten Folge begegnen die Figuren ihrem Autor, der ihnen eröffnet, dass ihm nichts neues zu ihnen einfalle. Dann ist die Serie aus. Unglaublich!
Und dann kam Raumschiff Enterprise mit Captain Picard. Zuerst eine sehr steife und künstliche Angelegenheit. Aber ab dem Moment, in dem die Uniformen einen Stehkragen hatten und Tasha Yar in den ewigen Jagdgründen verschwunden war, nahm die Serie mächtig an Fahrt auf. Oft musste ich noch tagelang über einzelne Folgen nachdenken. Etwa die Gerichtsverhandlung, in der es darum geht, ob Data zerlegt werden darf, weil er kein Lebewesen ist. Oder ist er doch eines? Picard verteidigt Data. Riker muss die Gegenseite übernehmen. Atemberaubend wie hier die Frage durchdekliniert wird, was einen Menschen zum Menschen macht. Oder die großartige Folge, in der der Holodeck-Moriarty intelligent genug ist, zu begreifen, dass er eine künstliche Figur im Holodeck eines Raumschiffs ist.
Fernsehen kehrte mehr und mehr in mein Leben zurück. Und ohne Zweifel: Es bildete mich. Aber vor allem: Ich hatte es unter kontrolle. Ich studierte die Hörzu und legte Woche für Woche fest, was ich anschauen wollte.
Die neuen Privatsender waren durch die Bank Quatsch. Da lief „Starsky & Hutch“, „Kojak“ und der ganze 70er Jahre Mist. Die Krönung war des Schwachsinns war „Der 6 Millionen Dollar Mann“. Du lieber Himmel! Wir hatten bei einem Freund, der schon Kabel hatte, einen Nachmittag damit verbracht „Hulk“ und den Quatsch mit den 6 Millionen zu gucken. Schlimm.
Als Elftklässler machten wir jetzt oft Videoabende. Also selbstbestimmtes Fernsehen in Gemeinschaft. Bevorzugt mit Actionfilmen von Schwarzenegger. „Stirb langsam“ und dem ganzen Blödsinn. Da lachten wir dann zusammen über die grausamen Szenen und bewiesen uns, dass uns das gar nichts ausmachte.
Aber der wichtigste Videoabend meines Lebens war die Erstbegegnung mit „Das Leben des Brian“. Ich hatte noch nie von Monty Phython gehört. Eben hatte ich den „Antichrist“ von Nietzsche gelesen. Und da kam das!

2000
Das Referendariat war die Hölle. Außer an den Seminartagen, hatte ich meistens so gegen 13 Uhr Feierabend. Völlig fertig warf ich meine Tasche in die Ecke, schob eine Fertigpizza in den Backofen, schleppte meine schlappen Glieder zum Fernsehsessel und drückte auf der Fernbedienung herum. Dann starrte ich den ganzen Mittag lang in die Röhre. Jetzt war es passiert. Mein Fernsehkonsum war wieder außer Kontrolle geraten. Meine Augen brannten und mein Kopf brummte. Obwohl mich das Programm anödete,  konnte ich es nicht abstellen. Ich fürchtete mich vor diesem abgrundtiefen Moment der Stille. Diese Stille, in der einem plötzlich klar wird, dass man den ganzen Tag irgend einen Scheiß angeguckt hat, den man nie hatte sehen wollen.
Es war die Zeit der Talkshows. Man konnte den lieben langen Tag einer handvoll Vollidioten dabei zugucken, wie sie in wechselnden Studiokulissen über Nullinger-Themen schwafelten und sich dabei in die Haare kriegten. Und als wäre das alles noch nicht schlimm genug, gab es danach „Jeder gegen Jeden“, eine nicht minder hirntote Gameshow.
Völlig fertig mit den Nerven gelang es mir meistens, erst so gegen halb Sechs den Fernseher auszuschalten. Die Stille nahm mir den Atem. Meine Augen flimmerten. Und wenn ich zum Fenster raus schaute, sahen die Gärten und Häuser irgendwie aus, als seien sie ein kubistisches Gemälde.
Da war es gut, dass der Fernseher den Geist aufgab. Ein paar Tage lang starrte ich noch die tote Mattscheibe an, ehe ich begriff, dass es wirklich vorbei war. Zwangsweise musste ich mich also anders beschäftigen.
Ich hörte Musik, ich las Foucault und Stuart Hall. Da ging es wieder besser. Ich ging ins Kino. Ich hörte Hörbücher. Ich wurde Lehrer.

