Die Geschichte zum Lied „Langweilig und blöd“ (2007) – Die Welt als Wille und Style

„Links und rechts lösen sich nicht
nur lebensweltlich auf.
Linke Politikprojekte geraten
heute immer wieder in die

Nähe der nationalen Einhegung,
weil man die Solidarität
der Umverteilung eben nur

den „Eigenen“ zumuten kann.“
Armin Nassehi

Ich bin mal „Faschist“ genannt worden. Da war ich zu Besuch bei einem Freund, der gerade seinen Zivildienst in Freiburg machte. Wir wollten bei irgendeinem Typen einen Autoschlüssel abholen. Ich weiß nicht mehr warum. Als der Typ die Türe seines Zimmers öffnete, standen wir Che Guevara gegenüber. Wirklich. Er sah aus wie der Commandante. Ich war verblüfft. Vence remos, dachte ich. An der Wand über seine Matratze hing die kubanische Flagge und daneben das unvermeidliche Che Guevara Portrait. Auf der Innenseite seiner Türe hatte er ein Poster angeklebt, auf dem der unsäglich sinnlose Che-Spruch „Seien wir realistisch, versuchen wir das Unmögliche“ abgedruckt war. Ich betrachtete die Wand mit dem Che-Portrait und fragte: „Wo sind denn Mussolini und Franco?“ Er guckte irritiert. Also erklärte ich: „Na, ich dachte du sammelst Bilder von Diktatoren und Massenmördern, der erst hängt ja schon.“ Er guckte irritiert. Dann drückte er uns den Autoschlüssel in die Hand und schob uns mit der Anmerkung, dass ich ein Faschist sei, zur Türe hinaus. Ich rief ihm nach: Ein Portrait an der Wand ist noch lang keine Meinung!“
Seit ich die RORORO-Monographie über Che gelesen hatte, regten mich solche Leute auf. Junge coole Leute, wie sie mir später auch beim Sturm-und-Klang-Festival begegnet sind. Menschen, die sich auf eine arrogante, aber oberflächliche Art auf linke Phrasen und Symbole bezogen. Eine leicht durchschaubare Distinktionshexis und adoleszente Illusio. Spätpubertär als spätkapitalistisch. Schlimm.
Sie setzen sich Fidel-Castro-Kappen auf und ziehen Che Guevara T-Shirts an. Sie finden Lenin cool und ignorieren Stalin. Sie freuen sich über „Prada Meinhof“. Das sagt eine ganze Menge über sie. Links sein ist für diese Menschen ein individualistisches Lifestyleprojekt, eine besondere Form des Konsums. Die Welt als Wille und Style. Linke Musik, linke Mode, linkes Vokabular, fairer Kaffee und so weiter und so fort.
Ich wundere mich schon lange darüber, dass linksradikale Symbolik als schick gilt, rechtsradikale aber verteufelt wird. Ich finde, dass beides verteufelt werden sollte. Denn linksradikal und rechtsradikal sind sich sehr nahe.
Sie verknoten sich beispielsweise in diesen unerträglichen Worten Ulrike Meinhoffs: „Wir sagen, natürlich, die Bullen sind Schweine, wir sagen, der Typ in der Uniform ist ein Schwein, das ist kein Mensch, und so haben wir uns mit ihm auseinanderzusetzen. Das heißt, wir haben nicht mit ihm zu reden, und es ist falsch überhaupt mit diesen Leuten zu reden, und natürlich kann geschossen werden.“ Eliminatorische Logik. Genau wie der NSU, hat die RAF  heimtückisch und hinterhältig Menschen ermordet. Aufgrund einer hypermoralischen nur-wir-haben-recht-Verblendung. Daran ist nichts cool und schon gar nichts schick. Es ist genauso mörderisch und falsch, wie aller Terrorismus. Eine mörderische Einheit zwischen Meinhoff und Mundlos, Baader und Böhnhardt. Stalin und Hitler.
Ich nenne diese Übereinstimmung den „Dutschke-Mahler-Knoten“. Kurt Schumacher sprach von „rot lackierten Faschisten“. Der Studentenführer, der leicht rassistisch angehaucht die „asiatische Produktionsweise“ für das Scheitern der Oktoberrevolution verantwortlich machte und der RAF-Anwalt, der mit seinen Ansichten nahtlos von linksaußen nach rechtsaußen wanderte.
Die sehr linke Politikwissenschaftlerin Chantal Mouffe setzt sich für mehr Antagonismus in der Politik ein. Die „Konsensdemokratie“ hält sie für undemokratisch. Ihr theoretischer Bezugspunkt ist der Kronjurist des 3. Reiches: Carl Schmidt.
Und dann gibt es noch die „Dutschke-Dahrendorf-Schleife“. Dutschke und Dahrendorf hatten beim Freiburger Parteitag der FDP im Jahr 1967 eine berühmte Begegnung auf dem Dach eines VW-Busses. Da saßen sie und dockten ihre Diskurse durch die Rede von der „Charaktermaske“ aneinander an. Als wären sie wie ein diskursives kommunistisches Sojusraumschiff und eine kapitalistische Apollokapsel in den endlosen Weiten des ideologischen Diskurses aufeinander getroffen. Das ist die Geburtsstunde der GRÜNEN. In dem wunderbaren Film „Im Juli“ gibt es einen Lastwagenfahrer, der eine große Che-Guevara-Tätowierung am Arm hat. „Wofür hat Che gekämpft“, fragt er die mitfahrende Filmheldin Juli. „Für Freiheit?“, antwortet die.

