Grau in Grau. Personalrat.

Ich bin Gewerkschaftsmitglied. Und ich kandidiere für den Personalrat. Chancenlos. Aber mit olympischem Geist.
Und jetzt möchte ich mich entschuldigen. Zur letzten Personalratswahl habe ich eine gemeine Glosse über die Prospekte geschrieben, in denen die Personalratskandidaten sich vorgestellt haben. Darin habe ich doofe Späße darüber gemacht, dass die Bilder alle so nichtssagend aussehen. Grau in Grau. Damals habe ich mich ernsthaft gefragt, ob die Personalratskandidaten wirklich die Langweiler sind, die sie auf den Fotos darstellen. Die Redaktion des Gewerkschaftsblattes hat den Text abgelehnt. Zu Recht.
20180427_190655Jetzt war ich neulich bei der Kreisvorstandssitzung. Und uns Personalratskandidaten wurden dort die „Hinweise für Fotos“ ausgehändigt. In diesen Hinweisen wird beispielsweise empfohlen, dass man auf dem Foto nach rechts schauen soll. „Varianten mit Blickrichtung rechts und links“. Das hat mich ein bisschen an die Bundeswehr erinnert. Aber Blick nach rechts kommt mir das entgegen, weil meine linke Gesichtshälfte tatsächlich die weniger schlimme ist.
Auch der Hintergrund für die Fotos wird beschrieben. „Keine Landschaftsbilder, auch keine Spielsachen, Möbel oder anderes im Hintergrund.“ Das ist Schade, denn ich hatte mir vorgestellt in einem blühenden Rapsfeld zu posieren. Mit umgehängter E-Gitarre. Im Hintergrund der knallrote Bobby-Traktor meiner Kinder und mein Schreibtisch. Aber bitte, dann halt nicht!
Den Hinweisen beigelegt ist das Infoblatt einer Fotoagentur. Vielleicht hat die künftige Personalratskandidatin oder der künftige Personalratskandidat einen individuellen Kleidungsstil, wild und bunt, oder düster und tragisch? Aber nicht auf seinem oder ihrem Kandidaten-Foto!
Denn als „Don’ts“ wird dort gelistet: kein Schwarz, keine grellen Farben (also nicht in der neongelben Radfahrwursthaut), keine geometrischen Muster (also nicht im karierten Hemd, wie sie sich Herren mittleren Alters gern von ihren Frauen kaufen lassen), keine floralen Muster, kein Glitzer und keine Pailetten. Das ist schade. Ich hätte gern in meinem Pailetten-Popstar-Jackett und den Blumenmusterhosen posiert. Aber die Agentur empfiehlt: „Unifarbene Kleidung, wenig Schmuck, saubere Brillengläser, knitterfreie Kleidung, tiefschwarz vermeiden, erdige und neutrale Töne sind besonders sind besonders geeignet.“
Ich sehe das Foto vor mir: Vor einem grauen Hintergrund posiert ein grauer Mensch. Gekleidet in glattgebügelte, erdige Farbtöne. Sumpfgrün oder Matschbraun. Der Mensch blickt nach rechts. Das Foto sieht aus, als würde es einen Menschen zeigen, der auf die Frage, was für einen Beruf er am liebsten hätte, antworten würde: „Verwaltungsfachmann im Mittleren Dienst.“
Ich schaute mich unter dem Kreisvorstand um. Die Leute waren viel zu geometrisch oder viel zu floral gekleidet. Ich stellte fest, dass ich der einzig wahre Personalratskandidat war. Denn ich trug eine graue Hose, einen anthrazit-farbenen Pullover und darunter ein hellblaues Hemd. Alles gebügelt. Ich habe sogar graue Haare. Der Vorstand saß links von mir. Mein Blick ging nach rechts. Die Wand hinter mir war creme-weiß. Ich hätte aus dem Stand ein Personalratsfoto machen können. Direkt aus dem vollen Leben.
Lieber Leser, die Personalratskandidaten sind nicht so, wie sie auf den Fotos aussehen. Sie sind interessante, individuelle Persönlichkeiten. Außer ich. Ich sehe wirklich so aus.

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Über Ens Oeser

Ens Oeser ist zusammen mit Laus Itzigmann und Ennis Eineck die Band ACH. Das allen Äußerungen der Band zugrunde liegende Konzept ist "Hobbypop".
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3 Antworten zu Grau in Grau. Personalrat.

  1. Ad Hominem schreibt:

    Die Frage ist: sind diese Hinweise „kann“ oder „muss“-Vorgaben. Und was würde passieren, wenn man halt einfach doch ein Foto mit knallbuntem Pullover im Rapsfeld einreicht? Außer misbilligenden Blicken könnten die man wohl wenig machen, oder?

    • Ens Oeser schreibt:

      Es sind „Kann-Vorschriften“. Aber das ist so ein gruppendynamisches Ding. Man will ja auch nicht als Profilneurotiker mit infantilem Geltungsdrang auffallen.

    • Ens Oeser schreibt:

      Was mich besonders fasziniert hat ist aber, dass diese Empfehlung ja offenbar für Banken, Manager und Politiker gleichermaßen praktiziert werden. Die sehen ja auch alle so aus.

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