Christbaumkauf Reloaded

Am letzten Schultag fragte mich ein Mädchen, ob ich weiß, was ein Depp ist. Durch viele Jahre Lehrerdasein misstrauisch geworden, antworte ich nicht gleich, sondern schaute sie zuerst forschend an. „Wissen Sie nicht, was ich meine?“, fragte sie kichernd. Sie war umringt von einer Freundinnenschaar, die rotwangig und kichernd an ihr hing. „Depp“, antwortete ich ernst, „ist ein Schimpfwort, für jemanden, von dem man glaubt, dass seine intellektuellen Fähigkeiten nicht zur Bewältigung seines Lebens ausreichen.“ Sie guckte mich verwirrt an. Dann fiel der Groschen. Sie lachte. „Nicht ein Depp“, die Freundinnen kicherten auch, „ein Dab!“ Ich guckte verwirrt. Sie buchstabierte: „D – Ä – B!“ Als ich mit der Schulter zuckte, machten sie und ihre Freundinnen folgendes (siehe Bild). „Das ist ein Dab, kennen sie das nicht?“ Ich schüttelte den Kopf. Das mache man, sagte sie, wenn einem etwas peinlich sei.
Am Nachmittag war ich mit meinem Kind unterwegs, um einen Christbaum zu kaufen. Ich bin ja erst im März hergezogen. Darum habe ich keine Ahnung, wo man hier Christbäume kauft. Die Frau hatte gemeint, gleich am Ortseingang des Nachbarortes. Und als ich mit dem Auto das gelbe Ortschild passierte, sah ich auch gleich den Baumverkaufsplatz. „Da ist gar kein Schild“, sagte das Kind. „Wir sind hier auf dem Dorf, da weiß man das auch ohne Schild“, antwortete ich überlegen. Neben einem total verbauten Einfamilienhaus war ein Grundstück, auf dem lauter christbaumgroße Nordmanntannen wuchsen. „Guck“, sagte ich zum Kind, „die kann man sogar selber absägen.“ Wir suchten wir uns drei Bäume aus, die wir eventuell gerne hätten. Den besten markierten wir mit einem gelben Wollfaden. „Da ist gar keiner, dem man Bescheid sagen kann“, stellte das Kind fest. Wir umkreisten das Haus. Wir fanden niemanden. Saftladen, dachte ich. Dann fuhren wir heim.
Die Frau hatte keine Hemmungen, ihre Enttäuschung darüber zu zeigen, dass wir keinen Baum dabei hatten. Das nervte mich. Denn ich war der Ansicht, ich hätte alles Nötige getan. Es stellte sich heraus, dass der Verkauf auf der anderen Straßenseite sein musste. Das Kind und ich setzten uns nochmal ins Auto. Und tatsächlich. Auf der anderen Straßenseite wies ein großes Schild auf den Christbaumverkauf hin. „Hast du das vorher nicht gesehen“, sagte ich vorwurfsvoll zum Kind. „Ich“, empörte sich das Kind, „ich bin acht Jahre alt, du bist der Erwachsene.“ Dazu sagte ich nichts.
Im Hinterhof gab es tolle Bäume. Beiläufig fragte ich den Verkäufer, wie es denn mit dem Nachbarn auf der anderen Straßenseite sei, ob der auch Bäume verkaufe. Erst guckte er ungläubig. Dann lachte er: „Des krüppelige Gebüsch auf’m Grundstück vom Maler?“ Ich nickte. „Sowas stellt sich doch koiner ins Wohnzimmer!“
Dann kaufte ich einen großen, buschigen Baum. Schöner als alle anderen. Die Frau lachte, als wir zu Hause ankamen. „Und wo wart ihr vorher“, fragte sie. Ich antwortete nicht. „Bei fremden Leuten im Garten“, antwortete das Kind grantig. Die Frau schaute mich an. Und ich? Ich machte einen Dab.

Adventspezial: Diese Geschichte habe ich schoneinmal veröffentlicht. Aber in einer längeren Version. Hier nun also die Adventshektikversion. Hier das Original.

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Über Ens Oeser

Ens Oeser ist zusammen mit Laus Itzigmann und Ennis Eineck die Band ACH. Das allen Äußerungen der Band zugrunde liegende Konzept ist "Hobbypop".
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