Grau ist alle Theorie

Ich war bei einer Fortbildung. Das Thema war „Umgang mit Tod und Sterben – Besichtigung eines Krematoriums“. Das kann nichts schaden, dachte ich und meldete mich an.
Wir trafen uns auf dem Parkplatz vor dem Krematorium. Der evangelische Schuldekan begrüßte den katholischen Schuldekan: „Schön, dass sie auch dabei sind!“. Und der: „Ja wissen sie, wir Katholiken sterben halt auch.“ Das hätte ich nicht gedacht. Und da merkte ich, ich war der einzige Ethiklehrer unter lauter Religionspädagogen.
Da kam eine düstere Prinzessin auf uns zu. Ich musste an Morticia Adams, dachte ich. „Tod und Sterben?“, hauchte sie mit dunkler Stimme. Wir nickten. „Ich soll sie holen.“ Ich fröstelte und war mir nicht sicher, wie das gemeint war. Aber auf dem Kragen ihres schwarzen Poloshirts war das Logo der Stadtwerke eingestickt. Es ging wohl doch nur um die Besichtigung.
Der Leiter des Friedhofs begrüßte uns in einer Art Lagerraum, in dem viele unterschiedliche Särge gestapelt waren. „Feuerbestattungen werden immer beliebter“, meinte er. Das sei allerdings nicht ganz unproblematisch. Selbstverständlich belaste eine verwesende Leiche bei der Erdbestattung beispielsweise das Grundwasser. Aber auch Feuerbestattungen stellten eine große Umweltbelastung dar. Darum falle ein Krematorium, rein juristisch, unter die gleiche Gesetzgebung wie Müllverbrennungsanlagen. Da ging ein Raunen durch die Gruppe. Seine Anlage sei allerdings gemäß der Bundes-Immissionsschutzverordnung mit einer Abgasreinigungsanlage ausgestattet. Zudem halte man sich streng an die VDI-Richtlinie 3891 „Emissionsminderung – Anlagen zur Humankremation“. Denn, das dürfe man nicht verschweigen, bei der Verbrennung eines Körpers entstünden eben allerlei Schadstoffe. „Das geht schon los, bei geschmolzenen Plomben“, meinte er. Vor Schreck betastete ich mit der Zunge meine Plomben und fühlte mich schuldig.
Da betraten zwei Männer in blauen Arbeitsanzügen den Raum. „Ja, meine Damen und Herren“, sagte der Krematoriumsleiter und rieb seine Hände, „grau ist alle Theorie – wir begleiten jetzt gemeinsam die Kremierung dieser Leiche.“ Die Gruppe erstarrte, was der Chef nicht merkte. Plötzlich wurde uns klar, dass das kein Lagerraum für leere Särge war, sondern, dass wir die ganze Zeit zwischen Leichen gestanden hatten.
Die Männer luden den Sarg auf einen Rollwagen. Wir folgten ihnen benommen.
Durch eine Hintertür betraten wir die Anlage. Der Sarg wurde in einem Blumen geschmückten Raum abgestellt. „Die Angehörigen sind durch diese Scheibe hier vom Ofen getrennt“, erklärt der Chef. Man wisse nie, was Trauernden so einfalle. Suizid und alles sei da möglich.
Der Sarg glitt durch eine Öffnung in der Wand. Wir betraten jetzt einen Raum, der aussah wie der Maschinenraum eines Dampfers. Das Feuer im Ofen brüllte. Wer wolle, sagte der Chef, könne jetzt durch dieses Fenster die erste Stufe der Kremierung überwachen. Einige Kollegen beugten sich über das Fenster und sagten: „Ohhh!“ Das sei normal meinte der Chef. Ich wollte nicht wissen, was die Kollegen gesehen hatten. „Im Moment werden gerade noch zwei weitere Kremierungen vorgenommen“, erklärte der Chef. Denn aufgrund der großen Nachfrage habe man die Anlage so eingerichtet, dass man immer drei Leichen auf einmal verbrennen könne. Die Verbrennungsanlage habe drei Ebenen. Hier, er deutete auf den Ofen, verbrenne der Sarg und weitgehend das Fleisch. Was übrig sei, falle durch ein grobes Gitter eine Ebene tiefer. In diesem Moment hörten wir ein metallenes Rumsen. „Sind das die Metallgriffe des Sarges“, wagte ich zu fragen. Nein, sagte der Leiter, die würden vorher abgeschraubt. Dann gingen wir eine Wendeltreppe hinunter zur zweiten Ebene. Keiner mehr wollte durch das Fenster bei diesem Ofen gucken. Der Chef erzählte derweil eine lustige Geschichte über einen 200 Kilo Leichnam, dessen Körperfett so hohe Flammen geschlagen habe, dass der Edelstahldoppelrohrschornstein angefangen habe zu glühen. Wir lachten höflich. Dann rumpelte es wieder im Stahlrohr. Und wir gingen noch einen Stock tiefer.
Da ging der Chef wortlos zu einer seltsamen Apparatur und löste mit einem energischen Griff einen kleinen Container ab. „So“, sagte er, „das ist jetzt also der veraschte Leichnam.“ Er zeigte das gräuliche Pulver herum. Grau ist alle Theorie, dachte ich. Dann stellte er den Behälter ab und wühlte mit einer kleinen Zange in der Asche. „Ahhh“, sagte er und zog einen Weckergroßen, metallischen Gegenstand aus der Asche, „der Herzschrittmacher!“ Paralysiert beobachteten wir ihn, wie er zu einer Art Mülleimer in der Ecke des Raumes ging und den Herzschrittmacher hineinfallen ließ. „Das“, sagte er und grinste zu uns herüber, „ist unsere Buntmetallsammlung.“ Er hob einen schimmernden Gegenstand aus der Tonne. „Künstliche Hüftgelenke, Nägel und alles mögliche – wir könnten wahrscheinlich einen kompletten Roboter bauen mit dem ganzen Zeug.“ Wir lachten wieder höflich. Von oben polterte wieder etwas das Rohr herunter. „Ahhh“, sagte der Chef, „da kommt schon der Nächste.“ Was mit dem Metall geschehe, wollte einer der Teilnehmer wissen. „Das Verkaufen wir“, sagte der Chef, „wissen sie, der Tod ist auch nur ein Geschäft.“
Bei dieser Fortbildung habe ich wirklich etwas gelernt, muss ich sagen. Nicht mal der Tod ist umsonst. Und: Ich will keine Feuerbestattung.

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Über Ens Oeser

Ens Oeser ist zusammen mit Laus Itzigmann und Ennis Eineck die Band ACH. Das allen Äußerungen der Band zugrunde liegende Konzept ist "Hobbypop".
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