Das Lehrer-Gen

Im ersten Semester meines Studiums an der PH saß ich in einer Veranstaltung mit dem Titel „Horrorjob Lehrer?“ Der Dozent war ein Psychologe. „Wenn ihre Eltern Lehrer sind“, sagte er freundlich, „dann heben sie doch bitte jetzt die Hand!“ Über die Hälfe der Teilnehmer meldeten sich. „Sehen sie“, meinte der Psychologe und schaute sich grinsend um, „Lehrer ist kein Beruf, Lehrer ist eine Erbkrankheit.“
Wir lachten höflich und auch ein bisschen verstört. Was wollte der Mann uns sagen?
Mein Vater war nämlich Schreiner. Und manchmal, wenn ich als Schüler gerade Ferien hatte, da meinte er, dass er vielleicht doch hätte Lehrer werden sollen. Aber sein Vater, also mein Großvater, war tatsächlich Lehrer. Der erste Lehrer der Familie. Vorher waren sie alle Bäcker gewesen.
„Manchmal“, fuhr der Dozent fort, „überspringt das Lehrergen auch eine Generation.“
Bis zu dieser Veranstaltung hatte ich gedacht, ich sei aus freiem Willen Lehrer geworden. Und jetzt sagte mir dieser intellektuelle Turnschuh- und Goldkettchen-Psychologe, dass ich ein Lehrer-Gen in mir trage. Irgendwie fand ich das demütigend.
Denn während meiner Schulzeit war ich mir ziemlich sicher gewesen, dass ich Rockstar werden würde. Einen Plan, den ich auch als junger Erwachsener und Student noch nicht so richtig aufgegeben hatte. Rockstar hatte viel mehr Glamour als Lehrer. Im Laufe meines Studiums kamen aber noch andere Berufsideen dazu. Hauptsächlich die, ein wichtiger Intellektueller zu werden. Als Philosoph beispielsweise. Oder als Schriftsteller. Oder als freier Mitarbeiter des Lokalteils meines Heimatortes. Und immerhin diesen Teil konnte ich umsetzen. Ich ging als Reporter zum AWO-Altennachmittag, zum Gurkenfest in der Kleingartenanlage, zur Jahreshauptversammlung der CB-Funker und zum jährlichen Theaterstück der Dorffeuerwehr. Es war toll. Aber so richtig Journalist werden wollte ich dann doch nicht. Stattdessen wurde ich wie von magischer Hand geleitet zum Lehrer. Aber an die Sache mit der Lehrer-Gen glaubte ich trotzdem nicht.
Jetzt war ich neulich beim Klassentreffen meiner Abiturklasse. Mein Abi ist 25 Jahre her. Viele meiner damaligen Mitschüler habe ich tatsächlich 25 Jahre lang nicht gesehen. Deswegen war ich richtig aufgeregt.
Ich kam als letzter an. Sie standen alle schon vor der Wirtschaft. Als sie mich sahen, gab es ein großes „Hallo“. Das war mir ein bisschen peinlich. Damals, nach dem Abiball, hatte sie mir alle eine große Zukunft als Schauspieler prophezeit. Ich hatte beim Abifest einen kleinen Auftritt, bei dem ich unsere Lehrer imitiert hatte.
Jetzt also standen sie mir gegenüber und musterten mich. „Nein“, rief Mike mit dem ich auch bei der Bundeswehr gewesen war, „sag nichts, ich weiß, was du jetzt machst…“ Jetzt würde er sagen, dass ich wie ein „Philosoph“ oder „Journalist“ aussah. Jedenfalls hoffte ich das. Gleichzeitig ärgerte ich mich darüber, dass ich die doofe Fleece-Jacke, das karierte Hemd, die Jeans und die Treckingschuhe angezogen hatte. „Zugelegt hast du auch“, raunte Mike, während die anderen gespannt auf seine Deduktion warteten. Dann lächelte er wissend.
„Du bist Lehrer“, rief er, „stimmts?“ Als ich augenrollend nickte, brach fröhlicher Jubel los. Irgendjemand rief „War ja klar!“
Nicht zu fassen! Jetzt sieht man mir das schon an. Das muss das bescheuerte Lehrer-Gen sein, dachte ich verzagt. Und für ein paar Stunden glaubte ich nicht mehr an den freien Willen.
Später am Abend erzählte mir Mike, dass er schon vorher gewusst habe, dass ich Lehrer geworden sei. Aber, versicherte er mir, er hätte es auch so erraten. „Hey“, rief er und schwenkte sein Weizenglas, „du siehst so derart nach Lehrer aus!“ Ich glaubte ihm kein Wort.

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Über Ens Oeser

Ens Oeser ist zusammen mit Laus Itzigmann und Ennis Eineck die Band ACH. Das allen Äußerungen der Band zugrunde liegende Konzept ist "Hobbypop".
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