„Kerle, du håsch doch koi Ahnung!“ (Teil 1: 1986)

„Ich bin fast 18
und hab keine Ahnung
von Steuern, Miete oder Versicherungen.
Aber ich kann
’ne Gedichtanalyse schreiben.
In 4 Sprachen.“
Naina

Dezember 1986
Mit 13 wurde mir eines Nachmittages plötzlich klar, dass ich alles weiß. Ich hatte an meinem Schreibtisch gesessen und eine Erleuchtung gehabt. Ich konnte schreiben. Rechtschreibung und Kommasetzung waren okay. Ich konnte rechnen. Geometrie, Prozent, alles. Ich kannte mich in der deutschen Geschichte und in der weltgeschichte aus. Auch über die Welt- und Bundespolitik war ich informiert. Und um meine Weisheit zu steigern, hatte sogar aufgehört zu fernsehen.
Ich öffnete meine Zimmertüre. Da saß meine Mutter an der Bügelmaschine. Virtuos wie Udo Jürgens am Klavier ließ sie Leintücher durch die Maschine gleiten. Es roch nach warmer Wäsche. Um sich herum hatte sie ein Stonehenge aus glatt gebügelten Laken aufgebaut. „Wieso muss ich eigentlich immer noch in die Schule gehen“, fragte ich sie, „ich weiß doch jetzt schon alles?“
„Kerle“, lachte meine Mutter verblüfft auf, „du håsch doch koi Ahnung!“ Dann bat sie mich die Wäsche in die Schränke zu Räumen. Da ich alles wisse, würde ich ja auch wissen, wo sie hingehöre.
Ich fühlte mich gedemütigt. Einen Geist wie mich eine solch erniedrigende Arbeit ausführen zu lassen. Echt jetzt. In Bio hatte ich alles über Buchen und Lärchen und Lerchen gelernt. Über Kobel und Eichhörnchen. Über den Bienentanz und Schwanzlurche. Nur beim Aufklärungsunterricht war ich leider im Krankenhaus gewesen.
„Echt jetzt“, rief ich aus dem Schlafzimmer meiner Eltern, wo ich gerade Bettwäsche verstaute, „was soll ich denn noch lernen?“
Meine Mutter hörte auf zu bügeln. „War äbs in d’r Schuɛ̃l?“, rief sie besorgt.
„Nein, ich hab nur grad einfach gemerkt, dass ich alles weiß.“ Da lachte sie wieder.
Sie schlug vor, dass ich dann ja jetzt weiter bügeln könne. Aber ich zog nur entnervt die Augenbrauen hoch. „Ach Mama“, schimpfte ich, „ich meine, dass ich alles weiß, was wichtig ist!“
Van Gogh. Ich kannte Van Gogh. Und konnte sogar so ähnlich malen wie er. Und Gitarre spielen und singen konnte ich auch. Alles nichts Besonderes, dachte ich und fügte arrogant wie Falco, aber ohne dessen Ironie hinzu: Für mich.
Ich ging in mein Zimmer und spielte dieses Lied und fühlte mich ernst genommen.

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Über Ens Oeser

Ens Oeser ist zusammen mit Laus Itzigmann und Ennis Eineck die Band ACH. Das allen Äußerungen der Band zugrunde liegende Konzept ist "Hobbypop".
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