Die Rechts-Links-Lösung

„Oine links und rechts an d’Backă na, desch immer no’s Beschte!“ So sprach der Mann, der sich hinter mir und meinen Kindern in der Schlange am Würstchenstand eingereiht hatte. Es war Fasnet. Er trug einen Rock und hatte eine ordentliche Schnapsfahne. Der Rock gehörte zu seinem Hexenhäs. Was er sagte, sollte ein Vorschlag sein, wie ich mit meinen vor Hunger quengelnden Kindern umgehen solle. Die Kinder versteckten sich hinter mir. Der Vorschlag des alkohol-missbrauchenden Rockträgers stimmte mich nachdenklich. Denn als ich  zu studieren begann, war Rudi Dutschke mein Vorbild. Erstens, weil er auch Student war. Zweitens, wegen seines Strickpullies, seiner Lederjacke und der coolen Frisur. Und Drittens hat für antiautoritäre Erziehung gekämpft. Das schien mir damals attraktiv zu sein. Keine Gewalt. Aber ein paar Jahre später las ich in einer Dutschke-Biographie folgendes: Als Rudi Dutschke merkte, dass sein kleiner Sohn Hosea und seine Freunde irgendeinen Quatsch gemacht hatten, verlor er die Nerven. Er beschrieb den Vorfall in einem Brief an seine Frau: „Nach längerer und sehr erregter Erklärung gab ich ihnen allen einen Schlag auf den Arsch.“ Mein Vorbild, der Vorkämpfer der antiautoritären Erziehung, haut seinem Buben auf den „Arsch“! Das ist zwar nicht die vom alkoholtrinkenden Rockträger vorgeschlagene Links-Rechts-Lösung, sondern nur die Hinten-Lösung, aber Gewalt ist es allemal. Aber die Geschichte geht noch weiter. Dutschkes Sohn Hosea erzählte nämlich Jahre später in einem Interview: „Einmal hat mir mein Vater tatsächlich einen Klaps auf den Hintern gegeben. Ich regte mich fürchterlich auf. Da drehte Rudi sich um, zog seine Hose runter, und ich durfte ihm den Hintern versohlen. Ein großer Spaß.“ Das kam mir komisch vor. Kinder und Eltern verhauen sich gegenseitig und haben Spaß daran? Naja. In meinem ersten Jahr als Lehrer unterhielt ich mich oft mit einem Kollegen, der im letzten Jahr vor dem Ruhestand war. An den musste ich jetzt denken. Er meinte auch immer, dass die Links-Rechts-Lösung für Disziplinprobleme zielführend sei. Früher habe er den Schülern sogar Kopfnüsse geben dürfen, erzählte er gern. „Oder mit dem Sprungseil auf die Finger“, schwärmte er. Allerdings erzählte mir ein anderer Kollege später, dass der Ruhestandskollege eines Nachts von ehemaligen Schülern aufgelauert und verdroschen worden sei. „Da hat er gesehen, zu was er seine Schüler erzogen hat!“ Auch die Autoritären haben sich gegenseitig verhauen. Na toll. Mein Großonkel war auch Lehrer. Er starb Ende der Achtziger Jahre. „Die Kinder heute sind frech und faul“, sprach er schulmeisterlich zu mir. Und früher habe er dumme und freche Kinder halt geschlagen. So habe man das halt gemacht. „Aber“, meinte er und grinste, „intelligenter oder fleißiger ist dadurch kein einziger geworden.“ Also sei er zu folgender Überzeugung gelangt: „Die Kinder waren frech und faul als sie geschlagen wurden und sie waren es, als man sie nicht mehr geschlagen hat, ergo: Kann man das schlagen auch gleich lassen, das Ergebnis ist das gleiche.“ So richtig pädagogisch war das nicht. Trotzdem überlegte ich mir kurz, ob ich diese Weisheit dem alkoholisierten Mann im Rock erläutern sollte. Aber da waren wir auch schon dran und die Kinder hörten auf zu quengeln. Ganz ohne links-rechts.
Mein jüngster Sohn fragte mich später, was die Frau gewollt habe. „Sie wollte, dass ich euch haue, weil ihr rumgemosert habt“, antwortete ich. „Echt“, antwortete er und begann eines seiner Lieblingslieder zu singen. „Alle meine Freunde kriegen n‘ Klaps auf’n Po, Klaps auf’n Po, Klaps auf’n Po…“ und er lachte.

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Über Ens Oeser

Ens Oeser ist zusammen mit Laus Itzigmann und Ennis Eineck die Band ACH. Das allen Äußerungen der Band zugrunde liegende Konzept ist "Hobbypop".
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