„Wir wählen die Pädagogische Freiheit!“

„Der Mensch ist zur Freiheit verurteilt“, rief einst der französische Philosoph Jean-Paul Sartre. Nicht aber der Lehrer. „Es ist gerichtlich bestätigt, dass es keine pädagogische Freiheit als subjektives Recht gibt.“ Das hat Kultusministerin Susanne Eisenmann gesagt. Wir Pädagogen in Baden-Württemberg sind zur Verantwortung verurteilt. Ein Schulleiter, dessen Name hier nicht genannt werden soll, sagt das gerne noch expliziter: „Es gibt keine pädagogische Freiheit, Punkt!“ Davon stehe nämlich nichts im Schulgesetz. Da sei nur die Rede von „unmittelbarer pädagogischer Verantwortung.“ Vielleicht liegt das an der „Furcht vor der Freiheit“, die der linke Sozialwissenschaftler Erich Fromm einst der autoritären Persönlichkeit attestierte? Und Minister und Rektoren sind ja wohl Autoritäten, oder?
Mit dem Schulleiter, dessen Name hier nicht genannt werden soll und der nicht der Schulleiter meiner Schule ist, habe ich mal darüber diskutiert. Und da war ich froh, dass ich beim Studium an der PH gut aufgepasst habe. Verantwortung, habe ich gesagt, setze immer Freiheit voraus.
„Pädagogische Freiheit“! Das klingt doch total kreativ, wild und frei. Als wäre der Lehrer ein Künstler. In Baden-Württemberg herrscht akuter Lehrermangel. Und das Kultusministerium druckt doch immer so schöne Prospekte mit Fotos von Lehrern, die auf Metaplankarten zeigen. Wenn da jetzt drunter stehen würde „Werde Lehrer! Genieße deine pädagogische Freiheit!“, die jungen Leute würden an den Pädagogischen Hochschulen die Türen einrennen. Liberte toujour!
Man kann aber auch einen verkniffenen Typen mit Peter-Hauk-Brille beim Korrigieren von Rechtschreibfehlern abbilden und drunter in goldenen Lettern folgendes Zitat von Susanne Eisenmann abdrucken: „Wir legen landeseinheitliche Zielsetzungen fest, sei es im Bildungsplan, durch Erlasse oder Verwaltungsvorschriften. Das ist rechtlich völlig unbestritten. Bei der Umsetzung im Einzelnen vertrauen wir den Lehrern.“ Bürokrat toujour! Man wünscht sich ja fast schon die FDP zurück. Die hatten immerhin noch Freiheit im Programm.
Der Schulleiter sagt immer, dass ihm die Lehrer am liebsten seien, die er gar nicht wahrnehme. Mit denen habe er nämlich keinen Stress. Die täten einfach das, was sie sollen. So ähnlich sieht Susanne Eisenmann das bestimmt auch.
Ich habe dem Schulleiter dazu folgendes gesagt: Ich finde, dass Lehrer ein kreativer Handwerksberuf ist. Wir sind Performance-Künstler. Jede Woche von Montag bis Freitag. Mit einem kritischen Publikum. Und den Eltern vom Publikum müssen wir es auch noch recht machen. Pädagogische Freiheit ist so etwas wie künstlerische Freiheit. Der Sozialistische Realismus war eine ziemlich langweilige, staatlich gelenkte Kunst. Picasso war wild und frei. Kunst braucht Freiheit! Ich glaube Frau Eisenmann stellt sich in ihren Schulen so eine Art Eisenmann’schen pädagogischen Realismus vor. Ich bin dagegen.

Freiheit first! – Manifest für Pädagogische Freiheit
Liebe Frau Eisenmann! Um mal Ihren Chef, den Ministerpräsidenten Kretschmann zu zitieren: „Dieses ständige Gemotze muss aufhören!“ Ihr ehemaliger Chef-Chef, der Ex-Bundespräsident Gauck hat in Philosophie auch gut aufgepasst. Er hat nämlich gesagt: „Freiheit heißt Verantwortung.“
In Hessen beispielsweise, da orientieren sie sich am gauck’schen Freiheits-Axiom. Da steht im Schulgesetz: „Die Lehrkräfte erziehen, unterrichten, beraten und betreuen in eigener Verantwortung und pädagogischer Freiheit …“ In Baden-Württemberg dagegen: Wir können alles, außer Hessisch!
Frau Eisenmann, Sie verletzen meine Gefühle. Ich bin ein empfindsamer, einfühlsamer pädagogischer Kunsthandwerker. Sie sind doch jetzt Vorsitzende der Kultusministerkonfernz. Fragen Sie doch beim nächsten Treffen ihren hessischen Kollegen Alexander Lorz, wie man das macht mit der Pädagogischen Freiheit.
Anerkennung steigert die Arbeitskraft. Muss ich Ihnen ja nicht sagen. „Madam, gewähren sie pädagogische Freiheit!“ Das würde uns Lehrer glücklich machen.

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Über Ens Oeser

Ens Oeser ist zusammen mit Laus Itzigmann und Ennis Eineck die Band ACH. Das allen Äußerungen der Band zugrunde liegende Konzept ist "Hobbypop".
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