Platten und Leben / Platz 3: The Cure „Boys don’t Cry“

Platten und Leben gehören zusammen. Hört man eine bestimmte Platte, hört man nicht einfach Musik, man tritt in Kontakt mit Menschen, Dingen, Orten, Momenten und Gefühlen. Popmusik ist immer eine Antwort auf die Frage: Wie will ich leben? Hier sind meine 10 Antworten auf diese Frage und der Moment, wie sie in mein Leben traten. Popmusik ist für mich immer schon etwas gewesen, das mir geholfen hat, jemand zu sein. Popmusik hat mir geholfen eine Stimme zu finden. Deshalb gibt es hier keine Kritik, sondern eine biographische Einordnung.
Es geht nicht um eine musikhistorische Einordnung, oder um objektive Kriterien.
„Burns like fire, burns like fire in Cairo, Fire, Fire, Fire!“ Unser Feuer brannte lichterloh und sprühte Funken in den sternenklaren Mai-Nachthimmel.  Flackernd beleuchtete es unseren Lagerplatz neben dem mattgrünen Stahlfachwerkmastens, dessen Schatten unser Feuer tanzen ließ. Und wir tanzten auch. Alle waren da. Arkus, Ichael, Örg, Rno und sogar der Eber. Die Mofas lehnten an den Bäumen. Und im Cassettenrecorder lief das „Boys don’t cry“ Album von The Cure. Auf der B-Seite war „17 Seconds„.
Wir tanzten zwischen den Bäumen im zuckenden Schatten der Stommastens. Wir tanzten besinnungslos und feierten unser Gefühl existenzieller Verlorenheit. Taumelnd bei „World War“, hüpfend bei „Grinding Hold“. Zwei Schritte vor, zwei Schritte zurück bei „Fire in Cairo“ und abwechselnd taumelnd und hüpfend bei „10.15 on a Saturday Night“.
Direkt neben unserem Lager ging es an die 20 Meter abwärts zu den Bahnschienen. Jenseits dieser Schlucht dämmerte die riesige Fertigungshalle des Einbauküchenherstellers. Wir hatten Bier, wir hatten Sprudel und wir hatten The Cure. Woher der Ichael jetzt wieder das Bier hatte war ein Rätsel.
Im Morgrauen ließen die Batterien meines Neckermann-Cassettenrecorders nach. Robert Smith eierte ziemlich. Es waren die Pfingstferien 1988. Wir waren noch Neuntklässler. Noch! Aber das letzte Jahr der Realschule würde im September beginnen.

Anfang der Neunten Klasse, im September 1987 waren wir auf Klassenfahrt in Südtirol gewesen. Arkus hatte eine Cassette mit aktuellen Hits dabei. „It’s a sin“ von den Pet Shop Boys, „Holiday“ von The Other Ones, „I love to love“ von Tina Charles. „Ella, elle la“ von France Gall. Der ganze Quatsch. Ich hatte Kraftwerk dabei. Aber im Zimmer von Örg und Ichael lief dauernd das „Boys don’t cry“ Album. Das war etwas ganz anderes als der dick aufgetragene Achtzigerjahre Pop. Gitarre, Schlagzeug, Bass und die nöhlende Stimme von Robert Smith.
Alle Jungs versuchten mit irgendwelchen Mädchen zu gehen. Es war absurd. Diese Dumpfbacken, dachte ich. Ich kurierte immer noch am Phantomschmerz meiner im März zerplatzten Hybris. It burns like fire in cairo, dachte ich. Jetzt war „Another Day“. Das Hybris-Mädchen, fand ich „is just an Object in my eyes“. Aber andrerseits, dachte ich, wenn man so an den Arkus denkt, da weiß man auch nicht. Denn Arkus saß mit Rigitte knutschend an an der Tischtennisplatte. Er trug ihren hellblauen Mädchen-Pullie, sie seinen. „Plastic Passion is hard to handle“, sang es in mir. Ich schüttelte innerlich den Kopf. Äußerlich nicht, dass hätte Arkus sehen können und dann wäre er beleidigt gewesen. Ich wollte soetwas nicht. Mit einem Mädchen rumsitzen und ihre Klamotten anziehen. Wie öde! Man sollte es wohl wollen wollen, dachte ich. Aber eigentlich will man das nicht.
Ichael und ich saßen auf der Treppe im Garten und schauten Othar, der jetzt schon aussah wie ein Finanzbeamter, und dem Orber, der jetzt schon aussah wie ein Lastwagenfahrer, dabei zu wie sie ihre Abfuhren kassierten. Es war ein erbärmlicher Witz.
Wir hörten „10.15 on a Saturday Night“. Und plötzlich sprach auch dieses Lied zu mir. Plötzlich wusste ich, worum es in dem Text ging. Samstag, wenn man draußen sein sollte, mit seinen Freunden, in der Kneipe, Bier, Musik, Quatsch reden, Tischkicker … da sitzt du in der Küche und wartest, dass das Telefon klingelt. Weil du eine Freundin hast. Schrecklich! Lieber hier auf der Treppe sitzen, in die Südtiroler Dämmerung gucken und „Three Iamginary Boys“ anhören. Das war tief.
Später hörten wir auch noch „The Gun“ von DAF. Das hatte der Örg dabei. Arkus hatte gemeint, in dem Lied ginge es darum, dass die Schwuletten sich gegenseitig einen Blasen. Eine Bemerkung, die ich nicht wirklich verstand. „Schwulette“ okay, aber „einen Blasen“. Ich tat als ob ich verstand. Darin war ich geübt. Aber das Lied war geil.
„Boys don’t cry“ wurde unser Schuljahres-Begleiter. Und nach und nach merkte ich, dass es in den Texten um unsere Gegenwart ging. Um uns. Wie bei aller guten Popmusik. Wir waren auch Imaginary Boys.

Gegen acht Uhr brach der Förster mit seinem Passat duch das Unterholz zu unserem Zeltplatz durch. Wir lagen auf unserem Zeitungspapier in den Schlafsäcken und blinzelten in den trüben morgen. Das Feuer qualmte noch. Der Förster machte uns sehr deutlich klar, dass wir hier zum letzten Mal genächtigt hatten. „Accuracy“ sang ich innerlich.
Im Sommer kaufte ich die Platte. Als ich die Wohnung meiner Schwester hütete, hörte ich die Platte jede Nacht im Dunkeln. Und wartete auf die Zukunft. Und ich spürte, dass diese Platte nicht nur die Geschichte meiner zerplatzten Hybris erzählte, sie spürte auch den Abschiedsschmerz. Nächstes Schuljahr würden wir in unserem letzten  gemeinsamen Schuljahr sein. Und dann? Es war unvorstellbar.
„Scared of what the morning brings
Waiting for tomorrow
Never comes
Deep inside
The empty feeling
All the night time leaves me
Three imaginary boys“

Ich weiß, dass „Boys don’t cry“ nur die amerikanische Version des „Three Imaginary Boys“ Album ist. Aber das kannte ich da noch gar nicht. Und das Cover von „Boys don’t cry“ ist viel schöner. Auch wenn es sich um kein Original-Album handelt.

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