Einheitsfeier, 2. Oktober 1990

„Deutsche Einheit, Scheiße, das interessiert doch keine Sau“, regte sich mein Freund Arkus auf, „die kommen da mit ihren scheiß Plastikautos alle hier her und wollen schmarotzen.“ Ein paar Sekunden herrschte angespannte Stille. „Ist doch wahr!“ Es war Mittwoch, der 2. Oktober 1990. Arkus, Rno und ich saßen im Dunkeln auf einer Bank auf dem Schulhof des Gymnasiums. Drei Stunden lang hatten wir unsere 14000 Einwohner zählende badische Kleinstadt durchstreift. Auf der Suche nach der Einheitsfeier. Aber die Stadt war wie leergefegt. Sogar unsere Stammkneipe hatte zu. „Fehlt nur noch, dass sie die Straßenlaternen abschalten“, grummelte Rno. „Wir könnten den Polizeifunk abhören“, schlug ich vor, „vielleicht finden wir dann raus, ob irgendwo was los ist.“ Rno machte gerade eine Ausbildung zum Radio- und Fernsehtechniker. Der konnte sowas. Aber Arkus schnaubte nur und Rno schaute mich verzagt an. „Jetzt hör doch endlich auf“, raunzte Arkus, „sieh’s einfach ein, das ist doch der letzte Scheiß, heute feiern nur die DDRler, ist doch auch klar, die zocken uns jetzt ab.“ Ich schwieg. Mir passte es auch nicht, dass die DDR aufgelöst wurde. Denn ich sah mich selber als Linken. Und darum war ich der Ansicht, dass Franz-Josef Strauß mit seinen Mega-Krediten erst das Ende der DDR herbei geführt habe. Denn eigentlich, so dachte ich jetzt, traute mich aber nicht es auszusprechen, war der Kommunismus die absolut richtige Idee. Sie war nur falsch umgesetzt worden. Und die blöde CDU-Allparteien-Regierung der DDR hatte natürlich die Chance vertan, jetzt einen demokratischen Sozialismus zu schaffen. Mein großer Bruder hatte mir das so erklärt. Der wusste das irgendwie alles. Arkus drückte auf seine Digitaluhr. Ihr Licht ging an. „Ach, Scheißdreck, gehen wir heim, ich hab keinen Bock mehr, echt!“ Es war kurz vor Zwölf. „Jetzt bleiben wir noch bis Mitternacht“, schlug ich vor, „wenn dann nichts ist, dann ist Schluss.“ Arkus zuckte die Schultern und schnaubte. „Heimgehen bringt nichts“, sagte Rno, „im Fernsehen läuft auch bloß Deutsche Einheit.“ Am Nachmittag hatten wir uns im Preisfux einen Sixpack Becks gekauft. Was sonst? Dann waren wir zu Rno gegangen und hatten „Combat Rock“ von the Clash angehört. Arkus hatte eine Flasche Chantre aus seiner Windjacke gezaubert. „Aus dem Keller, wenn meine Eltern das rausfinden, dann setzt es was“, kommentierte er grinsend. Dann erklärte er, er könne jetzt kein Geld für Alkohol ausgeben, weil er auf ein Auto und für den Führerschein spare. Und wenn die ganzen scheiß DDRler jetzt über die Grenze kämen, müsse man eben sein Geld zusammenhalten. „Die kaufen jetzt alle die Gebrauchtwägen und dann gehen die Preise hoch,wirst du sehen, das werdet ihr alle noch sehen!“

