Berufsfachschule Töten – Kommentar zu den Gewaltexzessen bei der Bundeswehr

„Männer“, sagte der UvD und grinste wohlwollend, „jetzt ist Feierabend!“ Es war kurz vor Zapfenstreich und der Flieger Höllerich stand triefend nass in seinem blauen Bundeswehr-Schlafanzug in einer großen Pfütze im Flur des Kompaniegebäudes. Am Boden lag seine klatschnasse Bettwäsche. Und Nowotny ein Stückchen weiter oben im selben Zustand. Nur er trug seinen kanariengelben Privatschlafanzug. Vor Nowotny stand Blom im Grünzeug. Neben ihm stand die rote Wasserspritze, deren Schlauch sich jetzt wie eine ertrunkene Schlange in der Pfütze ringelte.  Blum, du Arschloch, dachte ich.
Es war der brütend heiße August 1992. Der zweite Monat unserer Grundausbildung in Holland hatte gerade begonnen. Dienstgrad aller Rekruten war Flieger. „Flieger, das ist euer Dienstgrad und euer Dienstgrad, das ist hier alles, was ihr habt Männer!“, hatte uns der furchterregende und bürstenhaarige Feldwebel Klein erklärt. Flieger ist der niedrigste Dienstgrad bei der Luftwaffe, bei der ich seit dem 1. Juli 1992 diente. Am ersten Morgen hatten uns die Ausbilder mit „Highway To The Dangerzone“ aufgeweckt. Einem bescheuerten Lied aus dem bescheuerten Luftwaffen-Verherrlichungs-Film „Top Gun“. Im Laufe der drei Monate der Grundausbildung lernte ich, dass die Ausbilder ein umfassendes Wissen über Kriegs- und Antikriegsfilme besaßen. Sie bewiesen ihre besondere Männlichkeit dadurch, dass sie gerade die besonders grausamen und schrecklichen Antikriegsfilme ironisch-brutal in ihren alltäglichen Sprachgebrauch einfließen ließen.
„Sie“, sagte der UvD ernst und zeigte auf die beiden nassen Rekruten Nowotny und Höllerich, „ziehen sich etwas Trockenes an.“ Dann wandte er sich an Blom, der immer noch neben der Feuerspritze stand: „Und sie, Flieger, räumen sofort das Eigentum der Bundeswehr zurück an den dafür vorgesehenen Ort, ist das klar!“
„Jawohl, Herr Stabsunteroffizier“, bellte Blom. Denn: Nur „Ja“ war etwas für Zivilisten. Und: Sie sagen immer zuerst meinen und dann ihren Dienstgrad, ist das klar, sonst können wir das auch am Wochenende üben – sie armer Mensch!
Ich lehnte im Türrahmen meines Gruppenraumes und schaute zu.
Schon im ersten Monat unserer Grundausbildung hatte Blom es satt gehabt. Die beiden Arschlöcher Nowotny und Höllerich sollten mal eine richtige Abfuhr kriegen. Denn Höllerich und Nowotny waren tatsächlich irgendwie anders. Höllerich war ein langer Schlacks mit dicker Brille, der nichts redete. Nowotny war ein kleiner, dicker Rothaariger. Er hatte zu Blom gesagt, er solle endlich sein Maul halten. Blom hatte da gerade eine Rede über die scheiß Türken gehalten. Auf das Thema war er gekommen, weil er mit dem Zug durch einen Ort Namens Türkenfeld gekommen war. „Türkenfeld, ein Ort in Deutschland heißt Türkenfeld!“, hatte er empört herumgebrüllt und alle hatten kzustimmend gelacht. Nur  Nowotny nicht. Er hatte gesagt, Blom solle das Maul halten. Das hatte Blom aus dem Gleichgewicht gebracht. Und dann stellte sich auch noch heraus, dass Nowotny sich nicht wusch. Es war Sommer. Wir schwitzten bei dem ganzen Quatsch wie die Schweine. Aber nur Nowotny stank auch wie eines. Es war furchtbar. Höllerich wusch sich, sah aber halt doof aus.
Am Anfang hatten sich die beiden nur blöde Sprüche anhören müssen. Ob sie schwul seien, oder blöd, oder beides. Später hatte Blom die grandiose Idee, ihnen Sand ins Bett zu streuen. Ende Juli versteckten sie ihnen vor dem Morgenapell das Grünzeug, sodass sie im Schlafanzug antreten mussten. Blom und seine Kumpels kicherten blöd, während Höllerich und Nowowtny von Feldwebel Klein runtergemacht wurden. Und bald gehörte es in der Kompanie zum guten Ton auf Nowotny und Höllerich herumzuhacken.
Anfang August hatten Blom und seine lustigen Kumpels die Spinde von Höllerich und Nowowtny vor der Stuben und Revierkontrolle auf den Kopf gedreht.
Der UvD nahm es lächelnd zur Kenntnis. „Flieger“, grunzte Feldwebel Klein, „war hier ein Erdbeben oder was?“ Blom und seine Kumpels bekamen eine wohlwollend vorgetragene Standpauke über Kameradschaft beim Abendapell. Nowotny dagegen bekam einen üblen Anschiss von Feldwebel Klein, weil in seinem Spind das Wertsachenfach nicht abgeschlossen gewesen war. „Das ist Anstiftung zum Kameradendiebstahl“, keifte der Feldwebel, „in meinen Augen genau so schlimm wie der Diebstahl selber.“
Dann nahm Feldwebel Klein den Blom beiseite und sagte: „Flieger Blom, ich weiß ja, dass das Arschlöcher sind, richtige Arschlöcher, aber Männer, jetzt reichts!“ Blom und seine Jungs verspürten eine extreme Anerkennung. Die ganze Kompanie spürte das. Wenn Höllerich irgendwo auftauchte, dann schriehen alle hämisch: „Höllerich!“. Wenn Nowotny irgendwie auftauchte, verzogen alle das Gesicht und schnüffelten: „Ich glaube hier stinkts!“
