Esus Ullock

„Und sie sind der Herr…“, die Frau an der Kundentheke des Finanzamts liest in dem Formular, das ich gerade ausgefüllt habe. Dann hebt sie den Blick und schaut mich an, dann guckt sie wieder in das Formular und liest vor: „Sie sind der Herr … Ullock, … Esus Ullock?“ Ich schüttle den Kopf. „Nein“, sage ich, „ich heiße Ens Oeser.“ Ihr Gesicht zieht sich zusammen wie eine Zitrone, verfärbt sich aber eher wie eine Tomate. Eigentlich sollte ich jetzt zu ihr sagen: „Sie, junge Frau, dürfen mich aber gerne Esus Ullock nennen.“ Aber sowas fällt einem, erstens, immer erst hinterher ein und, zweitens, wenn man es sagt, ist es dann doch irgendwie peinlich. Jedenfalls werde ich, wenn ich Performance-Künstler werde als Pseudonym „Esus Ullock“ wählen. Ist doch stark!
Ich mag Fehler. „Esus Ullock“ ist gerade mein Lieblingsfehler. Fehler sind irgendwie kreativ. Nicht unbedingt, wenn man eine Boing 707 fliegen, oder den Fussionsprozess in einem Kernkraftwerk überwachen muss. Aber solche Fehler wie „Esus Ullock“ sind doch stark! Verhörer, Tippfehler, Verleser. Es ist mir egal, was Sigmund Freud dazu sagt. Und auch, was mein Politikprofessor von der PH dazu sagt. Vor meinem Referat über Bismarck hatte er mich mit Blick auf mein Vortragsmanuskript gefragt, ob ich ihm den sagen könne, wie man den Namen „Bismarck“ schreibe? Mit „ck“ oder mit „k“? Das verunsicherte mich. Ich entschied mich für das „k“. „Damit“, hackte der Professor, „haben sie sich ein für alle Mal und für alle Zeiten für das Studium der Politikwissenschaften disqualifiziert!“ Naja. Ich habe die Politik-Prüfung trotzdem bestanden. Und ich weiß jetzt wie man Bismarck schreibt. Und da sieht man: Aus Fehlern kann man tatsächlich lernen.
Beispielsweise, als ich in der neunten Klasse war. Im Geschichteunterricht nahmen wir den Ersten Weltkrieg durch. Und meine unbestechlich maskuline Geschichtslehrerin wollte wissen, welche Gebiete Deutschland nach dem Versailler Vertrag hatte abtreten müssen. Meine Mitschüler hatten keine Ahnung. Ganz besonders der Mädchenschwarm und Fußballstar. Die Geschichtslehrerin zeigte mit dem Stöckchen auf Eupen Malmedy und fragte ihn danach. Er überlegte lange und sagte dann gedehnt fragend: „Läupen-Malochy?“ Ich musste so lachen, dass ich das Klassenzimmer verlassen durfte. Noch heute habe ich als Geschichtslehrer in Klasse 9 oft Mühe an mich zu halten, wenn die Rede auf „Läupen-Malochy“ kommt.
Ein anderes Mal, nach einer großen Wüste in Asien gefragt, fragte er zurück: „Die Wüste Gorbi?“ Woraufhin der nickelbebrillte Erdkundelehrer folgende unsterblichen Worte sprach: „Richtig, und die Karte dieses Trockengebietes ist direkt auf der hohen Stirn des Generalsekretärs der KPdSU abgebildet!“ Erst Jahre später habe ich kapiert, was er gemeint hat und spontan beim Frühstück gelacht.
Und dann noch das: Am oberen Ende der Straße, in der ich aufgewachsen bin steht eine kleine Wallfahrtskirche. Sie heißt „Maria Schray“. Deshalb heißt die Straße „Bei Maria Schray“. „Maria Schray“ ist ein Genitiv. Die Heilige Jungfrau höchstpersönlich rettete nämlich aus der von den Schweden angezündeten Kirche ihr eigenes Abbild. Mit einem lauten Schrei. Mittelalterlich: „Maria Schray“. Irgendwie konnten viele Menschen den Namen dieser Straße nicht richtig erfassen. Am harmlosesten und häufigsten war die Adressierung „Maria-Schray-Straße“. Oft machten die Briefeschreiber aus dem Genitiv einen Imperativ: „Maria schrei!“. Aber am schönsten war die Adressierung an „ Bei Mara Scoporay“. Das fand ich stark. Das hörte sich an, wie eine Figur aus einem Stig-Larson-Roman.
Ich sammle solche Fehler in den Arbeiten meiner Schüler/innen. Und einen kann ich mir nicht verkneifen jetzt noch zu erwähnen. In der Erdkundearbeit einer Kollegin beschriftete ein Schüler den Äquator mit dem wunderschönen Wort „WOSSeL“. Ich mag das Wort. Im privaten Gebrauch heißt der Äquator bei mir seither nur noch WOSSeL.
Grüße: Esus Ullock
Bei Mara Scoporay in
7798 Läupen-Malochy oder der Wüste Gorbi (oberhalb des WOSSeL)

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Über Ens Oeser

Ens Oeser ist zusammen mit Laus Itzigmann und Ennis Eineck die Band ACH. Das allen Äußerungen der Band zugrunde liegende Konzept ist "Hobbypop".
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2 Antworten zu Esus Ullock

  1. annri2014 schreibt:

    Meine Lieblingsvarianten waren:
    Bei Frau Maria Schray(vermutlich in der Annahme man wohnt dort zur Untermiete) und auch immer wieder gern genommen: Bei Maria Schrag oder Schrog.

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