Anti-Cool: Kritik der Kritik, Teil 4 – Die heilige Selbstverwirklichung

„Nein“, sagte die junge Kollegin theatralisch zu den beiden Evaluatoren, „das läuft bei uns super!“ Ich hatte längst den Faden verloren, um welches Thema es jetzt ging. Ich regte mich auf. Jetzt saß ich seit einer dreiviertel Stunde in einem Gruppeninterview im Computerraum und diese Evaluatoren wollten überhaupt nicht wissen, was wir sagten. Sie fragten, wie meine Mutter gesagt hätte, im Viereck rum. Sie hakten so lange nach, bis sie eine Antwort bekamen, die sie auf ihrem Fragebogen ankreuzen konnten. Evaluation ist also, überlegte ich grimmig, wenn man so lange fragt, bis eine der Antworten kommt, die man schon vorher gewusst hat. Was für eine Zeitverschwendung! Was für eine Geldverschwendung! Menschenlebenszeitvergeudung! Ich studierte zur Beruhigung das Muster eines liegen gebliebenen Schülerordners. Der Schüler hatte quer über die weißen Palmen auf dem rosaroten Hintergrund „ACAB“ und „FUCK SCHOOL“ geschrieben. Fuck Evaluation, dachte ich und grinste.
Nach dem Pisa-Schock wurden hektisch alle möglichen neoliberalen Elemente in die Schule eingeführt. In der Hauptschule war das die Projektprüfung. Das Wort Projekt verlieh dem ganzen so ein Stardup-Ding, aber die Pädagogen nahmen nur das grün-alternative „Komm, wir machen ein Projekt und malen die Fenster bunt an“ wahr. Da treffen sich FDP und GRÜNE. Eine Dutschke-Dahrendorf-Schleife. Lehrpläne wurden Bildungspläne mit Kompetenzen, die „vom Ergebnis her dachten“. Es wurde den Pädagogen überlassen, wie die Kinder diese Kompetenzen erreichen. Die Bildungspläne waren von phänomenaler Schwammigkeit.
Außerdem wurde den Schulen mehr Autonomie zugestanden. Jawohl! Autonomie! Autonomes Zentrum Bakunin-Friedensschule! Schulleitung und Lehrer sollten mehr Verantwortung für die eigene Schule übernehmen. „So wie es zu ihrer Schule passt, sie sind die Experten“, erklärten sie uns auf der Fortbildung. Unsere Arbeitszeit vervielfachte sich. Wir sollten kritisch sein und die Schule neu denken! Und das in der unterrichtsfreien Zeit in Arbeitsgruppen. Da fliegt mich heute noch ein leichter Brechreiz an, wenn ich an all die Lehrer-Verachtung denke, die in diesem arroganten Besserwissergetue mitschwang. Und dann kam die Evaluation.
Natürlich wird alles total frei und selbständig, aber man muss es evaluieren. Und die vorgesetzte Behörde legt die Kriterien fest. Ich musste an Richard Sennetts geniales Buch „Der flexible Mensch“ denken. Sennett beschreibt Projekte in Betrieben so: Ein Projektteam wird von einem Vorgesetzten gebildet. Er selber gehört der Gruppe nicht an. Die Projektgruppe hat ein Ziel. Wie sie das Ziel erreicht ist egal. Die Gruppe ist dem Chef gegenüber verantwortlich für das Gelingen. Der Chef gibt also die Verantwortung für as Gelingen an die Gruppe ab. Gelingt es, das Ziel zufriedenstellend zu erreichen, dann ist es gut. Wenn nicht, kann der Chef nichts dafür. Die Projektgruppe ist schuld. In der Projektgruppe wird so ein darwinistischer Selbstüberwachungsprozess freigesetzt. Ein Hauen und Stechen, das immer den Schwächsten ausscheidet. Du bist schuld, dass es nicht klappt!
Die Pädagogen dachten bei „Projekt“ an die ideale Sprechsituation von Habermas, als sie all den neoliberalen Kram einführten. Jeder in der Gruppe hat die gleichen Rechte, wir hören uns zu … blabla. Tatsächlich eingeführt haben sie den Bentham’schen Panoptismus. Kriterienterror.
So dachte ich damals. Und ich glaube, ich hatte nicht ganz unrecht. Obwohl die Projektprüfung recht positive Auswirkungen auf die Schüler hatte. Und bis heute hat. Sie sind selbständiger geworden und haben durch die vielen Übungspräsentationen mehr Selbstvertrauen. Kann man eigentlich nicht meckern. Aber wir Lehrer sitzen wie die Evaluatoren da mit unseren Abhaklisten und beurteilen die Kinder. Wir geben Feedback.
