Platten und Leben / Platz 8: TRIO

Die Aufgabe dieser Albumliste ist es, 10 für mich wichtige Musikalben aufzuzählen, und zu begründen, warum sie wichtig für mich sind. Na gut.
Es geht nicht um eine musikhistorische Einordnung, oder um objektive Kriterien.
Popmusik ist für mich immer schon etwas gewesen, das mir geholfen hat, jemand zu sein. Popmusik hat mir geholfen eine Stimme zu finden. Deshalb gibt es hier keine Kritik, sondern eine biographische Einordnung.

Mein Freund und einziger Bandkollege Arkus und ich waren immer auf der Suche nach einer authentischen Stimme für unsere Lieder. Wir wussten nur einfach nicht, was wir sagen wollten. Die Texte waren ein Problem. Mit dreizehn hatten wir noch keinen Zugang zum Thema „Liebe“. Und zu allen anderen Theman auch nicht. Also machten wir es so, wie alle es machen, die nichts zu sagen haben: Wir taten das auf Englisch.
Die Neue Deutsche Welle war Mitte der Achtziger tot. Nur noch Roland Kaiser sang auf Deutsch. Unser erster annehmbarer Versuch einen deutschen Text zu singen, war inspiriert durch die Sprechblase auf den Telefonzellen: „Ruf doch mal an!“ Und man spürt in dem Lied, es geht um uns. Arkus singt, ich mache das Beatles-„Uhhhh“ aus „She loves you“.
Unsere englischen Lieder waren bekloppt. Das lag hauptsächlich daran, dass wir meistens Phrasen aus anderen Texten droschen, die keinen größeren Inhalt ergaben.
Das hatten wir irgendwann satt. Arkus begann Gedichte zu schreiben. Auf Deutsch. Sie hatten auf jeden Fall mehr Inhalt, als unsere englischen Lieder. Beispielsweise:
Ein Penner liegt auf ner Bank / Er ist wieder mal voll getankt / Die Leute stehen um ihn rum / und schauen nur recht dumm / da kommt n Polizist und zischt / ich geb dir nur ne kleine Frist…“
Das ging. Da konnte ich mit. Die Lieder wurden nett. Wir sangen über die Großstadt, vor der wir angst hatten, wir sangen darüber, dass man den Rasen nicht betreten darf und so weiter. Sogar über den Absturz eines Stars.
Dann tauchte eben doch das Thema „Liebe“ auf und es wurde schwierig.
Ein Fortschritt war die Platte „Wunderkinder“ von Heinz Rudolf Kunze, die ich mir 1986 kaufte. Das Lied „Wunderkinder“ war der Hammer. Der Text war und ist genial.
Arkus fand den Kunze blöd.
Wir entdeckten Kraftwerk. Electric Cafe. Boing Bumm Tschak. Falco wurde extrem wichtig. Obwohl ich keine Ahnung hatte, was er eigentlich von sich gab. Obwohl es ja größtenteils deutsch war. Aber seine kaltschnäuzige Art half den Phantomschmerz des Kindheitsendes zu überstehen. Eben war man noch ein Kind und plötzlich ist man gar nichts mehr. Shadow wurde zu Falco.
Anfang 1987 zerbrach mein mühsam zusammengebasteltes Selbstbild an einer Lapalie. Deutsche Texte halfen mir hier nicht. Nur die Beatles, The Cure und Aha konnten diesen Schmerz tragen und beim Zusammenkleben der Scherben helfen. Aber der Schmerz blieb.
Ende der Achtziger hatten wir uns von den Charts gelöst. Jetzt waren wir Entdecker in den unendlichen Weiten der Popkultur geworden. Als ich beim Kramen im Müllermarkt auf die Platte TRIO stieß kaufte ich sie aus einem spontanen Impuls heraus. Nichts war so derart out, wie die „Neue Deutsche Welle“. Aber das Lied „Kummer“ traf mich mitten in die geschundene Seele. Noch nie zuvor hatte jemand so genau meine Gefühle getroffen.

Kurz zuvor hatte ich den Film „Nicht fummeln, Liebling!“ mit Werner Enke im Fernsehen gesehen. Auch ein sehr trostreicher Film. Enke war der erste Filmstar, der mir eine realitätstaugliche Vorgabe lieferte, wer ich sein könnte. Und TRIO waren die erste Band, die mir eine Art des textens vormachten, die auf ganz einfache Art Gefühle ausdrückte. Ohne dabei Nena pathetisch zu werden (= „Wir fahren auf Feuerrädern Richtung Zukunft durch die Nacht“ oder so). Oder „Nur ein Traum“. Und genial war, dass die musikalischen Fähigkeiten von TRIO, den unseren ganz ähnlich zu sein schienen. So konnte man es also auch machen, und es war trotzdem cool. Auch die englischen Lieder von TRIO sind irgendwie deutsch. Echtes Englisch ist anders. „Energie“ beispielsweise.
Später kam Ichael mit den Ärzten und den Toten Hosen. Den Toten Hosen verdanke ich vor allem meinen unbeschwerten Zugang zu Bier. Aber den unbeschwerten Zugang zum authentischen Texten und dem selbstbewusstem Umgang mit musikalischem Dilettantismus bekam ich durch TRIO.
Mein TRIO-Favorit ist allerdings auf der nicht ganz so guten zweiten TRIO-Platte „Bye Bye“. „Herz ist trumpf“. An diesem Lied hatten sich Shadow schon Ende 1984 abgearbeitet. Erst viel später, 1996, sollte daraus ein wunderschönes Lied werden.
Ein genialer Text zu genialer Musik. Nichts, was Tocotronic später machen sollte, war für mich derart rundum gelungen wie dieses Lied. „Dann geh‘ ich schnell nach Haus, denn jetzt fängt Fernsehen an.“ Was für ein Satz! Und natürlich:
„Ich träume immerzu von einem Liebeslexikon
Was dann? Was dann?
Es läuft nichts in der Richtung deshalb träum‘ ich ja davon
Was dann? Was dann?
Dann schenk‘ ich nochmal nach damit ich schlafen kann
Was dann? Was dann?“
Banaler Schrott? Kann sein. Ist okay. Aber für mich sagt das viel über mein Leben.
Danken Sie: Dem TRIO!

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Über Ens Oeser

Ens Oeser ist zusammen mit Laus Itzigmann und Ennis Eineck die Band ACH. Das allen Äußerungen der Band zugrunde liegende Konzept ist "Hobbypop".
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