Kerle, du håsch doch koi Ahnung! (Teil 2: 1996)

„Man denkt, man dichtet,
gottweiß wie schön,
Und schließlich war man
bloß hebephren.“

1996
„Allein die Tatsache, dass wir über sowas wie Gott nachdenken ist Quatsch, das ist doch total veraltet“, sagte ich und nippte an meinem Plastikbecher voller Instantkaffee. „Nietzsche hat recht: Gott ist tot!“
„Und wenn du zum Weibe gehst“, sagte Ennis, „dann vergiss die Peitsche nicht!“
Da lachte die ganze Cafetenmafia. Außer einer.
„Ihr seid immer so, ich weiß auch nicht…“, jammerte Laus.
„Ah“, stupste uns Even an und nahm einen tiefen Zug aus seiner Selbstgedrehten, „da kommt die Studentin 94, wie heißt die doch gleich…“
„Rita“, sagte ich, „sie heißt Rita.“
Wir saßen in der Cafeteria der Pädagogischen Hochschule. Es dämmerte. Draußen war es kalt und in unseren Gehirnen herrschte Winterstille.
„Ich fand die ja mal total sexy“, gestand ich.
„Na ja“, raunte Even, „die ist schon schnucklig.“
„Aber halt langweilig“, entgegnete ich, „ich hab mit der nämlich mal geredet.“
Und ich glaubte zu spüren, wie sehr sie mich dafür bewunderten. Aber sie sagten nichts.
„Habt ihr das mit dem Eiermann mitgekriegt?“, fragte Anfred in die bewundernde Stille hinein.
Der Eiermann war ein Kommilitone. Letzten Freitag war er aufgetaucht und hatte uns mit großem Ohhh und Ahhh einen teuren Ring gezeigt. Mit diesem Ring, kündigte er vor Zuversicht berstend an, werde er seine Freundin nach ihrem Handballspiel überraschen und ihr einen Verlobungsantrag machen.
Diese Nachricht betäubte uns. Sie hatte so etwas von gar nichts mit unserer Welt zu tun. Wir wussten gar nicht, was wir sagen sollten. Aber das merkte der Eiermann nicht.
„Wegen seiner Verlobungssache, oder wie“, hakte ich nach.
„Genau“, strahlte der Anfred und kicherte, „der ist am Boden zerstört weil…“
Er musste seine Erzählung kurz unterbrechen, weil wir uns alle gleichzeitig vorbeugten.
„…er ist wohl zu dem Spiel gekommen, die haben dann auch gewonnen und dann, als er seiner Freundin den Ring geben wollte, hat er gesehen, wie sie mit dem Trainer geknutscht hat.“ Wir kicherten schadenfroh über das Scheitern dieser pseudo-erwachsenen Kitsch-Aktion. Es war ein beruhigendes Gefühl, dass der Eiermann auf Grund gelaufen war.
„Und das Beste ist: Sie hat ihm gesagt, sie habe ja nicht gewusst, dass er kommt!“
Wir lachten.
„Und dann hat er den Ring in einen Bach oder so geworfen.“
„Nein“, stöhnten wir.
Da kam Herr Hessling auf uns zugestochen. Herr Hessling war auch ein Kommilitone. Er mochte uns irgendwie. Obwohl er schon so richtig erwachsen war, mit gelerntem Beruf, Betriebsrat und verheiratet. Und jetzt wollte er auch noch Lehrer werden.
„Na, Männer?“, rief er schwungvoll und quetschte sich zwischen Anfred und Ennis, „guckt ihr wieder nach den Weibern.“
„Nanana“, tadelte ich ihn, weil ich wusste, dass er das gut fand, „hier gibt es nur emanzipierte Frauen, die uns entweder ignorieren oder uns doof finden.“
„Leute“, sagte er, „ihr wisst doch gar nicht, wie gut ihr es habt.“
„Und das sagst du?“, sagte Laus, „gerade du, mit Frau und Auto und allem.“
„Auto hast du auch“, warf ich ein.
„Aber nur einen Fiesta“, sagte Laus.
„Hab ich auch“, sagte Even, „der zieht nicht bei den Weibern.“
„Frauen!“, warf ich gut gelaunt ein.
„Golf hilft auch nicht“, meinte Anfred, der einen schönen Golf fuhr.
„Also“, begann Herr Hessling mit seiner Belehrungsstimme, „so toll ist das jetzt auch wieder nicht, wenn man eine Frau daheim hat, man ist da schon ein bisschen eingeschränkt.“
