Gewachsenes Deutsch

„Finde ich auch“, sagt der Kollege. Ich habe ihm gerade davon erzählt, dass es Leute gebe, die sich darüber aufregten, dass im Gewerkschaftsblatt „gegendert“ wird. „Lehrer/innen, Stuhlbein/innen, Auto/innen, was regulieren die da an unserem schönen, gewachsenen Deutsch herum.“ Der Kollege spricht ein wunderbares Hochdeutsch.
Das erinnerte mich daran, dass ich früher die Gymnasiasten nicht leiden konnte. Ich war Realschüler und es war demütigend, sich mit ihnen zu unterhalten. Das Schlimmste war, dass sie lupenreines Hochdeutsch sprachen. Ich und meine Realschulfreunde aber nicht. Jetzt muss man sagen, dass meine Herkunft rein sprachmäßig etwas prekär ist. Meine Eltern wurden durch die Wirren nach dem Zweiten Weltkrieges vom Württembergischen ins Badische verschlagen. Sie sprachen einen erdigen, schwäbischen Dialekt. In dem badischen Ort, in dem ich geboren wurde, sprach man dagegen in einem etwas wehleidigen alemannischen Singsang mit schweizer Einschlag. Meine Realschulfreunde und ich waren natürlich auch geprägt durch Fernsehen und Radio. Und so vermischten wir alles heiter durcheinander. Im Grunde sprachen wir ein Hochdeutsch mit schwäbischem Einschlag. „Isch“ statt „ist“ und so weiter.
Einmal fragten mich zwei Gymnasiasten, ob ich Gitarrist in ihrer Band werden wolle. Ich fragte nach: „Was isch des für ‘ne Band, was spielt ihr denn so?“ Da schaute mich der Coolste der drei an und fragte seine Freunde in wundervollem Hochdeutsch: „Von welchem Bauernhof ist der denn abgehauen?“ Und dann lachten sie. Ich hatte keine Lust mehr mit ihnen Musik zu machen. Wer weiß, was aus uns hätte werden können?
Andrerseits blickten wir Realschüler auf die Hauptschüler herunter. Die sprachen entweder sehr ausgeprägt den örtlichen Dialekt. Oder, wenn sie Migratioshintergrund hatten, eine Mischung aus Dialekt und Akzent. Meistens ohne Artikel und ohne Präpositionen. „Hasch mal Zigrettle?“, war für uns eine typische Hauptschülerfrage. Aber ich muss zugeben, ich fand das irgendwie sympathisch.
Nach der Realschule besuchte ich ein Gymnasium, das aber im Württembergischen lag. Da nannten sie den Besen, der bei uns „Bäsa“ hieß „Stangabiescht“. Und wenn die Männer aufs Klo gingen, dann gingen sie „den Kaschper melken“. Die Leute waren so unterschiedlich wie ihre Akzente und Dialekte. Ich fand das gut. Auch dann noch als 1990 plötzlich lauter näselnde Sachsen kamen.
Aber das Gymnasiastenhochdeutsch, das kam mir immer schon irgendwie künstlich vor. Als würden sie einen Text aufsagen, der eigentlich nichts mit ihnen zu tun hat. Trotzdem fühlte ich mich mangelhaft.
Kann sich jemand meine Erleichterung vorstellen, als ich im sprachwissenschaftlichen Seminar an der Pädagogischen Hochschule erfuhr, dass es sich beim Hochdeutschen um ein künstliches, von der Obrigkeit durchorganisiertes Schriftdeutsch handelte? „Standarddeutsch“ nannte der Professor das. Die Dialekte seien gewachsen. Und die Umgangssprache entstehe aus Wechselwirkungen zwischen Mediensprache und Dialekt. „Schon immer“, sagte der Professor, „wurde die Sprache reguliert, meist aus politischen Gründen.“ Es war als würde jemand Licht im Keller machen. Jeder Propagandist und Politiker wisse, dass die Sprache die Vorstellung von einer bestimmten Sache präge. Wer etwa einfach die männchliche Form benutze, Schüler, Lehrer, der unterschlage die zweite Hälfte der Menschheit. So wie Helmut Kohl einst, als er von den „Deutschen und ihren Frauen“ gesprochen habe.
Ich schaue den Kollegen an und mache den Tonfall Rudi Dutschkes nach: „Genosse, wir haben nicht mehr viel Zeit, überall wo die Rechte der Frauen zerschlagen werden, da werden auch wir Männer zerschlagen.“
„Aha“, sagt er verwirrt, „du bist voll die Emanze?“
„Ich weiß“, sagte ich.

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Über Ens Oeser

Ens Oeser ist zusammen mit Laus Itzigmann und Ennis Eineck die Band ACH. Das allen Äußerungen der Band zugrunde liegende Konzept ist "Hobbypop".
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