Schrödern und Mayervorfeldern

„Manchmal“, sagt ein älterer Kollege, „stelle ich mir das Büro von Frau Eisenmann vor.“ Bestimmt, meint er, habe sie ein gerahmtes Foto von Gerhard Schröder an der Wand hängen. Und unter dem grinsenden Ex-Kanzler, stelle er sich vor, stehe ein berühmtes Zitat von Schröder: „Ihr wisst doch ganz genau, was das für faule Säcke sind.“ Das hatte der SPD-Kanzler mal über Lehrer gesagt.
„Und das findet Susanne Eisenmann anscheinend auch“, lacht er. Denn Lehrer mit Teilzeitlehraufträgen müssten sich ja jetzt auf eine „härtere Ansprache“ einstellen. Es werde „zum Teil unangenehme Gespräche“ geben. Das hatte sie einer großen Tageszeitung gesagt. Und die armen Lehrer, die als Fremdevaluatoren gearbeitet haben, will sie auch wieder in den Schuldienst schicken.
„Wahrscheinlich“, sagt der Kollege, „bekommen die Schulleitungen jetzt Fortbildungen mit dem Titel „Das perfekte unangenehme Kollegen-Gespräch“, oder so!“ Genau, denke ich. Als ich noch Fachberater war, da wurden uns immer Reisen in die Schweiz angeboten. Dort sollten wir bei Andreas Müller am Institut Beatenberg lernen wie man so richtig toll differenziert. „Best Practice“ hieß das. Oder in DDR-Sprech: Vom Institut Beatenberg lernen, heißt siegen lernen.
„Da kriegen die Schulleiter eine „Best Practice“-Reise nach Guantanamo.“ Wir lachen. „Und dann üben sie das im Rollenspiel mit Mitarbeitern vom BND“, lacht er, „Lampe ins Gesicht und unterschwellig drohende Fragen stellen.“
Das alles erinnere ihn ein bisschen an die Zeit, als Gerhard Mayer-Vorfelder noch Kultusminister gewesen sei, meint der Kollege. „Das war keine einfache Zeit, das kann ich dir sagen“, sagt er Kopf schüttelnd. Der habe die Lehrer als seine „Lieblingsfeinde“ bezeichnet. „Auch schön“, freue ich mich. Und zu einem Lehrer, der ihm in löchrigen Jeans und in Turnschuhen die Probleme der Landespolitik erklärt habe, habe er gesagt: „Das einzige Problem der Landespolitik ist, dass wir Leute wie sie auf der Lohnliste haben!“ Da muss ich lachen. „Ein hervorragendes Beispiel für „harte Ansprache“ und „unangenehmes Gespräch“, lachte ich, „den kann sich Frau Eisenmann gleich neben den Schröder hängen.“
Ich erzähle, dass ich mal zu Besuch im Kultusministerium war. Da habe ich gesehen, dass dort in der Touretstraße fast ein halbes Stockwerk nur mit Büros der Fremdevaluation besetzt war. Die andere Hälfte des Stockwerks war mit dem Profil AC besetzt.
„Das steht jetzt alles leer, wenn die wieder unterrichten müssen“, sagt der Kollege. Ich habe eine Idee. „Dort könnte die Abteilung für „harte Ansprache“ einziehen.“ Diese hätte dann zwei Aufgaben, überlege ich. „Die Abteilung „Schrödern“ wäre für Lehrerbashing zuständig“, erkläre ich, „da würde den Schulleitern vermittelt werden, ihre Kollegen als faule Säcke zu sehen.“ Teilzeitlehrauftrage? Faulheit! Lehrkraftzersetzung! In der anderen Abteilung würde dann „Gemayervorfeldert“. „Das sind rhetorische Strategien, die man als Schulleiter/in bei der „harten Ansprache“ in „unangenehmen Gesprächen“ anwenden kann“, erkläre ich.
Dann Schweigen wir und trinken ein bisschen Kaffee. Muss ja auch.
„Ja, aber wie rechtfertigt man das alles?“, will der Kollege wissen. Wir trinken Kaffee. Und schweigen. Muss ja auch mal sein.
„Wer ist eigentlich schuld am Lehrermangel“, frage ich den Kollegen. Der zuckt die Schultern. „Die Lehrer natürlich, die arbeiten einfach nicht genug“, antwortet der. „Jetzt hast du mich ganz schön gemayervorfeldert“, lache ich.

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Über Ens Oeser

Ens Oeser ist zusammen mit Laus Itzigmann und Ennis Eineck die Band ACH. Das allen Äußerungen der Band zugrunde liegende Konzept ist "Hobbypop".
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