Parole Anal, Teil 2 (Fasnetsdienstag, 03.03.1987)

„Scheiße“, dachte ich drei Minuten später. Es war tatsächlich alles ganz von selber gegangen. Aber nicht ganz so, wie ich mir es vorgestellt hatte. Da war kein Sternenstaub mehr. Da war nur noch Scheißwetter und ich ohne Schirm. Mein Blick ruhte noch immer auf der Stelle der nassen Hauptstraße, an der Ordana gerade im Stechschritt hinter der Reinigung Sauberland verschwunden war. Ich stand im Laternenlicht im Nieselregen und meine Frisur klappte immer mehr zusammen. Auf der regennassen Straße hatte ein Auto silbern schimmernde Spuren hinterlassen. Und irgendwie hörte ich auch noch das Geräusch der Reifen auf dem nassen Asphalt. Die Hexenverbrennung war also vorbei, die Absperrung aufgehoben. „Uhjerum, uhjerum, die Fasnet hot a Loch“, jodelte einer am Marktplatz. „So eine Scheiße“, dachte ich. Und ich dachte es so bitter, wie ich noch nie irgendetwas jemals gedacht hatte.
Mein Blick folgte dem Weg Ordanas rückwärts von der Reinigung den Gehweg hoch, die flachen Stufen herauf bis so ungefähr einen Meter vor meine Füße. Genau an dieser Stelle war die ganz, ganz große Scheiße passiert. Immerhin hatte sie zum ersten Mal mit mir gesprochen. Sie hatte genau zwei Sätze zu mir gesagt. Ich hatte ihr durch den weißen Schleier hindurch „Warte mal!“ zugerufen, woraufhin sie stehen geblieben war. Ich aber war leicht ins Straucheln geraten und hatte erst knapp vor ihr bremsen können. Sie hatte sich zornig umgedreht und ihren ersten Satz ausgespuckt: „Oh nein, der schon wieder, was willst du eigentlich von mir?“ Ja, was wollte ich eigentlich von ihr, überlegte ich flach atmend? Aber das ist die falsche Frage, dachte ich. Irgendwas geht schief, das ist die falsche Stimmung, hier läuft eindeutig was schief, stellte ich panisch fest. Das weiße Licht verlosch, der Sternstaub verflüchtigte sich, der Zauber war gebrochen. Es war überhaupt nicht so, wie ich mir das gedacht hatte.
Dann hatte sie mich ein paar Sekunden lang genervt angestarrt. Und ich glaube, dass es das erste Mal war, dass ich wirklich Gelegenheit hatte, sie genau anzusehen. Braune, nasse und verklebte halblange Haare. Ein eigentlich nichtssagendes Gesicht, nicht schön, nicht hässlich. Man wäre eigentlich unwillkürlich mit den Augen daran abgerutscht. Heute jedoch stand mit schwarzem Stift auf ihrer linken Backe von einem Herzen eingerahmt „love“, und auf ihrer rechten Backe „sex“. Sie trug wie immer ihre den Körper komplett verbergende lila-weinrot-rosa Michelin-Männchen-Jacke. Für mich ihr einprägsamstes Merkmal. Und dann, und das war der Hammer, wieder diese Hotpants mit Netzstrumpfhosen. Naja. Es war Fasnet. Aber sie war höchstens, zwölf oder so. Durfte man da schon so rumlaufen?
Ich begann zu zittern, mein Hals brannte. Sie starrte mich immer noch an. Es war klar, dass irgendwas nicht stimmte. Es würde keine Umarmung und auch kein Knutschen geben. Das war nicht die Situation, in der so etwas passierte, das spürte ich trotz mangelnder Erfahrung ziemlich deutlich.
Ich konnte ihrem Blick nicht standhalten. Und sagen konnte ich erst recht nichts.
Eines der beiden Kinder fing an, in einer mir nicht verständlichen Sprache zu quengeln. Ich tippte scharfsinnig auf Polnisch. Ordana zeterte das Kind an, während das andere Kind, an ihrem Arm zu ziehen begann. Jetzt begann ein großes polnisches Gezeter. Und ich stand daneben. Im Regen.
Ich schaute betäubt zu. Da traf mich, ohne Vorwarnung, ihr Blick nochmal. Wie ein Blitz. Diesmal sah sie nicht mehr genervt aus, sondern wütend. Und jetzt sagte sie den zweiten Satz: „Außerdem habe ich schon einen Freund, okay?“ Sie starrte mich noch drei Sekunden an, als wolle sie sich versichern, dass ich sie wirklich verstanden habe. „Alles klar“, sagte ich. Sie machte kehrt und zeterte wieder die Kinder an. Dann gingen die drei streitend davon, ohne sich nochmals umzudrehen. Und ich blieb stehen. Okay, dachte ich, alles klar. Okay, okay, okay. Alles klar. Und dann verschwand das seltsame Trio hinter der Reinigung Sauberland. Aus der tiefe meines Bewusstseins tauchte ganz langsam das Wort „Schock“ auf. Ich war geschockt. Was sollte das heißen: „Ich hab schon einen Freund“? Wen denn? Woher denn?
Es war der Super-GAU. Das Tschernobyl der Liebe. Rigitte war nur Harrisburg gewesen. Das hier war Tschernobyl.
Die Frau mit den Micky-Maus Ohren ging an mir vorüber. Jetzt war es auch scheißegal, dachte ich und drehte um, um durch den Fußgängertunnel zu den anderen zurück zu gehen. Da fiel mein Blick auf den an die Wand gesprüten Schriftzug „PAROLE: ANAL!“ Im gleichen Moment sang ein die Straße hinab wankendes Hensele „Alles hat ein Ende nur die Wurst hat zwei, jawohl mein Schatz, es ist vorbei …“
Es ist vorbei, hallte es in mir nach. Alles scheiße, dachte ich, alles total am Arsch. Und mir fiel der 12.11.1986 ein. Der Tag, an dem ich Ordana zum ersten Mal wahrgenommen hatte. Da hätte man es schon wissen können, überlegte ich, und erinnerte mich daran, dass der Tag damit begonnen hatte, dass mir die anderen von einer riesen Scheißwurst im Jungenklo erzählt hatten. Die hatte zweifellos auch zwei Enden gehabt. Und am gleichen Tag hatte ich meinen Deutschlehrer ausversehen als Arschloch bezeichnet.
Scheiße, Scheißwurst, Arschloch. Die Sache mit Ordana hatte von Anfang an im Zeichen der Scheiße gestanden. Sie hatte mit der scheiß Fasnet angefangen, ein Tag nach dem 11.11., und jetzt endete sie am scheiß Fasnetsdienstag, am Arsch des Fußgängertunnels. Es war alles total anal. Das ganze Schuljahr 86/87. Das Halbjahreszeugnis scheiße, ich hatte zum ersten Mal in meinem Leben eine fünf, und das ausgerechnet in Kunst.
Vielleicht hat Arkus ja recht, dachte ich, als ich durch den nach Pisse stinkenden Fußgängertunnel langsam zurück schlappte. Er hatte gesagt, dass ich immer alles scheiße fände. Ach, scheiße. Ich spürte, dass ich jetzt eigentlich heulen sollte. Das würde helfen. Ich heulte nicht.

