Platten und Leben / Platz 2: Stereo Total „Monokini“

Monokini auf Spotify.Stereo_Total_Monokini
Der Hochschulstreik war mir lang vorgekommen. Wir hatten mit ACH in der Cafeteria gespielt. Jeden Morgen. Professor Ückriem hatte uns Sekt spendiert. Da hätte ich mich am liebsten gleich wieder hin gelegt. Laus hatte Streikgedichte mit den Kommilitonen geschrieben. Wir kamen uns vor wie die 68er. „Endlich ist mal wieder was los hier, das ist so toll“, hatte uns der chefkonservative Professor zugeraunt. Und an mich persönlich die Worte: „Ah, da ist ja mein linker Idealist!“ Ich sah mich schon in der Aula stehen und zu den versammelten Studenten sprechen: „Genossen, wir haben nicht mehr viel Zeit…
Auch das Semester war lang gewesen. Laus, Ennis, Anfred, Ichael und ich hatten die AStA Zeitschrift Phatal,  übernommen. Wir hatten mit ACH Auftritte gehabt und jede Woche geprobt. Wir waren vorn dabei. Die anderen nannten uns „die Cafetenmafia“. Ich fühlte mich wie Sartre. Nur ohne das Auge. Aber auch ohne Simone de Beauvoir.
Im Sommer war ich Vollzeitreporter beim Lokalteil in meiner Heimatstadt gewesen. Ich fuhr mit meinem Roller zur Kleingartenkolonie zum Gurkenfest, ich schaute mir die Kleintierzuchtausstellung an. Ich besuchte den Altennachmittag der Arbeiterwohlfahrt. Ich nahm an der Jahreshauptversammlung der CB-Funker teil. Es war großartig. Mein Leben war richtig interessant geworden. Und wenn ich nicht unterwegs war, dann hing ich zu Hause vor dem Computer und spielte Lost Vikings. Und nebenher hörte ich die geniale „Be here now„.
Und ich las die ganze Zeit. Den Bleistift in der Hand. Frankfurter Schule, Frankfurter Schule und Frankfurter Schule. Abends gammelte ich in der Kneipe herum und trank Bier und spielte Tischkicker mit meinen Realschulfreunden Ichael, Örg und Rno.
Außerdem hatte ich eine sehr intellektuelle Kurzgeschichte geschrieben. Sie hieß „Der Mann unter dem Dach“ und befasste sich mit dem Glauben an Gott. Sie war sogar von einem echten Verlag abgelehnt worden! Ich hatte im Sommer den Krimiautor Ulrich Ritzel für die Schwäbische Zeitung interviewt und dabei auch seinen Verleger kennen gelernt. Danach hatte ich auch noch den Kinderbuchautor Klaus Kordon interviewt. Es war alles sehr phantastisch.
Ich konzipierte einen Roman mit dem Titel „Der Schreibtisch meines Onkels“. Im Mittelpunkt sollte ein Schreibtisch mit  kunstvollen Intarsien stehen. Die Intarsien zeigen die Lebensstationen des Onkels. Im Zweiten Weltkrieg geht der Schreibtisch verloren. Er kommt immer wieder bei prominenten Menschen vorbei, denen die Intarsien jedes Mal eine ganz unterschiedliche Geschichte erzählen. Schließlich landet er bei dem Verteidigungsminister Franz-Josef Strauß, wo ihn der Onkel im Fernsehen sieht und zurück fordert. Naja. Umgesetzt habe ich das nie. Heute kommt mir das auch ein bisschen seltsam vor. Aber damals sah ich mich schon dem Nobelpreiskomitee danken.
So fuhr ich auf meinem Roller mit meiner schwarzen Siebziger Jahre Jacke durch den gleißenden Sommer der herrlichen Neunziger.  „Was für a herrliches Leben!“
Rockstar wollte ich nicht mehr werden. Rockstars waren das fahrende Volk von heute. Arme Würstchen. Gefangene des Starkultes. Sie reisten durch die Lande und boten sich selber an. Manche schlimmer überbezahlt als die Fußballstars, manche arm und verzweifelt. Beide verkauften ihren Seele an die Kulturindustrie. Mir machte nämlich keiner was vor! Ich hatte „Dialektik der Aufklärung“ gelesen!
Lehrer wollte ich auch nicht mehr werden. Ich hatte „Tabus über dem Lehrerberuf“ gelesen. Aber was dann? Am erstrebenswertesten schien es mir, Bohemian zu werden. So wie die Lassie Singers und Stereo Total in Berlin. Sie machten Musik, sie schrieben Bücher, sie lasen Bücher und schrieben darüber, sie schrieben für Zeitschriften, sie lasen in Zeitschriften und schrieben darüber in anderen Zeitschriften, sie traten als Band auf, sie hingen in Bars und Kneipen herum, sie soffen und laberten und produzierten dabei Musik und Lyrik, die mir so wahr wie das eigentliche Leben vorkamen. So wollte ich sein. Das war Leben.
Stereo Total hatte ich zu Beginn des Wintersemesters 97/98 im Müllermarkt Ravensburg entdeckt. Die CD stand in dem Ständer für Tonträger, die probegehört und wieder zurück gestellt worden waren. Stereo Total. Auf dem Cover: Eine nackte Frau, die auf einem winzigen Eisbärenfell sitzt und raucht. Und jede Wette, dass das Foto in Berlin am Kreuzberg oder so gemacht wurde. Ich nahm die CD und hörte sie an. Seltsames Elektrogedudel und dann eine Sängerin mit französischem Akzent, die miserabel sang. „Ach, ach Liebling, ich mag alles, was du machst und wenn du nichts machst, dann mag ich, wie du lachst…“ Unverkennbar war die ganze Angelegenheit links geprägt („Cosmonaut“ statt „Astronaut“). Und stilistisch extrem duch Chanson und Rockmusik der Sechziger und Siebziger beeinflusst. Ein Mann und eine Frau sangen. Serge Gainsbourg und Jane Birkin hörte man da durch. Abwechselnd auf Fanzösisch und Deutsch. Und die Krönung war das Lied „Schön von hinten“. Ein richtig liebes Hasslied. Bei jedem Lied dachte ich: Die können überhaupt nichts, genau das macht sie so stark!

Im Sound Circus, dem coolen Ravensburger Plattenladen, hatte ich mir Anfang des Jahres „Hotel Hotel“ von den Lassie Singers gekauft.

Schon das war eine echte Eröffnung gewesen. So schlichte Musik, so schlichte Texte, aber so wahr und so schön. So sollte auch die Musik sein, die ich machte. Genau so.
Stereo Total und die Lassie Singers. Die Zukunft war offen. Alles schien möglich. Und das war ein herrlicher Gedanke.

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Über Ens Oeser

Ens Oeser ist zusammen mit Laus Itzigmann und Ennis Eineck die Band ACH. Das allen Äußerungen der Band zugrunde liegende Konzept ist "Hobbypop".
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