Kerle, du håsch doch koi Ahnung! (Teil 3: 2006)

maibock„Menschen sind das Letzte“, raunzte der Kollege. „Im Besonderen oder mehr so im Allgemeinen und unter besonderer Berücksichtigung der menschlichen Natur?“, fragte ich beflissen zurück. Er blinzelte mich ein wenig verwirrt durch seine Brille an. Es war Freitag Nachmittag, wir saßen im Lehrerzimmer und hatten Maibock am Start. Im Dezember. „Das Zweite natürlich“, sagte er, „was sonst.“
„Hähä“, meckerte der mächtig angeschickerte Sportlehrer. Er hatte eine Stunde früher ausgehabt als wir und sich einen Vorsprung herausgetrunken.
„Ich erzähle dir was über Menschen“, fuhr der Kollge fort.
„Ja, na dann“, ermunterte ich ihn.
„Seit dreißig Jahren fahre ich bei jedem Wetter mit dem Fahrrad zur Schule“, begann er. „Und einmal im Jahr haut es mich hin, das muss so sein, denn sonst vergisst man, dass einem so etwas passieren kann.“
Wir nickten.
„Jedenfalls, so vor zehn oder fünfzehn Jahren, wenn man so alt wie ich ist, dann spielt das keine so große Rolle mehr“, verfaserte sein Vortrag. Aber er besann sich wieder.
„Also ich muss ja immer so den Berg runter fahren“, er deutete die Steigung mit dem Unterarm an. „Und an dem Morgen lag Schnee, so richtig festgefahrener, eiskalter Schnee. Als ich gebremst habe, rutschte mir das Hinterrad weg. Ich hatte nicht mal Zeit mich abzufangen und knallte voll hin. Dann bin ich noch ein Stück bergab gerutscht, meinem Fahrrad hinterher und stöhnend liegengeblieben.“
Wir zischten vor Mitgefühl. Das tat ja schon beim Zuhören weh. Aber der Sportlehrer keckerte eierig und saugte dann an seinem Bier. Gruppendynamisch hoben wir anderen auch alle unser Bier zum Mund. Als wollten wir auf den Sturz einen heben.
„Da stand ein Mensch, der hatte zugeguckt, wie es mich vom Rad gebügelt hatte“, fuhr der Kollege fort. „Wie ich da so lag und nachfühlte, ob meine Knochen noch beieinander waren, da kam er langsam angewatschelt. Ich dachte natürlich, der kommt jetzt und fragt, ob alles okay ist und ob er mir helfen kann und so weiter.“
Wir waren gespannt.
„Ich lag da also so, die Brille krumm, voller Schnee und der beugt sich über mich und fragt: Entschuldigung, können Sie mir sagen, wo es zur Bismarckstraße geht?“
„Nein“, entfuhr es uns allen.
„Doch!“, rief der Kollege und haute auf den Tisch, dass die Maibockflaschen klapperten. „Das muss man sich mal vorstellen, der guckt zu, wie es mich hinhaut, kommt angewatschelt und fragt dann nach dem Weg“, schimpfte der Kollege und erinnerte mich dabei ein bisschen an den späten Herbert Wehner.
„Was hast du geantwortet“, fragte der betütelte Sportlehrer mit einem schwer im Gesicht hängenden Grinsen und noch schwergängigerer Zunge.
Der Kollege wandte ihm langsam das Gesicht zu: „Hau doch ab, du Arschloch!“
Wir nickten verständnisvoll zu dieser Auskunft. Ich, dachte ich, wäre nicht so schlagfertig gewesen.
Gerade hatte ich noch so junglehrermäßig die Menschen verteidigt. Eigentlich, so hatte ich drauflos theoretisiert, seien sie gut und würden nur durch ihre Lebensumstände verdorben und gerade in Notsituationen … aber, tja, naja, da hatte der Kollege ein gutes Gegenargument gefunden. Da konnte ich nur noch mit dem Einzelfallargument kommen. Aber das Maibock hatte in mir den Willen meine Position zu verteidigen irgendwie abgeschliffen. Ich fühlte mich weich und wattig.
„Ich hätte den in den Arsch getreten“, kommentierte der Sportlehrer schleppend.
Die anderen, die eben noch meiner Meinung gewesen waren, nickten anerkennend zu dieser Vorgehensweise.
„Und du Kerle“, wandte er sich mir zu, „du håsch doch koi Ahnung!“
Ich nickte schwer und stützte mein Kinn auf die Öffnung der Maibockflasche. So war es. Ich hatte keine Ahnung. Nicht von den Menschen, nicht davon, wie ich meinen neu geborenen Sohn in diesem seltsamen Römersitz im Auto festschnallen sollte, oder welche Größe seine Bodies hatten. Ich hatte einfach keine Ahnung.
Später überholte ich  mit meinem Roller den Sportlehrer, der an einer ausgeschalteten Ampel mit seinem Auto angehalten hatte und darauf wartete, dass Grün wurde.

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Über Ens Oeser

Ens Oeser ist zusammen mit Laus Itzigmann und Ennis Eineck die Band ACH. Das allen Äußerungen der Band zugrunde liegende Konzept ist "Hobbypop".
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