Die Geschichte zum Lied: Ist alles still (2005)

In dem schönen Lied „In my Life“ spannt John Lennon ein Koordinatensystem für Erinnerungen auf: People, Things, Places, Moments.
Lennon singt: „All these Places have their moments / with people and things / that went before / Some are dead and some are living …“
Menschen sterben. Dann sind sie tot. Für immer. Das wissen wir. Es ist das Einzige, was wir mit absoluter Sicherheit über unser Leben sagen können. Es bleiben ein paar Fotos, jede Menge Krimskrams und das wars. Aber besser oder fassbarer wird es dadurch nicht. Man muss damit irgendwie umgehen. Poetischer als der Replikant Roy Batty in „Blade Runner“ kann man es nicht sagen: „All diese Momente werden verloren sein in der Zeit wie Tränen im Regen.“
Mit dem Tod verschwinden die Menschen. Tot sind sie dann, wenn sich keiner mehr an sie erinnern kann. Die Fotos sind noch da, aber wer sind die Leute darauf. Die Plätze sind auch noch da und auch die Dinge. Aber die Menschen nicht.
In „Cementary Gates“ beschreibt Morrissey seine Gefühle bei einem Friedhofsbesuch:
„So we go inside and we gravely read the stones
All those people all those lives
Where are they now?
With the loves and hates
And passions just like mine
They were born
And then they lived and then they died
Seems so unfair
And I want to cry“
Mit dem Tod eines Menschen ist seine Geschichte zu Ende. Es gibt keine Fortsetzung keinen zweiten Teil. Es bleiben nur noch die alten Geschichten. Und die haben kein Happy End. Und irgendwann werden die Geschichten vergessen und es ist, als hätte es den Menschen nie gegeben. People, Things, Places, Moments – alles weg.
Ich weiß nicht, ich kann damit nicht umgehen. Es ist furchtbar.
Ich mag Friedhöfe. Vor allem den in meiner Heimatstadt. Als Kind und Jugendlicher habe ich mir gerne die Grabsteine angeschaut. „All die Leben, all die Menschen“, habe ich damals gedacht und versucht mir vorzustellen, was hier an Momenten und Erinnerungen verschwunden ist. Unwiderbringlich.
1995 starb mein Freund Arkus. 1996 meine Mutter und 2005 mein Bruder. Im Sommer 2017 ist mein Vater gestorben. Es tut immer anders weh, aber es tut immer weh. Was bleibt, ist ein Name und ein Datum auf Grabstein. Alles, was mit dem Namen zu tun hat, steht im Imperfekt. Die Zukunft ist vorbei. Ich gehe immer noch gern auf den Friedhof. Ein wehmütiges „gern“. Aber inzwischen bewege ich dort in einem Netz aus Geschichten, die ich mir nicht mehr vorzustellen brauche. Fast die ganze Nachbarschaft meines Elternhauses, lokale Größen, Mitschüler. Das begegnet mir jetzt in den Namen auf den Grabsteinen. Ein Netz aus Momenten, Menschen, Orten und Plätzen. Und auch die werden vergehen und vergessen sein. Meine Familie ist aus meinem Heimatort verschwunden. Noch erinnern sich vielleicht ein paar Nachbarn. Aber auch das wird bald vorbei sein.
Als mein Bruder 2005 starb, da musste ich diesem überwältigenden Gefühl Ausdruck verleihen. Unzulänglich. Wie alles, was man gegen diese Tatsache unternehmen will. Aber ich musste etwas tun, gegen das Gefühl des kosmischen Vergessenwerdens und der Sinnlosigkeit. Heraus dabei kam das Lied „Ist alles still“.

Auf das „Das sind wir“ ist „Ist alles still“ das Winterlied.

 

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Über Ens Oeser

Ens Oeser ist zusammen mit Laus Itzigmann und Ennis Eineck die Band ACH. Das allen Äußerungen der Band zugrunde liegende Konzept ist "Hobbypop".
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Eine Antwort zu Die Geschichte zum Lied: Ist alles still (2005)

  1. renatesblogweb schreibt:

    Lieber Ens ,
    seit geraumer Zeit gammelt ein Beitrag über den immer größer werdenden Friedhofsrundgang auf meiner Festplatte rum. Ich habe noch nicht den Zeitpunkt und den richtigen Schliff raus. Leider auch keine allzu helfenden Worte. Ich gebe dir einfach nur Recht. Es tut immer weh, mal davor, wenn man vorbereitet war, ansonsten danach, aber irgendwie muss man durch, ob man will oder nicht.
    Trotzdem eine schöne Jahreszeit, der Herbst, mit all seiner Vergänglichkeit.
    Beate

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