Die Geschichte zum Lied: Meine Discotagebücher

„Das ist wie bei No Doubt“, jammerte Laus, „die hören sich auch überhaupt nicht mehr wie eine Band an, die machen nur noch so Schrottpop.“ Ich saß neben Arkus, unserem Produzenten, am Rechner. Wir extrahierten gerade den Synthiebass aus „Fred von Jupiter“ von Andreas Dorau. Ich wollte damit ein Lied basteln. Und Arkus war mit seiner ganzen Produktionssoftware zwischenzeitlich in der Lage aus jedem noch so kleinen Klangfetzen eine Sinfonie zu basteln. Oder eben aus dem Synthiebass von „Fred vom Jupiter“. Außerdem lag das damals, Mitte der Nullerjahre, irgendwie auch im Trend soetwas zu machen. Robbie Williams hatte das ja schon zweimal gemacht. Einmal mit seinem Hit „Millenium“, der nichts anderes war, als der Nancy-Sinatra-Bond-Titel „You only life twice“ und mit „Supreme“, das wiederrum auf „I will Survive“ aufbaute. Warum sollte ACH das nicht auch machen? Jetzt mal echt, oder?
Als ich 1983 ernsthaft angefangen hatte mich für Popmusik zu interessieren, da war das goldene Zeitalter der Neuen Deutschen Welle längst vorbei. Und ein Jahr später gab es außer Nena nur noch die verschlagerten NDW-Stars. Markus, Ixi, Geier Stutzflug, die Spider Murphy Gang und so weiter. Und die soffen im darauf folgenden Jahr alle endgültig ab. Stattdessen gab es dann ja Modern Talking, CC Catch und Chris Normen.
Auf „Fred vom Jupiter“ stieß ich erst später. Ende der Achtziger Jahre, als ich begann mich vom Chartspop zu lösen und einen eigenen Geschmack entwickelte. Alles, was so um 1980 herum in England passierte fand ich gut. Die frühen Depeche Mode, Human League, Visage mit „Fade to Grey“ und so weiter. Aber auch DAF und der „Mussolini“ oder „Der Räuber und der Prinz“. In dieser Musik steckte so viel Zukunftsgläubige Weltuntergangsstimmung. Ich mochte das. Schließlich exhumierte ich eine alte NDW-Cassette meines Bruders. Auf ihr war dieses total bescheuerte Lied: „Fred vom Jupiter“.
Und nun, mit Arkus Zaubertechnologie war die Zeit da mein eigenes „Fred vom Jupiter“ unter besonderer Berücksichtigung des Originals zu basteln.
„Wir sind da auf einem ganz falschen Weg“, jammerte Laus weiter und nippte an seinem Bier. Ennis saß in einer Ecke des Raumes über „Traurige Tropen“ von Claude Levi-Strauss  gebeugt und registrierte nichts von alledem. „Traurige Tropen“ ist ein schwieriges Buch. Und er musste es lesen. Warum, weiß ich nicht mehr.
Ich erklärte in Arkus in kryptischen Metaphern, was ich wollte und er bastelte irgendetwas am Computer zusammen. War dann aber trotzdem gut.
Am nächsten Tag gingen wir in sein High-Tech-Studio. Ennis las „Traurige Tropen“ und wippte im Takt mit dem Kopf zum Grund-Track von „Meine Discotagebücher“. Ich stand in der Gesangskabine und wurde aufgenommen.
Dann versuchten wir das von mir geplante Blockflötensolo aufzunehmen. Ich kriegte es nicht hin. Arkus nahm alle 17 Versuche auf und bastelte einen perfekten daraus. Seither denken manche Menschen, dass ich Flöte spielen kann. Ich kann es nicht, ich konnte es nie. Dann spielte Laus im Zwischenteil mit der uralten Schulgitarre ein paar Akkorde. Fertig. „Eigentlich nicht so schlecht“, meinte er dann zufrieden. Fand ich auch. Ennis nickte und las. Ob es Zustimmung zu dem, was er las war, oder zu dem, was Laus sagte: Wer kann das wissen? Wir fragten auch nicht.
Der Text ist während einen tödlich langweiligen Konferenz entstanden. Er  handelt davon, dass ich noch nie gern getanzt habe. Im ersten Teil geht es um ein Kindergartenerlebnis. Es dürfte das erste mal gewesen sein, dass ich in der Öffentlichkeit getanzt habe. Ich musste im Sitzkreis einen mit Papier gefühlten Sack auf den Rücken nehmen und im Kreis herum hüpfen. Die anderen Kinder und die Erzieherin sangen dazu „Es tanzt ein Bi-Ba-Butzemann in unserem Kreis herum.“ Das war wahrscheinlich 1978. Fidibum.
Dann beschreibe ich, wie ich in der Disco „Crazy“ in der Hauptstadt Hohenzollerns zu 80er Jahre Indiemusik getanzt habe. So machte man das damals. Es war das eizig Wahre. Danach kamen die Neunziger und die unsägliche Technomusik. Die fand ich scheiße. Und ich verachtete Menschen meines Alters, die das gut fanden. Heute tue ich das nicht mehr. Aber ich bin bis heute froh, dass ich nicht so opportunistisch war, da mitzumachen. Technobärtchen und der ganze Scheiß. Loveparade in Berlin und so. Schrecklich. Im Gegensatz zu Andreas Dorau. Der fand das gut. Ich mag ihn trotzdem. Auch seine neuen Sachen.
In den Neunzigern habe ich nicht mehr getanzt. Wenn, dann saß ich, der personifizierte Langweiler, auf dem Tisch neben der Tanzfläche und wackelte mit dem Kopf und trank Bier. Und insgeheim verachtete ich all die Profilneurotiker auf der Tanzfläche. Heute finde ich das ein bisschen schade. Denn heute denke ich, dass tanzen zu der Musik, die man mag, eine extrem transzendentale Angelegenheit ist. Man hätte das öfter machen sollen. Jetzt mache ich es halt immer bei Spülmaschine ausräumen.
Ich weiß nicht, ob Ennis mitgekriegt hat, dass wir dieses Lied gemacht haben. Sicher ist, dass er auf jeden Fall „Traurige Tropen“ gelesen hat. Und das ist auch viel wert. Ohne seine magische Leser-Aura hätten wir das Lied nicht so schön hingekriegt, da bin ich sicher.
Das Lied ist im Gesamtwerk von ACH ein Exot geblieben. Außer das Dadada-Casio-Schlagzeug in „Langweilig und doof“ haben wir soetwas nicht mehr gemacht.
Und hier: Das Original von „Den Doraus und den Marinas“, mit dem fantastischsten Video aller Zeiten.

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Über Ens Oeser

Ens Oeser ist zusammen mit Laus Itzigmann und Ennis Eineck die Band ACH. Das allen Äußerungen der Band zugrunde liegende Konzept ist "Hobbypop".
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2 Antworten zu Die Geschichte zum Lied: Meine Discotagebücher

  1. Herrlich. Und schöner Text auch.
    Viele Grüße
    Jens

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