Feedback. Das ist aus der Kritik geworden. „Danke für ihre Meinung“, die wir für sie schon mal in einen Fragebogen gepresst haben. Abhakfragebögen auf Kompetenzraster. Alternativlose Experten jagen eine Sau nach der anderen durch das Dorf. Foucault wäre begeistert. Er könnte ein neues Kapitel an „Überwachen und Strafen“ anhängen. Und gleich noch eines an „Die Ordnung des Diskurses“.
Wenn ich mich richtig erinnere, dann sollte das Projekt der Kritik irgendwann einmal der Emanzipation dienen. Befreiung durch Erkenntnis. Das war ein ziemlich schmerzhaftes Projekt. Wir Menschen sind nicht der Mittelpunkt des Universums, wir sind nicht die Schöpfungs-Krone, wir sind nicht vernünftig, sondern nur vernunftbegabt. Ansonsten ist das Unbewusste King in da House. Danke liebe Aufklärung. Danke lieber Gallilei, lieber Darwin, und lieber Freud. Andrerseits mag ich selbstironische Bescheidenheit. Schon okay. Ich hatte schon immer so eine Ahnung, dass da etwas nicht stimmen kann, wenn ich oder Menschen überhaupt, die Krone der Schöpfung sein sollen.
Und jetzt sitzen die Evaluatoren mit ihren Listen da und halten das für konstruktive Kritik.
Als ich ein Berufsanfänger war, sagte ein älterer Kollege etwas sehr weises. „Die Dinge kommen, die Dinge gehen, aber wir bleiben bis zu Pension und machen weiter wie immer.“ Das ist auch eine Form der Kritik.
Die foucault’sche Relativierung der Kritik war wichtig. Aber jetzt ist alles so relativ geworden. Die Postmoderne wächst sich einerseits in eine Experto- und Emotiokratie aus. Wissenschaft und Gefühle. Andererseits leben und sprechen wir in einem totalen Relativismus. Und alles im Namen der Emanzipation und der Kritik. Beides ist nicht neu. Aber im Laufe der Zeit immer extremer geworden. Da braucht man eine gehörige Portion Ambiguitätstoleranz, um heil zu bestehen.
Pädagogik ist keine Wissenschaft, sie ist stets der Knecht Ruprecht der hegemonialen Macht gewesen. Man sollte sich da nichts vormachen. Das im Blick kann man sich die allgemeine Verunsicherung im Schulsystem anschauen. Autonome Schulen und Kompetenzorientierung kollidieren mit den IQB-Ergebnissen und Evaluation. Das wissenschaftlich fundierte „Schreiben nach Gehör“ kollidiert mit der konservativen und unwissenschaftlichen Kultusministerin. Die auf breite postmoderne Toleranz angelegte Sexualerziehung kollidiert mit breit verankerter Homophobie. Überall ist Toleranz und anything goes angesagt. Und überall ist auch „bitte verunsichere mich nicht noch mehr“ angesagt.
In seinem schönen Buch „Die unsichtbare Religion“ erklärt Thomas Luckmann die „kirchliche Religion“ zum Anachronismus. Mit religiösen Gefühlen verbunden sei heute die „Selbstverwirklichung“. Da ist etwas Wahres dran. Darum ist Kritik in zunehmendem Maß ein wehleidiges Lamentieren über die Hindernisse, die einem beim Projekt ICH von scheinbar jedem in den Weg gelegt werden. Wie gemein! Und dass das ICH heilig geworden ist, das ist ebenfalls kein Wunder. Ständig wird es in Frage gestellt: Und wenn ich wüsste wer ich wär‘, bedeutete dann mein Leben mehr? Globalisierung und Fragmentierung, das Ende der großen Erzählungen. Wie kann man noch jemand sein? Eine Möglichkeit: Wehleidige Kritik an allem, was das, was ich sein will in Frage stellt. Also Lehrer, Ausländer und Politiker. Aber auch insgesamt Leute mit anderer Meinung. Und andererseits sind es ja gerade diese Autoritäten, die fordern, dass man seine Talente und Begabung entfaltet und zu etwas Besonderem wird. Die individuelle Persönlichkeit ist längst ein Alleinstellungsmerkmal, ein Kapital am Arbeitsmarkt geworden.
Und Mein-ung, das Meinen ist in relativen Zeiten ja auch wichtiger denn je. Denn alles Wissen ist ja entweder relativ oder alternativlos. Kein Wunder, dass Populisten Stimmen fangen.
Demokratie benötigt die Fähigkeit zu starken Meinung, aber auch zur hochentwickelten Toleranz anderer Meinungen. Möglicherweise haben wir hier den Zenit schon überschritten. „Aus der Perspektive moderner Wohlstandsgesellschaften  ist mehr Demokratie tatsächlich nur noch sehr bedingt ein Versprechen oder eine Verheißung, sondern oftmals eine Bedrohung“, schreibt Ingolfur Blühdorn in seiner treffenden Gesellschaftsanalyse „Simulative Demokratie“.

