Lehrer_Innen-Hass


Ich wurde „Arschloch“ genannt. Auf Twitter. Weil ich behauptet habe, es gäbe in der Fernsehserie „Fringe“ keine direkten Anspielungen auf die Verfilmung von Michael Endes „Momo“. Da denkt man sich erst mal: Wegen was? Typisch soziale Medien! Da beschimpfen sich zwei anonym im Netz rumposaunende Typen in enthemmter Anonymität. Wegen Nullinger. Aber so war es gar nicht. Es war wesentlich vielschichtiger. Ich hatte folgendes geschrieben: „Habe gerade nachgelesen. Ganz schon komplex! Aber kein direkter intertextueller Verweis auf Momo.“ Das Wort intertextuell war mir wichtig. Ich wollte ein bisschen mit meiner Belesenheit angeben. Und dann mischte sich ein weiterer Twitterer in das Gespräch ein. Und zwar einer, der einen hochintellektuellen Podcast betreibt. Mit Literaturangaben und klugen Wörtern noch und nöcher. Ein interessanter Typ. Und der trug jetzt also das Folgende zu unserem Gespräch bei: „Der Lehrer hat gesprochen.“ Er meinte mich. Und dann: „Heb Dir die Einteilung in richtig und falsch für die Schule auf Du Arschloch.“ Welche Einteilung von richtig und falsch, fragte ich mich? Darum hakte ich bei dem zornigen Twitterer nach. Wie es sich für einen Intellektuellen gehört, antwortete er auch prompt: „Implizit, indem Du unterstellt hast, es handele sich nicht um einen intertextuellen Verweis auf Momo. Diese Aussage ist nicht logisch, wenn sich die Frage, ob es einen intertextuellen Verweis auf Momo gibt oder nicht, nicht ohne Festlegung beantworten lässt. Diese Festlegung ist eine Setzung die richtig von falsch unterscheidbar macht.Weniger enerviert wäre ich von der Formulierung gewesen, dass aus Deiner Sichtweise kein intertextueller Verweis auf Momo vorliegt.“ Eine Stilfrage, dachte ich. Irgendwie fand ich es gut, dass sich jemand so stark für einen sauberen Diskussionsstil einsetzt. Auch wenn er sich dabei, sagen wir, im Ton vergreift. Ein anderer Twitterer sprang mir bei. Er verlangte von dem zornigen Intellektuellen eine Entschuldigung. Man sollte die sozialen Medien da nicht unterschätzen, dachte ich. Und prompt kam eine Entschuldigung: „Dennoch möchte ich mich entschuldigen.“ Aber je länger ich darüber nachdachte, desto unangemesser kam mir die Art der Zurechtweisung vor. Bei einer angenehm trivial dahin plätschernden nichtig-popkulturellen Diskussion über „Momo“ und eine amerikanische Fernsehserie (!) wird einer ohne Vorwarnung ausfällig. Die Ursache schob er der Twitterer schließlich noch nach: „So verhalte ich mich ausschließlich Lehrer_Innen gegenüber.“ Einer der auf Twitter gendert (Lehrer_Innen) und semantische Satz-Analysen vornimmt, gesteht, dass er gegenüber Lehrer_Innen immer ausfällig wird. Geschlechtergerechtigkeit ja, Lehrergerechtigkeit nein? Das fand ich schockierend. Ich war Opfer einer Form von gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit geworden. Es ging nicht um mich. Es ging um ein Vorurteil. Ich wurde nicht als Ens Oeser gesehen, der gern den billigst-naheliegenden Witz macht und am liebsten über popkulturelle Nichtigkeiten schwadroniert. Sondern als Lehrer im Allgemeinen. So wie man über DIE Flüchtlinge, DIE Frauen oder DIE Politiker spricht. Der zorinige Intellektuelle unterstelle mir lehrerhafte Rechthaberei. Er drückte mir so eine Art geistigen Rotstift in die Hand. Meine Güte, dachte ich, das ist krass. Lehrerhass und Lehrerspott sind allgemein anerkannt. Damit bin ich  oft konfrontiert. Lehrer sind faul, Lehrer haben dauernd Ferien und der ganze Blabla-Quatsch. Es ist ein Stereotyp, gegen den nichts auszurichten ist. Auf Jetzt.de ist ein kluger Artikel zu diesem Thema erschienen. Die Autorin Nadja Schlüter führt darin 5 Gründe für den Lehrerhass auf:

  1. Jeder kennt Lehrer und glaubt deshalb über sie Bescheid zu wissen. An was erinnert man sich aus der eigenen Schulzeit? Natürlich an die schlimmen Lehrer.
  2. Die Erwartungen an die Lehrer sind zu groß. Das kenne ich auch von Adorno. Das Kind setzt so große Erwartungen in die Allwissenheit und Allmacht des Lehrers, dass es nur enttäuscht werden kann. Ein pädaogogischer Ödipus-Komplex?
  3. Lehrer sind tatsächlich überfordert. Nicht mit zu viel Arbeit, sondern mit „Beziehungsproblemen“ bei aufmüpfigen Klassen, schwierigen Schülern, schwierigen Eltern und anstrengenden Kollegen.
  4. Das Beamtentum ansich hat einen schlechten Ruf.
  5. Und: Keiner weiß, was Lehrer tatsächlich machen. Manchmal, direkt nach einer Klassenarbeit fragen Schüler: „Und wie ist die Arbeit ausgefallen?“ Und wenn ich dann sage: „Bevor ich darauf antworte, sollte ich sie erst korrigieren“ gucken mich die Kinder irritiert an.

