Hausaufgaben? Abschaffen!


Martin Luther und ich haben eine Gemeinsamkeit. Wir haben beide einen Tintenfleck an die Wand gemacht. Allerdings er, wegen des Teufels, ich aber wegen des Heilands.
Das kam so: Meine Mutter hatte soeben wütend das Haus verlassen. Vorher hatte sie versucht Hausaufgaben mit mir zu machen. Aber ich war 8 Jahre alt und in der 3. Klasse. Weder hatte ich Lust auf Hausaufgaben, noch hatte ich eine Ahnung, wie die Aufgaben funktionieren sollten. Zuerst hatte meine Mutter mir alle möglichen Belohnungen versprochen. Aber dann hatte sie die Geduld verloren und begonnen mir zu drohen. Zuerst mit Fernsehentzug. Dann wollte sie mir mein Playmobil-Piratenschiff wegnehmen. Schließlich, und das war das Schlimmste, wollte sie mir meine Schokoladenvorräte abnehmen. Als das nichts half, begann sie mir mit körperlichen Strafen zu drohen. Sie beschimpfte mich und nannte mich „Grasdackel“, „Trottel“ und „Depp“. Dann hatte sie genug und ging einkaufen. Mit den denkwürdigen Worten „Mach doch deinen Dreck alleine“ verschwand sie. Ich saß am Wohnzimmertisch und dampfte. „Ich will, was mir gefällt“, summte ich störrisch. Dann verfluchte ich meine Eltern, meine Grundschullehrerin und schließlich sogar den lieben Gott. Warum hatte er zugelassen, dass es Hausaufgaben gibt? Tat dies ein Gott, der die Menschen liebt? Das hatten wir nämlich eben erst im Kommunionunterricht beim Pfarrer gelernt.
Der liebe Gott hing bei uns im Wohnzimmer direkt über dem Fernseher an seinem Kreuz. Gleich neben den ziehenden Kranichen. Weil ich so wütend war, schleuderte ich meinen Pelikanfüller nach ihm. Aber ich verfehlte ihn. Stattdessen zerplatzte mein Pelikanfüller ein paar Zentimeter neben ihm und hinterließ auf der bunten Tapete einen riesigen Rohrschachfleck. Man hätte ihm den Titel „Urknall“ geben können. Jetzt geriet ich in Panik. Ich entsorgte die Überreste des Füllers und beschloss, meiner Mutter zu erzählen, er sei geklaut worden. Dann machte ich mich mit meinem Tintenkiller an die Entfernung des Flecks. Aber er verschwand nicht, sondern verschmierte nur. Ich wurde so wütend, dass ich ihn den Tintenkiller der Mitte knickte. Dabei schrie ich so laut „Scheiß Heiland“, dass die Uhrzeiger der Wohnzimmeruhr im Schallschock vibrierten. Aber sofort begann ich mir auch noch Sorgen wegen meines Seelenheiles zu machen. Für sowas konnte man in die Hölle kommen. Wahrscheinlich, dachte ich gehässig, eine Hölle, in der man dauernd Hausaufgaben machen muss. Die Hausaufgaben sind der Teufel, schimpfte ich vor mich hin.
Meine Mutter fand mich bei ihrer Rückkehr heulend am Wohnzimmertisch. Sie entdeckte den Fleck und atmete laut ein. Dann räumte sie wortlos die Schulsachen weg und streichelte mir über den Kopf. Als mein Vater von der Arbeit kam, steckte er sich angesichts des Flecks erstmal eine Zigarette an. Später am Abend machte meine Schwester die Hausaufgaben mit mir. Sicherheitshalber betete ich noch ein „Vater unser“ vor dem Schlafengehen und glaubte damit höllentechnisch aus dem Schneider zu sein. Aber sicher war man ja nie.
Am nächsten Morgen zeigte ich meiner Lehrerin die Hausaufgaben. Sie zog genervt die Augenbrauen hoch. „Was ist das für ein Käse!“, fragte sie. „Aber das habe ich mit meiner Schwester gemacht“, entgegnete ich kleinlaut. „Dann“, schimpfte die Lehrerin, die eine gute und nette Lehrerin war, der man wirklich keine Vorwürfe machen konnte, „dann sag deiner Schwester, dass das Käse ist!“ Da saß ich und bereute. Meine Mutter hat den Gummibaum vor den Fleck geschoben. Mein Vater hat ein paar Monate später tapeziert. Ich habe ihm geholfen.
Warum ich das erzähle? Gerade eben habe ich mit meinem Sohn Hausaufgaben gemacht. Wir haben mehr gemeinsam als man so denken könnte. Außerdem verstehe ich meine Mutter jetzt viel besser als früher. „Hausaufgaben“, hat sie damals zu meinem Vater gesagt, „sind der letzte Scheißdreck!“ Sie hatte Recht.
Hier mein Tintenfleck-Reformationsvorschlag: Liebes Schulsystem, liebes Kultusministerium: Schafft die Hausaufgaben ab! Im Namen der Menschenrechte, meiner Mutter und aller Eltern und aller Kinder!

Advertisements

Über Ens Oeser

Ens Oeser ist zusammen mit Laus Itzigmann und Ennis Eineck die Band ACH. Das allen Äußerungen der Band zugrunde liegende Konzept ist "Hobbypop".
Dieser Beitrag wurde unter Bildungspolitik abgelegt und mit , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

4 Antworten zu Hausaufgaben? Abschaffen!

  1. thomasbookwood2014 schreibt:

    Alter, wir schlagen uns jetzt schon mit hausaufgaben rum. Ob du’s glaubst oder nicht, weil Max noch kein Alphabet konnte am ersten Tag der Vorschule kriegt er schon Nachhilfestunden waehrend die anderen anfangen zu schreiben (mit ca 5 anderen aus der 20 koepfigen Klasse…). Mich laust der Affe. Da ham wir uns wohl zu sehr vom deutschen Spieltrieb leiten lassen.

  2. annri2014 schreibt:

    Welche Schwester hat denn den „Käse“ mit dir gemacht und was genau waren das für Hausaufgaben?
    Wie man sieht kann auch aus einem Hausaufgabenverweigerer was rechtes werden, also keine Sorge wegen deiner Söhne, das wird schon.

    • Ens Oeser schreibt:

      Das warst du. Es war Mengenlehre. So mit Schnittmenge und keine Ahnung mehr. Deine Lösung hat richtig gut ausgesehen, fand ich. War aber wohl trotzdem nicht richtig. Tja. War dir trotzdem dankbar.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s