„Denn mehr Demokratie bedeutet mehr Selbstverantwortung für die Bürger. Unter Bedingungen hoher Komplexität, bisher ungekannter Turbulenzen und fundamentaler Unsicherheit in normativer wie materieller Hinsicht ist das aber nicht mehr unbedingt erstrebenswert.“

Also Schluss mit dem kritischen Bewusstsein? Viele der anstehenden Probleme, der Klimawandel beispielsweise, ließen sich auf nicht-demokratische Weise besser lösen, meint Blühdorn. Oder wer wäre in einer demokratischen Abstimmung bereit, auf seinen Lebensstandard zu verzichten, um das Klima zu retten? Eben: Im Zweifel für den Style. Aber wichtig: Demokratisch anfühlen soll es trotzdem. Vom Gefühl her muss es demokratisch sein. Aber eigentlich wird sie nur noch simuliert. Findet Blühdorn. Und hat vielleicht auch recht. Was wird aus der Demokratie? Konsens? Wie Habermas es fordert? Antagonimus, wie es die linke Politikwissenschaftlerin Chantal Mouffe fordert? Man weiß es nicht!
Das ist nicht mehr normal, will man schreien. Aber ach, auch die Frage „Was ist normal?“ hat sich im Fluss des postmodernen Diskursrauschens dynamisiert. Jürgen Links geniale Normalismustheorie lehrt das. Ein homöostatischer Diskurs, der „normal“ dynamisch verschieben kann. Wir erleben das zur Zeit. Man kann einfach so eine „konservative Revolution“ fordern als CSU-Politiker.

Normalismus

Die Kollektivsymbolik des normalistischen Diskurses nach Jürgen Link.

Die Kritik und mit ihr das unvollendete Projekt Aufklärung sind in letzter Zeit offenbar ein bisschen auf Grund gelaufen.
Der österreichische Publizist Thomas Edlinger denkt sogar schon über ein postkritisches Zeitalter nach. Nicht ganz zu unrecht.

  • Er unterscheidet die unwissenschaftliche und medial befeuerte volkstümliche Kritik, die trotz ihrer Voruteilsbehaftung nicht falsch sein muss. Aber auch nicht immer richtig. Beispielsweise am Stammtisch.
  • Die opfernarzisstische Hyperkritik, der es darum geht, die Kritik an sich selbst zu delegitimieren und Bedenken gegen sie zu tabuisieren. Dazu zählt der politische Populismus, wie er durch die AfD repräsentiert wird. Und ein bisschen durch die LINKE. Aber auch hyperempfindliche Eltern, die sich als Opfer böser Lehrer sehen.
  • Die dekorative Pseudokritik, welche die Zustimmung zum Bestehenden durch Ironie einfacher macht. Das ist das, was ich hier pausenlos mache.
  • Die automatisierte Kritik, etwa durch Bots bei Twitter.
  • Und den Miserablismus, der wie die kritische Theorie alles scheiße findet, aber sich sicher ist, dass es trotz dieses Wissens kein Entkommen gibt.

Kritik ist in einer Sackgasse angekommen, findet Edlinger. Eine Antwort wie eine postkritische Welt aussehen könnte hat er nicht.

„In Wirklichkeit sind Natur und Menschen rund um uns immer mehr, als wir begreifen und kritisch aussortieren können. Sie sind teil von uns, so wie wir Teil von ihnen sind. Wir sind aus anderen Menschen gemacht. … Vielleicht ist es an der Zeit, die Fetischisierung der kritischen Differenz zu überwinden. Vielleicht gilt es, die Hybridität der Wirklichkeit anzuerkennen … Vielleicht muss man mehr beobachten und benennen als kritisieren und dekonstruieren. … Eine postkritische konstruktive Auffassung der Welt oder auch eine übende, die Welt nicht belästigende Sorge um sich selbst sind nachvollziehbare Antworten auf den Exzess der kritischen Spaltprozesse.“ (Der wunde Punkt)

Vielleicht. Wird man sehen. Keine schlechte Idee.
wp_20180213_21_07_45_pro.jpgWas bleibt also. Ich finde, es bleibt der Ärzte-Test, den der Autor  Carlo Strenger in seinem Buch „Zivilisierte Verachtung“ vorschlägt. Selbst der größte religiöse Fanatiker will, dass sein Kind im Ernstfall eine moderne ärztliche Behandlung und Antibiotika bekommt. Das ist ein Punkt, an dem man geäußerte Ansichten messen und kritisieren kann.
Und es bleibt die Intoleranz gegenüber der Intoleranz, wie Karl Raimund Popper sie beschrieben hat. Die Toleranten müssen gegen die Intoleranten intolerant sein. Herrlich, allein die Formulierung macht schon Spaß.
Im Jahr 1971 trat Popper in einem Fernsehinterview gegen den damals hochpopulären Herbert Marcuse an. Und da sagte Popper folgende ewige Worte:

„Unsere westlichen demokratischen Gesellschaftsordnungen sind also sehr unvollkommen und verbesserungsbedürftig, aber sie sind die besten, die es bisher gegeben hat. Weitere Verbesserungen sind dringend. Aber von allen politischen Ideen ist der Wunsch, die Menschen vollkommen und glücklich zu machen, vielleicht am gefährlichsten. Der Versuch, den Himmel auf Erden zu verwirklichen, produziert stets die Hölle.“

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Über Ens Oeser

Ens Oeser ist zusammen mit Laus Itzigmann und Ennis Eineck die Band ACH. Das allen Äußerungen der Band zugrunde liegende Konzept ist "Hobbypop".
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