Der Star und sein Benutzer, Teil 2: Pop-Biedermeier

„Du bist in Brigitte verliebt?“, ereiferte ich mich. Wir waren 13 und es war von existenzieller Wichtigkeit zu wissen, in welches Mädchen mein Freund denn nun verliebt war. Es war schon schwierig genug, dass Mädchen auf einmal so wichtig sein sollten, aber dass er jetzt auch noch ausgerechnet mit Brigitte daher kam. „Ja und“, schnauzte er zurück, „kann dir doch egal sein!“ Es war mir nicht egal. Brigitte war ein Verrat an unseren Idealen: „Aber die hört Modern Talking!“ Er sackte zusammen: „Ja, aber sonst ist sie echt ganz nett!“ Es lag außerhalb meiner Vorstellungskraft, dass jemand, der Modern Talking hörte, nett sein könnte.
Die richtige Musik war alles. Die Einigkeit darüber verband uns. Auch deshalb, weil wir alle verachteten, die nicht die richtige Musik hörten. Und oft verachteten wir auch Leute, die zwar die richtige Musik hörten, aber sie unserer Ansicht nach nicht richtig verstanden. Diese Typen waren fast noch schlimmer als die Unwissenden.
Wir waren radikale Musik-Extremisten. Und wir fühlten uns gut dabei. Aber es machte auch ein bisschen einsam. Denn, offen gesagt, die meisten Leute hörten Scheißmusik.

So ist man als Jugendlicher. Bei anderen war es nicht die Musik, sondern der Fußballverein. Aber Fußball war für uns nicht drin. Leute, die „We will Rock you“ und „We are the Champions“ gut fanden. Das ging nicht.
Bis heute gucke ich mir in fremden Wohnungen das CD-Regal an. Und bei erstaunlich vielen meiner Altersgenossen stehen CDs von Joe Cocker und Tina Turner im Regal.
Wer Joe Cocker kauft, kauft auch Rod Steward und Adele. Bei mir löst das immer noch instinktiv den Distinktionsgewinn-Alarm aus: Leute, die so beschissenen Mainstream hören, können nicht ganz bei Sinnen sein. Obwohl ich es vom Verstand her inzwischen besser wissen müsste. Brigitte war nämlich trotz Modern Talking eigentlich ganz nett.
Aber eine Tatsache bleibt trotzdem bestehen: Wer Tonträger und Musik kauft, macht damit auch eine Aussage seinen Lebensstil. Jeder soziologische Depp kapiert, dass jemand der Trashmetal hört andere Vorstellungen vom Leben hat, als jemand der Brahms oder Hayden hört. Was jetzt aber auch nicht heißt, dass alle die Trashmetal hören die gleichen Vorstellungen haben. Da sind die Unterschiede oft haarfein. Und darum wurde die Sache mit Brigitte dann auch tatsächlich nichts.
Joe Cocker
Die Formulierung „Tonträger besitzen“ ist bei Joe Cocker (ich weiß, dass er tot ist) und Tina Turner bewusst gewählt. Denn es geht um Musik für Leute, die Tonträger als den Feinschliff für die Wohnungsatmosphäre sehen. Die CDs sind Accessoires für das CD-Regal. Nicht umgekehrt. Keine Statussymbole. Sie sind mehr so etwas wie der Van-Gogh-Druck oder eine Blumenvase. Etwas, worauf sich alle einigen können, die sich für Musik eigentlich nicht interessieren. Die Frage ist, warum Leute, denen Musik eigentlich egal ist, ausgerechnet diese Interpreten gut finden.
Tina Turner und Joe Cocker haben, was die Authentizität angeht, durch ihre Lebenslauf eine großartige Phönix-Geschichte erzeugt. Beide waren sie komplett weg vom Fenster. Kein Erfolg mehr, Drogen, Alkohol, Scheidung – das ganze Programm. Das lässt sich mit der Phrase „Sie sind durch die Hölle gegangen und haben überlebt“ zusammenfassen. Dann haben sie sich wieder hochgearbeitet und ernten jetzt als geerdete Stars den verdienten Erfolg.
So sehen sie auch aus. Cocker sieht aus wie der normale Biertrinker jenseits der Sechzig. Turner erntet Bewunderung dafür, wie gut sie sich gehalten hat. Auch dafür, dass sie sich nichts hat sagen lassen.
Die Covers ihrer Alben reproduzieren das in Fotoform. Normcore für Stars.
Die Musik solcher Stars ist handwerklich astrein. Einfallsreich bis ins Detail arrangiert. Toll gespielt. Sie ist hervorragend aufgenommen. Es gibt keine Spinnereien. Die Lieder sind nicht zu lang und nicht zu kurz. Es gibt keine Experimente. Wie alle Musik, ist sie das re-arrangieren von bereits Vorhandenem. Aber betont phrasenhaft. Die Texte sind reines Pop-Herz-Schmerz-Reim-dich-oder-stirb-Smurfing. Vielleicht wäre die passende Bezeichnung dafür „postmoderner Pop-Biedermeier“.
Joe Cocker hat immer betont, dass er Musikmachen als seine Arbeit betrachtet. Tina Turner sieht das wahrscheinlich auch so. Und die anderen Stars aus dieser Schublade auch. Irgendwie ist das sympathisch, weil es sich scheinbar nicht um Authentizität bemüht. Aber genau das ist Authentizität: Jemand, der identisch ist, mit dem, was er tut. Und die Authentizität besteht in der eingestandenen Trennung zwischen Star und Mensch. Sie sind Handwerker. Künstler wäre etwas zu hoch gegriffen. Aber was ist gegen einen zuverlässigen Handwerker zu sagen? Eben.
Keine Experimente, keine Tiefe, keine Kantigkeit.- Aber auch nicht Party, Party, Party. Sondern sang- und klanglose Stromlinienförmigkeit. Der röhrende Hirsch in Musikform.
Das ist es, was den Pop-Biedermeier anspricht. Kein Rumgespinne. Genuss ohne Reue. Keine Ausschläge auf der Nulllinie. Geht runter wie Cola. Auf dieser Geräusch- und Designkulisse lebt der Neo-Biedermeier sein leben.
Mir ist das zu wenig. Obwohl es inzwischen gut zu meinem Lebensstil passen würde. Wahrscheinlich bin ich ein Hyper-Biedermeier. Brigitte hat in ihrem CD-Regal inzwischen sicher Joe Cocker und Tina Turner. Aber nett ist sie immer noch.
Kleiner Anhang:
Hüten wir uns davor, überheblich zu sein. Handwerk ist eine ehrenwerte Sache.
Der oh so tolle David Bowie hat mit Tina Turner ein Duett gesungen. Was mehr über David Bowie sagt, als über Tina Turner. Er begab sich da in die Gesellschaft so illustrer Duettpartner wie Eros Ramazotti. Naja. Aber auch Mick Jagger. Wer will da schon den ersten Stein werfen.

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Über Ens Oeser

Ens Oeser ist zusammen mit Laus Itzigmann und Ennis Eineck die Band ACH. Das allen Äußerungen der Band zugrunde liegende Konzept ist "Hobbypop".
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