Mittwoch, 31.12.1986, 23.58 Uhr

Blogwatch hat mich genötigt eine Fassung für Sehbeinträchtigte anzufertigen. Hier ist sie. Miserabel aufgenommen und inklusive Verleser.

Mittwoch, 31.12.1986
„Ens“, rief meine Mutter, „kommst du, es ist gleich zwölf!“
Ich schaltete die Cassette mit „Wahnsinnig / Halt’s Maul“ ab. Eines der besten Lieder, das mein Freund und Bandkollege Arkus und ich je zusammen gemacht hatten. Ein Lied über die Angebetete. Meine Angebetete.

Seit Stunden saßen meine Eltern und mein Bruder unten vor der Glotze und schauten irgendwas Bescheuertes mit Harald Juhnke an. Dazu aßen sie Salzstängel und tranken Schwipp Schwapp.
„Ich komme“, rief ich und schloss mein Tagebuch ab. Ich hatte noch Bilanz ziehen müssen. Denn ich war 14. Und das Leben war irgendwie ernst geworden.
Als ich im Wohnzimmer ankam herrschte Aufruhr. Noch zwei Minuten bis Zwölf. Die Uhr des Heute-Journals flimmerte auf dem Fernsehschirm und im Hintergrund lief „The Final Countdown“.
Meine Mutter stellte drei Sektgläser und eine Sektflasche auf den Tisch.
„Da bist du je endlich“, begrüßte sie mich, „was machst du denn die ganze Zeit da oben?“
„Nachdenken“, sagte ich kalt. Aber es war nicht gelogen. Es gab viel zum Nachdenken. Die Angebetete, der ich seit November erfolglos nachlief. Mein Plan, Rockstar zu werden, der massiv stockte. Dass ich vor einer Woche, an meinem Geburtstag krank gewesen war. Dass ich an meinem Geburtstag einen allergischen Schock von der Aspirin bekommen hatte. Dass sie an meinem Geburtstag nicht das Lied meiner Band im Radio gespielt hatten, obwohl sie geschrieben hatten, sie würden es tun. Dass ich zu Weihnachten die falsche Falco-Platte gekriegt hatte. Dass alles insgesamt irgendwie den Bach runter ging. Vor noch nicht mal einem Monat hatte ich plötzlich eines Mittags das Gefühl gehabt, die Welt in der Tasche zu haben und alles zu wissen und alles zu können. Was für ein Quatsch, dachte ich jetzt.
„Soso, nachdenken“, sagte meine Mutter und lächelte seltsam.
Mein Vater fummelte auf der stockdunklen Terrasse am „Feuerrad“ herum. Es musste angenagelt werden.
„Jetzt“, rief meine Mutter.
Jetzt ist 1987, dachte ich. Im Fernsehen war ein Feuerwerk zu sehen, am unteren Bildrand war die Zahl 1987 eingeblendet. 1986 hatte zahlendesignmäßig aus lauter formschönen Bögen bestanden. Aber 1987 hatte diesen seltsamen, kantigen Siebener, der mir nicht so recht gefiel.
„Gutes neues Jahr, mein Ens“, sagte meine Mutter lächelnd als sie an mir vorüberging.
Ich nickte. Sie ging zu meinem Vater.
„Papa“, rief sie, „machst du mal den Sekt auf, es ist zwölf!“
Sie nennt ihn Papa, das muss man sich mal vorstellen, dachte ich. Er nannte sie Mama. Meine Güte. Mir fiel auf, dass beide eigentlich keine Vornamen hatten. Es war total abstrus, sie sich als Sofie und Günter zu denken. Sie hießen Mama und Papa. Würde ich meine Angebetete eines Tages auch „Mama“ nennen? Das war völlig absurd, undenkbar. Nie würde ich mich in einen Arbeit- und Fernseh-Zombie verwandeln. Niemals. Ich würde alles anders machen. Am besten keine Kinder, das musste doch die Hölle sein.
Mein Bruder saß unbeteiligt an seinem Platz mit einem Glas Sekt vor sich, in das er trübe hineinstarrte. Er war müde und interessierte sich nicht für Feuerwerke. Ich setzte mich neben ihn.
„Gutes neuen Jahr“, sagte ich zu ihm. Er nickte träge und ringelte seine Haare um seinen Zeigefinger. Er war neun Jahre älter als ich. Er durfte  Sekt trinken.
Ich schaute in das Esszimmer. Die trübe, lederbezogene Stehlampe funzelte in ihrer Ecke das plüschige Wohnzimmer aus. Der schwere Vorhang war zugezogen. Den Fernseher konnte ich nicht sehen, er stand genau in dem Eck, das ich nicht einsehen konnte, und zu hören war er auch nicht, weil meine Mutter den Ton abgedreht hatte. Aber sein zappeliger blauer Widerschein flackerte immer wieder auf.
