Der Star und sein Benutzer, Teil 1: Was ist ein Star?

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„Anyone lucky enough to see him perform would never forget him!“

„Der junge Elvis war cool“, sagte ich einmal zu meinem Freund, der großer Elvis-Fan war, „aber der spätere Fettsack-Elvis mit seiner komischen Country-Schagermusik und den blöden Glitzerstrampelanzügen ist doch scheiße!“ Mein Freund verzog gekränkt sein Gesicht. Wir waren Zwölf und es verletzte ihn ernsthaft. Er versuchte daraufhin mir die Beatles madig zu machen. Er meinte, das seien doch alles Arschlöcher gewesen, mit den langen Haaren und den Drogen. Aber das machte mir nichts aus. Es war mir auch egal, wenn er ihre Lieder blöd fand und sie jaulend nachsang. Er konnte das nicht verstehen. „Aber du bist doch Fan“, sagte er. „Ja“, sagte ich, „von der Musik und den Fotos, aber doch nicht von den Typen selber.“ Das kam so aus mir heraus. Und ich habe lange darüber nachgedacht.
Jetzt habe ich es herausgefunden: Wir benutzen Stars und das, was sie machen. Wir nisten uns in ihrer Geschichte und ihrer Kunst ein wie ein Mieter in in einer Mietwohnung. Wir bewohnen den Star. Das ist okay, denn der Star ist ein Gebrauchsgegenstand. Und der will seine Zielgruppe erreichen. Egal, ob das Joe Cocker, Islolation Berlin, Robert Smith oder Helene Fischer ist. Und jetzt merkt man schon: Mir geht es um Pop-Stars. Ein Pop-Star ist jemand, der mit seinen öffentlichen Auftritten sein Produkt präsentiert. Sein Buch, sein Gemälde, seine neue Single.
Man darf da nicht arrogant sein. Auch Musik ist ein Gebrauchsgegenstand. Sowohl in ihrer Warenform als Download oder CD, als auch in ihrer hörbaren Form. So ist das halt im Kapitalismus. Wer Musik konsumiert, produziert durch ihren „Gebrauch“ ihren Sinn, also ihren Gebrauchswert. Beim Konsumgut „Musik“ liegt es nahe, diesen in der „Unterhaltung“ zu sehen. Oft ist Musik auch Träger von Erinnerungen und hat sich in irgendeiner Form in die Lebensgeschichte der Konsumenten eingeschrieben. Bei Paaren oder bei Freundeskreisen, wenn sie „unser Lied“ hören oder dergleichen. Und so ähnlich ist das ja auch bei der Gemeinschaft der Fans, die den Star und seine Musik als Grundlage ihrer Gemeinschaft sehen. Ob man will oder nicht: Der Musikgeschmack ist immer ein Ausdruck der eigenen Persönlichkeit. Entsprechend viele Möglichkeiten gibt es, den Star zu nutzen.
Zur besseren Vermarktung der Musik wird passend zu ihr ein Star konzipiert. Ein Star ist keine Person, sondern ein Werbekonzept. Wichtig bei diesem Konzept ist „Authentizität“. Das Werbekonzept „Star“ muss eine Geschichte über den Interpreten erzählen können. Und das, was da erzählt wird ist zumeist Zielgruppenorientiert auf einen bestimmten Konsumentenkreis zugeschnitten. Das Werbekonzept „Dirk von Lotzow“ erreicht einen anderen Kundenkreis als „Tina Turner“.
Inzwischen ist das Konzept „Star“ ja schon oft dekonstruiert worden. Zunächst als künstlerisches Konzept. Beispielsweise durch die artifiziellen Metamorphosen von David Bowie. Oder durch die Roboterpuppen von Kraftwerk. In den Neunziger Jahren dann durch marktkonform gecastete Girl- und Boybands. Die Archetypen davon sind die Spice Girls und Thake That! Und schließlich durch die Castingshows.
Es ist also längst klar, dass der „Star“ zwar eine authentisches Geschichte verkörpert, aber der Star ist nicht identisch ist, mit der Person, die ihn verkörpert. George Harrison hat in den Sechzigern einmal in einem Interview erzählt, er lese oft über einen „George Harrison“ von den Beatles in der Zeitung. Aber er habe gar nicht das Gefühl, dass es dabei um ihn gehe. Es sei alles so „unrealistisch“. Und so ist es. Die Konsumware Musik erzeugt ihre eigene Realität über den Star. Um den Star herum entsteht ein Mythos, der die Person überlagert, sie aber auch beeinflusst. Die Person wird auch teilweise zu dem, was der Mythos in ihr sieht.
Gerade „Deutschland sucht den Superstar“ verkauft eine Art Authentizität 2.0. Sie tut so, als wäre die Geschichte des Achtzigerjahre Musicals „A Chorus Line“ wahr geworden. Junge Künstler im Wettbewerb zueinander.

Authentizität ist und bleibt also grundlegend bei der Vermarktung von Musik. Und da trifft es sich natürlich gut, wenn der Musikindustrie Leute wie Elvis, John Lennon oder Kurt Cobain in die Finger geraten. Gut für die Musikindustrie. Nicht so gut für die vermarkteten Menschen, die glauben sie seien mit dem „Star“, den sie verkörpern identisch. An so etwas kann man leicht zugrunde gehen.
Konzerte sind eine wichtige Einnahmequelle und zugleich große Werbeveranstaltung. Wer heute zu einem Konzert geht, der sieht nicht mehr die Musiker und hört Musik. Heute sagt man, man habe den Musiker oder die Band „erlebt“. Man er-lebt den Star: authentisch. Und siehe: Er ist ein Mensch. Er ist eine Menschengeschichte. Man geht zum Konzert, um die Aura des lebenden Stars spüren. „Aura“ ist die gefühlte Authentizität des Stars, in der man seine Geschichte ohne Worte fühlen kann. In seiner Gegenwart, in seinen Liedern, die man beim Konzert gemeinsam mit ihm singt. Das hat schon etwas Rituelles. Der Star wird Teil unserer Lebensgeschichte. Er wird zum Kontext eines Erlebnisses. Aber er wird wahrscheinlich nie von unserer Existenz erfahren.
Umberto Eco berichtet davon, wie er in New York einmal einen Bekannten getroffen habe. Er konnte den Bekannten aber nicht richtig zuordnen, wie hieß er doch gleich? Woher kannte er ihn nochmal? Sollte er jetzt „Hallo“ sagen? Und Plötzlich wurde ihm klar: Das ist Anthony Quinn! Natürlich kannte er den Filmstar. Und sein Gesicht war ihm vertraut. Aber Anthony Quinn kannte den italienischen Semiotiker natürlich nicht. Woher denn auch? Eco kannte den Star Anthony Quinn. Nicht den Menschen. Das sind zwei verschiedene Dinge.

FORTSETZUNG FOLGT

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Über Ens Oeser

Ens Oeser ist zusammen mit Laus Itzigmann und Ennis Eineck die Band ACH. Das allen Äußerungen der Band zugrunde liegende Konzept ist "Hobbypop".
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