Die Geschichte zum Lied: Mit Silke im Aufzug (1998)

Silke war, glaube ich dunkelhaarig und bleich. Und ziemlich klein. Sie trug eine Lederjacke und lächelte selten. Wir kannten sie nur vom Sehen und unsere Existenz hat sie, glaube ich, nie wahrgenommen. Aber irgendwie war sie Thema, weil sie im gleichen verfallenen siebzigerjahre Wohnheim wohnte wie Anfred. Und eines Tages erzählte Anfred davon, dass er heute mit Silke im Aufzug gewesen sei. Das gab ein großes Oho und Ahhhh. Wir waren ja lustige junge Menschen. Da machte man sowas.
Am Ende meines Studiums angekommen, fragte ich mich, was aus meinen Berufswünschen geworden war. Und ich kam zu dem Schluss: Ich war bescheiden geworden. Zunächst hatte ich Philosoph werden wollen. Ich stellte mir vor, wie ich in meinem Haus voller Bücher saß und Bedeutendes schrieb. Ab und zu klingelten demütige Prominente an meiner Türe und suchten Rat in Lebensfragen. Ich empfing sie dann in meinem Arbeitszimmer … naja. Jedenfalls wurde mir rasch klar, dass mein Gehirn für Logik, Wittgenstein und dergleichen komplexen Kram nicht geschaffen war. Was nun? Schriftsteller! Gleiche Szenerie, nur jetzt eben nicht Philosoph, sonder Schriftsteller. Aber meine Parallelkarriere als Lokalreporter machte mir klar: Dauernd schreiben? Och nö. Auch nicht. Auch nicht. Ich begann einen komplexen historischen Roman über einen Schreibtisch zu schreiben, der mich schon nach drei Seiten überforderte. Ich verlor sofort den Überblick. Tja. Was nun?
Und da kam Anfred mit der metaphorischen Lösung daher: Vielleicht sollte ich mich mit einem Montag- bis Freitag-Beruf begnügen und mich über mehr so kleine Dinge freuen, statt Ruhm und Ehre anzustreben? Beispielsweise mit Silke im Aufzug gewesen zu sein? Und da war das Lied.
Bei unserem letzten Auftritt im Jahre 1998 spielten wir in der Studentenkneipe Alibi. Wir waren so gut wie nie zuvor. Und wir spielten zwei Lieder, von denen es keine Aufnahme gab. Nur meine Demos. Denn ich hatte sie geschrieben.
„Mit Silke im Aufzug“ war eines dieser Lieder. In der Version von ACH hatte das richtig Druck. Es war Rock’n Roll.
Das Demo ist meine allerletzte Cassettenaufnahme. Danach habe ich niemals wieder etwas auf Cassette aufgenommen. Die Aufnahme ist auch mehr ein Raunen als Musik. Aber historisch betrachtet natürlich wertvoll.
Man hört der Musik dennoch deutlich an: Oasis war angesagt.
Der Text ist ein kleines Schmuckstück. Finde ich.

„Tjaja, ich hatte mal große Pläne,
ich wollt‘ mal Philosoph werden.
Doch dann bin ich älter geworden und
Hab‘ gelernt mich zu bescheiden. Ich
Wollte nur noch Schriftsteller sein, aber
Ich war wohl nicht so gut.
Also hab‘ ich andere Pläne gefasst und die
hab‘ ich eisern verfolgt – ich wollt:
Mit Silke im Aufzug.
Was will man mehr vom Leben?

Neulich beim Fernsehgucken,
ist mir das Bier ausgegangen.
Also wollt ich zu Tankstelle gehen,
um paar neue Flaschen zu holen und
als ich zum Aufzug kam,
da hab ich meinen Augen kaum getraut ich war:
Mit Silke im Aufzug
Was will man mehr vom Leben?“

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Über Ens Oeser

Ens Oeser ist zusammen mit Laus Itzigmann und Ennis Eineck die Band ACH. Das allen Äußerungen der Band zugrunde liegende Konzept ist "Hobbypop".
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3 Antworten zu Die Geschichte zum Lied: Mit Silke im Aufzug (1998)

  1. kat+susann schreibt:

    Wenn es die grosse Liebe wäre, täte man nicht mehr wollen…
    erstmal… sozusagen… bis ein gewisser Sattigkeitsgrat eintritt, der hoffentlich niemals eintritt..

    Mir gefällt die Idee, dass du am Schreibtisch sitzt und deine Besucher in Lebensfragen berätst… nur die Prominenten natürlich.. 🙂 und mit flexiblen Arbeitszeiten…
    Gruß
    S.

  2. Thomas schreibt:

    Seit wann macht Ach denn Rock’n Roll??

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