Eierstock und Wassermann – Wie ich merkte, dass es vorbei war


Die seltsame synthetische Musik, die in der Disco lief, war scheiße. Ein durchgehender Bumm-bumm-Rhythmus. Die Basstrommel wummerte. Nicht die Snare, wie bei richtiger Musik. Ein kraftwerk-artiger Basslauf wiederholte sich endlos. Und eine Computerstimme sagte dazu „Dr Acid, Mr House“. Und so ging das immer weiter. Gummie-Musik, verfluchte ich den DJ in Gedanken. Aber die Tanzfläche wogte wie der Baggersee im Gewitter. Viele der Tänzer hatten sich Smileys auf die Hände oder Arme gemalt. Manche hatten T-Shirts mit Smileys an. Sie trugen runde Sonnenbrillen und Pseudohippieklamotten. Und sie tanzten auch so Stress-Yoga mäßig. Nich so wie ich: Zwei Schritte vor, zwei zurück, die linken Arm runter hängen, in der rechten Hand die Bierflasche. Auch kein Pogo. Sondern Stress-Yoga. Oder Fast-Forward-Eurythmie. Hähä, dachte ich, das muss ich demnächst mal anbringen. „Was soll der Scheiß“, schrie ich Arkus ins Ohr. „Das ist Acid“, schrie er zurück. Ich zog die Augenbrauen hoch. Was für eine Scheißmusik. „Acid“, dachte ich. Acid heißt Säure. Was soll das? Rätselhaft. Aber auch egal irgendwie.
Wir gingen raus auf den Parkplatz und zogen unsere Blue Bowls Flasche aus dem Busch, in dem wir sie versteckt hatten. Oder Curacao, wie die 18 jährige, überaus bewundernswerte Larissa das neulich angeekelt genannt hatte. Man hörte auch hier draußen noch das pulsierende Bummbummbumm. So laut, dass die Duftbäumchen vibrierten, die an den Rückspiegeln der geparkten Autos hingen. „So eine Scheißmusik“, sagte ich und setzte die Likörflasche an. „Das ist total in“, antwortete Arkus und zog mir die Flasche vom Mund. Als er getrunken hatte, erzählte er weiter: „Das sind so DJs, die machen diese Musik, nur so mit Schallplatten und Synthesizer.“ Ich nickte und machte ein geringschätziges Gesicht. DJs? Sowas wie Sven Väth. „Electrica Salsa“, sagte ich. „Baba ba bah“, antwortete Arkus automatisch, „schalt doch mal die Trompeten zu!“

Wir lachten ein bisschen. „Die machen so Parties und tanzen dann 24 Stunden am Stück, steht in der Bravo“, erzählte Arkus weiter. Die Musik müsse mir doch gefallen, sagte er, das sei doch wie Kraftwerk und Kraftwerk fände ich doch gut. „Quatsch“, sagte ich patzig, „das ist doch was ganz anderes, das ist doch scheiße!“ Das ist so Breakdance-Scheiß, dachte ich. Sagte es aber nicht. Arkus hatte das damals gut gefunden. Es war Dezember 1988. Wir waren fünfzehn Jahre alt und mit dem Discobus in unsere Stammdisco gefahren. Mehr als 15 Kilometer. Ich trug meine graue Anzugsjacke, die graue Bundfaltenhose, das grau karierte Hemd und die Tankwartschuhe meines Bruders. Meine Haare waren an der Seite kurz und oben lang. Seitenscheitel. Den Pony konnte ich mir mit einem Kopfrucken aus der Stirn werfen. Arkus hatte blonde Strähnchen und trug knall enge Stonewashed Jeans zu seiner hellgrauen Windjacke mit den vielen Reisverschlüssen. Blue Bowls machte einen auf angenehme Art beschickert. Ich hörte The Cure, die Smiths, Depeche Mode, die Housemartins, seit neuestem die Pixies … und so. Und natürlich die Ärzte, die Toten Hosen und die Goldenen Zitronen. Vor kurzem hatte ich mir „Nevermind the Bollocks“ gekauft. Philip Boa. Die Rolling Stones, die Beatles. Aber auch DAF, Trio, Fehlfarben. Frühe 80er. David Bowie, Soft Cell, Blondie. Und in unserer Disco spielte der DJ das auch immer eine halbe Stunde lang. Und dann tanzte ich. Aber heute war nur Scheißmusik gelaufen. Und anstatt unserer Runde, spielte der DJ diesen Acid-Scheiß.