2018
„Menschen nehmen fälschlicherweise an, dass ihre Einstellungen, Überzeugungen und Handlungen stärker von Fakten als von Fiktionen beeinflusst werden“, schreibt die amerikanische Sozialpsychologin Melanie Greenwald, die seit vielen Jahren die verblüffende seelische Durchschlagskraft von Erzählstoff erforscht. „Doch tatsächlich werden wir in Erzählungen hineingezogen, in faktische wie in fiktive gleichermaßen.“ Daten, Zahlen, Statistiken lassen uns kalt. Erst wenn sie in eine Story eingebettet werden, erhalten sie eine emotionale Bedeutung.“
Quelle: https://www.berliner-zeitung.de/22970686 ©2018

Seit diesem Jahr habe ich wieder einen echten Fernsehanschluss. Aber ich weiß nicht so recht, warum eigentlich. Wegen der Kinder? Am liebsten schaue ich mir Sachen an, die früher schon gern angeschaut habe. Sherlock Holmes zum Beispiel. Oder „Liebling Kreuzberg“, den ich während meines Studiums 1995 entdeckt habe. Manfred Krug. Großartig. Und mit meiner Frau gucke ich in Endlosschleife „Mord mit Aussicht“ und „Tatortreiniger“. Oder das hochintelligente und schon gemachte „Borgen“. „Kommissarin Lund“. „This is England“.
„Natürlich braucht man regelmäßig einen gewissen Prozentsatz neuer Angebote, aber als solide Basis geht nichts über Altbekanntes: zu wissen, wie es weiter- oder ausgeht, sich den kleinsten Details zuwenden zu können, Dialoge auswendig zu kennen und lieb gewonnene Figuren wiederzusehen“, schreibt Maren Lickhardt in der Pop Zeitschrift. Und sie hat recht.
Die britische Kulturwissenschaftlerin Marie Gillespie hat mit Teenagern über deren Lieblingsseifenoper gesprochen. Die Teenager benutzten die Charaktere und die Handlung der Serie, um ihre eigenen Erfahrungen durchzusprechen und zu reflektieren. Dabei haben die Teenager über die Serienfiguren gesprochen, wie sie das auch über Freunde oder ihrer Familie tun. Die Fiktion ist Teil des wirklichen Lebens. Werner Enke, Woody Allen, der Big Lebowski, Robert Liebling waren Rolemodels für mich. Sie gaben mir eine Möglichkeit, mich zur Welt zu verhalten. Ich lebe mit meiner Familie in einem Dorf. Die großartige Serie „Mord mit Aussicht“ ermöglicht es meiner Frau und mir das Dorfleben durch einen ironischen Blickwinkel zu interpretieren und darüber zu sprechen.
Ich glaube, ich hätte mich ohne David Addison und Maddie Hayes nie auf Foucault, Deleuze oder Baudrillard einlassen können. Ohne Star Trek nicht auf Nietzsche oder Adorno. Ich würde die Welt anders sehen, ohne „Sherlock Holmes“, „Columbo“ oder „Mord mit Aussicht“.
Musik ist ein Begleiter. Sie ist ein Identitäts- und Lebensgefühls-Speicher. Menschen. Orte. Momente. Dinge.
Fernsehen ist kein Begleiter. Fernsehen besteht aus Begegnungen. Begegnungen mit Geschichten. Serien und Filme sind eher ein wie ein Treffen mit der Familie oder mit Freunden. Oder einer Labertasche. Man sieht sich und geht wieder auseinander. Und nach einer gewissen Zeit trifft man sich vielleicht wieder und guckt, ob man sich immer noch etwas zu sagen hat. Ob man noch zusammenpasst. Man verliert sich, man findet sich wieder. Oder auch nicht.
Meine Frau sagt, wenn sie die Titelmusik von „Mord mit Aussicht“ höre, dann fühle sie sich irgendwie zu Hause. Und so ist es.
Es ist egal, ob die Geschichte „wirklich“ passiert ist, oder erfunden. Geschichten haben Auswirkungen auf unser Leben. Man sollte das nicht unterschätzen, wie tief sich Fiktionen auf das eigene Leben auswirken können.

 

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Über Ens Oeser

Ens Oeser ist zusammen mit Laus Itzigmann und Ennis Eineck die Band ACH. Das allen Äußerungen der Band zugrunde liegende Konzept ist "Hobbypop".
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Eine Antwort zu Fernsehgucken

  1. renatesblogweb schreibt:

    LIeber Ens,
    ich habe es nicht geschafft, deinen Beitrag ganz zu lesen… Ich bin ehrlicherweise zum Ende gegangen. Und ich muss deiner Frau Recht geben, irgendwie sind manche Serien wie „zu Hause“, nicht nur „Mord mit Aussicht“, worauf ich mich immer gefreut habe. Ein Teil meines zu Hause angekommen seins ist „M.A.S.H.“. Diese Serie ware eine geraume Zeit, ein Teil meine Tages, fast schon wie ein Stück Heimat kommt es mir vor.
    Lang, lang ischs her.
    Beate/Rénate

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