Gefoppt worden wegen meines Berufes bin ich schon oft. Das ist aber auch immer ein bisschen liebevoll-nachsichtig. Aber ernst gemeint auf einen miesen Lehrerwitz reduziert zu werden, das ist mir noch selten passiert. „Lehrer kriegen von vielen Seiten Prügel„, hat ja erst jüngst der Ex-Lehrer Winfried Kretschmann geäußert.
Auch der selige Intellektuellen-Säulenheilige Adorno hat sich klug und ausführlich über Lehrer ausgelassen. Der Lehrerberuf werde von der Gesellschaft nicht ernst genommen, fand er. Seltsamerweise gäbe es sogar bei Lehramt-Studenten einen unerklärlichen Widerwillen gegen den eigenen künftigen Beruf. Diese Verachtung, glaubte Adorno, habe ihre Wurzeln noch in der feudalen Gesellschaft. Sie entspringe dem Ressentiment des Kriegers gegenüber dem Hauslehrer. Der Lehrer galt als besserer Diener. Der Bourgeois aber bevorzugte Juristen und Ärzte, weil sie nicht der sorglos versorgten Beamtenhierarchie angehörten. Wie echte Männer setzen sie sich dem freien Konkurrenzmechanismus des Marktes aus.
Lehrern wird gerne manische Besserwisserei unterstellt. Der Lehrer ist einer, der einen ständig belehrt. Und es scheint für viele Menschen ein Zeichen des Erwachsenwerdens zu sein, sich von der angeblichen Besserwisserei der Lehrer zu emanzipieren. Der, der früher alles besser wusste, wird jetzt klein gemacht und bezwungen. Ist das so eine Art pädagogischer Ödipuskomplex (polýplokes ekpaideftikés Oidípous)?
Eventuell hat der Hass auch damit zu tun, dass angenommen wird, wir lebten in einer Wissensgesellschaft. Und die hat das Konzept „Autorität“ insgesamt ins Wanken gebracht. Der Soziologe Armin Nassehi sieht das so: „Autorität ist allgemein in einer Krise – und manche Respektlosigkeiten von Schülern werden an den Elternsprechtagen  verständlicher, weil dann die Vorbilder der lieben Kleinen kommen. Es gibt dafür viele Gründe – einer unter vielen anderen ist, dass Autorität durchaus ein kritikwürdiges Konzept geworden ist. Im Klartext: Wer als Lehrer womöglich beigebracht bekommt, dass kommunikative Verflüssigung, Überzeugung und Innenleitung besser ist als eine bestimmte Form von Autorität, wird diese kaum einsetzen können, wenn es drauf ankommt. Das ist kein Plädoyer für einen autoritären Stil – im Gegenteil. Es ist ein Plädoyer dafür, dass man Lehrerinnen und Lehrer mit der Autorität des Entscheidens, der Durchsetzung von Standards, auch des produktiven Einsatzes von Asymmetrie ausstattet. Dazu bedarf es aber politischer, pädagogischer und organisatorischer Rückendeckung.“
In der bitteren Komödie „Frau Müller muss weg“ wird noch ein weiterer Grund für Lehrerhass angedeutet. Für manche Eltern sind Kinder vor allem ein prestige-trächtiges Projekt. Und kein Lehrer sollte es wagen, sich bei diesem Projekt quer zu stellen.
Tja und zu guter Letzt. Eventuell wäre es tatsächlich möglich, dass manche Lehrer_Innen Arschlöcher sind. Aber , wer weiß das schon von sich selber? Und wer glaubt es, wenn es einem gesagt wird? Außer vielleicht Christian der Nominator. Aber den kennt doch kein Mensch mehr.

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Über Ens Oeser

Ens Oeser ist zusammen mit Laus Itzigmann und Ennis Eineck die Band ACH. Das allen Äußerungen der Band zugrunde liegende Konzept ist "Hobbypop".
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4 Antworten zu Lehrer_Innen-Hass

  1. Twitter ist kompletter Unsinn. Natürlich nur meiner Meinung nach. Nichtigkeiten, Dinge, die wirklich niemanden interessieren werden zur Selbstdarstellung genutzt.
    Und möglichst viele möchten mitreden.
    Leben 2017. Ist wohl so im Zeitalter der digitalen Vernetzung, immer und überall.
    Nimm den Typen doch einfach und seine Äußerungen als das, was sie sind: vollkommen unwichtig.
    Viele Grüße
    Jens

    • Ens Oeser schreibt:

      Da ist was dran. Allerdings: Auf Twitter kann man interessante Leute „kennenlernen“. Twitter ist ja meistens Promo für einen Blog oder sonstwas. Insofern.

      • jajaja.. 😉
        War natürlich übertrieben, aber ich denke, Du weißt, wie ich es gemeint habe. Und manchmal frage ich mich wirklich, ob die Leute anderweitig nicht genug Beachtung erfahren oder wissen, wie sie ihre Zeit verbringen sollen.
        Daher bleibt vielfach die Selbstdarstellung auf unterstem Niveau.

  2. Pingback: Berufsrollen und Computer - prǒfĕssĭō

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