Der Fernseher, dachte ich tiefsinnig, steht im toten Winkel. So ist das. Eines Tages werden wir alle tot sein. Und dann wird dieses Zimmer immer noch da sein und das Fernsehprogramm wird immer weiter und weiter und weiter gehen und niemand wird merken, dass wir tot sind. Weil wir unbedeutetend waren. Ich sah uns als eingestaubte, mit Kleiderfetzen behangene Skelette in der vergammelten Wohnzimmergarnitur sitzen. Die hohlen Totenschädelaugen auf das ewige Geflacker des Fernsehers gerichtet.
Plötzlich war mir klar, dass ich unbedingt Rockstar werden musste. Sonst würden sie mich vergessen. All die Millionen Menschen, sie wurden geboren, sie gingen zur Schule, sie gingen zur Arbeit, sie gingen in Rente, sie starben und dann waren sie weg. Scheiße, war das alles sinnlos. Vielleicht wäre ja die Angebetete der Ausstieg aus der Sinnlosigkeit, wer weiß? Vielleicht würde sie mein Leben in Richtung Rockstar weiter beschleunigen?
Die ganzen Ferien über hatte ich wie besessen Bilder in DinA5-Größe gezeichnet, auf denen ich die erfundene Karriere meiner Band „Shadow“ darstellte. Wir hatten Punkfrisuren, wird trugen Beatles- und Falco-Uniformen. Wir drehten Filme mit den Titeln unserer Alben und wir bekamen den Oscar für die beste Filmmusik. Wir waren die unüberhörbar Größten und waren unglaublich arrogant. Aber wir sahen stets auch gequält aus, weil uns unser Erfolg nicht über den Schmerz hinweg half, den die Liebe unserem Leben hinzugefügt hatte. Darum nahmen wir auch Drogen und tranken Alkohol. Es waren über zwanzig Bilder geworden.
„Was ist denn mit euch los?“, fragte meine Mutter amüsiert, als sie mich und meinen Bruder so trüb im Wohnzimmer sitzen sah, „kommt, der Papa zündet das Feuerrad an!“
Und dann standen wir fröstelnd auf der Terrassentreppe und schauten, wie sich das Feuerrad stockend und Funken versprühend in Bewegung setzte. Im Hintergrund stieg ab und zu eine Rakete aus der Stadt heraus auf. Bei den Nachbarn Bert und Raeser knallte es ohne Unterlass.
„Guck dir das an“, sagte meine Mutter und deutete auf das bertsche Feuerwerk, „sonst kein Geld, aber dann so!“
Mein Vater zuckte mit den Schultern.
Eine düstere Gestalt winkte und rief „Gutes Neues“! „Ebenfalls!“, riefen meine Eltern zurück. Rubers kamen ans Gartentor und wünschten ein Gutes Neues. Und so ging es die ganze Zeit weiter, bis halb Eins. Es war unendlich öde.
Dann setzten wir uns an den Tisch zum Bleigießen. Meine Mutter hatte die kleinen Bleifigürchen bei Preisfux gekauft. Jetzt saß sie da und schmolz ein silbriges Schweinchen in einem dünnen, löffelgroßen Alupfännchen. Auf der beigen Plastiktischdecke stand der alte rote Kochtopf, der sonst zur Luftbefeuchtung im Kamin über dem Ölofen stand.
Als das Schweinchen zu einer zähen silbernen Flüssigkeit geschmolzen war, kippte meine Mutter es in das Wasser. Es zischte und auf dem Boden des Topfes blieb ein seltsam geformtes Metallklümpchen liegen.
„Aha“, freute sich meine Mutter, „und, was ist das?“
Sie drehte und wendete es entzückt.
„Eine Narzisse?“, fragte sie.
Wir zuckten die Schultern. Meine Mutter schaute in das Deutungszettelchen.
„Blumen“, sagte sie und las vor, „Glück naht!“
Na also, dachte ich.
Dann war ich dran. Nach dem Zisch im Wasser lag, ich konnte es kaum glauben, ein Bierglas auf dem Boden des Topfes. Ein richtiges Bierglas mit Henkel und Deckel und allem drum und dran. Ein bisschen schief vielleicht, aber ohne Zweifel ein Bierglas.
Meine Mutter las die Deutung vor: „Übertreiben sie es nicht!“
Alles klar, dachte ich, als ob ich bei uns derjenige war, der es übertrieb, oder was?
Neujahr war trüb. Es war wolkig. Es nieselte. Die Äste der Bäume waren schwarz und völlig durchgeweicht. Es war windig. Kein erfrischender Wind. Kalt und beißend. Vom Schnee war kaum noch etwas übrig. Nur Streukiesel und Salzkruste. Aber ich schaute aus dem Fenster und hörte Falco: „I wear my heart on my sleeve, you wear those feelings like fashion.” Unten schauten sie Neujahrsspringen. Wie immer.

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Über Ens Oeser

Ens Oeser ist zusammen mit Laus Itzigmann und Ennis Eineck die Band ACH. Das allen Äußerungen der Band zugrunde liegende Konzept ist "Hobbypop".
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