50 Shades of Bedschieungsarbeit

Neulich saßen vier junge Kolleginnen im Lehrerzimmer zusammen. Sie redeten über „50 Shades of Grey“. Ich bin sehr unauffällig, darum dachten sie wahrscheinlich, sie seien alleine. „So schlimm ist das gar nicht“, sagte die Langhaarige. Die anderen nickten eifrig. „Meine Oma hat das auch gelesen“, sagte die Blonde, „aber sie meinte, sie hätte es nicht so richtig verstanden.“ Da lachten sie. „Aber wisst ihr, was das Schlimmste an der Story ist?“, fragte die Langhaarige in die Runde. Die anderen wussten es nicht. „Das Schlimmste ist, dass diese Bücher ein völlig unrealistisches Bild von einer Beziehung zeigen“, sagte sie ernst. „Stimmt“, nickte die Blonde, „der Sex ist total unrealistisch beschrieben, das ist so ein Quatsch!“ Die Langhaarige kicherte etwas irritiert. „Ja“, sagte sie, „das vielleicht auch.“ Aber der eigentliche Punkt sei ein anderer.

flogger

Die Strafarbeit ist ja praktisch der Flogger der pädagogischen Beziehungsarbeit.

„Diese Bücher reden ihren Leserinnen ein, sie könnten IHN ändern, und das ist totaler Quatsch, wenn man eine Beziehung so angeht, dann kann das nur schief gehen!“ Sie nickten alle Und auf ihren Gesichtern waren leidvolle Erfahrungen abzulesen. „Einen Mann kannst du nicht ändern, den musst du nehmen wie er ist“, stimmte die Blonde zu. Jetzt mischte sich die mit der Brille ein. „Eine Beziehung ist immer Arbeit“, raunte sie. Da war sie wieder, die „Beziehungsarbeit“.
Das erste Mal habe ich das Wort „Beziehungsarbeit“ 1999 gehört. Damals ließ sich die soeben aus dem Amt geschiedene Familienministerin Claudia Nolte scheiden. Und zwar mit der Begründung: „Die aktive Beziehungsarbeit ist viel zu kurz gekommen.“ Damals fand ich diese Aussage ziemlich obszön. Was sollte man sich um Himmels Willen unter „Beziehungsarbeit“ vorstellen?
Das nächste Mal begegnete mir die Beziehungsarbeit zwölf Jahre später im Fortbildungskatalog des Staatlichen Schulamtes. „Beziehungsarbeit kann man lernen“ hieß die Veranstaltung. Ich dachte sofort an Claudia Nolte. Aber nein, es ging um etwas, das man bisher „Klassenführung“ genannt hatte. Seither war die „Beziehungsarbeit“ ein treuer Begleiter. Die Schulsozialarbeiterin sprach davon, die Rektorin sprach davon und irgendwann fingen auch die Kollegen damit an.
Die Kolleginnen hier im Lehrerzimmer allerdings waren mit ihrem Gebrauch von „Beziehungsarbeit“ ziemlich nah an Claudia Nolte. Das fand ich wohltuend.
Es klopfte an der Lehrerzimmertüre. Die mit der Brille öffnete. Ein Schüler stand da und sagte: „Ich soll hier meine Strafarbeit abgeben.“ Da stand die Blonde auf, nahm die Blätter entgegen und sprach ein paar strenge Worte. Dann kehrte sie zu ihrer Peergroup zurück. „He“, sage sie, „wenn der nicht ganz schnell kapiert, dass es so nicht weitergeht, dann gute Nacht um Sechse!“ Ein zustimmendes Gesummse bestätigte das. „Jetzt haben wir es ihm echt tausend Mal erklärt und gesagt und getan, aber er kapiert es nicht.“ Sie nickten wieder alle. „Der muss mal ganz schnell sein Verhalten ändern, sonst ist es aus“, setzte sie noch eins drauf. Die Strafarbeit, dachte ich, ist ja quasi der Flogger der pädagogischen Beziehungsarbeit. Man sollte, dachte ich, beim Beltz-Verlag einen Ratgeber für Lehrer schreiben. Titel: „50 Shades of Beziehungsarbeit“.
Da klopfte es wieder. Die mit der Brille öffnete. Zwei Schülerinnen standen da. „Hier ist ihr Kaffee“, sagte die eine Schülerin freundlich. „Und hier ihr Mohnstriezel und das Rausgeld!“, sagte die andere Schülerin. Die Kollegin nahm beides freudig lächelnd entgegen und dankte den Kindern.
„Wieso“, sagte die Blonde, „krieg ich nur Strafarbeiten und du Vesper?“ Da biss die mit der Brille in ihren Striezel und sagte mit vollem Mund: „Bedschieungsarbeit!“

 

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Über Ens Oeser

Ens Oeser ist zusammen mit Laus Itzigmann und Ennis Eineck die Band ACH. Das allen Äußerungen der Band zugrunde liegende Konzept ist "Hobbypop".
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