Drinnen stand die Luft als wir zurück kamen. Mull of Kintyre, dachte ich, oh Mist rolling in from…“ Das Stroboskop durchzuckte den dichten Zigarettenqualm. Jetzt lief „Big fun“ von Inner City. Auch so ein BummBumm-Quatsch.
„Im M-Park spielen sie das auch“, schrie mir der Arkus ins Ohr, „da gibt’s so Typen, die schnallen sich Staubsauger auf den Rücken und die tanzen dann so.“
„Und was soll das?“, schrie ich lustlos zurück. Er zuckte mit den Schultern. „Alles voller Smileys“, schrie er, „dass gehört irgendwie dazu!“
Aber das musste man sich ja echt mal fragen, fand ich.
Soso, dachte ich, sososo. Der Blue Bowls verflüssigte meine Gedanken irgendwie. Aha.
In den Jahren 1984, 1985 und 1986 fragte ich micht oft, wie es sein kann, dass Menschen die aktuelle Chartsmusik nicht gut fanden. Ich beobachtete die blauen LP-Charts und die roten Single-Charts wie der Mäusebussard den Acker. Nichts entging mir.
Aber ab 1987 schlich sich da seltsame Musik ein. Und mein Musikgeschmack veränderte sich schleichend. Nachdem Falcos geniale 1988er Platte „Wiener Blut“ in den Charts verendet war wie ein angeschossenes Reh im Zauberwald oder wie die kleinen Küken in der Wüste bei dem Disney Film „Die Wüste lebt“, da hatte ich genug von den Charts.
Ich meine: Kylie Minogue, dachte ich. Oder BROS! Ich war einfach zu alt für diesen Scheiß. Und jetzt diese Acid-Kacke. S’Express. Puuhhh. Ofra Haza. Meine Güte.

„Eierstock und Wassermann“, schrie ich Arkus ins Ohr. Das war unsere Verballhornung des Produzententeams Stock, Aitken, Waterman, die sich den Kylie-Minogue-Quatsch am Fließband ausdachten. Uncool synthetisch, fand ich. Wenn auch interessant moduliert, schwammen meine Gedanken auf Blue Bowls ziellos durch mein Gehirn.
Zurück auf dem Parkplatz beamten wir noch ein bisschen Blue Bowls durch unsere Kehlen. Das war wunderbar. Alles wurde irgendwie blauer. Und Blau ist ja bekanntlich eine beruhigende Farbe.

