Mein Weihnachtswunschzettel

Noch vor der ersten Stunde ist mir der Hausmeister begegnet. Er hat mir erzählt, dass er befördert worden ist. Er ist jetzt nämlich „Facility Manager“. Das ist gut. Er hat es verdient. Man habe ihm einen anderen Titel geben müssen, weil er eigentlich viel mehr mache als ein normaler Hausmeister. Und darum verdiene er natürlich auch viel mehr als ein normaler Hausmeister.
Auf dem Weg zum Lehrerzimmer habe ich mir überlegt, welchen englischen Titel ich gerne führen würde. „Education Manager, Section History“ oder so. Aber aus den Tiefen meines Unterbewussten drängte ein anderer Gedanke herauf. Auf den englischen Titel würde ich verzichten. Hauptsache ich würde mehr Geld kriegen. Mehr Geld ist ja irgendwie auch ein Liebesbeweis vom Arbeitgeber.
Im Lehrerzimmer war ein junger Mensch im Blaumann, der mit einem Messgerät über dem CD-Player brütete. „Ich mess‘ nur“, sagte er. Ich nickte. „Nicht, dass du denkst ich klau das hier“, fügte er hinzu. Ich nickte wieder. Er war schon öfter da gewesen. Elektrogeräte warten. „Frag nicht“, sagte er. Und ich fragte auch nicht. Aber er erzählte dann trotzdem: „Weil ich mach das heut jetzt zum letzten Mal“, sagte er. „Ahhh“, sagte ich, „wirklich!“ Und er nickte. Und dann erzählte er, dass er diese Ausbildung zum Radio- und Fernsehtechniker gemacht habe. „Aber da verdienst du nix, Alter, das reicht kaum für egal was“, sagte er. „Soso“, antwortete ich. „Aber weißt du, als Geselle bist du immer voll der Depp“, das wolle er  mir nicht verschweigen. „Echt“, variierte ich meine Standartantwort. „Ja, Mann“, sagte er und setzte sich neben mich. „Darum mach ich jetzt den Meister, da verdienst du mehr und machst bessere Arbeit.“ Ich kramte weiter in meinem Zeug. Fühlte aber seinen Blick auf mir ruhen. „Und wie ist das als Lehrer so?“, fragte er mich. Ich erzählte ihm von unserer Situation. Und von der sinnlosen Fortbildung, die mich „berechtigte“ in Realschulen zu unterrichten, aber geldtechnisch egal ist. „Alter“, rief er und haute mir auf den Rücken, „ihr macht alle die gleiche Arbeit und werdet nicht gleich bezahlt?“ „Ja“, hustete ich. Er schüttelte den Kopf, „das würde ich keinen Tag lang machen.“ Er küsste seinen Handrücken und sagte: „Kiss my ass, Baby, das würde ich so einem Chef sagen, verstehst du, kiss my ass.“ „Tja“, sagte ich verzagt, „so ist das, wenn man für das Land Baden-Württemberg arbeitet, da sagt man sowas nicht.“
Noch bevor der Unterricht losgeht, bringt es der Typ vom Elektrogschäft hin, dass man fertig mit den Nerven ist. Er schaute mir eine Weile lang zu, wie ich meine Arbeitsblätter hin und her schob. „Bald ist Weihnachten“, sagte er dann unvermittelt. Er hatte auf meinen Arbeitsblättern „Happy X-Mas“ gelesen. Ich nickte. „Kannst dir ja zu Weihnachten mehr Geld von deinem Chef wünschen!“ Dann ging er wieder zu seinem Messgerät. Gute Idee, dachte ich.
Also, hier ist mein Wunschzettel: „Lieber Herr Kretschmann, geehrte Frau Eisenmann, ich bin Hauptschullehrer und arbeite in einer Gemeinschaftsschule. Kriege ich bitte genau so viel Geld wie die Kollegen, die Realschul- oder Gymnasiallehrer sind? Ich finde es nämlich ganz gemein, dass wir die gleiche Arbeit machen, aber ich weniger dafür kriege. Und wenn das nicht geht, dann vielleicht wenigstens einen coolen englischen Titel? Zum Beispiel: Education Manager, First Order, Section History oder so? Die GEW und die VfB, oder wie dieser andere Lehrerverein heißt, hat dir das bestimmt auch schon geschrieben. Aber ich dachte, aller guten Dinge sind drei.
Ich freue mich auf deine Antwort!
Ihr
Ens Oeser, Lehrer“

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Über Ens Oeser

Ens Oeser ist zusammen mit Laus Itzigmann und Ennis Eineck die Band ACH. Das allen Äußerungen der Band zugrunde liegende Konzept ist "Hobbypop".
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