Und dann hatten sie die Idee mit den Feuerwehrhandpumpen.
Flieger Heizinger und ich kamen aus dem Mannschaftsheim. Zwischen Dienstende und Zapfenstreich schafften wir inzwischen problemlos sechs Halbe. Auch in dieser Hinsicht hatte die Grundausbildung uns gestählt. Und eine andere Idee, wie wir uns bei diesem ganzen Scheiß entspannen sollten, hatten wir nicht. Also taten wir, was alle taten: Saufen. Und für sechs Halbe bekam man durchaus ein anerkennendes Schulterklopfen.
Schon als wir die Treppe im Kompaniegebäude hinaufstiegen hörten wir Geschrei. Es kam aus unserem Flur. Zweiter Zug. Die Sechs Halben verliehen allem eine unwirkliche David-Hamilton-mäßigen Aura. Es herrschte ein riesiges Durcheinander, das ich zunächst nicht entwirren konnte. Alle möglichen Leute in Schlafanzügen und im Grünzeug schleppten gröhlend zwei zappelnde Bettwäschebündel durch den Flur. Aus den Bündeln heraus hörte man gedämpftes Schreien. Der Heizinger und ich drückten uns verwirrt an die Wand. Dann kam Blom manisch grinsend mit der Feuerwehrspritze. Zwei, drei Typen im Grünzeug hielten die verschnürten zappelnden Bündel fest.
„Jetzt wirst du gewaschen du stinktige Drecksau“, schrie der Blom und richtete seinen Wasserstrahl auf die Bündel. Die Soldaten, die sie bis jetzt festgehalten hatten, sprangen erschrocken weg. Höllerich löste sich aus seiner Bettdecke und rannte davon, aber sie verstellten ihm den Weg. „Höllerich!“, johlten sie. Blom interessierte sich aber nur noch für Nowotny, der sich inzwischen ebenfalls befreit hatte. Er wollte auf Blom losgehen. Aber der spritzte ihm jetzt direkt ins Gesicht. Ungeschickt schlug Nowotny nach seinem Kontrahenten. Blom ließ den Schlauch los und stieß Nowotny auf den Boden. Dann nahm er Anlauf und trat ihn. „Jetzt bist du sauber, du schwule Drecksau“, schrie er. Ein paar andere, die bisher nur dabei gestanden hatten, kamen dazu und traten ebenfalls. Nowotny lag am Boden, hielt sich die Arme schützend über den Kopf und schrie: „Hört auf!“ Die meisten Zuschauer lachten.
Ich lehnte im Türrahmen unseres Gruppenraumes und schaute zu. „Jetzt“, dachte ich, „müsste man was sagen, man müssten eingreifen, man müsste…“ Der Heizinger lehnte neben mir, beobachtete Blom und sagte ganz leise: „Was für ein Arschloch!“
Wegen einem stinkenden Deppen wie dem Nowotny, dachte ich träge, werde ich nicht riskieren, dass sie mich als nächsten aus dem Bett zerren und nass spritzen. Oder den Spind umdrehen. Oder was denen sonst so einfiel.
Und so standen wir da und schauten zu, wie die johlende Meute den am Boden liegenden Nowotny anschrie und trat. Dann kam der UvD und sorgte für Ruhe.
Als Nowotny sich in seinem nassen gelben Schlafanzug hochrappelte, machte irgeneiner Heinz Sielmann nach: „Dieses posierliche Kerlchen nennt man auch den Original Bundeswehr Kanarienvogel.“ Nachdem der UvD seine Anweisungen gegeben hatte, bildeten sie eine Gasse und ließen ihn abziehen. Ich lachte nicht über den Sielmann-Witz. Und ich hoffte, dass es keiner gemerkt hatte.
Die Grundausbildung war nicht mehr so demütigend, wie sie es zu Zeiten der Weltkriege war. Sie war auch nicht so seelenvernichtend, wie in dem Film „Full Metall Jackett“ dargestellt. Aber das Prinzip war immer noch das Selbe. Man sperrt eine Horde einander fremder Menschen zusammen, entmündigt sie, setzt sie pausenlos unter Druck und erniedrigt sie systematisch, indem man sie ständig an ihre seelischen und körperlichen Grenzen führt. Dazu kommt dröge Dauerlangeweile und Alkohol. Und der Zweck der ganzen Veranstaltung ist das Erlernen des Tötens. Heizinger und ich nannten die Bundeswehr deshalb die „Berufsfachschule Töten“. Alkohol und Gewalt spielten bei der Bundeswehr eine große gemeinsame Rolle. Angefangen beim Maßbandsaufen, über das Spindsaufen und Schildkrötenrennen bis hin zum Saufmarathon als Ausscheider. Und alle diese „Rituale“ hatten immer mit der Demütigung von Soldaten zu tun, die neu oder noch nicht so lange dabei waren.
Das Konzept Armee ist grundsätzlich eine perverse Angelegenheit. Wer Menschen zum Töten ausbildet, braucht sich nicht zu wundern. Gewaltanwendung lernen, Töten lernen, Druck, Erniedrigung, Langeweile und Alkohol. Es ist nicht verwunderlich, wenn Menschen sich in diesem Kontext so verhalten. Es ist die Normalität.

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Über Ens Oeser

Ens Oeser ist zusammen mit Laus Itzigmann und Ennis Eineck die Band ACH. Das allen Äußerungen der Band zugrunde liegende Konzept ist "Hobbypop".
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