Waffen für Lehrer? Gedankliche Ladehemmung!


Donald Trump fordert, dass in den USA Lehrer bewaffnet werden. Sie sollen sich so gegen Amokläufer zur Wehr setzen können. Der Mann hat eine gedankliche Ladehemmung, so viel steht fest. In deutschen Schulen ist das zum Glück unvorstellbar. Trotzdem ein Kommentar.
„Rotzaffen, ihr seid Rotzaffen und ich habe es so satt mich von euch an der Nase herumführen zu lassen“, schrie mein Deutschlehrer Spucke versprühend und verschwand Türe knallend aus dem Klassenzimmer. Wahrscheinlich eine rauchen. Irgendwas an unserem Verhalten hatte ihn emotional aufgewühlt. Ich glaube weil wir so teilnahmslos waren. Oder vielleicht war etwas zu Hause gewesen und unser Verhalten war nur der Tropfen gewesen, der das Fass zum überlaufen brachte? Man weiß es nicht. Der Mann hätte uns niemals etwas zu leide getan. Ich bin mir sicher. Keine*r meiner Lehrer*innen in meiner dreizehnjährigen Schulkarriere hätte das getan. Bestimmt nicht.
Viele Lehrer*innen sind nach ein paar Jahren im Schuldienst, sagen wir mal, etwas dünnhäutig geworden.
Als ich Berufsanfänger war, saß ich mal im Lehrerzimmer neben einem Lehrer, der mit tonloser Stimme und stierem Blick meinte: „Oft ist alles so enttäuschend, im Beruf und privat irgendwie auch, alles ist so schwarz.“ Mir fiel dazu keine direkte Erwiderung ein.
Es gibt Helikoptereltern, die dazu neigen, Lehrer*innen vor dem Thron ihres Kindes auf die Knie zu zwingen, damit sie dort mit dem verwöhnten Monarchen einen „Dialog auf Augenhöhe“ führen zu können. Es gibt aber auch Eltern, die man niemals kennenlernt. Und obwohl die meisten Eltern freundlich und bemüht sind, dominieren diese Härtefälle natürlich das Erleben des Schulalltags.
Darum befinden Lehrer*innen oftmals in kräftezehrenden emotionalen Ausnahmesituationen. Und für diese Situationen sind sie gehalten friedliche und demokratische Lösungen zu finden. Oft ist dafür eine außerordentlich anstrengende Selbstbeherrschung nötig. Da steht man unter Dampf. Und am Ende ist man so eine Art total ausgeleierter Dampfkochtopf. Oder man expoldiert einfach. Kein Lehrer erreicht das reguläre Rentenalter ohne erhebliche Deformationen und Beschädigungen. Keiner. Ich glaube in den USA ist das nicht anders als bei uns.
Wie kann man auf die Idee kommen, solche Menschen auch noch als Hilfspolizisten an der Waffe auszubilden? Was für eine bescheuerte Idee! Erziehung und Bildung mit einer scharfen Schusswaffe im Holster? We call BS!
Ich war bei der Bundeswehr. Seither habe ich Angst vor Waffen. Waffen sind tödlich. Auch dann, wenn man gar nicht damit töten will. Auch dann, wenn ein „friendly guy“ sie in der Hand hat. Ich erinnere mich an zwei Situationen. Nach den Tagen im Gelände war stets Waffenreinigen angesagt. Die Kameraden drückten das entladene Gewehr gerne aufeinander ab. So wie man das mit Stöcken als Kinder gemacht hat. Peng! Der Typ neben mir, der zur Sorte Primat in Uniform zählte, machte das besonders gern. Eines Tages saßen wir also wieder beim Waffenreinigen. Er zog das Schloss aus seinem G3 und darauf steckte eine scharfe Patrone. Kaliber 7,62 x 51. Wir erstarrten. Gut, dass er diesmal keine Späßchen mit seinem Gewehr gemacht hatte. Die zweite Situation. Beim Pistolenschießen hatte der Kamerad vor mir eine Ladehemmung in seiner P1. Die Waffe war mit scharfer Munition geladen. Der Unteroffizier, der das Übungsschießen beaufsichtigte, sagte zu dem Mann mit der Waffe: „Kamerad, sie haben Ladehemmung!“ Was man da tun musste hatten wir gelernt. Aber der Kamerad hatte das wohl vergessen. Er drehte sich um, so dass der Lauf auf mich zeigte, und drückte ab. „Wie Ladehemmung?“, fragte er Gedankenverloren. Und drückte nochmal auf den Abzug. Der Unteroffizier schrie panisch: „Alle runter!“ Hätte die Waffe in diesem Augenblick wieder funktioniert, er hatte auf uns geschossen. Während meiner Zeit bei der Bundeswehr, erschoss ein Feldwebel, weil er einen Spaß machen wollte, einen Kameraden.
Waffen sind gefährlich. Immer. Egal, wer sie in der Hand hält.
Gewalt ist eine Lösung. Das steht fest. Bereits jemanden zu drangsalieren oder zu demütigen, ist Gewalt. Jemanden anzuschreien, ist Gewalt. Jemanden zu beschimpfen, ist Gewalt. Auf die Schnauze hauen, ist Gewalt. Schlimme Gewalt. Zu schießen, ist unermessliche Gewalt. Schussverletzungen sind grauenhaft.
Donald Trump will, dass Lehrer*innen mit Waffen ausgerüstet werden, damit sie im Falle eines Amoklaufes zurückschießen können. Nicht weniger Waffen, sondern mehr Waffen? Gewalt ist die Lösung? Sollen Lehrer*innen wirklich lernen auf Menschen zu schießen? In einem Computerspiel vielleicht. Oder in einem Film mit Vin Diesel oder Bruce Willis. Aber nicht im wirklichen Leben. Auf einen Menschen zu schießen ist etwas, was nur James Bond ohne psychischen Schaden zurück lässt. Im wirklichen Leben ist das ein Ereignis, das einen nie mehr in Ruhe lässt.
Wie sollen Waffen in den diffizilen, fordernden Alltag von Lehrer*innen passen? Waffen und Bildung gehören nicht zusammen. Niemals und nirgendwo. Das ist ein nicht aufzulösender Widerspruch. Kann man sich einen Universitätsdozenten mit umgeschnallter Waffe vorstellen? Eine Grundschullehrerin? Den Rektor einer einer Realschule, der die Schrotflinte in der Ecke lehnen hat? Die Polizei braucht Waffen. Natürlich. Das Militär braucht Waffen. Klar. Jäger? Meinetwegen. Aber sonst? Wozu? Es wäre so einfach: Waffen zu verbieten führt dazu, dass keiner mehr schießen kann. Nicht mal ausversehen. Das ist die Lösung. Nur das. Und wir wissen das.

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Über Ens Oeser

Ens Oeser ist zusammen mit Laus Itzigmann und Ennis Eineck die Band ACH. Das allen Äußerungen der Band zugrunde liegende Konzept ist "Hobbypop".
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