Sicherheit an Grundschulen


Mein Sohn geht in die Grundschule. Bisher hatte ich damit keine Sorgen. Aber seit dem neusten Rundschreiben des Kultusministeriums mache ich mir Sorgen.
„Mit Rundschreiben reagieren wir meistens auf aktuelle Probleme, um sie schnell und unbürokratisch zu beheben.“ Das hat mir bei einer Fortbildung ein Kultus-Ministerialer-Mensch anvertraut. Wenn das wahr ist, dann muss an den baden-württembergischen Grundschulen gerade die Hölle los sein.
„Sicherheit an Grundschulen“ heißt das Rundschreiben 12/82, das im April die Schulleitungen erreicht hat. Und als besorgter Vater denkt man jetzt natürlich: Sicherheit? Dann stimmt irgendwas nicht. Aber was? In dem Rundschreiben geht es unter anderem um „Experimente mit Teelichtern und Kerzen“. Die Lehrpersonen bekommen nützliche Hinweise: „In die Flamme dürfen nur Materialien gehalten werden, welche durch die Lehrkraft ausgewählt wurden.“ Was bedeutet dieser Satz im Umkehrschluss, wenn es stimmt, was der Mensch vom Ministerium gesagt hat? Irre Laissez-Faire Kindertanten und –onkels rufen den ihnen anvertrauten Kindern zu: „So, jetzt haltet mal irgendwas, was ihr gerade so findet ins Feuer und guckt, was passiert!“?
Bei „Experimente zum elektrischen Strom“ werden die Lehrpersonen darauf hingewiesen, dass die Kinder höchstens mit 9 Volt-Batterien experimentieren dürfen. Doch Vorsicht! Auch hier droht Gefahr: „Dabei ist vor Aufnahme des Experiments sicher zu stellen, dass sich keine Batteriesäure an den Batterien befindet.“ Und auch der Umwelt droht Gefahr: „Verbrauchte Batterien werden über Sammelstellen dem Sondermüll zugeführt.“ Heißt das jetzt es gibt verrückte Grundschullehrkräfte, die ihre Schüler mit Stahlnägeln an Steckdosen experimentieren lassen? Oder noch schlimmer, Batterien nicht ordnungsgemäß entsorgen?
Aber das Rundschreiben „Sicherheit an Grundschulen“ ist damit noch lange nicht am Ende: Mit Geschirrspülmittel dürfen Schüler ausschließlich: Geschirrspülen! Welcher Vorfall, so frage ich mich, war die Ursache für diesen Hinweis?
Aber die wahre Hölle droht in der Natur. Oder, pädagogisch gesprochen, im Schulgarten. „Bei gärtnerischen Arbeiten ist naturgemäß ein ständiger nicht gezielter Umgang mit biologischen Arbeitsstoffen (z. B. Viren, Bakterien, Pilze und Würmer) gegeben.“ Viren! Bakterien! Pilze! Würmer! Hilfeeee! Die armen Kinder! Und das nennen die beim KuMi „biologische Arbeitsstoffe“? Ich glaube mein Wurm pfeift!
Jetzt habe ich mal recherchiert. In den vergangenen drei Jahren gab es keine Schulen, die infolge eines Feuerexperimentes niedergebrannt sind. Adventskränze, technische Defekte, brennende Autos in der Tiefgarage kommen immer wieder als Brandursache vor. Experimente: nie. Auch sind keine Grundschüler durch Experimente mit Strom zu Schaden gekommen. Oder, weil sie durch Batteriesäure verätzt worden wären. Es gab keinen nennenswerten Zwischenfall mit Geschirrspülmittel und auch nicht im Schulgarten.
Wenn also nichts passiert ist, dann freut mich das als Vater natürlich. Aber als Lehrer frage ich mich, was dann der Grund für dieses Rundschreiben ist? Hält das KuMi die Grundschullehrkräfte einfach so für doof?
Vielleicht ist das Rundschreiben „Sicherheit an Grundschulen“ so etwas wie die legendäre „Zentrale Dienstvorschrift 3/11“ der Bundeswehr. In dieser ZDv wird das Verhalten des Soldaten im Felde geregelt. Es gab dort so legendäre Hinweise wie: „Bei Einbruch der Dämmerung ist mit Dunkelheit zu rechnen.“ Oder „Bei Schnee und Frost ist mit auftretender Kälte zu rechnen.“ Angeblich gab es dort auch den wunderbaren Satz: „Bei Erreichen des Baumwipfels hat der Soldat die Kletterbewegungen selbständig einzustellen.“
Als ich in der Grundausbildung war, erklärte uns der furchterregende Feldwebel Klein die Notwendigkeit dieser Vorschriften folgendermaßen: „Als Soldat denken sie nicht, sie befolgen Befehle und Dienstvorschriften, haben sie das verstanden?“ Hatten wir.
Aber was soll ich denn jetzt denken, was das Kultusministerium mit dem Rundschreiben 3/11 „Sicherheit an Grundschulen“ will? Kann mir da mal jemand helfen?

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Über Ens Oeser

Ens Oeser ist zusammen mit Laus Itzigmann und Ennis Eineck die Band ACH. Das allen Äußerungen der Band zugrunde liegende Konzept ist "Hobbypop".
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Eine Antwort zu Sicherheit an Grundschulen

  1. kat+susann schreibt:

    Absichern gegen alles, damit der Nutzer immerhin gewarnt ist. So muss man heute auch unterschreiben, das der Lehrer im Notfall eine Zecke ziehen darf. Auf einem Ausflug oder so.Wenn Mama nicht unetrschreibt, bleibt die Zecke drin. Selber Schuld! Kleinkinder bitte nicht in die Mikrowelle stecken!Es könnte zum Ableben führen…. 😉 Kat.

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