Er schaute sich gestresst um, als könne die Frauen-Stasi ihn belauschen.
„Man kann nicht mehr anziehen, was man will“, fuhr er raunend fort, „man kann nicht schlafen, wann man will und das Fernsehprogramm kann man auch nicht mehr selber bestimmen.“
Das, dachte ich, ist ja wie zu Hause mit Mama und Papa.
„Und Sex hat man auch nicht dauernd, liebe Freunde!“
„Nein?“, kicherte ich, „ich dachte schon, du bist immer so entspannt.“
„Lach du nur“, sagte Herr Hessling nachsichtig, „lach du nur, lacht ihr alle und freut euch des Lebens, tut was ihr wollt, wenn ihr da allein in euren Studentenbuden hockt, esst nachts um Elf, zieht Hosen mit Löchern an und …“ er stockte, „und so, echt, ihr könnt doch tun, was ihr wollt.“
Es klang, als würde er uns beneiden.
„Also so schlimm ist das mit dem Verheiratet sein doch sicher auch wieder nicht“, sagte Ennis tröstend. Herr Hessling atmete hörbar aus und machte ein ausdrucksloses Gesicht. Dann schaute er auf seine fette, goldene Armbanduhr und zog die buschigen Augenbrauen hoch.
„Oh“, rief er, „ich muss zum Klaus, tschau Männer!“
Mit wehendem Jackett entschwand er in der verqualmten Cafeteria. Herr Hessling war so erwachsen, dass er den Psychologiedozenten Klaus nennen durfte. Das war auch sowas.
„Ohh“, stöhnte Even, „da kommt Jodie Foster mit der Holzhammer-Frau!“
Wir versuchten so unauffällig wie möglich hin zu schauen. Jodie Foster wäre im Sommer fast Studentin 96 geworden. Aber letztlich konnten wir uns nicht einigen.
Jodie Foster war eine Studentin, die aussah wie Jodie Foster. Die Holzhammer-Frau dagegen war eine coole Frau, die angeblich gnadenlose Kommentare gab. Wir wussten es nicht. Wir redeten nie mit den Frauen, über die wir sprachen. Und sie mit uns auch nicht. Zusammen sahen die beiden aus, als hätten sie gerade eine schicke Sendung auf Viva moderiert.
„Seit ich Jodie Foster reden gehört hab, find ich sie gar nicht mehr so toll“, sagte ich, „die hat voll den Dialekt.“ Das Schöne und das Gute gehören nicht zwangsläufig zusammen, dachte ich und nahm mir vor diesen Satz bei nächster Gelegenheit anzubringen.
„Schon so bisschen“, stimmte mir Even zu.
„Das Beste ist, wenn man nichts über sie weiß und einfach nur guckt“, machte ich eine Grundsatzerklärung. Die anderen guckten aber nur zweifelnd.
„Wir wissen doch sowieso nichts“, sagte Anfred, „da fällt uns das nicht schwer.“
„Wir wissen nur“, streute Ennis ein, „dass wir nichts wissen!“
Wir nickten.
„Wie lautet das Zitat doch gleich nochmal im englischen Original“, neckte Ennis den Laus, der immer eine englische Taschenbuchausgabe irgendeines Platon-Werkes mit sich herumtrug.
„Dädädä“, wimmerte Laus, „ihr seid immer so gemein.“
„Ich zum Beispiel“, sagte Even geschäftig, „weiß jetzt gar nicht, ob ich noch eine rauchen soll, oder nicht.“
„Und ich weiß gar nicht, ob ich nochmal einen Kaffee trinken soll, oder nicht“, fügte ich hinzu.
„Ihr seid alle doof“, schloss Laus das Thema ab und schüttelte sich, weil er uns peinlich fand.
Kerle, dachte ich an die Worte meiner Mutter, du håsch doch koi Ahnung! Und ich auch nicht. Es war ein gutes Gefühl, nichts zu wissen. Und wenn ich wüsste, wer ich wär, dachte ich in Gedanken singend, bedeutete dann mein Leben mehr?

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Über Ens Oeser

Ens Oeser ist zusammen mit Laus Itzigmann und Ennis Eineck die Band ACH. Das allen Äußerungen der Band zugrunde liegende Konzept ist "Hobbypop".
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