Mein Krankentagebuch

Montag: Schleppe mich zum Vertretungsplan. Aus dem Büro der Schulleiterin schnieft es. Sie sitzt mit einem dicken Schaal um den Hals am Computer, eine dampfende Teetasse neben sich.
Beim Vertretungsplan eine Kollegin getroffen. Der Plan ist bereits mehrfach überarbeitet. Die Lunge der Kollegin rasselt wie eine rostige Brunnenkette. „Du hörst dich auch nicht gut an“, krächze ich.
„Was sagst du?“, fragt sie ein bisschen zu laut, „weißt du, ich habe vom Husten so einen Druck auf den Ohren.“
Es ist leer im Lehrkräftezimmer. Lehrermangel und Grippewelle. Eine Schale mit angeschimmeltem Obst steht auf dem Tisch. Und ich spüre: Wenn ich jetzt nicht nach Hause gehe, dann falle für Monate aus.
Dienstag: Saß beim Arzt im Wartezimmer. Die Mutter eines Schülers kam vorbei. Wusste nicht, wie ich mich verhalten soll. Möglichst leiden? Dann hält sie mich für ein Weichei. Fröhlich grüßen? Dann denkt sie, ich mache blau. Habe ihr dann freundlich zugenickt und dabei die Nase hochgezogen.
Mittwoch: Mit schlechtem Gewissen aufgewacht. Die anderen arbeiten alle. Und ich bin im Bett. Zog mich automatisch an, packte die Schultasche und wollte los. Hatte aber an der Haustüre einen Schwächeanfall. Meine Frau hat mich ins Bett zurückgetragen. Später sagte sie, ich hätte dauernd gemurmelt: Lass mich gehen, sie brauchen mich, bitte, lass mich… Heimlich auf dem Handy Mails gecheckt. Tausend Katastrophen sind in der Schule passiert. Kollegin schreibt: „Hoffentlich bist du bald wieder gesund!“ Oh Gott!
Donnerstag, 2.58 Uhr: Mit schlechtem Gewissen aufgewacht. Ich glaube, es geht mir etwas besser. Sollte ich nicht doch arbeiten gehen? Meine Frau droht damit, mich ans Bett zu fesseln, wenn ich noch einmal die Arbeit erwähne. 4.37 Uhr: Habe meine Frau nochmal geweckt und ihr gesagt, dass ich arbeiten gehen muss. Habe ihr gestanden, dass ich auf dem Handy Mails gelesen habe. 9.38 Uhr: Kann mein Handy nicht finden. Dahinter steckt bestimmt meine Frau. Soll ich in der Schule anrufen und fragen, ob ich kommen soll? Kann das Telefon nicht finden. Hat die Frau es etwa auch versteckt?
Freitag: Kind zum Kindergartengebracht. Fühle mich gut! Hinter einer Hecke in Deckung gesprungen, weil ich dachte, dass Eltern meiner Schüler/innen dort laufen. Bin gestrauchelt und in den Rindenmulch gefallen. War total dreckig. Danach tatsächlich Eltern getroffen. Habe freundlich gegrüßt. Sie haben freundlich zurückgegrüßt. Aber irgendwie auch komisch geguckt. Ich weiß genau, was die jetzt denken. Zu Hause hab ich meiner Frau Vorwürfe gemacht, dass sie mich hat gehen lassen. Sie sagt: „Du bist selber erwachsen. Triff deine eigenen Entscheidungen.“
Samstag: Rückfall. Kann aber ruhig liegen bleiben und gesund werden. Es ist ja Wochenende. Ansonsten schleppe ich mich durch bis zu den nächsten Ferien. Dann werde ich halt da krank. Richtig krank. Das wird toll.

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Über Ens Oeser

Ens Oeser ist zusammen mit Laus Itzigmann und Ennis Eineck die Band ACH. Das allen Äußerungen der Band zugrunde liegende Konzept ist "Hobbypop".
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