„Please now, talk to me, tell me, things I could find helpful, how can I stop now, is there nothing I can do? I lost my mind! I’ve been losing you”, sangen Aha in meinem Kopf. Aha verstanden was vom Leben und der Liebe. Das spürte ich ganz deutlich an dem Trost den diese Zeilen und die Erinnerung an die Melodie dieses Liedes spendeten. Aber Trost ist für den Arsch.
Der tapfere Zinnsoldat war am Arsch. Die Ballerina hatte schon einen Freund.
„Da bist du ja schon wieder“, rief Ichael, als er mich sah.
„Ach, scheiße“, sagte ich.
„Oh“, sagte er betroffen, „war es nichts?“
„Nix, scheiße“, brummelte ich.

Ich ging alleine die Hauptstraße hinauf. „It goes deep, it goes deep, it goes deep“, wiederholte ich in meinem Kopf das Lied von Ichaels Cure-Platte. „Say goodnight on a night like this, if it’s the last thing, we ever do…” Es ist vorbei, sagte ich laut zu mir selber als ich unter dem Stadttor durchging.

Daheim saßen sie alle vor der Glotze. Ich setzte mich dazu. Es lief „Hector – Ritter ohne Furcht und Tadel“ mit Bud Spencer. Scheißfilm dachte.

Im Bett verfluchte ich Gott, der diese Scheiße nicht verhindert hatte. Dann gibt es eben keinen Gott, beschloss ich. Im Dunkeln nahm ich das Kreuz ab und verstaute es in der Nachttischschublade.

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Über Ens Oeser

Ens Oeser ist zusammen mit Laus Itzigmann und Ennis Eineck die Band ACH. Das allen Äußerungen der Band zugrunde liegende Konzept ist "Hobbypop".
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