Platten und Leben / Platz 10: Franz Ferdinand „You could have it so much better

Die Aufgabe dieser Albumliste ist es, 10 für mich wichtige Musikalben aufzuzählen, und zu begründen, warum sie wichtig für mich sind. Na gut.
Es geht nicht um eine musikhistorische Einordnung, oder um objektive Kriterien.
Popmusik ist für mich immer schon etwas gewesen, das mir geholfen hat, jemand zu sein. Popmusik hat mir geholfen eine Stimme zu finden. Deshalb gibt es hier keine Kritik, sondern eine biographische Einordnung.

Ich war seit fünf Jahren Lehrer. ACH lag in den letzten Zügen.
Die letzten drei CDs, die ich im Jahr 2005 gekauft hatte, waren
The Byrds: Greatest Hits
The Who: Greatest Hits
The Kinks: Greatest Hits
Im Grunde suchte ich immer nach den Beatles. In den Neunzigern hatte es immerhin Blur, Oasis und Pulp gegeben. Aber jetzt? Aus Verzweiflung hatte ich sogar angefangen in den Siebzigern nach etwas Vernünftigem zu suchen und war auf The Jam gestoßen. Vor allem auf deren cooles Album „Sound Affects„.
Aber mit neuer Musik konnte ich nichts mehr anfangen. Ich kannte gar keine neue Musik mehr. Das war alles Gummi-Schwumpf. Ich fühlte mich alt und abgehängt.
Und so saß ich in meinem blauen Polo auf heimweg von der Arbeit. Müde und stumpf stand ich an der Ampel und hörte Deutschlandfunk. Mein Kratzer auf meiner ramponierten Windschutzscheide fingen das Licht der Ampel ein und liesen den Blick auf die dämmerige Straße zu so einer Art Neonröhrenkunstwerk werden. Im Radio lief eine Sendung über Universität und Studenten oder so. Campus und Karriere. Komischer Titel, dachte ich. Campus brachte ich eher mit endlosem rumgammeln und diskutieren über Nietzsche in Verbindung. Das fehlte mir. Immer noch. Jetzt saß ich im Lehrerzimmer. In der großen Pause redeten wir manchmal über Musik und Filme. Aber nie über Nietzsche. Da kam dieses Lied im Radio. Es war cool. Ich mochte die Strokes. Und bei den ersten Klängen dieses Liedes dachte ich, dass das etwas neues von den Strokes sein könnte. Na, die haben sich ja gemacht, dachte ich versonnen ins rote Ampellicht hinein. Es ging so: „Do you, do you, do you, do you wanna…“ Das war sogar sehr cool. Der Sprecher sagte hinterher, dies sei die Band Franz Ferdinand gewesen. So ein totaler Scheißname, dachte ich, wie kann man sich so nennen, sind das Österreicher, oder was?
Abends beim Korrigieren gab ich bei Youtube „Franz Ferdinand“ ein. Da wurde mir das Video für „Do you want to“ angeboten. Das Video haute mich um. Ich musste es mehrmals hintereinander angucken.

Und jetzt bekam ich auch mehr vom Text mit: „Well here we are at the transmission party
I love your friends they’re all so arty, oh yeah.“ Wunderbar. Eine Textzeile, an die ich heute noch oft denke.
Ich schlenderte durch die wintergraue Stadt in den lokalen Plattenladen. Ja. Ich hatte noch keine Kinder und da hat man noch Zeit für soetwas wie „schlendern“. Schlendern ist ja so eine Art Denken beim Gehen. Im CD-Regal standen Franz Ferdinand. Eine CD mit lauter Liedern, die ich nicht kannte und „You could have it so much better“. Beide CDs sahen aus wie russische Revolutionskunst. Da fühlte ich mich als Erwachsener ernst genommen. Ich kaufte die CD.
Alle Lieder auf dem Album sind großartig. Gleich das Eröffnungslied „The Fallen“ war umwerfend. „Eleanor Put Your Boots On“ ist wunderschön.
Ein Jahr später kam unser erstes Kind. Seither höre ich Musik hauptsächlich im Auto. Und „You Could have it so much better“ wurde mein Begleiter ins Erwachsenenleben. Und mein Einstieg für die Arctic Monkeys, ich traute mich jetzt auch die Strokes richtig zu hören.
Ich höre britische Popmusik. Ich weiß nicht, woher diese seltsame Vorliebe kommt. Aber meine Ahnenreihe ist
60er Bealtes
70er The Jam
80er The Smiths
90er Blur / Oasis
00er Franz Ferdinand.
Ich hatte den Anschluss geschafft. „Tonight“ finde ich übrigens noch besser als „You could …“.

Advertisements

Über Ens Oeser

Ens Oeser ist zusammen mit Laus Itzigmann und Ennis Eineck die Band ACH. Das allen Äußerungen der Band zugrunde liegende Konzept ist "Hobbypop".
Dieser Beitrag wurde unter Popkultur abgelegt und mit , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.