„Genau“, sagt der Lastwagenfahrer,
„dieser Che steht für meine
individuelle Freiheit.“

Das beschreibt ziemlich treffend, wo sich die Rede von der sozialistischen Emanzipation an die der liberalen, individuellen und kapitalistischen Selbstverwirklichung andockt.
Der Habitus dieser jungen Linken speist sich aus diesem Dutschke-Mahler-Dahrendorf-Mythos. Es geht zwar um die Revolution. Aber nur um die Revolution im Kinderzimmer. Ein adoleszentes Emanzipationsprojekt. Links sein, heißt klar zwischen Gut und Böse unterscheiden zu können. Genau wie im Rechtsradikalismus. Oder bei Star Wars.
Aber so ist es nicht. Rechts und links suchen einen Feind, den sie bekämpfen können. Aber die Welt funktioniert weder wie Star Wars, noch wie James Bond. Das sind unzulässige Komplexitätsreduktionen. Da liegt die erste politische Leiche schon um die Ecke. „Komplexität ist letztlich der Schlüssel zum Verständnis unserer Welt“, meint völlig zu Recht der großartige Armin Nassehi. „Klassische rechte und linke Beschreibungen verniedlichen geradezu die Komplexität der Gesellschaft.“ Und: „Links und rechts lösen sich nicht nur lebensweltlich auf. Linke Politikprojekte geraten heute immer wieder in die Nähe der nationalen Einhegung, weil man die Solidarität der Umverteilung eben nur den „Eigenen“ zumuten kann. Da lösen sich die Grenzen auf. Und für das Lebensweltliche … wenn es die Grünen nicht schon gäbe, man müsste sie erfinden.“
Darum mag ich die konsensorientierte, deliberative Haltung von Jürgen Habermas, der schon damals,  am 9. Juli 1967, den Dutschke rund gemacht hat: „…ich glaube, Gründe zu haben, diese Terminologie vorzuschlagen – (dass man das)‚ linken Faschismus‘ nennen muss.“
Tja. Und darum geht es in dem Lied „Langweilig und blöd“. Nur ein „poetisch“ komprimiert. Oder im Dutschke-Sprech: Es geht um linke Charaktermasken. Das ist, laut Dutschke und Dahrendorf die Bezeichnung für den entfremdeten Menschen im Kapitalismus. Die Personifikation der ökonomischen Verhältnisse.
Das Songwriting bei ACH hat sich in den 2000ern verändert. Es sind keine Lieder mehr, die aus der gemeinsamen Erfahrung der Band stammen. Eigentlich sind es Sololieder, bei denen die anderen mitgemacht haben. Mit freundlichem Interesse.
Es gibt Leute, die behaupten, dass ich die armen jungen Menschen einfach nur beschimpfe. Kann auch sein. Und vielleicht bin ich auch deshalb so böse, weil ich genau weiß, dass ich im gleichen Alter gerne genau so cool gewesen wäre. War ich aber nicht.
Ich wollte, dass das Lied nach Liedermacher klingt. Darum die akustische Gitarre und die Mundharmonika. Ich wollte aber auch, dass dieses Liedermacher-Ding gebrochen wird. Darum das Casio VL-Tone, das ich extra für 80 Mark gekauft habe.

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Über Ens Oeser

Ens Oeser ist zusammen mit Laus Itzigmann und Ennis Eineck die Band ACH. Das allen Äußerungen der Band zugrunde liegende Konzept ist "Hobbypop".
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2 Antworten zu Die Geschichte zum Lied „Langweilig und blöd“ (2007) – Die Welt als Wille und Style

  1. katalisis schreibt:

    Super geschrieben! Man neigt dazu, diese vermeintlichen “ Helden “ zu verklären. Ich hab das auch gemacht. Ich hab auch versucht zu verstehen, warum sie Gewalt angewendet haben, und das der Grundgedanke ein idealistischer war. Mit 16 ist man nicht besonders kritisch. Das kam erst später. Ideale hab ich aber hoffentlich immer noch im Kopf. Und die sind nicht rechts oder links oder extrem, sondern menschlich. Grüße Katrin

    • Ens Oeser schreibt:

      Vielen Dank für das Lob! Freut mich. Ja. Ich habe auch den Pali gekauft, um meine Solidarität mit dem Befreiungskampf des Volkes von Palästina zu zeigen und den ganzen Quatsch. Parka, Peaceanstecker… verklärte linke Helden.

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