Für mich waren das Nachrichten von einem anderen Stern. Ich würde vielleicht auch den Führerschein machen. Aber ein Auto? Nie! Arkus machte eine Ausbildung zum Werkzeugmacher und verdiente Geld. Ich ging auf das scheiß Wirtschaftsgymnasium. Beim Gedanken an die scheiß Schule öffnete ich mir ein Becks. Aber es schmeckte nicht so richtig.
Das Ende der DDR war genau mit dem Tag zusammengefallen, als meine Freundin mit mir Schluss gemacht hatte. Der 9. November 1989 war ein Donnerstag. Seit März ’89 waren wir „zusammen“ gewesen. Ich lag mit Halsweh im Bett. Da kam sie angeradelt und teilte mir mit, dass Schluss ist. Souverän und lieb und nett. In diesem Tonfall hätte sie mir auch einen Heiratsantrag machen können. Seit diesem Tag stand immer ein Sixpack mit schönen weißen Becksdosen in meinem Nachttisch. Was sonst? Falls der Schmerz wieder zu stark wurde. Irgendwie ging 1989 alles zu Ende. Die Musik zum Beispiel. Plötzlich hörten die Leute „Acid-House“. Als das zum ersten Mal in der Disko lief, spürte ich, dass meine Zeit vorbei war. Das war nicht meine Musik. Ich verstand das nicht. Plötzlich war gute Musik nur noch von früher. Im Mai 1989 machte ich den Realschulabschluss. Zuerst dachte ich, ich sei der Größte. Ich würde aufs Gymnasium gehen. Coole Leute treffen. Im Sommer schloss die beste Disko ever in unserem Heimatort. Diese Disco hatte unseren Musikgeschmack geprägt. Skinheads und Waver hatten sich böse Schlägerein geliefert. Das mit den Drogen kapierte ich erst im Nachhinein. Die hatte es da nämlich anscheinend auch gegeben. Am ersten Tag im Wirtschaftsgymnasium begriff ich, dass ich in einer Schule aus Poppern und Normalos gelandet war. Typen die Guns’n Roses oder ACDC gut fanden. Und dann begriff ich, dass ich mit dem Lernstoff überfordert war. Und dann machte meine Freundin schluss und die Mauer fiel. Schon dieses chinesische Ding im Frühjahr hatte genervt. Aber jetzt wurde es noch schlimmer. Sogar die von mir heiß erwartete neue Platte von The Cure war nur überladene Bombastscheiße. Rno hatte sie gekauft. Zu Hause hörte ich jetzt lieber in endlos Schleife „Girl, Girl, Girl“ und „Kummer“ von TRIO. Unser Gemeinschaftskundelehrer begleitete mit uns hochkritisch jeden Schritt der Wiedervereinigung. Er lud sogar waschechte stonewashed DDR-Vokuhilas in unseren Unterricht ein. Ich war mit schwerem Kopf eingenickt. Dieses ganze Deutschlandfahnengeschwenke und Wir-sind-das-Volk-Geschreie kam mir irgendwie so nazimäßig vor.
Und jetzt saßen wir also hier. Auf der Bank vor dem Gymnasium. Seit Stunden nuckelte ich an meinem Becks. Der Chantre blieb ungeöffnet. Ich hatte, ehrlich gesagt, auf eine ähnliche Sause wie nach dem Endspiel der Fußball WM gehofft. Ein sanfter Grusel hatte mich überlaufen, als sich am Marktplatz Nazis mit der Reichskriegsfahne über den Sieg freuten und „Sieg heil“ schrien. Gemeinsamen mit den bierseligen Typen von der Jungen Union, die in ihrem Golf 1 die Anlage aufdrehten und „The Power“ von Snap spielten. Snap, dachte ich jetzt, auch so ein Scheiß wie „Toms Diner“, das seit gefühlten Jahren auf Platz 1 der für mich völlig bedeutungslos gewordenen Charts stand. Scheiß BummBumm-Musik, dachte ich und nippte am schalen Becks.
Dann läuteten die Kirchturmglocken. Es war Mitternacht. „Uhh jerum“, rief Arkus in einem plötzlichen Anfall guter Laune, „des Deutschland hat ein Loch!“ Und dann riefen wir es alle, dass es von den ehrwürdigen Gemäuern des Gymnasiums wiederhallte. „Ein Becks noch auf die beschissene Einheit, ich trag den Quatsch doch nicht mehr heim“, rief ich. Und so saßen wir also mit dem Bier in der Hand da und tranken auf die Einheit.

becks_antibex

Beck’s und Antibex. Westberlin, 1990.

Vor zwei Jahren waren wir noch auf Klassenfahrt in der DDR gewesen. Die Gemeinschaftskundelehrerin hatte gesagt, das sei wahrscheinlich die einzige Möglichkeit in unserem ganzen Leben, dort hin zu kommen. Und eben erst, war ich wieder in der DDR gewesen. Wieder auf Klassenfahrt. Diesmal mit dem Wirtschaftsgymnasium. Da hatten sich die DDR und das Brandenburger Tor ganz schön verändert gehabt. Immerhin hatte ich eine lustige Becks-Postkarte gekauft.
Plötzlich knallte es und eine einsame, rote Leuchtkugel schwebte über den Himmel und verblasste dann schnell. Verblüfft schauten wir noch eine Weile nach oben. Aber es kam nichts mehr. Statt dessen begann es zu nieseln. Arkus setzte seine Becksflasche an und trank sie aus. Dann stand er auf und knallte sie auf die Bank. „Feuerwerk ist vorbei. Tschau, tschau Tagesschau!“ Rno und ich stellten unsere leeren Flaschen daneben. Flaschen, dachte ich, sind nicht so gut wie Dosen. Und dann gingen wir heim.

 

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Über Ens Oeser

Ens Oeser ist zusammen mit Laus Itzigmann und Ennis Eineck die Band ACH. Das allen Äußerungen der Band zugrunde liegende Konzept ist "Hobbypop".
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Eine Antwort zu Einheitsfeier, 2. Oktober 1990

  1. katalisis schreibt:

    Wunderbar! Besonders dieses“chinesische Ding“ im Mai damals, was hab ich da geheult und an den Menschen gezweifelt. Und bei mir gabs Lübzer Pils aus der Dose. Vom Plus. War noch billiger. 19 Cent. Oder war das damals noch Pfennig 😉 Liebe Grüsse Katrin

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