Platten und Leben / Platz 9: Blur „Parklife“

Die Aufgabe dieser Albumliste ist es, 10 für mich wichtige Musikalben aufzuzählen, und zu begründen, warum sie wichtig für mich sind. Na gut.
Es geht nicht um eine musikhistorische Einordnung, oder um objektive Kriterien.
Popmusik ist für mich immer schon etwas gewesen, das mir geholfen hat, jemand zu sein. Popmusik hat mir geholfen eine Stimme zu finden. Deshalb gibt es hier keine Kritik, sondern eine biographische Einordnung.

Im März 1995 war mein Realschulfreund Arkus gestorben. Er hatte Krebs gehabt. Nie hätte ich gedacht, dass er stirbt. Klar, er war total dürr geworden und hatte keine Haare mehr. Naja. Und er war an ziemlich viele Schläuche angeschlossen. Aber ansonsten war er wie immer. Fröhlich und ein bisschen pampig. Wir hatten miteinander Musik gemacht. Bis zum Realschulabschluss 1989 waren wir Shadow gewesen. Dann ging es nicht mehr.

Wir trafen uns nur noch am Wochenende in der Kneipe, da stand mehr Bier und Tischkicker im Mittelpunkt. Außerdem kam es uns irgendwie kindisch vor, im Kinderzimmer zu sitzen und Lieder auf Cassette aufzunehmen, die niemand anhörte, außer uns. Und dann war er tot. Keine Musik mehr. Nie mehr. Das war einschneidend.
Ich wollte etwas tun, das mich weiter mit ihm verband. Er hatte ein paar Texte geschrieben, die wir nie vertont hatten. Im April begann ich diese Texte zu vertonen und in meinem Kinderzimmer aufzunehmen. Wie früher. Nur ohne Arkus. Immer abends. Bevor ich durch die Frühlingsluft zur Kneipe ging. Die frische, kühle Luft. Die Wolkenstreifen am Himmel.

Ich hörte pausenlos die Beatles. Revolver und Rubber Soul. Und wenn das nicht, dann David Bowies „Low“ oder „Heroes“ , Blondie oder den Berliner Iggy Pop. Oder „Bossanova“ von den Pixies. Insgesamt frühe Achtziger Jahre. Analoge Synthesizer. Die Musik der Neunziger war das Grauen. Eurodance, Techno und Killerkrach.

Ich lag ich auf dem Bett und hörte Radio und da lief dieses Lied, das sich anhörte wie David Bowie auf „Low“. „Boys and Girls“. Die Band hieß Blur, sagte der Radiomoderator. Das war schon im Herbst 1994 gewesen. Ich versuchte es auf Cassette aufzunehmen. Aber es lief nicht mehr. Als meine seltsame Freundin mich fragte, was ich mir zu Weihnachten wünsche, sagte ich ihr das Lied und die Band und sie schenkte mir das Album „Parklife“. Es war der Hammer. Ich hörte es kurz vor der Weihnachtsmörderparty in der Kneipe alleine in meinem dunklen Kinderzimmer an. So wie ich auch manchmal mit Arkus Musik gehört hat. Im Dunkeln. Ohne zu sprechen. „Boys and Girls“ war noch nicht mal das beste Lied. Es war weniger Bowie und mehr Beatles 1966/67. Kinks vielleicht auch.
So ging ich ins Jahr 1995. Die Silvesterparty mit der seltsamen Freundin war katastrophal. Ich habe aber vergessen warum. Nur das Gefühl ist geblieben. Aber „Parklife“ half. Und dann sahen die Typen von Blur auch noch so aus wie ich. Das hatte ich auf VIVA gesehen. Trainingsjacke. Parka. Natürlich sahen sie viel cooler aus. Aber so ein bisschen wie ich. Der Ford Taunus im Video von „Parklife“. Der Text von „Parklife“:  „I feed the pigeons, I sometimes feed the sparrows too / It gives me a sense of enormous well-being / And then I’m happy for the rest of the day safe in the knowledge there will always be a bit of my heart devoted to it.“

Ich wohnte in Ravensburg. Da gab es jede Menge Tauben und Spatzen. Außer am Wochenende, da ging ich zu meinen Eltern. Und ich studierte auf Lehramt. Allerdings nicht ernsthaft in der Absicht Lehrer zu werden. Ich würde Philosoph oder Schriftsteller werden. Lehrer? Lächerlich!  Ich war im dritten Semester. Das Studium lief gut. Meine Praktika waren gut gelaufen. Meine Ravensburger Wohnung ohne Heizung war toll. Seit einem Jahr hatte ich einen Computer mit Drucker. Es war der Wahnsinn. Ich liebte die Cafeteria. Ich fuhr Motorroller. Ich las die Frankfurter Rundschau und die Frankfurter Schule. Ich konnte nicht verstehen, wie jemand nicht verstehen konnte, dass beide einfach recht hatten. Das musste doch bekannt sein. Inzwischen. Und die ganze Zeit hörte ich „Parklife“. Es wurde Sommer, es wurde Herbst. Die seltsame Freundin hatte mich endlich von sich getrennt. Es war großartig. Ich war frei.
Im Herbst kaufte ich mir die Greatest Hits der Stone Roses. Mehr als eine CD pro Semester war finanzmäßig nicht drin. Mein Bruder schenkte mir „I should coco“ von Supergrass. Und im November gab es die Anthology 1 von Beatles. „Free as a Bird“ jagt mir bis heute einen Schauer über den Rücken. Die Beatles, die Beatles, die Beatles, sie waren nochmal gekommen. Irre.
Mein Freund Ichael schleppte mich mit Dosenbier ins Schneegestöber, um mir wegen der seltsamen Freundin zu helfen. Beides half. Ichael, Dosenbier. Aber auch Parklife, Coco und Stone Roses.
Immer noch nahm ich am Wochenende kleine Lieder auf Cassette auf, um an Arkus zu denken. Inzwischen waren mir aber seine alten Texte ausgegangen. Darum vertonte ich jetzt die Gedichte, die ich mit meinen Studienfreunden geschrieben hatte. Meine Freund waren da. Die Lebenden und die Toten.
Die Zukunft war offen. Ich war nicht allein. Und der Soundtrack war „Parklife“.

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Über Ens Oeser

Ens Oeser ist zusammen mit Laus Itzigmann und Ennis Eineck die Band ACH. Das allen Äußerungen der Band zugrunde liegende Konzept ist "Hobbypop".
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