Aggression abbauen

Vor 15 Jahren saß ich am Freitagnachmittag zusammen mit Kolleginnen und Kollegen im Lehrerzimmer. Wir tranken Bier. Und wir unterhielten uns darüber, wie wir mit frustrierenden Erfahrungen mit Schüler/innen, Eltern, Kolleg/innen und auch der Schulleitung umgehen. Ein Kollege erzählte, er setze sich nach Unterrichtsende in sein Auto und schließe sorgfältig Türen und Fenster. Und dann schreie er aus aller Kraft ein auf Geschlechtsverkehr bezogenes englisches Schimpfwort. Dabei trommle er intensiv mit den Fäusten auf das Lenkrad.
Auch ein Kollege, dessen ruhige und besonnene Art mich stets beeindruckte, saß in der Runde. Ich nannte ihn heimlich „den Ghandi“. „Ich lächle“, sagte er sanft. Das bestätigte mein Bild von ihm weitgehend. Aber dann fuhr er fort: „Und dann stelle ich mir vor, wie ich dem Idioten voll in die Fresse schlage.“ Er schmückte sein Geständnis dann noch mit allerlei Quentin Tarantino artigen Details aus. Das veränderte dann doch mein Bild von ihm. Noch jahrelang fragte ich mich, an was er wohl gerade dachte, wenn er mich anlächelte und sagte: „Du, das macht doch nichts!“
An diese Szene musste ich denken, als ich neulich als Reporter an einer Schule mit sehr jungem Kollegium zu Gast war. Die Kolleginnen saßen im Lehrkräfte-Chillroom in äußerst angespannter Körperhaltung über ihre Smartphones gebeugt. Ich pirschte mich an die jungen Menschen heran und erkundigte mich, was sie da täten. Sie verrieten mir, ohne dabei aufzusehen, dass sie sich gerade mitten im Schlachtengetümmel des Zweiten Weltkrieges befänden. Offenbar spielten mehrere Pädagogen gegeneinander. Denn ab und zu beschimpften sie sich mit uneinfühlsamen Sätzen wie „du Sau, ich hab dir gesagt, wenn du mich noch einmal tötest, bringe ich dir keinen Döner mehr mit“. Ich wollte wissen, ob solche Spiele nicht aggressiv machen.  Die Kollegin mit der Dönerdrohung erklärte, dass sie nach schwierigen Elterngesprächen immer erst einmal ein ordentliches Gemetzel im Onlinespektakel anrichten müsse. „Sonst fahre ich nur heim und mache meinen Freund fertig und das kann es ja auch nicht sein“, meinte sie.
Die Zeiten ändern sich, dachte ich. Aber im Grunde machen die jungen Menschen genau das, was „der Ghandi“ gemacht hatte. Nur mit dem Handy. Und im Zweiten Weltkrieg. Die Kolleg/innen kannten sich sogar mit Handfeuerwaffen aus.

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Ich beschloss, immer möglichst freundlich zu ihnen zu sein. Und über Supervision nachzudenken.

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Über Ens Oeser

Ens Oeser ist zusammen mit Laus Itzigmann und Ennis Eineck die Band ACH. Das allen Äußerungen der Band zugrunde liegende Konzept ist "Hobbypop".
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6 Antworten zu Aggression abbauen

  1. kat. schreibt:

    Das sind diese sozialen Berufe mit Menschen 😂 Krankenschwester haben auch solche Ideen. Und wer weiss ob sie immer nur Selfies machen oder nicht dann doch im Photoshop die Monstermaske drüber laden. Weisst du was SKT ist? Schneller Kissentod. Schlachtruf, wenn ein Patient meganervt. Dabei liebe ich meine Arbeit 😎

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