Arkus sang bei dem Lied mit, das jetzt lief. Aber er hatte einen anderen Text irgendwie. „Baby, don’t forget my Number, ‚cause I have the Tripper…“ Dann lachte er gackernd. Ich dachte an das Bealtes-Lied „Day Tripper“. Das war noch Musik gewesen, dachte ich willenlos.
„Weißt du“, sagte ich zu Arkus, „die Charts und ich…“
„B-B-Baby“, gröhlte Arkus.
„Die Charts und ich…“, begann ich nochmal. Dann hatte ich den Faden verloren. Was meinte er damit? ‚Cause I have the Tripper?
„Scheiße“, sagte Arkus und schwankte wie die Eiche im Herbstwind beim Versuch seine Digitaluhr zu fixieren, „wir haben den Discobus verpasst.“
Der Blue Bowls war fast leer.
„Scheißegal“, sang es aus mir heraus, „scheißegal und noch-a-mal …“
„Scheißegal!“, fiel Arkus mit ein und schmetterte die leere Bowls-Flasche auf den Boden, dass die Scherben stoben wie die Splitter im blauen Palast der Eiskönigin.
Ein alter Dieselmercedes fuhr ganz langsam an uns vorbei. Arkus winkte ihm zu und machte den Tramperdaumen. Die Karre stoppte tatsächlich und machte dieses typische Dieselnagel-Geräusch. Und auch den typischen Heizölgestank. Der Fahrer kurbelte die Scheibe runter. Ein dürrer Typ mit Zigarette im Mund. Er hatte kurze, bunte Haare.
„Wo müsst ihr hin?“, fragte er. Wir sagten es ihm.
„Liegt auf meinem Weg“, meinte er und zog die Beifahrertüre auf.
Eben, dachte ich, alles kein Problem. Irgendwie geht’s immer weiter. Hollari und hollaro, dachte ich zur Melodie von „Horch was kommt von draußen rein“.
Arkus rappte auf dem Rücksitz noch ein bisschen „Baby, don’t forget my Number“, während ich erhebliche Schwierigkeiten mit dem Gurt hatte. Das war doch sonst nicht so kompliziert?
Jetzt erst merkte ich, dass der Fahrer eine Ratte auf der Schulter sitzen hatte.
„Huch“, sagte ich, „Ratte!“
„Das ist Bini“, meinte der Typ toternst. Und dann erfuhren Arkus und ich eine ganze Menge über Ratten an sich und ihre Haltung im Besonderen.
Weil mir etwas schwindelig war, wurde ich zunehmend wortkarg und irgendwie hatte ich den Verdacht, dass das Geräusch, das Arkus auf dem Rücksitz machte, ein Schnarchen war.
Weil keiner mehr etwas sagte, drückte der Typ eine Cassette ins Autoradio.
„Dr Acid, Mr House“, schepperte es aus den Boxen.
„Och nööö“, nöhlte ich durch den blauen Bowls-Dunst, „mach den Scheiß aus.“
„Alter“, sagte der Typ, „das ist Acid House, das ist der heißeste Scheiß am Platz.“
„Genau, Scheiß“, sagte ich schlecht gelaunt.
„Ohne Witz“, die machen da so Parties, da fressen die haufenweise Pillen und tanzen dann 24 Stunden durch…“
„Komm, he, das ist doch voll …“ versuchte ich ihn zu unterbrechen, aber er hörte nicht zu.
„… und danach wälzen sie sich am Boden und ficken in ihrer eigenen Scheiße.“
„Quatsch“, sagte ich irritiert über seinen Begriff für Geschlechtsverkehr. Und was meinte er mit Pillen? Kopfweh und so?
„Das ist doch voll die Stock, Aitken, Waterman Kacke“, sagte ich trotzig.
Er schaute mich irritiert an.
„Bini“, sagte er zu seiner Ratte, „das Arschloch hat keine Ahnung.“
Dann drehte er sich zu  mir: „Wer Kevin Saunderson und Stock, Aitkin, Waterman in einen Topf wirft, der kann bei uns nicht mitfahren.“
„Eierstock und Wasserman“, sagte ich.
„Baby“, schrie der soeben aufgewachte Arkus von hinten, „I have the Tripper!“
Der Typ fuhr rechts ran, beugte sich an mir vorbei zum Türgriff und öffnete.
„Raus“, sagte er giftig.
Dann standen Arkus und ich am Straßenrand. Es waren noch zehn Kilometer bis nach Hause. Es regnete und ich war in eine Pfütze getreten. Meine Füße waren nass. Es war stockdunkel.
„Arschloch“, schrie der Arkus den in der düsteren Nacht verschwindenden Rücklichtern des Mercedes hinterher, „don’t forget my Number!“
„‚Cause I have the Tripper“, sagte ich.
„Scheiß Acid“, grinste der Arkus.
„Stimmt“, grinste ich zurück, „lieber laufen, als diese Scheißmusik anhören.“
„Ich find das gar nicht so schlecht“, meinte er, „ist aber Arschlochmusik.“
Wir gingen die zehn Kilometer zu Fuß.
Und da war mir klar: Es war vorbei. Chartmusik und ich. Es war vorbei. Einfach vorbei.
„Die Chartmusik und ich gehen ab jetzt getrennte Wege“, sagte ich zu Arkus.
„Scheißegal“, sagte er, „don’t forget my Number!“
Ja, wir werden trotzdem ein Good Life und Big fun haben. Wahrscheinlich.

Advertisements

Über Ens Oeser

Ens Oeser ist zusammen mit Laus Itzigmann und Ennis Eineck die Band ACH. Das allen Äußerungen der Band zugrunde liegende Konzept ist "Hobbypop".
Dieser Beitrag wurde unter Popkultur abgelegt und mit , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s