30 Jahre „Strangeways here we come“

„Nothings changed, I still love you, oh, I still love you,
only slightly, only slightly less, than I used to, my love.“

Da geht es um mich, dachte ich, als ich das zum ersten Mal hörte.
Es war ein Samstag Morgen. Wunderbares Oktoberwetter. Dunstig. Die Bauern verbrannten Kartoffelkraut. Die Sonne war schon winterschwach. Der Himmel gelb-orange.
Der Plattenladen hatte auf dem Marktplatz einen Stand aufgebaut. Es war Kirbemarkt.  Oktober 1987. Ich war Neuntklässler.
Ich blätterte die Platten durch. Housemartins wären geil, dachte ich. Oder was altes von The Cure. Und da stieß ich unerwartet auf die neue Smiths: „Strangeways here we come„. Ich hatte im Musikexpress darüber gelesen. Dort hatte gestanden, die Smiths orientierten sich an „Rubber Soul“ und „Let it bleed„. Das musste cool sein, dachte ich. Das war die „Let it be“ der Smiths. Sie hatten sich getrennt. Schon „The Queen is dead“ war cool gewesen. Ich schaute nach dem Preis. Der Hammer: Nur fünfzehn Mark!
„Warum ist die so billig?“, fragte ich misstrauisch. „Willst du mehr bezahlen, kein Problem“, fragte der Hippie hinter den Plattenkisten belustigt. Ich schüttelte den Kopf. „Nein“, antwortete ich schnell, „die nehm ich.“

Meine Smiths-Platte.

Eine stabile Papphülle. Die Schrift wie ein kleines Relief eingepresst. Eine richtig dicke, schwere Platte. Auch äußerlich kam mir die Sache sehr kostbar vor. Die Farbe des Covers wirkte wie in Kunst umgesetztes Herbstwetter. Das Straßenschild auf der Rückseite. Es war toll. Und der Name „Strangeways“ sprach mich ebenfalls an. „Seltsame Wege“. Im Musikexpress hatte ich gelesen, dass das ein Gefängnis sei. Aber „Seltsame Wege“ gefiel mir auch so. Im März war mein hebephrenes jugendliches Selbstbild von mir als selbstbewusstem unwiderstehlichem Punker, Rockstar und Künstler zerbröselt und verblasen worden. Zurück blieb ein profilneurotischer, melancholischer Wichtel, der auf den Atomkrieg wartete, damit all das sinnlose Leiden endlich ein Ende hätte. Die Smiths waren definitiv meine Band.
Abends, zuhause setzte ich mich vor den Plattenspieler. Palladium von Neckermann. Der herbstliche Abendnebel stieg auf. Zugvögel drängten sich auf der Stromleitung und die Straßenlaterne vor meinem Fenster ging viel zu früh an. Es roch nach nasser Erde und Heizöl.
Schon das erste Lied war der Hammer. „A Rush and a Push“. Keine Gitarren sondern Keyboard und Reagge oder was das war. „I started somethin I couldn’t finish“ erinnerte mich an meinen vorerst gescheiterten Moped-Führerschein. Der Höhepunkt war „The Death of a Disco Dancer“. Auch die Musik war kunstgewordenes Herbstwetter. Die Platte sprach zu mir und meinem Lebensgefühl, meiner Lebenssituation als wäre sie einzig für mich gemacht.
Ich war froh keine Housemartins gekauft zu haben. Deren Lieder hüpften sinnlos fröhlich vorbei. Das hier waren echte Wuchtbrummen. Beatles 1966. Großartig.
Mit diesen zynischen und melancholischen Liedern im Kopf ging ich zur Garagenparty meines Nachbarn und trank „Grüne Witwe“.  „Grüne Witwe“ ist, wie jeder weiß, Orangensaft mit Blue Curacao. Das trinke ich heute nicht mehr. Aber „Strangeways“ höre ich immer noch.
Es war dann ein bisschen viel Grüne Witwe. Aber auch da fand ich trost bei „Stop me if you think that you have heard this one before“:

„And so I drank one
It became four
And when I fell on the floor
I drank more“

Advertisements

Über Ens Oeser

Ens Oeser ist zusammen mit Laus Itzigmann und Ennis Eineck die Band ACH. Das allen Äußerungen der Band zugrunde liegende Konzept ist "Hobbypop".
Dieser Beitrag wurde unter Popkultur abgelegt und mit , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s