Parole Anal, Teil 1 (Fasnetdienstag, 03.03.1987)

„Jetzt mach mal“, trieb mich Arkus zur Eile, „jetzt ist es schon drei vor!“
Wir saßen im Stadtcafe. Ich hatte Salamitoast bestellt, der ewig gedauert hatte. Dann musste ich warten, weil er sauheiß war und jetzt konnte ich endlich essen, und da war es drei vor. Scheiße, dachte ich. Und bezahlt hatten wir auch noch nicht.
Ichael verdrehte sich, um besser zum Fenster hinaus sehen zu können.
„Scheiße“, stieß der Ichael hervor, „ich glaube die kommen schon.“
„Echt he“, regte sich Arkus auf, „jetzt mach endlich!“ Ich blieb ruhig. Es herrschte angespannte Stille an unserem Tisch. Man hört nur das ganz, ganz leise Dudelgeräusch aus dem Radio und das Getute und Gerumpel des im Dunkeln herannahenden Hemdglonkerumzuges.
Der Wirt schaute zu uns herüber. „Bei euch alles klar, oder braucht ihr noch was?“, fragte er. „Wir würden dann gern zahlen“, antwortete Ichael.
Wir schlossen uns vor dem Stadtcafe ziemlich halbherzig dem Hemdglonkerumzug an. Es nieselte wieder. Dann standen wir im dichten Gedränge am Marktplatz direkt vor dem Fußgängertunnel. Auf dem Marktplatz wurde gerade die Strohhexe angezündet. Die Stadtmusik spielte dazu den Narrenmarsch und wir hüpften ein bisschen im Takt.
Unter dem schaurigen Geheul der Hexen ging die Strohebenbild in Flammen auf. Gebannt starrte ich in das Feuer.
Jetzt ist es vorbei, freute ich mich, morgen ist endlich wieder Schule.
Das Feuer verlosch. Das Geheule verstummte. Nochmal der Narrenmarsch und Schluss. Die Menschenmenge lichtete sich allmählich. Achtlos schaute ich mir die aufgekratzten Leute an, die um uns herum standen. Eine erwachsene Frau mit Micky Maus Ohren fesselte meine Aufmerksamkeit. Da hört es doch echt auf, dachte ich gerade, als sich aus der Masse der grauen Narren plötzlich Ordanas hell erleuchtete Gestalt löste. An der einen Hand ein als Katze verkleidetes Mädchen und an der anderen ein Junge, der wohl irgendwie Soldat sein wollte. In einer dynamisch fließenden Bewegung kam sie magisch langsam und doch in Realzeit auf uns zu. Mein Herz blieb stehen, mein Kiefer klappte herunter, während ihre schimmernde Gestalt in einem weißen Rauschen an mir vorüberzog. Jetzt, dachte ich, und wippte auf den Zehenspitzen, während sie im Fußgängertunnel verschwand. Die Zeit stockte, es war wie wenn in der Schule der FWU-Film plötzlich ganz langsam wurde und die Stimme des Sprechers immer tiefer und tiefer. Jetzt, jetzt, jetzt, dachte ich noch einmal und diesmal, rannte ich los. Jetzt oder nie.
„Was hat der denn?“, hörte ich Arkus noch fragen. Auch die Antwort von Ichael hörte ich noch. „Da war seine Polin“, sagte er nachsichtig. Ich rannte ihr hinterher, der Zukunft entgegen. Aus dem Fußgängertunnel stob mir der Sternenstaub entgegen, den Ordana hinter sich herzog. Und in den fünf Sekunden, in denen ich durch den Fußgängertunnel rannte, versuchte ich mir vorzustellen, was jetzt kommen würde, was jetzt passieren würde, wenn es jetzt so sein würde, wie in den Filmen, in den Liedern, den Büchern, wie jetzt alles ganz von selber passieren würde. Und ich rannte hinein in das weiße Licht am anderen Ende des Fußgängertunnels.

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Über Ens Oeser

Ens Oeser ist zusammen mit Laus Itzigmann und Ennis Eineck die Band ACH. Das allen Äußerungen der Band zugrunde liegende Konzept ist "Hobbypop".
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