Kerle, du håsch doch koi Ahnung! (Teil 4: 2016)

„Du hast dir deinen Reim
und dein Bild gemacht.
Dann kommt die Wirklichkeit
und sagt >falsch gedacht<!“

Am letzten Schultag fragte mich ein Mädchen, ob ich weiß, was ein Depp ist. Durch viele Jahre Lehrerdasein misstrauisch geworden, antworte ich nicht gleich, sondern schaute sie zuerst forschend an. „Wissen sie nicht, was ich meine?“, fragte sie kichernd. Sie war umringt von einer Freundinnenschaar, die rotwangig und kichernd an ihr hing. „Depp“, antwortete ich ernst, „ist ein Schimpfwort, für jemanden, von dem man glaubt, dass seine intellektuellen Fähigkeiten nicht zur Bewältigung seines Lebens  ausreichen.“ Sie guckte mich verwirrt an. Dann fiel der Groschen. Sie lachte. „Nicht ein Depp“, die Freundinnen kicherten auch, „ein Dab!“ Ich guckte verwirrt. Sie buchstabierte: „D – Ä – B!“ Als ich mit dedo_the_dabr Schulter zuckte, machten sie und ihre Freundinnen folgendes (siehe das kleine Bild rechts).
„Das ist ein Dab, kennen sie das nicht?“ Ich schüttelte den Kopf. „Aber“, und sie war wirklich erstaunt, „das kennt doch jeder.“ Ich machte ein ratloses Gesicht. „Sie haben echt keine Ahnung“, sagte sie. Und sie hatte recht.
Am Nachmittag war ich mit dem Kind unterwegs, um einen Christbaum zu kaufen. Ich bin ja erst im März her gezogen. Darum habe ich keine Ahnung, wo man hier Christbäume kauft. Die Frau hatte gemeint, gleich am Ortseingang des Nachbarortes. Und als ich mit dem Auto das gelbe Ortschild passierte, sah ich auch gleich den Baumverkaufsplatz. „Da ist gar kein Schild“, sagte das Kind. „Wir sind hier auf dem Dorf, da weiß man das auch ohne Schild“, antwortete ich überlegen. „Aber da sind gar keine anderen Leute“, probierte es das Kind nochmal misstrauisch. „Klar“, sagte ich, „die haben halt schon alle einen Baum.“ Dann stellte ich das Auto ab. Neben einem total verbauten Einfamilienhaus war ein Grundstück, auf dem lauter christbaumgroße Nordmanntannen wuchsen. „Guck“, sagte ich zum Kind, „die kann man sogar selber absägen.“ Das Kind nickte und inspizierte bereits mit fachmännischem Blick die Bäume. Eine Weile gingen wir hin und her. Letztlich suchten wir uns drei Bäume aus, die wir eventuell gerne hätten. Den Besten markierten wir mit einem gelben Wollfaden.
„Da ist gar keiner, dem man Bescheid sagen kann“, stellte das Kind fest. Wir umkreisten das Haus. Ein großer Hund beobachtete uns dabei aus dem Inneren des Hauses heraus. Wir fanden niemanden. Saftladen, dachte ich. Ich klingelte, es machte keiner auf. „Merk dir, welche Bäume wir ausgesucht haben, wir probieren es später nochmal“, ermahnte ich das Kind. „Wollfaden“, sagte es. Dann fuhren wir heim.
Die Frau hatte keine Hemmungen, ihre Enttäuschung darüber zu zeigen, dass wir keinen Baum dabei hatten. Das nervte mich. Denn ich war der Ansicht, ich hätte alles Nötige getan. „Wart ihr beim Lamm“, fragte sie misstrauisch. „Lamm, Lamm, Lamm, welches Lamm?“, fragte ich verwirrt. Ich erklärte ihr, wo wir gewesen waren. Jetzt guckte sie verwirrt. Es stellte sich heraus, dass der Verkauf auf der anderen Straßenseite sein musste. Das Kind und ich setzten uns nochmal ins Auto. Und tatsächlich. Auf der anderen Straßenseite war eine Wirtschaft namens „Lamm“. Fröhlich palavernde Leute trugen Tannenbäume in allen möglichen Größen und Formen zu ihren Autos, ein großes Schild wies auf den Christbaumverkauf hin. Auf der anderen Straßenseite war das Grundstück mit den Nordmanntannen. „Hast du das vorher nicht gesehen“, sage ich vorwurfsvoll zum Kind. „Ich“, empörte sich das Kind, „ich bin acht Jahre alt, du bist der Erwachsene.“ Dazu sagte ich nichts.
Im Hinterhof der Wirtschaft gab es tolle Bäume. Beiläufig fragte ich den Lamm-Wirt, wie es den mit dem Nachbarn auf der anderen Straßenseite sei, ob der auch Bäume verkaufe. Da lachte der Wirt ein grobes Ländlerlachen. Wie ich denn darauf käme, wollte er wissen. „Wegen der Tannen auf seinem Grundstück“, antwortete ich leise. Erst guckte er ungläubig. Dann lachte er wieder: „Des krüppelige Gebüsch auf’m Grundstück vom Maler?“ Ich nickte. „Sowas stellt sich doch keiner ins Wohnzimmer!“ Ich nickte.
„Du hast überhaupt keine Ahnung von Christbäumen“, krähte das Kind und hatte dabei einen Klang in der Stimme, der mich irgendwie an meine Mutter erinnerte. Dann kaufte ich einen großen, buschigen Baum. Schöner als alle anderen, die im Angebot waren.
Als ich den Baum ins Auto lud, sah ich auf dem Nachbargrundstück bei den Krüppeltannen zwei Männer. Sie standen neben dem Baum mit dem gelben Wollfaden und unterhielten sich lebhaft. Der Wind wehte Gesprächsfetzen zu mir herüber. Irgendwas von „hier rumgelaufen, als ob es ihnen gehört“ und „Bäume angegeguckt“. Und dann lachten sie schallend. Ich setzte mich schnell ins Auto und fuhr weg.
Die Frau lachte auch, als wir zu Hause ankamen. „Und wo wart ihr vorher“, fragte sie. Ich antwortete nicht. „Bei fremden Leuten im Garten“, antwortete das Kind. Die Frau schaute mich an. Und ich machte einen Dab. Ich Depp.

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Über Ens Oeser

Ens Oeser ist zusammen mit Laus Itzigmann und Ennis Eineck die Band ACH. Das allen Äußerungen der Band zugrunde liegende Konzept ist "Hobbypop".
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