Mit der Kochwäsche reden

Als ich zur Vertretung in der Zehnten Klasse war, ist mir sofort ein Schüler aufgefallen, der total aus der Reihe getanzt ist. Er redete pausenlos mit seinem Nachbarn. Außerdem stand er auf und verließ zwei Mal ohne zu Fragen das Klassenzimmer. „Also das ist doch…“, dachte ich und beschloss den frechen Kerl zur Rede zu stellen. „Sag mal“, fragte ich ihn, „müsst ihr hier nicht fragen, wenn ihr rausgeht?“ Er schaute mich irritiert an. Man sah, dass er nicht so recht wusste, was er mit seinem Gesicht machen sollte. Die Schüler um uns herum kicherten, als seien sie zwölfjährige Kinder.
„Aber Herr Oeser“, sagte sein Banknachbar, „das ist mein Lehrer von der Sehbehindertenschule.“
pflegesymbol-kochwasche-724839_w650Und da begriff ich plötzlich, warum die beiden mit lauter DinA3 Blättern hantierten. „Oh, äh, tja, äh, dann bitte ich… das tut mir,… da muss ich mich wohl…“, druckste ich herum. Und dann entschuldigte ich mich und zog mich schnell hinter das Pult zurück, wo ich so tat, als ob ich im Klassenbuch lesen würde. Tatsächlich aber beschäftigte ich mich mit einer Erinnerung an meine Kindheit. Meine Mutter hatte einen vollen Wäschekorb hinter dem Haus abgestellt. Da kam die Achtzigjährige Nachbarin angewackelt und sagte zu dem Wäschekorb: „Na Ens, du bist heute aber bleich!“ Erst als der Wäschekorb nicht antwortete, tapste sie noch näher und bemerkte, dass sie mit der Kochwäsche gesprochen hatte. Bis heute wurde ich mit allem möglichen verwechselt, aber nie mehr mit einem Wäschekorb.
Jedenfalls hatte ich damals ziemlich höhnische Gedanken. Das bereute ich jetzt sehr intensiv, wie ich so im Tagebuch blätternd am Pult saß.
Am Nachmittag des gleichen Tages war ich bei einer Fortbildung. Ich sollte zum Lern-Coach geschult werden. Jetzt erinnerte ich mich wieder daran, wie ich das Fortbildungsblättchen durchgeblättert hatte. Zuerst hatte ich „Lern-Couch“ gelesen und gedacht: Sollen die jetzt im Liegen lernen, ist das das Neuste? Und beim Weiterlesen stolperte ich über folgenden Satz: „Erfahrungen, die man als Lerncouch sammelt, kann man auch im eigenen Unterricht furchtbar verwenden.“ Ich las noch einmal. Und jetzt entzifferte ich das Wort „Coach“ richtig und erkannte auch das Wort „fruchtbar“. Dass ich „Couch“ gelesen hatte, schob ich auf mein ungestilltes Bedürfnis nach einem Mittagsschläfchen. Und die inflationäre Verwendung des Wörtchens „fruchtbar“ hatte ich schon immer furchtbar gefunden.
Die Fachberaterin hielt einen Vortrag. Sie sprach über „Lerntüten“. Das kam mir seltsam vor. Dann sprach sie von einem Lerntüten-Test. Das kam mir noch seltsamer vor. Aber, dachte ich, wer weiß schon, was die sich da im Landesinstitut wieder alles ausdenken. Wer das Kompetenzraster erfindet, der erfindet auch Lerntüten. So strömten meine Gedanken relativ sinnfrei vor sich hin. Dann bekamen wir ein Handout. Oder ein Paper. Kopie, dachte ich grantig, es heißt Kopie. Das, brudelte ich gedanklich weiter, ist auch so eine Unart von den jungen Leuten heute. Sie nennen es „Paper“ und „Handout“. Das macht es aber auch nicht besser. Und dann las ich, was auf dem Handout stand: „Lerntypentest“. Ach so, dachte ich wie vom Donner gerührt.
Die Nachbarin, die mich mit dem Wäschekorb verwechselt hatte, erzählte manchmal, sie sehe zwar aus wie ein „altes Weible“, innerlich aber sei sie immer noch Siebzehn. Ich bin jetzt Mitte vierzig, aber nach diesem Tag fühlte ich mich wie Mitte Siebzig. Meine Augen hatten mich im Stich gelassen, meine Ohren hatten mich im Stich gelassen und vor allem mein Gehirn. Das war enttäuschend. Ich hatte mir das Altwerden irgendwie anders vorgestellt. Mehr so mit Altersmilde und Altersweisheit und nicht mit schimpfen darüber, dass sie die Kopie jetzt Handout nennen. Oder junge Kollegen anschnauzen, weil man denkt, sie seien Schüler.
Jedenfalls verstehe ich jetzt, wie es ist, wenn man anfängt mit der Kochwäsche zu reden.

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Über Ens Oeser

Ens Oeser ist zusammen mit Laus Itzigmann und Ennis Eineck die Band ACH. Das allen Äußerungen der Band zugrunde liegende Konzept ist "Hobbypop".
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2 Antworten zu Mit der Kochwäsche reden

  1. renatesblogweb schreibt:

    Hat dies auf Em Rénate si Blog . . . rebloggt und kommentierte:
    Lieber Ens, das beruhigt mich doch sehr, dass auch andere sich die Worte irgendwie zusammenreimen. So habe ich heute in der Badischen Zeitung im Lokalteil folgende Überschrift erfasst: „Oberried hisst für zwei Wochen die amerikanische Flagge.“
    Un ich hab mer iiberleijt, was Oberried jetz mit Amerika am Huet het. Bis ich räächt higlöegt hab. S isch nit d alemannischi gsi, des passt schu ender.

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