Körperertüchtigung


In den 80er Jahren war es en Vogue, sich über Bodybuilder lustig zu machen. Sport insgesamt war irgendwie blöd. Weil auch mein Sportlehrer irgendwie blöd war. Und dann die Fußballer! Schnauzbärte, Vokuhila-Frisuren und diese ganz knappen Adidas-Höschen. Es war alles ziemlich peinlich. Warum hätte ich Sport machen sollen? Es war uncool.
Cool war mein Vorbild Werner Enke. Enke war der Rudi Dutschke des Neuen Deutschen Films in den Sechzigern. Der berühmteste davon ist „Zur Sache Schätzchen“. Enke jedenfalls zeichnete sich durch eine verschlafene, nahezu lethargische Gleichgültigkeit aus, von der ich fand, dass sie auch mir gut stehen würde. Und so nahm ich seine Filmsprüche „Das ist mir zu viel Action“ und „Der alte Schwung is‘ hin, dazu bin ich viel zu abgeschlafft“ in meinen Umgangs-Phrasenapparat auf.

Dazu kam dann auch noch, dass meine Mutter immer zu mir sagte: „Du kannst essen, was du willst, du nimmst einfach nicht zu.“ Also aß ich, was ich wollte und nahm tatsächlich nicht zu.
Meine Freunde versteckten ihre Hanteln unter ihrem Bett, wenn ich sie besuchte, damit ich sie nicht verspottete. Ich lag hauptsächlich herum und ersparte mir jede körperliche Anstrengung. So jedenfalls will es meine Erinnerung.
Mit den Toten Hosen trat dann Ende der 80er Jahre das Bier in mein Leben. Bis dahin war das Bier etwas, das die alten Männer auf den Bierfesten tranken. Dann gingen sie aufs Klo, stützten sich mit einer Hand an der Wand ab, klemmten die Zigarette zwischen die Zähne und pinkelten per Einhandtechnik. Die Abstützhand war wegen des fünften Bieres nötig. Aber die Toten Hosen machten das Bier cool. „Ja sind wir im Wald hier“, gröhlten sie, „wo bleibt unser Altbier…“ und das Pseudo-Anti-Alkohol-Lied „Und die Jahre ziehen ins Land und wir trinken immer noch ohne Verstand, denn eins das wissen wir ganz genau, ohne Alk, da wäre der Alltag zu grau“. Wie so vieles im meinem Leben, nahm ich auch diesen Unfug für bare Münze. Das Bier und ich wurden sofort Freunde. Die heitere Unbefangenheit, die man mit einer Flasche Bier erlangte, schien mir etwas zu sein, was ich immer schon gesucht und nie gefunden hatte.

Dass das nicht ewig so weitergehen konnte, hätte mir erstmals bei der Musterung klar werden können. „Sie sind eher der gemütliche Typ, was?“, sagte die Militärärztin mäßig erheitert beim Anblick meines nackten Hinterns. Aber ich hatte keine Zeit darüber nachzudenken, weil ich ja noch in diesen Becher pinkeln musste.
Am Ende der Grundausbildung hatte ich das Läuferabzeichen erworben. Meine Mutter nähte es mir an meinem Bundeswehr-Jogginganzug fest. Man bekam es, wenn man fünf Kilometer ohne Zwischenstopp joggen konnte. Allerdings hatte ich bei der Bundeswehr auch das Säuferabzeichen erworben und gelernt mindestens fünf Bier am Abend ohne Zwischenstopp zu trinken. So glich sich das dann wieder aus.
Vor allem aber hatte ich beim Millitär gelernt, dass Körperertüchtigung mit großer Anstrengung verbunden war, auf die ich sofort nach dem Ende meiner Dienstzeit freiwillig verzichtete.
Während des Studiums aß ich praktisch nichts. Da fiel das mit dem Sport noch nicht so auf. Aber dann ging es los. Ich aß, was ich wollte und wurde immer dicker. Wer arbeitet, der muss auch essen. Jedenfalls wiege ich heute, in verschiedenen Anschwellformen bis zu zwanzig Kilo mehr als damals.
Ich muss jetzt oft an meinen Mathelehrer denken, der immer zuerst einen roten Kopf bekam, dann „Moment!“ sagte und dann seine Tabletten einwarf. Ich muss an meine Mutter denken, die stöhnte: „Also heit hab‘ I’s wieder so im Kreiz!“ Und an all die alten Leute mit ihren Beschwerden und Wehwechen.
Heute sehe ich nicht mehr aus wie Werner Enke. Eher wie Heinz Erhard. Der ist ja immerhin auch lustig.
Was habe ich daraus gelernt? Bescheidenheit. Ich fahre jetzt immer mit dem Fahrrad zur Arbeit. Rüstige Rentner rasen mit ihren E-Bikes an mir vorbei und grüßen freundlich. Einige Kollegen kleiden sich in diese hautengen neonfarben leuchtenden Taucheranzüge für Fahrradfahrer und rauschen in einem Affentempo an mir vorbei. Wenn ich soetwas anziehen würde, ich sähe aus wie Presswurst. Wahrscheinlich filmen sie mich mit ihren Helmcams, wie ich mit meinem Altherrenrad das Hügelchen hinaufkeuche.
Im Sommer ging ich ab und zu früh Morgen ins Freibad zum Schwimmen. Auch dort zog ich meine Bahnen im Kielwasser von Hochleistungs-Renten-Schwimmern.
Vor allem habe ich gelernt, dass genau das, was ich am ernstesten nehme, sich in nächster Zukunft als das absolut Falsche erweisen wird. Wie ich damit umgehen soll, weiß ich auch nicht so genau. Wir werden sehen.

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Über Ens Oeser

Ens Oeser ist zusammen mit Laus Itzigmann und Ennis Eineck die Band ACH. Das allen Äußerungen der Band zugrunde liegende Konzept ist "Hobbypop".
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2 Antworten zu Körperertüchtigung

  1. kat+susann schreibt:

    Ich fühle mit dir! Kat.

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